Mossad im SPIEGEL: „Der Mossad hackt, sabotiert, entführt und tötet.“ Ein ehemaliger Agent sagt, der Dienst mache Dinge, „die nicht mal die CIA machen kann“. Dazu kommen der Vorwurf, Israel lasse mehr Menschen „liquidieren“ als jedes andere westliche Land, die Pager-Operation gegen die Hisbollah und angeblicher Druck auf den Internationalen Strafgerichtshof. Die aktuelle SPIEGEL-Titelgeschichte über den israelischen Auslandsgeheimdienst zeichnet ein gewaltiges Panorama aus Macht, Geheimoperationen und Kontrollverlust. Vieles darin ist real, manches schwerwiegend und einiges verdient harte Kritik. Aber aus der Auswahl dieser Fakten entsteht eine zweite Geschichte: Der Mossad erscheint nicht mehr nur als Instrument israelischer Sicherheitspolitik, sondern beinahe als eigenständiger Akteur, der Iran destabilisieren wollte und schließlich eine internationale Krise mitverursacht habe.
Gerade bei der Darstellung des Mossad im SPIEGEL wäre genügend Stoff vorhanden, um über Erfolge, Fehleinschätzungen, rechtliche Grenzen und politische Verantwortung zu schreiben. Interessant wird die SPIEGEL-Geschichte deshalb weniger bei der Frage, ob einzelne Vorwürfe stimmen können, sondern bei der Frage, welches Gesamtbild aus ihnen zusammengesetzt wird.

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Aus dem SCHLAGSEITE X-ArchivMossad im SPIEGEL: Wenn Wortwahl bereits Einordnung ist
Eine der stärksten Formulierungen lautet: „Der Mossad hackt, sabotiert, entführt und tötet.“ Sachlich betrachtet beschreibt dieser Satz Methoden eines Auslandsgeheimdienstes. Sprachlich funktioniert er jedoch anders. Vier Verben stehen unmittelbar hintereinander, jedes davon negativ aufgeladen, ohne dass an dieser Stelle Auftrag, Gegner oder Sicherheitslage eine Rolle spielen.
Noch deutlicher wird die Wirkung in der Behauptung, Israel habe seit dem Zweiten Weltkrieg mehr Menschen „liquidieren“ lassen als jedes andere Land der westlichen Welt. Das Wort stammt in der SPIEGEL-Darstellung aus einem Zitat des israelischen Journalisten Ronen Bergman. Auch ein korrekt wiedergegebenes Zitat bleibt eine redaktionelle Auswahl. Wer solche Aussagen nebeneinanderstellt, erzählt nicht nur, was ein Geheimdienst tut. Er legt bereits fest, durch welche Linse der Leser diesen Dienst betrachten soll.
Das bedeutet nicht, dass der Mossad besonders freundlich beschrieben werden müsste. Ein Geheimdienst operiert verdeckt, täuscht Gegner, beschafft Informationen und beteiligt sich unter bestimmten Voraussetzungen auch an tödlichen Operationen. Die journalistische Frage beginnt dort, wo Methode und Kontext voneinander getrennt werden.
Warum der Mossad für Israel mehr ist als ein Nachrichtendienst
Der Mossad lässt sich kaum verstehen, wenn man ihn mit der Sicherheitslage eines normalen europäischen Staates vergleicht. Israel musste sich nicht irgendwann theoretisch auf eine mögliche Bedrohung einstellen. Das Land lebt seit Jahrzehnten mit einer Kombination aus staatlichen Gegnern, Terrororganisationen, Raketenarsenalen und verdeckten Netzwerken.
Iran steht dabei im Zentrum. Teheran unterstützt bewaffnete Organisationen wie Hisbollah und Hamas, verfügt über ein umfangreiches Raketenprogramm und verfolgt seit Jahren ein Nuklearprogramm, das Israel als strategische Bedrohung betrachtet. Hisbollah sitzt unmittelbar an Israels Nordgrenze. Hamas verübte am 7. Oktober 2023 den schwersten Terrorangriff in der Geschichte des Staates Israel.
