Jüdische Indigenität: Warum das Kolonial-Narrativ über Israel zu kurz greift
Israel wird in politischen Debatten immer häufiger als sogenannter Siedlerkolonialstaat bezeichnet. Das Etikett klingt eindeutig, moralisch aufgeladen und erfreulich unkompliziert. Man muss dann weder über jüdische Geschichte noch über Vertreibung, Diaspora, Archäologie oder die Herkunft israelischer Juden sprechen. Die Rollen sind verteilt: hier die angeblichen europäischen Kolonialisten, dort die vermeintlich alleinigen Ureinwohner.
Doch gerade aus Gemeinschaften, die selbst Erfahrungen mit Kolonisierung, Vertreibung und kultureller Unterdrückung gemacht haben, kommt Widerspruch gegen diese vereinfachte Darstellung. Māori, Angehörige nordamerikanischer indigener Völker und weitere indigene Vertreter beschreiben die Rückkehr des jüdischen Volkes in seine historische Heimat nicht als klassisches Kolonialprojekt, sondern als Beispiel für kulturelle Wiederbelebung, Selbstbestimmung und die Wiederherstellung politischer Souveränität.
Das jüdische Volk ist nicht im Europa des 19. Jahrhunderts entstanden. Seine Sprache, Religion, Geschichte und nationale Identität entwickelten sich im Land Israel.
Indigene Stimmen widersprechen der üblichen Schablone
Die jüdische Bildungsplattform Aish veröffentlichte im Juli 2026 einen Beitrag, in dem mehrere indigene Vertreter zu Wort kommen. Unter ihnen befinden sich die Māori-Historikerin Dr. Sheree Trotter, der frühere kanadische Berufungsrichter Harry Smith LaForme, der den Mississaugas angehört, der Apache-Aktivist Santos Hawk Blood sowie Vertreter der Coushatta und Métis.

Ihre Aussagen folgen nicht exakt derselben politischen Linie. Gemeinsam ist ihnen jedoch die Ablehnung der Behauptung, Juden seien lediglich fremde europäische Siedler ohne ursprüngliche Verbindung zum Land.
Sheree Trotter bezeichnete Israel als eines der erfolgreichsten modernen Beispiele einer „Land Back“-Bewegung. Gemeint ist die Rückkehr eines verdrängten Volkes in sein angestammtes Gebiet und die Wiederherstellung seiner Sprache, Kultur und Selbstbestimmung. Aus ihrer Māori-Perspektive sei besonders entscheidend, dass die jüdische Verbindung zum Land trotz Vertreibung und Fremdherrschaft nie vollständig abgerissen sei.
Harry LaForme argumentiert ähnlich. Indigenität zeige sich unter anderem durch eine historische Kontinuität, eine eigenständige ethnische Identität, Sprache, Kultur, Traditionen sowie religiöse und soziale Strukturen, die bereits vor späteren Eroberern bestanden. Nach diesen Kriterien betrachtet er das jüdische Volk als indigenes Volk des Landes Israel.
Journalistischer Hinweis: Einzelne Aktivisten, Organisationen oder Erklärungen sprechen nicht für sämtliche indigenen Völker. Auch innerhalb indigener Gemeinschaften gibt es unterschiedliche Haltungen zum Nahostkonflikt. Die genannten Stimmen belegen jedoch, dass die pauschale Behauptung, indigene Perspektiven stünden zwangsläufig gegen Israel, sachlich nicht haltbar ist.
Die Indigenous Embassy Jerusalem
Eine zentrale Rolle in diesem Netzwerk spielt die Indigenous Embassy Jerusalem. Trotz ihres Namens handelt es sich nicht um eine staatliche oder diplomatische Botschaft, sondern um eine gemeinnützige, ausdrücklich proisraelische Plattform.
