Der antisemitische Schulterschluss: Wie Islamisten und radikale Linke Israel dämonisieren
Seit dem Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 hat sich Antisemitismus in vielen westlichen Gesellschaften auf einem erschreckend hohen Niveau verfestigt. Islamistische Akteure, autoritäre Staaten und Teile der radikalen Linken verfolgen nicht dieselben politischen Ziele. Doch in ihrer Feindschaft gegenüber Israel überschneiden sich ihre Narrative, Feindbilder und Kampagnen immer wieder.
Es gibt keine zentrale Kommandozentrale, die weltweit jeden Protest, jeden Beitrag und jede Resolution steuert. Es gibt jedoch ideologische Netzwerke, staatliche Einflussnahme, organisierte Mobilisierung und eine politische Zweckgemeinschaft, die Israel regelmäßig nicht wie einen kritisierbaren Staat, sondern wie das Grundübel der Welt behandelt.
Am 7. Oktober 2023 wurden bei dem von der Hamas und weiteren bewaffneten Gruppen angeführten Angriff rund 1.200 Menschen in Israel getötet. 251 Menschen wurden als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt. Noch bevor Israel seine größere militärische Reaktion begonnen hatte, wurden in zahlreichen westlichen Städten antisemitische Übergriffe, Jubelfeiern und Demonstrationen registriert.
Der Hass war also nicht lediglich eine Reaktion auf die spätere israelische Kriegsführung. Er war bereits vorhanden und wartete offenbar nur auf einen Anlass, um offen hervorzubrechen.
Die verfügbaren Jahresberichte für 2025 zeigen inzwischen ein differenziertes Bild: Die unmittelbare Spitze nach dem Massaker ging in einigen Ländern zurück, doch das Niveau liegt weiterhin deutlich über den Jahren vor dem 7. Oktober. Antisemitismus ist nicht wieder aus dem öffentlichen Raum verschwunden. Er hat sich dort eingerichtet.

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Der Ausnahmezustand wird zur neuen Normalität
In den Vereinigten Staaten dokumentierte die Anti-Defamation League für das Jahr 2025 insgesamt 6.274 antisemitische Vorfälle. Das war ein deutlicher Rückgang gegenüber dem Rekordjahr 2024, aber noch immer der dritthöchste Wert seit Beginn der Erfassung im Jahr 1979.

Zugleich erreichten körperliche Angriffe und Angriffe mit tödlichen Waffen einen historischen Höchststand. Das ist ein entscheidender Befund: Eine sinkende Gesamtzahl bedeutet nicht automatisch Entwarnung. Wenn weniger Vorfälle gezählt werden, die Gewalt aber zunimmt, verändert sich lediglich die Form des Problems.
Auch in Deutschland blieb die Lage 2025 dramatisch. Laut dem Jahresbericht des Bundesverbandes RIAS wurden vier Fälle extremer Gewalt, 178 Angriffe und 257 Bedrohungen dokumentiert.
Antisemitische Vorfälle ereigneten sich auf Demonstrationen, an Hochschulen, in Schulen, im öffentlichen Raum und im direkten persönlichen Umfeld jüdischer Menschen. Der Hass ist damit längst nicht mehr auf extreme Randgruppen oder anonyme Internetforen beschränkt.
In Großbritannien registrierte der Community Security Trust 2025 insgesamt 3.700 antisemitische Vorfälle. Das war der zweithöchste jemals gemessene Jahreswert und vier Prozent mehr als 2024. Vor dem 7. Oktober 2023 lagen die Zahlen erheblich niedriger.
In Frankreich wurden 2025 zwar weniger antisemitische Taten registriert als im außergewöhnlich belasteten Vorjahr, doch die körperliche Gewalt nahm zu. Nach Angaben des Service de Protection de la Communauté Juive richteten sich 53 Prozent aller registrierten religionsfeindlichen Vorfälle gegen Juden, obwohl Juden weniger als ein Prozent der französischen Bevölkerung stellen.
ℹ️ Einordnung
Die Vorfallszahlen verschiedener Länder sind nicht unmittelbar miteinander vergleichbar. Erfassungsmethoden, rechtliche Definitionen und Meldestrukturen unterscheiden sich. Gemeinsam zeigen die Berichte jedoch, dass der Antisemitismus nach dem 7. Oktober 2023 nicht auf das frühere Niveau zurückgekehrt ist.