Für Israel sind Geheimdienstinformationen deshalb nicht nur Material für Lageberichte. Sie können darüber entscheiden, ob eine Raketenstellung rechtzeitig entdeckt, eine Terrorstruktur infiltriert, ein Waffenprogramm sabotiert oder ein bevorstehender Angriff erkannt wird. Genau deshalb besitzen Mossad, Militärgeheimdienst und andere Sicherheitsdienste ein Gewicht, das aus europäischer Entfernung leicht überdimensioniert wirken kann.
Das schafft keinen rechtsfreien Raum. Es erklärt aber, warum verdeckte Operationen für Israel nicht bloß eine aggressive Ergänzung klassischer Außenpolitik sind, sondern Teil einer Sicherheitsstrategie, die Gefahren möglichst bekämpfen soll, bevor sie israelisches Territorium erreichen.
Der Iran-Plan: eine Fehleinschätzung wird zur Gesamterklärung
Die interessanteste Kritik am Mossad betrifft deshalb nicht seine Existenz oder seine Methoden, sondern seine strategischen Annahmen über Iran. Der SPIEGEL beschreibt einen Mossad-Plan, der darauf zielte, das iranische Regime durch militärischen Druck und innere Erschütterungen zu Fall zu bringen. Dass entsprechende Überlegungen existierten und dieses Ziel nicht erreicht wurde, ist eine ernstzunehmende Fehleinschätzung.
Die Islamische Republik brach nicht wie erwartet zusammen. Der politische Machtapparat überstand die entscheidende militärische Eskalation, und auch das iranische Nuklearproblem verschwand nicht. Wenn Mossad-Planer mit einem schnellen Regimekollaps gerechnet haben, muss genau diese Annahme kritisch untersucht werden.
Doch an diesem Punkt vollzieht die Darstellung des Mossad im SPIEGEL einen bemerkenswerten Sprung. Aus einem gescheiterten strategischen Ansatz wird nahezu die Erklärung für den gesamten Krieg. Der Regimewechsel war jedoch nicht identisch mit allen israelischen und amerikanischen Kriegszielen. Das iranische Nuklearprogramm, Raketenarsenal, militärische Infrastruktur und Teherans regionales Netzwerk existierten unabhängig davon, ob ein Regimewechsel realistisch war.
ℹ️ Der entscheidende Unterschied
Ein Geheimdienst kann bei der Einschätzung eines politischen Systems falschliegen und trotzdem bei der Aufklärung militärischer Ziele, der Infiltration gegnerischer Strukturen oder der Beschaffung von Informationen erfolgreich sein. Strategische Fehleinschätzung und operative Leistungsfähigkeit sind nicht dasselbe.
Gerade deshalb wäre die eigentlich spannende Frage: Hat der Mossad seine Fähigkeit, iranische Strukturen zu infiltrieren, mit der Fähigkeit verwechselt, die politische Reaktion einer ganzen Gesellschaft vorherzusagen? Wer tief in einem gegnerischen Sicherheitsapparat steckt, kennt damit noch lange nicht zuverlässig den Punkt, an dem ein autoritäres Regime kollabiert.
Das wäre eine Kritik, die den Mythos Mossad tatsächlich trifft. Nicht weil der Dienst plötzlich unfähig wäre, sondern weil selbst außergewöhnliche operative Fähigkeiten keine politische Allwissenheit erzeugen.

Wie aus einzelnen Operationen ein Gesamtbild entsteht
Pager-Angriff, Internationaler Strafgerichtshof und die Nähe des Mossad zum Premierminister erscheinen beim SPIEGEL als weitere Bausteine derselben Erzählung. Jeder dieser Punkte verdient eine eigene Bewertung. Zusammengestellt verstärken sie jedoch vor allem ein bestimmtes Bild: ein Geheimdienst mit enormer Macht, geringer Kontrolle und Methoden jenseits dessen, was westliche Demokratien normalerweise akzeptieren würden.
