Der 7. Oktober, der nicht vergeht: Charlie Veitch erinnert an das Verdrängte
Ein kurzer Videoausschnitt verbreitet sich erneut in den sozialen Medien. Darin schildert der britische YouTuber und Straßenreporter Charlie Veitch Aufnahmen des Hamas-Terrorangriffs vom 7. Oktober 2023, die er mit eigenen Augen gesehen hat. Seine Reaktion ist persönlich und emotional, doch die politische Frage dahinter reicht weit über ihn hinaus: Was geschieht mit einer Gesellschaft, die das Massaker schneller aus dem Gedächtnis verliert als die Parolen auf ihren Straßen?
Ein Ausschnitt, der nicht an Wirkung verliert
Charlie Veitch schildert in einem längeren Gespräch mit dem Podcaster Liam Tuffs Aufnahmen vom Hamas-Terrorangriff am 7. Oktober 2023, die er selbst gesehen hat.
Der nun erneut verbreitete Ausschnitt stammt aus dem Jahr 2025. Neu sind seine Aussagen nicht, doch sie haben nichts von ihrer Wucht verloren. Veitch berichtet nicht abstrakt über Opferzahlen oder politische Deutungen, sondern über konkrete Menschen, Familien und Kinder, deren Ermordung von den Tätern selbst gefilmt wurde.
Gerade darin liegt die Bedeutung des Videos: Es zwingt den Zuschauer zurück zu dem, was in vielen Debatten längst hinter Begriffen wie „Kontext“, „Eskalation“ oder „Nahostkonflikt“ verschwunden ist. Am Anfang dieses Krieges stand ein gezielter Terrorangriff auf Zivilisten.
Der verbreitete X-Beitrag
Hard hitting stuff from Charlie Veitch but he is not wrong is he! https://t.co/oTu9aNa6EO
— Benonwine (@benonwine) July 6, 2025
Was Charlie Veitch gesehen hat
Der Videoausschnitt enthält keine vollständigen Originalaufnahmen des Massakers, aber eindringliche Schilderungen schwerer Gewalt gegen Kinder und Familien. Der Inhalt kann emotional stark belasten.
Veitch berichtet von Rohmaterial, das während des Hamas-Terrorangriffs am 7. Oktober 2023 aufgenommen wurde. Ein Teil dieser Bilder stammte von Körperkameras und Mobiltelefonen der Angreifer. Andere Szenen wurden durch Überwachungskameras, Mobiltelefone der Opfer oder später eintreffende Rettungskräfte dokumentiert.
Eine der von ihm beschriebenen Aufnahmen zeigt nach seiner Darstellung eine jüdische Jugendliche, die in ihrem eigenen Haus in den Bauch geschossen wurde. Ihre Eltern und ihr Bruder mussten mitansehen, wie sie verblutete. Der Angriff sei über Facebook übertragen worden, bevor weitere Familienmitglieder erschossen wurden.
In einer anderen Szene seien zwei kleine Brüder nach einem Granatenangriff zu sehen gewesen. Einer der Jungen war schwer verletzt. Während beide um ihre Eltern weinten, versuchte der jüngere Bruder, das Geschehen als Traum zu begreifen.
Veitch kämpft während seiner Erzählung sichtbar mit den Tränen. Seine Reaktion ist weit entfernt von der distanzierten Sprache eines Nachrichtensprechers. Sie wirkt wie die Reaktion eines Menschen, der Bilder gesehen hat, die sich nicht mehr aus dem Gedächtnis entfernen lassen.
Die konkreten Szenen werden hier als persönliche Schilderung Charlie Veitchs wiedergegeben. Der kurze Ausschnitt ermöglicht keine unabhängige Überprüfung jedes einzelnen Details. Die systematische Ermordung, Misshandlung und Verschleppung israelischer Zivilisten am 7. Oktober 2023 ist jedoch durch Täteraufnahmen, Zeugenaussagen, forensische Untersuchungen und internationale Berichte umfassend dokumentiert.
Der gekürzte Videoausschnitt
Der verbreitete Ausschnitt zeigt nur einen Teil des Gesprächs. Das vollständige Interview mit Liam Tuffs enthält weitere Aussagen Veitchs zur politischen und gesellschaftlichen Lage in Großbritannien.
Die Familie Bibas und die Grenze des Erträglichen
Besonders schwer fällt es Veitch, über die Familie Bibas zu sprechen. Ihr Schicksal wurde zu einem der bekanntesten Symbole des 7. Oktober und der anschließenden Geiselhaft im Gazastreifen.
Shiri Bibas wurde am 7. Oktober 2023 gemeinsam mit ihren Söhnen Ariel und Kfir aus dem Kibbuz Nir Oz verschleppt. Ariel war vier Jahre alt, Kfir erst neun Monate. Auf den weltweit verbreiteten Aufnahmen hält Shiri ihre beiden rothaarigen Kinder fest im Arm, während bewaffnete Männer sie umringen.
Yarden Bibas wurde ebenfalls verletzt und getrennt von seiner Frau und seinen Kindern in den Gazastreifen verschleppt. Er verbrachte 484 Tage in Gefangenschaft.