Die Hamas verbindet Nationalismus, Islamismus und Judenhass
Der ideologische Ausgangspunkt der Hamas ist keine gewöhnliche Kritik an israelischer Regierungspolitik. Die im Avalon Project der Yale Law School dokumentierte Hamas-Charta von 1988 verbindet palästinensischen Nationalismus, islamistische Herrschaftsvorstellungen und offenen Antisemitismus.

Artikel 7 enthält einen Hadith über den endzeitlichen Kampf zwischen Muslimen und Juden. Artikel 32 übernimmt klassische europäische Verschwörungsmythen aus den gefälschten „Protokollen der Weisen von Zion“. Juden und Zionisten werden darin für Kriege, Revolutionen, Medienmacht und gesellschaftliche Zersetzung verantwortlich gemacht.
Diese Ideologie ist weder eine missverständliche historische Randnotiz noch eine zufällige Entgleisung. Sie gehört zum ideologischen Fundament der Organisation. Hamas-Funktionäre haben antisemitische Verschwörungsmythen, religiöse Gewaltvorstellungen und die Forderung nach der Beseitigung Israels wiederholt öffentlich verbreitet.
Mit ihrem Grundsatzpapier von 2017 veränderte die Hamas ihre Außendarstellung. Sie erklärte, ihr Konflikt richte sich gegen das „zionistische Projekt“ und nicht gegen Juden allein aufgrund ihrer Religion.
Gleichzeitig erkannte sie Israel nicht an, hielt am Anspruch auf ganz Palästina fest und bezeichnete bewaffneten Widerstand weiterhin als strategischen Weg. Die antisemitische Charta von 1988 wurde nicht ausdrücklich aufgehoben.
Das neue Papier ersetzte vor allem die Sprache, nicht nachweisbar das grundlegende Ziel. Spätestens das Massaker vom 7. Oktober zeigte, wie wenig Anlass bestand, die rhetorische Modernisierung mit einer ideologischen Abkehr von Gewalt und Vernichtung zu verwechseln.
Ähnliche Feindbilder werden vom iranischen Regime, der Hisbollah und weiteren islamistischen Bewegungen verbreitet. Israel erscheint darin nicht als Staat mit Grenzen, Regierung und konkreter Politik, sondern als metaphysischer Feind, als „Krebsgeschwür“, dämonische Macht oder globaler Verschwörer.
Solche Krankheits- und Vernichtungsmetaphern entziehen dem politischen Gegner seine Menschlichkeit. Sie erinnern an klassische Formen eliminatorischer Propaganda und schaffen eine Sprache, in der Gewalt nicht mehr als Verbrechen, sondern als vermeintliche Erlösung erscheint.
Warum sich Teile der radikalen Linken anschließen
Islamistische Bewegungen und radikale Linke vertreten in fast allen gesellschaftspolitischen Fragen gegensätzliche Positionen. Islamistische Organisationen lehnen religiöse Freiheit, sexuelle Selbstbestimmung, pluralistische Demokratie und individuelle Emanzipation häufig ab.
Trotzdem entstehen politische Allianzen.
Der gemeinsame Nenner ist nicht ein gemeinsames Gesellschaftsmodell, sondern ein gemeinsames Feindbild. Israel wird als westlicher Kolonialposten, rassistischer Unterdrückerstaat und Symbol des Kapitalismus dargestellt. Der Konflikt wird in ein starres Schema aus mächtigen weißen Tätern und machtlosen nichtweißen Opfern gepresst.

In diesem Weltbild stören jüdische Geschichte und jüdische Vielfalt. Juden stammen aus Europa, Nordafrika, dem Nahen Osten, Äthiopien, Zentralasien und vielen weiteren Regionen. Die jüdische Verbindung zum Land Israel reicht über Jahrtausende zurück.
Mehr als 800.000 Juden verließen oder verloren im 20. Jahrhundert ihre Heimat in arabischen und mehrheitlich muslimischen Ländern. Diese Geschichte passt schlecht in ein Weltbild, das Israel ausschließlich als europäisches Kolonialprojekt erklären will.
Wer Israel dennoch ausschließlich als weißen Kolonialstaat darstellt, muss jüdische Geschichte entweder ignorieren oder umdeuten. Juden werden dann nicht mehr als historisch verfolgte Minderheit wahrgenommen, sondern kollektiv zu privilegierten Tätern erklärt.
Damit verschiebt sich auch die Grenze zwischen Israelkritik und Antisemitismus. Kritik an israelischer Politik ist legitim und notwendig, wie bei jedem demokratischen Staat.
