Feindbild Israel: Warum Extreme zusammenfinden
Israel wird in Teilen der radikalen Linken nicht mehr wie ein normaler Staat behandelt, sondern wie ein Symbol. Und genau dort kippt legitime Kritik in ein Weltbild, in dem der jüdische Staat nicht mehr geprüft, sondern grundsätzlich verurteilt wird.
Warum aus Israelkritik ein Feindbild wurde
Natürlich darf Israel kritisiert werden. Jede Regierung darf kritisiert werden. Benjamin Netanjahu, die Siedlungspolitik, Militäreinsätze, Fehler der Armee, Koalitionspolitik, Justizreformen, all das kann und muss politisch diskutiert werden. Israel ist kein heiliger Staat und Israelis streiten selbst härter über ihre Politik, als es viele westliche Aktivisten jemals schaffen würden, ohne vorher drei Awareness-Workshops zu beantragen.
Aber genau darum geht es in vielen antiisraelischen Milieus längst nicht mehr.
Der entscheidende Punkt ist nicht Kritik an konkreter Politik. Der entscheidende Punkt ist der Sondermaßstab. Israel wird nicht nur an seinem Handeln gemessen, sondern an seiner bloßen Existenz. Bei kaum einem anderen Staat wird aus politischer Kritik so schnell eine Debatte über Legitimität, Abschaffung, Boykott, Isolation und moralische Totalverurteilung.
China unterdrückt Uiguren. Der Iran verfolgt Frauen, Oppositionelle und Homosexuelle. Saudi-Arabien ist eine absolute Monarchie. Russland führt Angriffskriege. Trotzdem fordert kaum jemand ernsthaft die Abschaffung Chinas, des Irans, Saudi-Arabiens oder Russlands als Staaten. Bei Israel dagegen gehört die Frage nach dem Existenzrecht in bestimmten Kreisen fast schon zur Standardausstattung. Als wäre der jüdische Staat ein politischer Fehler, den man im Nachhinein per Seminarbeschluss rückgängig machen könnte.
Der Punkt, an dem das Denken kippt
In Teilen postkolonialer, aktivistischer und akademischer Milieus wird die Welt häufig durch ein sehr einfaches Raster betrachtet: Täter und Opfer, Kolonisatoren und Kolonisierte, weiße Macht und unterdrückte Minderheit, Westen und antiwestlicher Widerstand.
Dieses Raster ist bequem. Es sortiert die Welt schnell. Es spart komplizierte Geschichte. Und es macht aus Politik ein moralisches Theaterstück mit festen Rollen.
In diesem Stück bekommt Israel die Rolle des Täters. Die Palästinenser bekommen die Rolle des reinen Opferkollektivs. Alles, was nicht in diese Dramaturgie passt, wird kleiner gemacht, verdrängt oder umgedeutet: islamistischer Terror, antisemitische Ideologie, Raketenangriffe, Geiselnahmen, Frauenfeindlichkeit, Homophobie, autoritäre Strukturen in Gaza oder die Rolle des Irans als Finanzier und Bewaffner von Terrororganisationen.
Plötzlich zählt nicht mehr, was eine Bewegung tatsächlich tut oder glaubt. Entscheidend ist nur noch, auf welcher Seite des antiwestlichen Weltbildes sie steht. Und genau dort beginnt der moralische Kurzschluss.
Wo Kritik endet und Delegitimierung beginnt
Damit dieser Punkt nicht im Bauchgefühl hängen bleibt, braucht man einen klaren Maßstab. Der sogenannte Drei-D-Test von Natan Sharansky hilft genau dabei. Er unterscheidet legitime Kritik an Israel von antisemitischer Israel-Feindschaft anhand von drei Punkten: Dämonisierung, Doppelstandard und Delegitimierung.
Dämonisierung:
Israel wird nicht mehr als realer Staat mit realer Politik behandelt, sondern als absolute Verkörperung des Bösen.