Bei der Pager-Operation gegen die Hisbollah wurden im September 2024 präparierte Kommunikationsgeräte zur Explosion gebracht. Dabei wurden zahlreiche Menschen getötet und verletzt. Das gehört zwingend zur Bewertung der Operation. Ebenso gehört dazu, dass die betroffenen Geräte Bestandteil des Kommunikationssystems der Hisbollah waren, die Israel seit dem 8. Oktober 2023 nahezu täglich aus dem Libanon angegriffen hatte.
Beim Internationalen Strafgerichtshof geht es um schwerwiegende investigative Vorwürfe, wonach der frühere Mossad-Chef Yossi Cohen versucht haben soll, die damalige Chefanklägerin Fatou Bensouda unter Druck zu setzen. Solche Vorwürfe müssen untersucht und dürfen nicht kleingeredet werden. Sie bleiben dennoch Vorwürfe und sollten sprachlich nicht mit gerichtlich festgestellten Tatsachen verschmelzen.
Ähnlich verhält es sich mit der politischen Kontrolle. Der SPIEGEL hebt hervor, der Mossad sei „im Prinzip nur einer Person unterstellt“, dem israelischen Premierminister. Doch dass ein Auslandsgeheimdienst letztlich einer politischen Führung untersteht, ist für sich genommen noch kein Skandal. Entscheidend wäre der Nachweis, dass Benjamin Netanyahu den Dienst für persönliche oder parteipolitische Interessen missbraucht oder institutionelle Grenzen überschritten hat.
Genau hier zeigt sich das Grundproblem der Darstellung des Mossad im SPIEGEL. Nicht unbedingt jeder einzelne Baustein ist falsch. Aber aus ihrer Auswahl und Reihenfolge entsteht ein Mossad, der zunehmend weniger wie ein staatliches Sicherheitsinstrument und zunehmend mehr wie ein Staat im Staate erscheint.
Was dabei aus dem Blick gerät
Der Mossad ist nicht deshalb zu einem zentralen Instrument israelischer Politik geworden, weil Israel eine besondere Faszination für geheime Operationen pflegt. Seine Bedeutung entstand aus einer Sicherheitsdoktrin, die darauf angewiesen ist, Bedrohungen möglichst früh zu erkennen und möglichst weit vor der eigenen Bevölkerung zu stören.
Das iranische Nuklearprogramm ist dafür das deutlichste Beispiel. Über Jahre versuchte Israel nicht erst dann zu reagieren, wenn Iran eine einsatzfähige Nuklearwaffe besitzen würde. Stattdessen setzte es auf Nachrichtengewinnung, Sabotage, technische Operationen und internationale politische Einflussnahme. Der spektakuläre Diebstahl des iranischen Nukleararchivs im Jahr 2018 war Ausdruck genau dieser Strategie.
Dasselbe Prinzip gilt gegenüber Hisbollah und anderen iranisch unterstützten Strukturen. Israels Sicherheitsproblem beginnt nicht erst in dem Moment, in dem eine Rakete abgefeuert oder ein Terrorist die Grenze überschreitet. Es beginnt bei Beschaffung, Finanzierung, Kommunikation, Ausbildung und Planung. Geheimdienste versuchen, genau dort anzusetzen.
Das macht ihre Methoden nicht automatisch legitim. Aber ohne diesen Zusammenhang lässt sich auch ihre Bedeutung nicht seriös bewerten.

Der Mythos Mossad funktioniert in beide Richtungen
Vielleicht liegt genau darin die interessanteste Erkenntnis. Der Mossad leidet nicht nur unter seinen Gegnern, sondern auch unter seinem eigenen Mythos. Jahrzehntelange spektakuläre Operationen haben das Bild eines Geheimdienstes geschaffen, der scheinbar überall eindringen, jeden Gegner finden und jede Entwicklung vorhersehen kann.