Antisemitisch wird sie dort, wo Israel mit Maßstäben behandelt wird, die für kein anderes Land gelten, sein Existenzrecht bestritten wird oder klassische Mythen über jüdische Macht, Blutgier und Weltkontrolle auf den „Zionismus“ übertragen werden.
Wie unterschiedliche politische Extreme über das gemeinsame Feindbild Israel zusammenfinden, wird auch im Beitrag „Feindbild Israel: Warum Extreme zusammenfinden“ ausführlicher eingeordnet.
⚠️ Häufiges Missverständnis
Nicht jede Unterstützung palästinensischer Rechte, nicht jede Kritik an einer israelischen Regierung und nicht jede Forderung nach einem palästinensischen Staat ist antisemitisch. Entscheidend sind Inhalt und Kontext. Die Grenze wird überschritten, wenn Juden kollektiv verantwortlich gemacht, Terror legitimiert, Israel dämonisiert oder allein dem jüdischen Volk das Recht auf nationale Selbstbestimmung abgesprochen wird.
Hochschulen als politische Verstärker
Besonders sichtbar wurde die Verbindung aus islamistischer Propaganda und radikal linker Theorie an westlichen Hochschulen. Nach dem 7. Oktober entstanden Protestcamps, Besetzungen und Kampagnen, die teilweise weit über Kritik an der israelischen Kriegsführung hinausgingen.

Parolen wie „Globalize the Intifada“ oder „From the river to the sea“ wurden nicht selten neben Symbolen und Aussagen verbreitet, die den Hamas-Angriff glorifizierten. Jüdische Studenten berichteten von Einschüchterung, Ausgrenzung und Bedrohungen.
Gleichzeitig wurden Terrororganisationen als Befreiungsbewegungen umgedeutet. Was im eigenen Land als autoritär, frauenfeindlich, homophob oder religiös fundamentalistisch gelten würde, wurde plötzlich entschuldigt, sobald es sich gegen Israel richtete.
Eine Untersuchung des Program on Extremism der George Washington University beschreibt personelle, ideologische und organisatorische Verbindungen zwischen früheren Hamas-nahen Strukturen in den USA, American Muslims for Palestine und dem Umfeld von Students for Justice in Palestine.
Daraus folgt nicht, dass jede örtliche SJP-Gruppe von der Hamas gesteuert wird oder jeder Teilnehmer eines Protestcamps islamistische Ziele verfolgt. Es zeigt jedoch, dass Teile der Campusmobilisierung nicht in einem geschichtslosen Vakuum entstanden sind.
Bestimmte Akteure, Netzwerke und Narrative existierten lange vor dem 7. Oktober. Das Massaker und der anschließende Krieg wirkten nicht als Ursprung, sondern als Beschleuniger einer bereits vorhandenen Infrastruktur.
Auch ausländische Finanzierung ist ein legitimer Gegenstand kritischer Prüfung. Nach den 2025 gemeldeten Daten des US-Bildungsministeriums war Katar mit mehr als 1,1 Milliarden US-Dollar die größte ausländische Quelle meldepflichtiger Schenkungen und Verträge amerikanischer Hochschulen.
Diese Zahl beweist für sich allein weder eine direkte Steuerung von Lehrplänen noch die Finanzierung antisemitischer Proteste. Ein großer Teil solcher Verträge hängt mit internationalen Hochschulstandorten und Forschungskooperationen zusammen.
Sie zeigt aber, wie groß der finanzielle Einfluss autoritärer Staaten auf westliche Bildungsinstitutionen geworden ist und warum vollständige Transparenz unverzichtbar bleibt.
Desinformation braucht keine allmächtige Zentrale
Unmittelbar nach dem 7. Oktober verbreiteten sich falsche oder ungesicherte Behauptungen millionenfach. Besonders deutlich wurde dies nach der Explosion am Al-Ahli-Krankenhaus in Gaza am 17. Oktober 2023.
Noch bevor belastbare Untersuchungen vorlagen, wurde Israel weltweit beschuldigt, das Krankenhaus gezielt bombardiert und Hunderte Menschen getötet zu haben. Die Behauptung verbreitete sich innerhalb kürzester Zeit über Nachrichtensender, soziale Netzwerke und politische Stellungnahmen.