Doppelstandard:
Von Israel wird ein Verhalten verlangt, das man von keinem anderen demokratischen Staat in einer vergleichbaren Sicherheitslage erwartet.
Delegitimierung:
Dem jüdischen Volk wird das Recht auf nationale Selbstbestimmung abgesprochen.
Genau hier liegt die Grenze.

Kritik an israelischer Politik ist legitim. Die Behauptung, der einzige jüdische Staat der Welt sei als solcher ein rassistisches oder koloniales, ist etwas anderes. Die IHRA-Arbeitsdefinition von Antisemitismus nennt ausdrücklich als mögliches Beispiel, dem jüdischen Volk sein Recht auf Selbstbestimmung abzusprechen, etwa durch die Behauptung, die Existenz Israels sei ein rassistisches Unterfangen.
Das heißt nicht, dass jede harte Kritik an Israel antisemitisch ist. Dieser Satz ist wichtig, weil sonst sofort wieder jemand mit empörtem Zeigefinger aus dem Gebüsch springt. Aber es heißt: Wer Israel nicht kritisiert, sondern seine Existenz als jüdischen Staat grundsätzlich ablehnt, bewegt sich nicht mehr im Raum normaler Außenpolitik.
Nach 1967 wurde Israel für viele zum falschen Sieger
Der Sechstagekrieg von 1967 war ein Wendepunkt. Vorher wurde Israel in vielen linken Kreisen durchaus positiv gesehen: sozialistisch geprägt, von Kibbuzbewegungen mitgeformt, klein, bedroht, umgeben von feindlichen Staaten. Dieses Bild passte noch halbwegs in die alte linke Romantik vom kleinen, solidarischen Aufbauprojekt.
Nach 1967 änderte sich das. Israel war plötzlich nicht mehr nur der bedrohte Kleinstaat, sondern militärisch überlegen. Und in der Logik vieler radikaler Linker konnte militärische Stärke kaum noch moralisch legitim sein. Wer stark war, musste Täter sein. Wer schwächer war, musste Opfer sein. Praktisch, sauber, falsch.
Dabei wird oft vergessen, dass Israel 1967 nicht aus imperialer Langeweile Krieg führte, sondern in einer existenziellen Bedrohungslage stand. Ägypten hatte die Straße von Tiran blockiert, UN-Truppen mussten den Sinai verlassen, arabische Staaten drohten offen mit Krieg und Israels Bevölkerung rechnete mit einer Katastrophe. Der spätere israelische Sieg veränderte aber die Symbolik: Aus dem bedrohten jüdischen Zufluchtsstaat wurde in der Wahrnehmung vieler radikaler Linker plötzlich der starke westliche Sieger.

Gleichzeitig suchte die Neue Linke der 1960er- und 1970er-Jahre nach neuen revolutionären Projektionsflächen. Die klassische Arbeiterklasse hatte ihre revolutionäre Aura in Westeuropa weitgehend verloren. Also wandte man sich antikolonialen Bewegungen zu: Vietnam, Algerien, Kuba und zunehmend auch Palästina.
Die PLO wurde in Teilen der westlichen Linken nicht nüchtern als politische und militante Organisation betrachtet, sondern romantisiert. Als Befreiungsbewegung. Als revolutionäre Ikone. Als Symbol gegen den Westen. Dass Teile dieser Bewegung offen antisemitisch argumentierten und terroristische Mittel einsetzten, störte manche erstaunlich wenig. Der gemeinsame Gegner war wichtiger als die tatsächlichen Werte.
Wie der Sondermaßstab international geadelt wurde
Diese Entwicklung blieb nicht nur ein Thema auf linken Flugblättern, in Universitätsseminaren oder auf Demonstrationen. Sie bekam auch eine internationale Bühne.
Ein entscheidender Einschnitt war die UN-Generalversammlung von 1975. Damals wurde mit Resolution 3379 erklärt, Zionismus sei eine Form von Rassismus und rassischer Diskriminierung. Diese Resolution wurde 1991 wieder aufgehoben. Aber ihr ideologischer Schaden blieb. Denn hier wurde die nationale Selbstbestimmung des jüdischen Volkes auf internationaler Ebene als rassistisch markiert.