Gegründet wurde sie von Sheree Trotter und dem früheren neuseeländischen Minister Alfred Ngaro. Nach eigenen Angaben will die Organisation indigene Unterstützer Israels miteinander vernetzen, Antisemitismus entgegentreten und die historische Verbindung des jüdischen Volkes zum Land Israel wissenschaftlich und öffentlich vermitteln.
Die Plattform organisiert Konferenzen, veröffentlicht Beiträge und bringt indigene Vertreter mit israelischen Einrichtungen zusammen. Im Mittelpunkt steht die These, dass Zionismus nicht als europäischer Eroberungsfeldzug verstanden werden dürfe, sondern als nationale Selbstbestimmungsbewegung eines historisch im Land verwurzelten Volkes.
Was die archäologischen Quellen belegen
Die jüdische Verbindung zum Land beruht nicht allein auf religiösen Überlieferungen. Archäologische Funde und außerbiblische Inschriften dokumentieren israelitische und judäische Gesellschaften lange vor der römischen Herrschaft, dem Christentum und dem Islam.

Ein bekanntes Beispiel ist die aus dem 9. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung stammende Tel-Dan-Stele. Die aramäische Inschrift erwähnt einen König von Israel und wahrscheinlich das „Haus David“. Auch assyrische, babylonische und römische Quellen nennen Israel, Juda, Jerusalem sowie jüdische Herrscher, Gemeinden und Aufstände.
Über Einzelheiten, Datierungen und die historische Bewertung bestimmter biblischer Berichte wird in der Forschung gestritten. Nicht ernsthaft bestreiten lässt sich jedoch, dass im Gebiet des heutigen Israel bereits in der Antike israelitische und später jüdische Gemeinwesen existierten.
Nach der Zerstörung Jerusalems durch die Römer im Jahr 70 und der Niederschlagung des Bar-Kochba-Aufstandes im 2. Jahrhundert wurde ein erheblicher Teil der jüdischen Bevölkerung getötet, versklavt oder vertrieben. Dennoch blieben jüdische Gemeinschaften in wechselnder Stärke im Land bestehen. Weitere Gemeinden entstanden in Babylonien, Nordafrika, Europa und später in nahezu allen Teilen der Welt.
Das Entscheidende daran: Die Diaspora entwickelte keine neue nationale Heimat außerhalb Israels. Jerusalem, Zion, Hebron, das Land Israel und die Hoffnung auf Rückkehr blieben feste Bestandteile jüdischer Gebete, Feiertage, religiöser Vorschriften und kultureller Erinnerung.
Das Problem mit dem Bild vom europäischen Kolonialisten
Das verbreitete Kolonial-Narrativ reduziert israelische Juden häufig auf weiße Europäer. Schon demografisch ist dieses Bild verzerrt. Israel wurde nicht nur von Juden aus Mittel- und Osteuropa aufgebaut, sondern ebenso von jüdischen Gemeinschaften aus dem Nahen Osten, Nordafrika, Zentralasien, Äthiopien und anderen Regionen.
Juden lebten über viele Jahrhunderte unter muslimischer Herrschaft im Irak, Iran, Jemen, in Marokko, Algerien, Tunesien, Libyen, Ägypten, Syrien und weiteren Ländern. Hunderttausende verloren im 20. Jahrhundert ihre Heimat, ihr Eigentum oder ihre gesellschaftliche Stellung und fanden überwiegend in Israel Zuflucht.
Sie als europäische Kolonialisten zu bezeichnen, verlangt eine bemerkenswerte intellektuelle Gymnastik. Ein irakischer, jemenitischer oder marokkanischer Jude wird nicht dadurch zum Europäer, dass es politisch gerade besser in das gewünschte Feindbild passt.
Das vereinfachte Kolonial-Narrativ:
Europäische Juden kamen als fremde Siedler in ein Land, zu dem sie keine ursprüngliche Verbindung besaßen.