Mehrere Auswertungen kamen zu dem Ergebnis, dass eine fehlgeleitete Rakete einer palästinensischen bewaffneten Gruppe die wahrscheinlichste Ursache der Explosion war. Human Rights Watch sah deutliche Hinweise auf ein solches Geschoss, betonte jedoch zugleich, dass ohne Zugang zum Ort und zu den Munitionsresten keine abschließende Zuordnung möglich sei.
Die ursprüngliche Behauptung hatte zu diesem Zeitpunkt jedoch längst Proteste, Ausschreitungen und politische Reaktionen ausgelöst. Die emotionale Wirkung war bereits eingetreten, die Korrektur kam zu spät.
Das Beispiel zeigt, wie moderne Propaganda funktioniert. Eine aufgeladene Behauptung wird früh veröffentlicht, von staatlichen Medien, Aktivisten und reichweitenstarken Accounts verstärkt und anschließend zur moralischen Gewissheit erklärt.
Spätere Korrekturen erreichen nur noch einen Bruchteil des Publikums. Die ursprüngliche Erzählung bleibt bestehen, weil sie nicht aufgrund ihrer Belege geglaubt wurde, sondern weil sie in ein bereits vorhandenes Weltbild passte.
Eine 2026 veröffentlichte wissenschaftliche Untersuchung von rund 4,5 Millionen Beiträgen zum Israel-Hamas-Krieg auf X identifizierte mehrere koordinierte Gruppen, aber keine einheitliche zentrale Steuerung.
Die Forscher beschrieben vielmehr eine fragmentierte Landschaft aus Kampagnen, politischer Mobilisierung, religiöser Solidarität und gezielter Verbreitung irreführender Inhalte.
Genau das macht die Entwicklung so schwer greifbar. Es braucht keinen geheimen Weltplan. Verschiedene Akteure können aus unterschiedlichen Gründen dieselbe falsche Geschichte verbreiten, solange sie in ihr jeweiliges Weltbild passt.
Wie falsche oder voreilige Meldungen den Nahostkonflikt prägen, wird im Beitrag „Medienmanipulation im Nahostkonflikt“ ausführlicher untersucht.
Internationale Institutionen und der politische Doppelstandard
Auch internationale Organisationen tragen zur einseitigen Fixierung auf Israel bei. Nach einer Auswertung der in Genf ansässigen Nichtregierungsorganisation UN Watch verabschiedete die UN-Generalversammlung 2024 insgesamt 17 Resolutionen gegen Israel und sechs gegen alle anderen Staaten zusammen. 2025 waren es 15 Resolutionen zu Israel und elf zum Rest der Welt.

Diese Zählung stammt von einer Organisation, die die Vereinten Nationen ausdrücklich wegen ihrer Israelpolitik kritisiert. Sie ist deshalb nicht als neutrale Statistikbehörde zu behandeln. Die zugrunde liegenden Resolutionen und Abstimmungen sind jedoch öffentlich überprüfbar.
Israel darf und muss für konkrete Rechtsverletzungen kritisiert werden. Auffällig bleibt dennoch, dass ein einzelner demokratischer Staat regelmäßig häufiger Gegenstand länderspezifischer Resolutionen ist als zahlreiche Diktaturen, Bürgerkriegsländer und autoritäre Regime zusammen.
Auch der Umgang mit der UNRWA verlangt Differenzierung. Laut der offiziellen Mitteilung zum Abschluss der internen Untersuchung konnten bei neun Mitarbeitern die vorhandenen Informationen auf eine mögliche Beteiligung am Angriff vom 7. Oktober hindeuten.
Die Betroffenen wurden entlassen. Bei anderen Beschuldigten waren die Belege unzureichend oder nicht überprüfbar.
Das ist weder ein Beweis dafür, dass die gesamte UNRWA eine Terrororganisation wäre, noch eine belanglose Personalfrage. Wenn Mitarbeiter eines UN-Hilfswerks möglicherweise an einem Massaker beteiligt waren, berührt das unmittelbar die Glaubwürdigkeit, Kontrolle und politische Neutralität der Institution.
Die deutsche Linke ringt mit ihrem eigenen Widerspruch
Auch in Deutschland ist die Debatte nicht auf einzelne Demonstranten beschränkt. Teile der radikalen Linken verbinden antiimperialistische Theorie, Kapitalismuskritik und eine obsessive Fixierung auf Israel.
Islamistische Akteure werden dabei häufig nicht nach ihren eigenen autoritären Zielen beurteilt, sondern danach, ob sie gegen Israel und den Westen kämpfen. Der politische Gegner des eigenen Gegners wird zum Verbündeten erklärt, selbst wenn seine Ideologie den eigenen Freiheitsversprechen widerspricht.