Das war kein kleiner diplomatischer Betriebsunfall. Das war ein historischer Moment, in dem Antizionismus politisch veredelt wurde.
Später spielte auch Durban 2001 eine wichtige Rolle. Die UN-Weltkonferenz gegen Rassismus in Südafrika sollte eigentlich ein Zeichen gegen Rassismus, Diskriminierung und Fremdenfeindlichkeit setzen. In der Praxis wurde besonders das NGO-Umfeld der Konferenz von vielen jüdischen Organisationen und Israel-Unterstützern als massiver antiisraelischer und antisemitischer Tiefpunkt beschrieben. Dort wurden Begriffe wie Apartheid, Kolonialismus und Rassismus noch stärker mit Israel verknüpft und in den globalen Aktivismus eingespeist.
Auch der UN-Menschenrechtsrat zeigt diesen Sonderfokus bis heute besonders deutlich. Mit Agenda Item 7 existiert ein eigener ständiger Tagesordnungspunkt zu Israel und den palästinensischen Gebieten. Kein anderes Land steht in dieser Form dauerhaft als eigener Punkt auf der Agenda. Nicht Iran. Nicht Nordkorea. Nicht Syrien. Nicht China. Ausgerechnet Israel.
Man muss nicht jede Kritik an Israel ablehnen, um diese Struktur problematisch zu finden. Wer Menschenrechte ernst nimmt, sollte sich gerade gegen solche Sondermechanismen wenden. Denn Menschenrechte verlieren ihre Glaubwürdigkeit, wenn sie selektiv benutzt werden.
Die sowjetische Spur hinter dem modernen Antizionismus
Wer den heutigen Antizionismus verstehen will, muss auch die sowjetische Propagandatradition betrachten. Nach dem Sechstagekrieg 1967 verschob sich die sowjetische Linie gegenüber Israel deutlich. Israel wurde immer stärker als angeblicher Vorposten des westlichen Imperialismus dargestellt, während arabische antiisraelische Bewegungen in das große antiwestliche Weltbild des Kalten Krieges eingebaut wurden.
Genau hier wurde eine Sprache geprägt, die bis heute nachwirkt: Zionismus als Rassismus, Israel als kolonialer Fremdkörper, jüdische Selbstbestimmung als imperialistisches Projekt. Diese Begriffe entstanden nicht einfach aus neutraler Menschenrechtskritik. Sie wurden politisch genutzt, um Israel aus dem Kreis legitimer Nationalstaaten herauszulösen und moralisch zu markieren.
Die UN-Resolution 3379 von 1975 war deshalb mehr als ein diplomatischer Fehltritt. Sie war Ausdruck eines größeren politischen Klimas, in dem sowjetische, arabische und blockfreie Staaten Israel zunehmend als Symbol westlicher Macht bekämpften. Die Parole „Zionismus ist Rassismus“ wurde 1991 zwar offiziell zurückgenommen, aber ihre Wirkung verschwand nicht. Sie wanderte weiter, in NGOs, Universitäten, Aktivismus, Medienrhetorik und politische Milieus.

Auch das heutige Russland nutzt diesen Konflikt strategisch. Moskau gibt sich gern als Vermittler, hält aber zugleich Kontakte zur Hamas offen, empfing nach dem 7. Oktober 2023 Hamas-Vertreter und nutzt den Krieg in Gaza, um antiwestliche Narrative zu verstärken. Dabei geht es nicht um echte Solidarität mit Palästinensern. Es geht um Machtpolitik.
Für Russland ist Israel vor allem dann interessant, wenn der Konflikt den Westen spaltet, die USA schwächt, Europas Debatten vergiftet oder vom russischen Krieg gegen die Ukraine ablenkt. Genau deshalb passt es ins Bild, dass Russland im UN-Sicherheitsrat im Oktober 2023 eine Gaza-Resolution einbrachte, die Gewalt gegen Zivilisten verurteilte, aber die Hamas nicht ausdrücklich nannte. Das war kein neutrales Detail, sondern politische Schwerpunktsetzung.