Dieses Bild funktioniert hervorragend, solange Operationen gelingen. Scheitert jedoch eine große strategische Annahme, schlägt Bewunderung schnell in die gegenteilige Erzählung um: Dann ist nicht mehr der Mythos übertrieben, sondern der gesamte Dienst angeblich überschätzt.
Der Mossad kann außergewöhnlich gut darin sein, eine Organisation zu infiltrieren, geheime Dokumente zu beschaffen oder eine verdeckte Operation vorzubereiten und trotzdem falsch einschätzen, wie stabil ein Regime politisch ist. Genau darin liegt keine geheimnisvolle Paradoxie. Geheimdienste bestehen aus Menschen, und Menschen überschätzen gelegentlich ihre Fähigkeit, andere Menschen vorherzusagen. Selbst wenn ihre Visitenkarte Mossad trägt.
Ein Geheimdienst kann irren. Krieg führen Staaten.
Die Kritik am gescheiterten Iran-Kalkül ist berechtigt. Wenn Mossad-Planer einen schnellen Zusammenbruch des Regimes erwartet haben, muss darüber gesprochen werden. Auch mögliche Grenzüberschreitungen gegenüber dem Internationalen Strafgerichtshof oder zivile Opfer israelischer Geheimoperationen dürfen nicht unter dem Etikett „Sicherheit“ verschwinden.
Aber aus diesen Punkten folgt nicht automatisch die größere Erzählung, der Mossad habe die Welt in die Iran-Krise geführt. Zwischen Geheimdienstplanung und Krieg liegen politische Entscheidungen in Jerusalem und Washington, iranische Entscheidungen, jahrelange militärische Aufrüstung, das Nuklearprogramm und ein regionales Netzwerk bewaffneter Organisationen.
Damit zeigt sich am Ende auch das Kernproblem beim Mossad im SPIEGEL: Aus einer berechtigten Diskussion über Erfolge, Methoden und Fehleinschätzungen wird durch Auswahl und Zuspitzung eine erheblich größere Erzählung.
Und genau hier wird aus einer zugespitzten Titelgeschichte eine fragwürdige Verkürzung.
Ein Geheimdienst kann beraten, planen, infiltrieren und irren. Krieg führen Staaten.
Der Mossad ist weder der unfehlbare Supergeheimdienst seiner Bewunderer noch die allmächtige kriminelle Schattenmacht seiner Gegner. Seine Erfolge sind real, seine Fehleinschätzungen ebenfalls. Eine ernsthafte Analyse muss beides betrachten und zugleich erklären, weshalb Geheimdienstarbeit für Israel ein anderes strategisches Gewicht besitzt als für viele europäische Staaten.
ℹ️ Faktenbasis und Primärquellen zum Artikel 📑
▶️ Mossad:
Geschichte des israelischen Auslandsgeheimdienstes
Offizielle Darstellung zur Gründung und Entwicklung des Mossad seit 1949.
▶️ Büro des israelischen Premierministers:
Statement by Prime Minister Netanyahu, 28 February 2026
Offizielle israelische Begründung und Zielbeschreibung der gemeinsamen Operation gegen Iran.
▶️ Weißes Haus:
Objectives of Operation Epic Fury
Offizielle Darstellung der amerikanischen Kriegsziele gegenüber Iran.
▶️ Reuters:
Has Trump achieved his goals in the war with Iran?
Zwischenbilanz zu militärischen und strategischen Ergebnissen des Iran-Krieges.
▶️ Reuters:
How Israel’s bulky pager fooled Hezbollah
Recherche zur Vorbereitung und Durchführung der Pager-Operation gegen die Hisbollah.
▶️ The Guardian:
Investigation zu Yossi Cohen und dem Internationalen Strafgerichtshof
Grundlage der Vorwürfe über Druck und Überwachung gegenüber der damaligen ICC-Chefanklägerin Fatou Bensouda.
▶️ DER SPIEGEL:
Israels Mossad: Wie der beste Geheimdienst der Welt sich überschätzt hat
Ausgangsbeitrag und Gegenstand dieser Medienanalyse.
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