Eine Recherche des Bayerischen Rundfunks dokumentierte im Juni 2026 antisemitische Aussagen, Hamas-Verharmlosung sowie Stalin-, Mao- und DDR-Verherrlichung bei Funktionären und Vorstandsmitgliedern der Linksjugend.
Solche Beispiele beweisen nicht, dass die gesamte Partei oder Jugendorganisation antisemitisch ist. Sie zeigen aber, dass das Problem nicht bloß von politischen Gegnern erfunden wurde.
Die Partei Die Linke reagierte auf ihrem Bundesparteitag im Juni 2026 mit mehreren Beschlüssen. Am 21. Juni verabschiedete sie den Antrag „Gegen jeden Antisemitismus“.
Darin bekannte sich die Partei zur Solidarität mit Juden und zur Verantwortung aus der deutschen Geschichte. Dieser Beschluss muss fair erwähnt werden.
Zugleich bleibt die Frage, ob formelle Erklärungen ausreichen, wenn in Teilen des eigenen Umfelds Terror relativiert, Israel dämonisiert oder Antisemitismus nur dann erkannt wird, wenn er von rechts kommt.
Die ideologische Zweckgemeinschaft zwischen Islamisten und radikalen Linken ist deshalb kein Bündnis vollständiger Übereinstimmung. Sie beruht auf selektiver Blindheit.
Die jeweils reaktionären Seiten des politischen Partners werden ausgeblendet, solange der gemeinsame Gegner Israel, der Westen oder der Kapitalismus heißt.
Der Beitrag „Deutschlands Linke und Israel“ untersucht die historischen und politischen Hintergründe dieser Entwicklung ausführlicher.
Antizionismus als moderne Tarnsprache
Antisemitismus passt sich seiner Umgebung an. Im christlichen Europa wurde Juden religiöse Schuld zugeschrieben. Im 19. und 20. Jahrhundert wurden sie als Rasse, Finanzmacht oder zersetzende Weltverschwörung dargestellt.
Nach der Shoah wurden viele dieser Vorstellungen gesellschaftlich geächtet.
Sie verschwanden nicht. Sie wurden sprachlich modernisiert.
Aus „den Juden“ werden „die Zionisten“. Aus der angeblichen jüdischen Weltmacht wird eine allmächtige Israel-Lobby. Aus dem mittelalterlichen Ritualmordvorwurf wird die Behauptung, Israel töte Kinder aus besonderer Grausamkeit. Aus der Forderung nach Vertreibung der Juden wird die Forderung nach einem Ende des jüdischen Staates.
Nicht jede antizionistische Position ist deshalb automatisch mit persönlichem Hass auf Juden verbunden. Politisch läuft die vollständige Ablehnung jüdischer nationaler Selbstbestimmung jedoch auf eine bemerkenswerte Sonderregel hinaus:
Nationale Bewegungen vieler Völker werden als Befreiung anerkannt, nur die jüdische soll grundsätzlich illegitim sein.
Diese Ungleichbehandlung ist der Kern des modernen Antisemitismus gegen Israel. Sie erlaubt es, dieselben alten Feindbilder weiterzutragen und sich zugleich selbst für besonders antirassistisch zu halten.
Die Folgen treffen nicht nur Israel
Die Normalisierung des Israelhasses bleibt nicht auf außenpolitische Debatten beschränkt. Sie verändert das Leben jüdischer Menschen in Berlin, Paris, London, New York und vielen anderen Städten.

Synagogen brauchen Polizeischutz, jüdische Schulen Sicherheitsanlagen und Menschen überlegen, ob sie eine Kippa, einen Davidstern oder hebräische Schrift öffentlich zeigen können. Eine Gesellschaft, in der Juden ihre Identität aus Angst verbergen, hat kein abstraktes Debattenproblem. Sie hat ein demokratisches Problem.
Die Gefahr richtet sich zugleich gegen demokratische Gesellschaften insgesamt. Wo Terror als Widerstand verklärt wird, verliert Gewalt seinen moralischen Schrecken. Wo ausländische autoritäre Regime Hochschulen, Medien und politische Organisationen beeinflussen können, wird offene Gesellschaft zur handelbaren Kulisse.
Wo antisemitische Parolen als Befreiungssprache gelten, wird Menschenfeindlichkeit nicht überwunden, sondern lediglich ideologisch umetikettiert.