Auch im digitalen Raum ist diese Linie sichtbar. Pro-kremlnahe Kampagnen nutzten den Israel-Hamas-Krieg, um ihn mit dem Ukraine-Krieg zu vermischen, westliche Unterstützung für die Ukraine zu diskreditieren, die Rolle der USA anzugreifen und gesellschaftliche Spannungen in Frankreich und Deutschland zu verschärfen.
Das Muster ist alt, nur die Technik ist neuer. Früher waren es Parteizeitungen, diplomatische Blöcke und staatliche Propaganda. Heute sind es Telegram-Kanäle, Fake-Accounts, nachgebaute Nachrichtenseiten und zielgerichtete Kampagnen in sozialen Netzwerken.
Der Kern bleibt derselbe: Israel wird nicht als realer Staat mit realen Sicherheitsproblemen behandelt, sondern als Symbol benutzt. Für die Sowjetunion war Israel der angebliche Vorposten des Imperialismus. Für das heutige Russland ist Israel ein Hebel, um westliche Gesellschaften zu spalten.
Kleine Überraschung: Staaten machen Machtpolitik. Die Menschheit hat es wieder nicht elegant gelöst.
Wenn der Antizionismus zum Umweg wird
Besonders bitter wurde diese Entwicklung in Deutschland. Nach der Shoa war offener Antisemitismus gesellschaftlich geächtet. Doch Teile der radikalen Linken fanden einen neuen moralischen Umweg: Nicht „die Juden“ wurden attackiert, sondern „der Zionismus“. Nicht jüdische Selbstbestimmung wurde offen bekämpft, sondern angeblicher Kolonialismus. Nicht Antisemitismus wurde behauptet, sondern „Antifaschismus“.
Das machte die Sache nicht harmloser. Es machte sie nur moderner verpackt.
Die Zusammenarbeit deutscher Linksterroristen mit palästinensischen Terrorgruppen in den 1970er-Jahren ist dafür ein dunkles Beispiel. Die Entführung von Air-France-Flug 139 nach Entebbe im Jahr 1976 bleibt historisch erschütternd, gerade weil dort deutsche Extremisten gemeinsam mit palästinensischen Terroristen an einer Geiselnahme beteiligt waren, bei der Israelis und jüdische Passagiere besonders in den Fokus gerieten.
Dabei geht es nicht um eine billige historische Gleichsetzung. Es geht um den Abgrund der Symbolik: Deutsche Linksextremisten, die sich als Antifaschisten verstanden, standen wenige Jahrzehnte nach der Shoa an der Seite von Terroristen, die jüdische und israelische Geiseln als Verhandlungsmasse benutzten.
Wer da keinen Abgrund erkennt, hat vermutlich ideologische Nebelmaschine statt Gewissen.

Das Märchen vom rein europäischen Kolonialprojekt
Ein zentraler Fehler des heutigen antiisraelischen Narrativs ist die Darstellung Israels als „weiße Siedlerkolonie“. Dieses Bild ist nicht nur grob vereinfachend, es blendet entscheidende historische Fakten aus.
Erstens reicht die jüdische Verbindung zum Land Israel Jahrtausende zurück. Jerusalem war Zentrum jüdischen Lebens, lange bevor es den Islam, arabischen Nationalismus oder moderne Nationalstaaten gab. Wer jüdische Geschichte in diesem Land ausblendet, schreibt nicht kritisch Geschichte, sondern radiert sie politisch um.
Zweitens entstand der Zionismus nicht als imperiales Luxusprojekt europäischer Mächte, sondern als nationale Selbstschutzbewegung eines verfolgten Volkes. Pogrome, Entrechtung, Vertreibung und schließlich die Shoa machten brutal klar: Juden konnten sich auf den Schutz anderer nicht verlassen. Der jüdische Staat war keine Laune der Geschichte. Er war eine Antwort auf eine Geschichte, in der jüdische Schutzlosigkeit immer wieder tödlich endete.