Von der vierköpfigen Familie kehrte nur Yarden lebend zurück.
Nach israelischen Angaben wurden Shiri, Ariel und Kfir in der Gefangenschaft ermordet. Die israelische Armee erklärte unter Berufung auf geheimdienstliche Erkenntnisse und forensische Untersuchungen, Ariel und Kfir seien bereits im November 2023 von ihren Entführern getötet worden. Hamas behauptete dagegen, die Familie sei bei einem israelischen Luftangriff ums Leben gekommen. Israel wies diese Darstellung unter Verweis auf die Untersuchung der Leichname zurück.
Auch die Übergabe der Toten wurde zu einem weiteren Akt der Grausamkeit. Am 20. Februar 2025 übergab Hamas vier Särge und erklärte, darin befänden sich unter anderem die sterblichen Überreste von Shiri, Ariel und Kfir Bibas. Die beiden Kinder wurden identifiziert. Bei dem Leichnam, der als Shiri Bibas übergeben worden war, handelte es sich jedoch um eine unbekannte Frau aus Gaza.
In der folgenden Nacht wurde ein weiterer Leichnam nach Israel überführt und anschließend als Shiri Bibas identifiziert.
Yarden berichtete nach seiner Freilassung von psychologischer Folter während seiner Gefangenschaft. Nach seiner Darstellung teilten ihm die Entführer vor laufender Kamera mit, seine Frau und seine Kinder seien tot. Anschließend zwangen sie ihn zu einer Propagandaaufnahme.
Später hätten sie ihn wiederholt verhöhnt: Der Tod seiner Familie spiele keine Rolle, er könne schließlich eine neue Frau und neue Kinder bekommen, sogar eine bessere Frau und bessere Kinder.
Diese Aussagen zeigen, dass Geiselhaft nicht nur der körperlichen Kontrolle diente. Sie sollte die Gefangenen entwürdigen, ihre Hoffnung zerstören und sie seelisch brechen.

Die Täter dokumentierten ihre eigenen Verbrechen
Der 7. Oktober unterscheidet sich auch deshalb von vielen früheren Terrorangriffen, weil zahlreiche Täter ihre Verbrechen selbst aufzeichneten. Sie filmten das Eindringen in israelische Ortschaften, die Jagd auf Zivilisten, Morde, Entführungen und die Misshandlung von Gefangenen.
Teilweise wurden Aufnahmen über die Mobiltelefone der Opfer direkt an deren Angehörige oder in soziale Netzwerke übertragen. Die Gewalt sollte nicht nur Menschen töten, sondern Angst verbreiten, Familien demütigen und eine ganze Gesellschaft traumatisieren.
Der Angriff war kein spontaner Gewaltausbruch und keine militärische Operation, bei der Zivilisten versehentlich zwischen die Fronten gerieten. Bewaffnete Hamas-Terroristen und Mitglieder weiterer palästinensischer Gruppen drangen gezielt in Wohnhäuser, Kibbuzim und auf das Nova-Musikfestival ein.
Menschen wurden erschossen, verbrannt, verschleppt und misshandelt. Eine Mission der Vereinten Nationen fand hinreichende Gründe für die Annahme, dass es an mehreren Orten zu konfliktbezogener sexualisierter Gewalt einschließlich Vergewaltigungen und Gruppenvergewaltigungen kam. Auch Human Rights Watch dokumentierte zahlreiche gezielte Angriffe auf Zivilisten, Geiselnahmen und weitere Kriegsverbrechen palästinensischer bewaffneter Gruppen.
Diese Erkenntnisse stammen nicht aus einem einzigen israelischen Video und nicht aus einer einzigen politischen Darstellung. Sie beruhen auf einer Vielzahl voneinander unabhängiger Quellen, darunter Täteraufnahmen, Videos von Überwachungskameras, Zeugenaussagen, forensische Befunde und internationale Untersuchungen.
Protest ist legitim, Terrorverherrlichung nicht
Kritik an der israelischen Regierung ist legitim. Auch Solidarität mit palästinensischen Zivilisten und Forderungen nach humanitärer Hilfe sind weder antisemitisch noch grundsätzlich verdächtig.
Eine demokratische Gesellschaft muss scharfe Kritik, kontroverse Demonstrationen und politische Forderungen aushalten. Sie muss aber nicht dulden, dass eine terroristische Organisation verherrlicht, ihre Symbole demonstrativ gezeigt oder ihre Verbrechen als Widerstand romantisiert werden.
Die britische Regierung stuft Hamas seit 2021 vollständig als Terrororganisation ein. Die frühere künstliche Trennung zwischen einem angeblich politischen und einem militärischen Flügel wurde ausdrücklich aufgegeben. Unterstützung und bestimmte Formen der öffentlichen Befürwortung können nach britischem Recht strafbar sein.
Nicht jede palästinensische Fahne ist eine Hamas-Fahne und nicht jeder Teilnehmer einer Demonstration unterstützt Terrorismus. Diese Unterscheidung ist notwendig. Ebenso notwendig ist jedoch die Unterscheidung zwischen legitimer Solidarität und der öffentlichen Billigung einer Organisation, die Zivilisten ermordet und Geiseln verschleppt hat.
