UNRWA-Schulleiter Imad Yousif El Samhouri gehörte zu 136 Mitarbeitern, an die die Vereinten Nationen bei ihrer jährlichen Gedenkfeier erinnerten. Wochen später veröffentlichte UN Watch Material, in dem die Hamas ihn als Feldkommandeur ihrer Al-Qassam-Brigaden präsentiert. Die UN erklärt, von diesen Vorwürfen damals nichts gewusst zu haben. Genau diese Erklärung macht den Fall nicht kleiner, sondern größer.
Am 8. Juni 2026 versammelte sich die Spitze der Vereinten Nationen in New York zur jährlichen Gedenkfeier der Vereinten Nationen für Mitarbeiter, die im Jahr zuvor im Dienst ums Leben gekommen waren. UN-Generalsekretär António Guterres erinnerte an insgesamt 136 Menschen. 97 waren zivile Mitarbeiter, 39 gehörten zu militärischen oder polizeilichen Friedensmissionen. Allein 80 arbeiteten für das Palästinenserhilfswerk UNRWA im Gazastreifen.
Unter den Namen befand sich Imad Yousif El Samhouri.
Annalena Baerbock nahm als Präsidentin der 80. UN-Generalversammlung an der Zeremonie teil. Gemeinsam mit Guterres und der damaligen Präsidentin des Sicherheitsrates beteiligte sie sich an der symbolischen Entzündung der Gedenkflamme. Samhouris Name wurde später während der Namensverlesung genannt.
Das wäre zunächst kaum mehr als eine Zeile in einer langen Liste verstorbener UN-Mitarbeiter gewesen.
Dann tauchte eine zweite Biografie auf.

UNRWA-Schulleiter und Hamas-Kommandeur?
Die Genfer Organisation UN Watch veröffentlichte Mitte August umfangreiches Material zu Samhouri. Danach arbeitete der UNRWA-Schulleiter über Jahre als Lehrer und später als Schulleiter an UNRWA-Schulen im Gazastreifen.
Gleichzeitig dokumentiert UN Watch ein von der Hamas veröffentlichtes sogenanntes Märtyrervideo. Darin wird Samhouri nach Darstellung der Organisation als Feldkommandeur im Muhammad-al-Shamali-Bataillon der Al-Qassam-Brigaden bezeichnet. Das veröffentlichte Material zeigt ihn zudem in militärischem Umfeld und in Verbindung mit Tunneln.
Damit stammt die entscheidende Zuschreibung nicht lediglich von israelischen Behörden oder einer politischen Gegenorganisation. UN Watch beruft sich auf Material der Hamas selbst.
Journalistisch bleibt dennoch eine wichtige Grenze: Die öffentlich verfügbaren Quellen erlauben keine unabhängige vollständige Rekonstruktion von Samhouris militärischer Tätigkeit. Belegt ist jedoch, dass entsprechendes Hamas-Material existiert, dass UN Watch es veröffentlicht hat und dass die Vereinten Nationen auf die daraus entstandenen Vorwürfe inzwischen offiziell reagiert haben.
UN Watch erhebt darüber hinaus weitere Vorwürfe. Samhouri habe Kontakte zu Hamas-Funktionären öffentlich gezeigt, entsprechende Inhalte in sozialen Medien verbreitet und als Verantwortlicher einer UNRWA-Schule Veranstaltungen mit Hamas-nahen Akteuren ermöglicht. Diese Angaben stammen bislang im Wesentlichen aus der Recherche von UN Watch und werden deshalb nicht als unabhängig festgestellte Tatsachen behandelt.
Der zentrale Widerspruch besteht auch ohne diese zusätzlichen Vorwürfe: Ein langjähriger UNRWA-Schulleiter erscheint nach seinem Tod in Material, in dem die Hamas ihn als militärischen Funktionär präsentiert.
Die UN wusste nach eigener Darstellung nichts davon
Am 21. August 2026 wurde Stéphane Dujarric, Sprecher von UN-Generalsekretär António Guterres, beim täglichen Pressebriefing direkt mit dem Fall konfrontiert.
Eine Journalistin erinnerte daran, dass Samhouris Name bei der Gedenkfeier am 8. Juni verlesen worden war und dass die Hamas ihn später als Feldkommandeur der Al-Qassam-Brigaden identifiziert habe. Sie fragte, ob sich der Generalsekretär für die Ehrung entschuldigen werde.
Dujarric erklärte, UNRWA sei bei der Aufnahme des Namens nicht über diese Vorwürfe informiert gewesen. Im offiziellen UN-Transkript vom 21. August 2026 lautet die entscheidende Passage: „had those allegations been raised before, his name would likely not have been included.“
Damit sagt die UN selbst: Hätten die Vorwürfe vorher vorgelegen, wäre Samhouris Name wahrscheinlich nicht in die Gedenkliste aufgenommen worden.