Drittens besteht Israel nicht nur aus europäischen Juden. Und genau dieser Punkt sprengt das koloniale Märchen besonders deutlich.
Die Mizrachi-Juden sprengen das Kolonialmärchen
Ein erheblicher Teil der israelischen Juden stammt aus arabischen und muslimischen Ländern. Nach der Staatsgründung Israels 1948 flohen oder wurden rund 850.000 Juden aus Ländern wie Irak, Jemen, Ägypten, Libyen, Syrien, Marokko oder Tunesien vertrieben oder zur Ausreise gedrängt. Viele verloren Heimat, Eigentum, Sprache, Kultur und jahrhundertealte Gemeinden.

Diese Menschen waren keine europäischen Kolonialisten. Sie waren Juden aus dem Nahen Osten und Nordafrika. Ihre Familien lebten oft seit Jahrhunderten oder sogar seit der Antike in diesen Ländern. Sie wurden nicht Teil Israels, weil sie Europa kolonial ausdehnen wollten, sondern weil ihnen in arabischen und muslimischen Ländern die Zukunft genommen wurde.
Gerade diese Mizrachi-Juden passen nicht in das simple Bild vom weißen europäischen Siedlerstaat. Also werden sie in vielen postkolonialen Erzählungen einfach unsichtbar gemacht. Praktisch. Wer nicht ins Narrativ passt, wird weggelassen. So spart man sich die lästige Begegnung mit der Realität.
Dabei ist ihre Geschichte zentral. Israel ist nicht nur Zufluchtsort für Überlebende der europäischen Judenverfolgung. Israel ist auch Zufluchtsort für Juden aus Bagdad, Sana’a, Kairo, Damaskus, Tripolis, Casablanca und vielen anderen Orten, an denen jüdisches Leben einst selbstverständlich war und später fast vollständig verschwand.
Die Hamas ist kein postkolonialer Debattierclub
Besonders absurd wird es dort, wo westliche Aktivisten islamistische Bewegungen als Befreiungskräfte verklären. Die Hamas ist keine harmlose Widerstandsgruppe mit etwas rustikaler Öffentlichkeitsarbeit. Sie ist eine islamistische Terrororganisation, deren ursprüngliche Charta von 1988 die Vernichtung Israels religiös und ideologisch begründet.
Das ist kein Detail. Das ist der Kern.
Häufig wird eingewendet, die Hamas habe 2017 ein neues politisches Dokument veröffentlicht und sich damit angeblich gemäßigt. Doch auch dieses Dokument erkennt Israel nicht als legitimen Staat an. Es spricht weiterhin von der Befreiung Palästinas vom Jordan bis zum Mittelmeer. Die Sprache wurde modernisiert, die strategische Grundlinie blieb bestehen.
Genau deshalb ist es so gefährlich, die Hamas nur als „Widerstandsbewegung“ zu behandeln. Wer eine Organisation verharmlost, die jüdische Selbstbestimmung ablehnt, Israel nicht anerkennt und Gewalt als Mittel des Kampfes legitimiert, betreibt keine Solidarität mit Palästinensern. Er romantisiert eine totalitäre Bewegung.

Trotzdem marschieren in westlichen Städten immer wieder Gruppen nebeneinander, die eigentlich weltanschaulich nichts miteinander zu tun haben dürften: Queer-Aktivisten neben Islamisten, Feministinnen neben Anhängern patriarchaler Bewegungen, linke Studenten neben Kräften, die im Nahen Osten weder freie Presse noch Frauenrechte noch LGBTQ-Rechte schützen würden.
Diese Allianz ist nicht durch gemeinsame Werte verbunden. Sie ist durch einen gemeinsamen Gegner verbunden: Israel. Und dahinter: der Westen.