Es wäre falsch, alle pro-palästinensischen Demonstranten, alle Linken oder alle Muslime unter Generalverdacht zu stellen. Ebenso falsch ist es, die dokumentierten Verbindungen, ideologischen Überschneidungen und antisemitischen Erscheinungsformen aus Angst vor einer unbequemen Debatte zu verschweigen.
✔️ Zusammengefasst
Der Antisemitismus seit dem 7. Oktober 2023 ist weder ausschließlich islamistisch noch ausschließlich links. Es gibt keine nachgewiesene zentrale Steuerung aller weltweiten Proteste und Kampagnen. Dokumentiert sind jedoch islamistische Ideologien, staatliche Einflussnahme, organisierte Netzwerke, radikal linke Bündnispartner und eine politische Kultur, in der Israel mit Maßstäben behandelt wird, die bei anderen Staaten kaum eine Rolle spielen.
Wer diese Zusammenhänge ernst nimmt, verteidigt nicht jede israelische Entscheidung. Er verteidigt die Grenze zwischen legitimer Kritik und der Dämonisierung des jüdischen Staates.
Der entscheidende Unterschied verläuft nicht zwischen links und rechts, Muslimen und Nichtmuslimen oder Israelis und Palästinensern. Er verläuft zwischen denen, die politische Konflikte nach überprüfbaren Fakten und gleichen moralischen Maßstäben beurteilen, und denen, die jedes Bündnis akzeptieren, solange es sich gegen den richtigen Feind richtet.
ℹ️ Faktenbasis und Primärquellen zum Artikel 📑
▶️ Hamas-Charta von 1988 im Avalon Project der Yale Law School
Englische Übersetzung der Gründungscharta mit den antisemitischen Passagen in Artikel 7 und Artikel 32
▶️ Hamas: A Document of General Principles and Policies von 2017
Grundsatzpapier zur Selbstdarstellung, zum territorialen Anspruch und zum bewaffneten Widerstand
▶️ UNRWA: Abschluss der Untersuchung zu Vorwürfen gegen Mitarbeiter
Offizielle Erklärung zu den untersuchten Vorwürfen einer möglichen Beteiligung am 7. Oktober 2023
▶️ US Department of Education: Foreign Funding Disclosures 2025
Aktuelle Angaben zu ausländischen Schenkungen und Verträgen amerikanischer Hochschulen
▶️ ADL Audit of Antisemitic Incidents 2025
Jahresbericht zu antisemitischer Belästigung, Sachbeschädigung und Gewalt in den Vereinigten Staaten
▶️ Bundesverband RIAS: Antisemitische Vorfälle in Deutschland 2025
Bundesweite Dokumentation antisemitischer Gewalt, Bedrohungen und weiterer Vorfälle
▶️ Community Security Trust: Antisemitic Incidents Report 2025
Jahresbericht zur Entwicklung antisemitischer Vorfälle in Großbritannien
▶️ SPCJ: Antisemitismus in Frankreich 2025
Aktuelle Daten zu antisemitischen Taten und körperlicher Gewalt in Frankreich
▶️ Bundeszentrale für politische Bildung: Flucht und Vertreibung von Juden aus den arabischen Ländern
Historische Einordnung zur Flucht und Vertreibung von rund 850.000 Juden aus arabischen Ländern im 20. Jahrhundert
▶️ George Washington University: Hamas’s Influence on US Campuses
Untersuchung zu historischen Netzwerken, American Muslims for Palestine und Students for Justice in Palestine
▶️ Human Rights Watch: Findings on the Al-Ahli Hospital Explosion
Auswertung von Bildmaterial, Zeugenaussagen und Schäden zur wahrscheinlichsten Ursache der Explosion vom 17. Oktober 2023
▶️ Israel-Hamas War on X: Coordinated Campaigns and Information Integrity
Wissenschaftliche Untersuchung koordinierter Kampagnen und irreführender Inhalte auf X
▶️ UN Watch: Resolutionen der UN-Generalversammlung 2025
Auswertung länderspezifischer Resolutionen mit einer auffälligen Fokussierung auf Israel
▶️ Die Linke: Gegen jeden Antisemitismus
Beschluss des Bundesparteitages vom 21. Juni 2026
▶️ BR-Recherche: Antisemitismus und Diktaturverherrlichung in der Linksjugend
Recherche zu Äußerungen und internen Beiträgen von Funktionären und Vorstandsmitgliedern