Auf die Nachfrage, ob sein Name nun zurückgezogen werde, verwies Dujarric erneut auf den damaligen Informationsstand. Er erklärte, der Name sei mit den damals verfügbaren Informationen aufgenommen worden. Wären die Vorwürfe über offizielle Kanäle rechtzeitig übermittelt worden, wäre er nicht aufgenommen worden.
Dann wurde ausdrücklich gefragt, ob es also keine Korrektur geben werde.
Dujarrics Antwort: „What was said was said.“
Danach stellte er erneut klar, bei vorheriger Kenntnis der Vorwürfe wäre Samhouris Name wahrscheinlich nicht aufgenommen worden.
Das ist keine Interpretation von UN Watch und keine Formulierung eines deutschen Mediums. Es ist die dokumentierte Antwort des Sprechers des UN-Generalsekretärs.
Eine formelle Rücknahme der Ehrung kündigte Dujarric in diesem Briefing nicht an.

Der Hinweis auf Israel gehört zur Geschichte
Dujarric führte im selben Briefing einen weiteren Punkt an. UNRWA übermittle seine Mitarbeiterlisten regelmäßig an die israelischen Behörden. Auch Samhouris Name habe sich auf der 2024 übermittelten Liste befunden.
Nach Darstellung Dujarrics seien von israelischer Seite damals keine Bedenken gegen diesen Namen gemeldet worden.
Dieser Hinweis gehört zwingend in eine faire Einordnung. Wer ihn unterschlägt, lässt einen wesentlichen Teil der UN-Verteidigung weg.
Er entlastet UNRWA allerdings nur begrenzt.
Dass Israel bei einer übermittelten Personalliste keinen Einwand erhob, beantwortet nicht die Frage, welche eigenen Prüfmechanismen UNRWA gegenüber Mitarbeitern und insbesondere gegenüber Führungskräften seiner Schulen besitzt.
Ein Arbeitgeber kann die Kontrolle des eigenen Personals nicht vollständig an einen externen Staat delegieren.
Gerade bei einem UNRWA-Schulleiter ist die Frage besonders relevant. Sollte sich die von Hamas dargestellte militärische Funktion bestätigen, wären zivile Tätigkeit für UNRWA und militärische Funktion innerhalb der Hamas über einen längeren Zeitraum nebeneinander möglich gewesen, ohne dass die Organisation nach eigener Darstellung davon wusste.
Genau dort liegt das institutionelle Problem.
Deutschland finanzierte UNRWA mit erheblichen Summen
Auch Deutschland gehört zu diesem politischen Zusammenhang.
Nach Angaben der Bundesregierung erhielt UNRWA allein aus Mitteln der deutschen humanitären Hilfe 92 Millionen Euro im Jahr 2022 und 130,5 Millionen Euro im Jahr 2023. Hinzu kamen Mittel aus der Entwicklungszusammenarbeit und mehrjährige Zusagen. Für 2023 bezifferte das Auswärtige Amt die gesamten Zahlungen der Bundesregierung an UNRWA auf 206,5 Millionen Euro.
Nach den schweren Vorwürfen gegen UNRWA-Mitarbeiter im Zusammenhang mit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 setzte Deutschland Teile der Finanzierung zunächst aus.
Später nahm die Bundesregierung die Unterstützung wieder auf.
Baerbock verteidigte diese Entscheidung am 16. Oktober 2024 im Deutschen Bundestag. Sie verwies auf Untersuchungen, die Überprüfung einzelner Vorwürfe und auf Maßnahmen zur Kontrolle der Mittel.
Auf die Frage, wie künftig ausgeschlossen werden solle, dass deutsches Steuergeld Terrororganisationen zugutekomme, erklärte Baerbock unter anderem, Deutschland gebe nicht einfach „blanko Geld“ an UNRWA.
Damit bekommt der Fall des UNRWA-Schulleiters Samhouri politische Bedeutung über die Gedenkfeier hinaus.
Es gibt keinen Beleg dafür, dass Baerbock Samhouris mutmaßliche militärische Funktion kannte, als sie an der UN-Gedenkfeier teilnahm. Ebenso gibt es keinen Beleg, dass sie persönlich an der Auswahl der geehrten Namen beteiligt war.
Der seriöse Vorwurf lautet deshalb nicht, Baerbock habe wissentlich einen Hamas-Kommandeur geehrt.
Die relevante Frage lautet vielmehr: Wie belastbar waren jene Kontrollmechanismen, mit denen die weitere politische und finanzielle Unterstützung von UNRWA begründet wurde?
Ausgerechnet am Gedenktag für Terroropfer
Der Zeitpunkt der UN-Stellungnahme besitzt eine bemerkenswerte Ironie.