Das erklärt auch, warum manche Aktivisten gegenüber islamistischen Bewegungen merkwürdig nachsichtig auftreten, während sie konservative Kräfte im eigenen Land mit maximaler moralischer Härte bekämpfen. Der eine gilt als Teil der westlichen Mehrheitsgesellschaft, also als privilegiert. Der andere gilt als Vertreter einer marginalisierten antiwestlichen Gruppe, also als automatisch schützenswert. Was dieser Vertreter tatsächlich denkt, glaubt oder tut, wird dann erstaunlich großzügig übersehen.
Moralische Klarheit sieht anders aus. Das hier ist eher ideologische Buchhaltung mit kaputtem Taschenrechner.
Wenn Extreme sich im Feindbild treffen
Hier liegt auch der Grund, warum sich in antiisraelischen Milieus manchmal Gruppen und Personen begegnen, die politisch eigentlich nichts miteinander zu tun haben dürften: Linksextremisten, Islamisten, Verschwörungsideologen und vereinzelt auch Rechtsextremisten.
Das ist keine echte Wertegemeinschaft. Es ist eine Querfront der Feindbilder.
Linksextremisten sehen Israel häufig als Symbol für Kapitalismus, Kolonialismus, Imperialismus, westliche Macht und amerikanischen Einfluss.
Islamisten bekämpfen Israel aus religiös-ideologischen Gründen und lehnen jüdische Souveränität im Nahen Osten grundsätzlich ab.
Rechtsextreme und verschwörungsideologische Milieus greifen häufig auf klassischen Antisemitismus, antiwestliche Verschwörungsmythen und Hass auf liberale Demokratien zurück.
Die Begründungen unterscheiden sich. Das Zielbild überschneidet sich.

Am Ende treffen sich diese Milieus bei denselben Parolen: gegen Israel, gegen Zionismus, gegen Amerika, gegen den Westen, gegen liberale Demokratie, gegen angebliche „Globalisten“. Und hinter vielen dieser Codes steht nicht selten der alte antisemitische Kern, nur mit neuer Verpackung.
Gerade deshalb ist diese Mischung so gefährlich. Sie verbindet Menschen, die eigentlich völlig unterschiedliche Gesellschaftsbilder haben, über ein gemeinsames Ressentiment. Der Linksextremist träumt von Revolution. Der Islamist von religiöser Herrschaft. Der Rechtsextremist von ethnischer Ordnung. Aber alle können sich kurzfristig auf denselben Gegner einigen: den jüdischen Staat.
Das macht diese Allianzen nicht stabil, aber wirksam. Sie brauchen kein gemeinsames Menschenbild. Sie brauchen nur ein gemeinsames Feindbild.
Die Europäische Kommission beschreibt modernen Antisemitismus ausdrücklich als Phänomen, das in rechtsradikalen, linksradikalen und islamistischen Milieus vorkommen kann. Auch Sicherheitsbehörden und Extremismusforscher weisen darauf hin, dass Antisemitismus als Brückennarrativ zwischen verschiedenen extremistischen Szenen funktioniert. Mal kommt er im Gewand des Antiimperialismus daher, mal religiös aufgeladen, mal als völkische Verschwörungserzählung.
Das Muster bleibt ähnlich: Juden oder Israel werden nicht als normale politische Akteure gesehen, sondern als geheime Macht, Unterdrücker, Weltsteuerer, Kolonialprojekt oder Feind der eigenen Ordnung.
Der 7. Oktober hat die Masken fallen lassen
Der Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 war kein symbolischer Akt und keine politische Performance. Es war ein Massaker. Rund 1.200 Menschen wurden ermordet, etwa 250 Menschen wurden als Geiseln verschleppt. Familien wurden ausgelöscht, Zivilisten gejagt und junge Menschen auf einem Musikfestival niedergemetzelt.
Der Schock lag nicht nur in der Gewalt selbst. Der Schock lag auch in der Geschwindigkeit, mit der Teile westlicher Hochschulmilieus das Massaker relativierten, erklärten oder politisch umdeuteten.