Die historische Realität:
Das jüdische Volk entstand im Land Israel, verlor dort durch Eroberung und Vertreibung seine politische Souveränität, bewahrte jedoch Sprache, Religion, nationale Erinnerung und eine fortdauernde Präsenz. Die moderne Rückkehr erfolgte aus Europa, dem Nahen Osten, Nordafrika und zahlreichen weiteren Regionen.
Warum manche indigene Vertreter Israel als „Land Back“ verstehen
Für indigene Unterstützer Israels liegt die Parallele nicht darin, jüdische und indigene Erfahrungen vollständig gleichzusetzen. Die Geschichten der Māori, Apache, Coushatta, Métis oder australischen Aborigines unterscheiden sich erheblich voneinander und ebenso von der jüdischen Geschichte.
Die Verbindung liegt vielmehr in bestimmten gemeinsamen Erfahrungen: Vertreibung, Verlust politischer Kontrolle, Unterdrückung eigener Sprachen, kultureller Anpassungsdruck und der Kampf um Selbstbestimmung.
Der Coushatta-Vertreter David Sickey beschrieb bereits 2012 Gemeinsamkeiten zwischen seinem Volk und den Juden. Beide hätten Erfahrungen mit Vertreibung, Verfolgung, Landverlust und dem Ringen um Souveränität gemacht. Die Coushatta bauten deshalb Beziehungen zu Israel auf, die kulturelle und wirtschaftliche Zusammenarbeit umfassen.
Im September 2025 veröffentlichten die Organisationen Indigenous Friends of Israel International und Lions of Zion eine Solidaritätserklärung mit Unterstützern aus verschiedenen Regionen des Pazifikraums. In ihr wird das jüdische Volk als historisch im Land Israel verwurzelt bezeichnet. Hervorgehoben werden der Erhalt jüdischer Kultur, die Wiederbelebung des Hebräischen und die Wiederherstellung jüdischer Staatlichkeit.

Auch diese Erklärung ist kein Beschluss aller Māori, Ainu, Aborigines oder nordamerikanischen First Nations. Sie zeigt aber, dass es organisierte indigene Netzwerke gibt, die Israel nicht als Gegensatz zur Idee indigener Selbstbestimmung betrachten, sondern als deren mögliches Beispiel.
Indigenität ist kein politischer Zauberstab
Der Begriff „indigen“ besitzt keine weltweit einheitliche und rechtsverbindliche Definition. Auch die Vereinten Nationen arbeiten mit verschiedenen Merkmalen und Beschreibungen. Dazu gehören eine historische Kontinuität mit Gesellschaften vor späteren Eroberungen, eine besondere Beziehung zu einem Gebiet, kulturelle Eigenständigkeit, Selbstidentifikation und der Wille, die eigene Identität an kommende Generationen weiterzugeben.
Auf das jüdische Volk treffen viele dieser Merkmale eindeutig zu. Daraus folgt jedoch nicht automatisch die Lösung jeder heutigen Grenzfrage oder jedes politischen Konflikts. Historische Verwurzelung ersetzt weder Diplomatie noch Sicherheitsabkommen, Minderheitenrechte oder politische Verantwortung.
Ebenso wenig muss die Anerkennung jüdischer Indigenität bedeuten, die historische Verwurzelung der Palästinenser zu leugnen. Zwei Völker können eine tiefe Verbindung zu derselben Region besitzen. Was nicht funktioniert, ist die Geschichte des einen Volkes auszulöschen, um die Ansprüche des anderen moralisch unangreifbar erscheinen zu lassen.
Die Anerkennung palästinensischer Geschichte erfordert keine Leugnung jüdischer Geschichte. Umgekehrt nimmt die jüdische Herkunft aus dem Land Israel den Palästinensern nicht automatisch ihre persönlichen oder politischen Rechte.
Warum das Kolonial-Etikett politisch so attraktiv ist
Die Darstellung Israels als reines Kolonialprojekt erfüllt einen klaren politischen Zweck. Sie verwandelt einen komplexen nationalen, historischen und territorialen Konflikt in eine einfache moralische Erzählung.