Am 21. August begingen die Vereinten Nationen den Internationalen Tag des Gedenkens und der Würdigung der Opfer des Terrorismus. Dujarric berichtete zu Beginn desselben Pressebriefings über die Veranstaltung und die Botschaft des Generalsekretärs an Opfer und Überlebende.
Wenig später musste er erklären, warum bei einer früheren UN-Gedenkfeier ein Mann geehrt worden war, den Hamas in eigenem Material als Feldkommandeur präsentiert.
Diese Zuspitzung muss man nicht konstruieren. Der zeitliche Ablauf liefert sie selbst.

Baerbock ist Teil der Geschichte, aber nicht ihr Zentrum
Ein Teil der Berichterstattung konzentriert sich vor allem auf Annalena Baerbock.
Baerbock wählte den UNRWA-Schulleiter Samhouri nicht aus. Es gibt keinen Beleg dafür, dass sie dessen Namen persönlich überprüfte oder von den später öffentlich gewordenen Vorwürfen wusste.
Wer daraus macht, Baerbock habe bewusst einen Hamas-Terroristen geehrt, behauptet mehr, als die Quellen tragen.
Ihre politische Verantwortung liegt an einer anderen Stelle.
Als Präsidentin der UN-Generalversammlung war sie Teil der Gedenkzeremonie. Als frühere deutsche Außenministerin steht sie zugleich für eine Bundesregierung, die UNRWA nach schweren Vorwürfen weiter unterstützte und diese Entscheidung mit Kontrollen und Reformen begründete.
Deshalb ist die berechtigte Frage nicht, warum Baerbock Samhouris Personalakte nicht kannte.
Die Frage lautet, wie belastbar die institutionellen Kontrollen tatsächlich waren.
„Wir wussten es nicht“ ist keine Schlussfolgerung
Der Fall des UNRWA-Schulleiters Samhouri berührt eine der zentralen Fragen, die UNRWA seit Jahren begleiten: Wie zuverlässig kann die Organisation politische und militärische Verbindungen eigener Mitarbeiter erkennen?
Die Antwort, man habe von den Vorwürfen nichts gewusst, erklärt zunächst nur den damaligen Informationsstand.
Sie beantwortet nicht, warum man nichts wusste.
Sollten sich die von Hamas selbst dargestellten Angaben zu Samhouris militärischer Funktion bestätigen, müsste geklärt werden, wie ein langjähriger UNRWA-Schulleiter eine solche Doppelrolle ausüben konnte, welche Hinweise vorhanden waren und welche internen Kontrollen tatsächlich stattfanden.
Die Vereinten Nationen haben inzwischen selbst eingeräumt, dass die heute bekannten Vorwürfe die damalige Entscheidung wahrscheinlich verändert hätten.
Damit ist die Frage, ob die Ehrung unter Kenntnis dieser Informationen erfolgt wäre, durch die UN praktisch selbst beantwortet worden.
Wer nach einem solchen Fall Vertrauen in die Kontrollen von UNRWA verlangt, muss mehr erklären können als nur, warum man damals nichts wusste.
ℹ️ Faktenbasis und Primärquellen zum Artikel 📑
▶️ United Nations Transcripts, 21. August 2026:
Daily Press Briefing vom 21. August 2026
Dokumentiert Stéphane Dujarrics Aussagen zur 2024 an Israel übermittelten UNRWA-Personalliste, zur fehlenden israelischen Beanstandung und zur wahrscheinlichen Nichtaufnahme Samhouris bei vorheriger Kenntnis der Vorwürfe sowie die Antwort „What was said was said“.
▶️ Vereinte Nationen, 8. Juni 2026:
Secretary-General’s remarks to the Annual Memorial Service
Bestätigt die Gedenkfeier für 136 UN-Mitarbeiter, darunter 80 Mitarbeiter von UNRWA im Gazastreifen.
▶️ UN Watch, 14. August 2026:
UN Leaders Lit an Eternal Flame for a Hamas Commander
Dokumentiert das von Hamas veröffentlichte Material zu Imad Yousif El Samhouri und die weitergehenden Vorwürfe zu seinen Verbindungen und Aktivitäten. Diese zusätzlichen Angaben werden im Artikel ausdrücklich als Recherche von UN Watch gekennzeichnet.
▶️ Auswärtiges Amt, 29. Januar 2024:
Erklärungen des Auswärtigen Amts in der Regierungspressekonferenz
Beziffert die Zahlungen der Bundesregierung an UNRWA für 2023 auf insgesamt 206,5 Millionen Euro, davon 130,5 Millionen Euro aus Mitteln des Auswärtigen Amts.
▶️ Deutscher Bundestag, 16. Oktober 2024:
Plenarprotokoll 20/193
Dokumentiert Annalena Baerbocks Aussagen zur Wiederaufnahme der UNRWA-Unterstützung, zu Prüfverfahren und zur Kontrolle deutscher Mittel.
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