An Universitäten wie Harvard erklärten studentische Gruppen Israel sinngemäß selbst für die Gewalt verantwortlich. Genau das war der Moment, in dem viele sahen, wie tief dieses Weltbild sitzt.
Das ist kein kleiner Denkfehler. Das ist moralischer Bankrott mit akademischem Briefkopf.
Israel provoziert, weil es sich nicht schutzlos macht
Israel provoziert bestimmte Ideologien nicht, weil es nur Fehler macht. Israel provoziert sie, weil es etwas verkörpert, das sie ablehnen: nationale Selbstbestimmung, Grenzen, Armee, historische Identität, Selbstverteidigung und die klare Aussage, dass jüdisches Leben nicht noch einmal vom Wohlwollen anderer abhängig sein wird.

Genau das ist der Punkt, an dem es grundsätzlich wird.
Für viele postnationale Milieus wirkt Israel wie ein Fremdkörper. Ein Staat, der sagt: Wir haben eine Geschichte. Wir haben ein Volk. Wir haben Grenzen. Wir haben Feinde. Und wir werden uns verteidigen.
Man kann über jede konkrete israelische Entscheidung streiten. Aber man kann dem jüdischen Staat nicht das Recht absprechen, überhaupt wehrhaft zu sein. Wer von Israel erwartet, sich nach Pogromen, Raketenangriffen, Massakern und Geiselnahmen brav in moralische Opferpose zu setzen, verlangt im Kern jüdische Wehrlosigkeit. Nur diesmal hübsch verpackt als Menschenrechtsrhetorik.
Der Sondermaßstab ist das eigentliche Problem
Israel muss kritisiert werden dürfen. Aber Israel muss auch nach denselben Maßstäben bewertet werden wie andere Staaten. Genau daran scheitert ein großer Teil des modernen Antizionismus.
Wenn Israel für zivile Opfer verantwortlich gemacht wird, aber die Hamas für ihre Strategie menschlicher Schutzschilde kaum eine Rolle spielt, ist das kein sauberer Maßstab. Wenn jüdische Selbstbestimmung als Kolonialismus gilt, aber arabischer, iranischer oder islamistischer Nationalismus als authentischer Widerstand verklärt wird, ist das kein sauberer Maßstab. Wenn ausgerechnet der einzige jüdische Staat der Welt ständig als illegitim markiert wird, während autoritäre Regime milder behandelt werden, ist das kein sauberer Maßstab.
Der Sondermaßstab zeigt sich nicht nur in Parolen. Er zeigt sich auch darin, welche Konflikte weltweit mit welcher moralischen Energie behandelt werden. Israel wird obsessiv beobachtet, dämonisiert und delegitimiert, während viele autoritäre Regime nicht annähernd dieselbe Empörung auslösen.
Und genau hier endet legitime Kritik und beginnt Delegitimierung.

Was von diesem Streit bleibt
Am Ende sagt die ideologische Fixierung auf Israel in Teilen der radikalen und postkolonialen Linken oft weniger über Israel aus als über die Krise des Westens selbst. Über eine politische Kultur, die manchmal kaum noch zwischen liberaler Demokratie und autoritärer Gewalt unterscheiden kann, sobald die richtigen antiwestlichen Schlagworte fallen.
Israel ist nicht perfekt. Kein Staat ist das. Aber Israel ist auch nicht das dunkle Zentrum des Weltübels, als das es in manchen Milieus behandelt wird.
Der eigentliche Skandal ist nicht, dass Israel kritisiert wird. Der eigentliche Skandal ist, dass der jüdische Staat in Teilen westlicher Debatten nicht mehr kritisiert, sondern symbolisch entmenschlicht wird. Nicht als Staat unter Staaten, sondern als Sündenbock für alles, was man am Westen hasst.
Dieser Artikel baut auf einem Video von Constantin Schreiber auf. Es arbeitet die ideologische Fixierung bestimmter linker und postkolonialer Milieus auf Israel klar, verständlich und pointiert heraus.▶️ Video von Constantin Schreiber auf YouTube ansehen