Wer Israel zum europäischen Fremdkörper erklärt, muss jüdische Selbstbestimmung nicht mehr als legitimes nationales Anliegen behandeln. Gewalt gegen Israelis lässt sich dann leichter als „Widerstand“ darstellen, während jüdische Verteidigung als Unterdrückung gilt.
Dafür müssen allerdings einige unbequeme Fakten aus dem Bild verschwinden: die antiken jüdischen Gemeinwesen, die fortdauernde jüdische Präsenz, die Bedeutung Jerusalems im Judentum, die Herkunft vieler Israelis aus muslimisch geprägten Ländern und die Tatsache, dass Israel keine klassische Kolonie eines europäischen Mutterlandes war.
Es gab keine europäische Hauptstadt, die Israel als überseeischen Besitz regierte, keine Muttergesellschaft, an die Rohstoffe abgeführt wurden, und keine europäische Nation, in deren Auftrag der jüdische Staat errichtet wurde. Im Gegenteil: Jüdische Untergrundorganisationen kämpften zeitweise gegen die britische Mandatsmacht, die jüdische Einwanderung selbst während der Shoa massiv einschränkte.
Einordnung: Rückkehr statt Fremdherrschaft
Die Behauptung, Israel sei lediglich ein europäisches Kolonialprojekt, ist historisch nicht tragfähig. Sie verwechselt die Herkunft einzelner Einwanderer mit der Herkunft eines Volkes und behandelt die jahrtausendealte jüdische Verbindung zum Land wie eine nachträglich erfundene politische Werbekampagne.
Zionismus entstand als moderne politische Bewegung im 19. Jahrhundert. Die jüdische Bindung an Zion entstand nicht im 19. Jahrhundert. Sie ist wesentlich älter und gehört zum Kern jüdischer Identität.
Man kann Entscheidungen israelischer Regierungen kritisieren, über Grenzen streiten, Siedlungspolitik ablehnen oder eine andere Lösung des Konflikts vertreten. All das ist Teil legitimer politischer Debatten. Wer jedoch Juden grundsätzlich zu landfremden Kolonialisten erklärt, betreibt keine bloße Regierungskritik. Er bestreitet die historische Beziehung eines Volkes zu seiner Herkunftsregion.
Israel ist kein Beweis dafür, dass Geschichte einfach rückgängig gemacht werden kann. Es ist aber ein Beweis dafür, dass ein vertriebenes Volk seine Sprache, Identität und nationale Hoffnung über Jahrtausende bewahren kann.

Die unbequeme Stimme außerhalb des westlichen Weltbildes
Die Unterstützung durch indigene Vertreter beendet die Debatte über Israel nicht. Sie widerlegt aber die bequeme Vorstellung, indigene Erfahrungen könnten ausschließlich für antiisraelische Politik beansprucht werden.
Gerade Menschen aus Gemeinschaften, die selbst Vertreibung und kulturelle Unterdrückung erlebt haben, erkennen in der jüdischen Geschichte Elemente, die in westlichen Aktivistenkreisen häufig ausgeblendet werden: die Bindung an ein angestammtes Land, die Bewahrung einer alten Sprache, die Erinnerung an verlorene Souveränität und die Hoffnung auf Rückkehr.
Diese Perspektive passt nicht in das starre Schema von weißen Unterdrückern und nichtweißen Unterdrückten. Vielleicht wird sie gerade deshalb so oft ignoriert. Geschichte ist nun einmal lästig. Sie weigert sich beharrlich, in ein Protestplakat mit drei Wörtern zu passen.
Die jüdische Indigenität ist keine moderne Erfindung und kein rhetorischer Trick. Sie ist eine historisch, kulturell und archäologisch belegbare Realität. Wer ernsthaft über Kolonialismus, Dekolonisierung und Selbstbestimmung sprechen will, kommt an ihr nicht vorbei.