Nicht jede palästinensische Fahne ist eine Hamas-Fahne und nicht jeder Teilnehmer einer Demonstration unterstützt Terrorismus. Diese Unterscheidung ist notwendig. Ebenso notwendig ist jedoch die Unterscheidung zwischen legitimer Solidarität und der öffentlichen Billigung einer Organisation, die Zivilisten ermordet und Geiseln verschleppt hat.
Nicht jede palästinensische Fahne ist eine Hamas-Fahne und nicht jeder Teilnehmer einer Demonstration unterstützt Terrorismus. Diese Unterscheidung ist notwendig. Ebenso notwendig ist jedoch die Unterscheidung zwischen legitimer Solidarität und der öffentlichen Billigung einer Organisation, die Zivilisten ermordet und Geiseln verschleppt hat.
Auch die Parole „From the river to the sea“ kann nicht losgelöst von ihrem politischen Zusammenhang betrachtet werden. Viele Juden verstehen sie als Forderung nach der Beseitigung Israels zwischen Jordan und Mittelmeer. Wer diese Wirkung ignoriert, darf sich nicht wundern, wenn jüdische Bürger solche Demonstrationen nicht als harmloses Spektakel erleben.
Dass diese Angst nicht bloß subjektiv ist, zeigen die Zahlen des britischen Community Security Trust. Die Organisation registrierte im Jahr 2025 insgesamt 3.700 antisemitische Vorfälle. Der monatliche Durchschnitt lag damit doppelt so hoch wie im Jahr vor dem 7. Oktober 2023.
Mehr als die Hälfte der Vorfälle stand nach Angaben des Community Security Trust in einem inhaltlichen oder situativen Zusammenhang mit Israel, Gaza, dem 7. Oktober oder dem anschließenden Krieg. Das bedeutet nicht, dass jede Kritik an Israel antisemitisch wäre. Es zeigt jedoch, wie häufig eine politische Debatte über Israel in offenen Hass gegen Juden umschlägt.
Die Verweigerung der Erinnerung
Die eigentliche Provokation des Videos liegt nicht nur in der geschilderten Gewalt. Sie liegt in der Erinnerung daran, wie schnell diese Gewalt aus Teilen der europäischen Debatte verschwunden ist.
Bereits wenige Wochen nach dem Massaker wurde der 7. Oktober vielerorts nur noch als einleitender Nebensatz behandelt. Im Mittelpunkt standen nun fast ausschließlich Israels militärische Reaktion, die Lage im Gazastreifen und die Frage, welche Verantwortung Israel für jede weitere Entwicklung trage.
Das Leid palästinensischer Zivilisten darf nicht verschwiegen oder geringgeschätzt werden. Es hebt die Verantwortung der Hamas für den Terrorangriff, die Geiselnahmen und die Fortsetzung des Krieges jedoch nicht auf.
Kontext kann erklären, wie ein Konflikt entstanden ist. Er kann nicht erklären, weshalb Terroristen in Wohnhäuser eindringen, Kinder verschleppen, Familien vor laufender Kamera ermorden und ihre Taten als Triumph präsentieren.
Wer unmittelbar nach einem Massaker zunächst nach dem Verhalten der Opfer fragt, verschiebt die moralische Verantwortung. Plötzlich geht es nicht mehr darum, weshalb Menschen ermordet wurden, sondern darum, ob Israel zuvor möglicherweise etwas getan habe, das diese Gewalt verständlicher erscheinen lasse.
Genau darin liegt die Gefahr der vermeintlich differenzierten Relativierung. Sie klingt ausgewogen, führt aber dazu, dass die Täter aus dem Zentrum der Betrachtung verschwinden.
Was aus der Erinnerung folgen muss
Israel besitzt das Recht, seine Bürger gegen Hamas und andere bewaffnete Gruppen zu verteidigen. Dieses Recht folgt nicht aus Sympathie, politischer Nähe oder einer historischen Sonderregel, sondern aus dem grundlegenden Recht jedes Staates, seine Bevölkerung gegen bewaffnete Angriffe zu schützen.
Dieses Selbstverteidigungsrecht entbindet keine Kriegspartei von den Regeln des humanitären Völkerrechts. Militärische Entscheidungen dürfen und müssen kritisch geprüft werden. Eine solche Prüfung setzt jedoch voraus, dass Ursache, Ablauf und Verantwortlichkeiten des Krieges nicht nachträglich vertauscht werden.
Hamas ist keine gewöhnliche politische Bewegung und kein missverstandener Gesprächspartner. Die britische Regierung bezeichnet sie als einheitliche terroristische Organisation. Ihre Herrschaft beruht auf bewaffneter Gewalt, Einschüchterung und einer islamistischen Ideologie, die keinen jüdischen Staat akzeptiert.
Charlie Veitchs Video ist deshalb mehr als ein emotionaler Internetmoment. Es erinnert an etwas, das in der öffentlichen Debatte zunehmend unbequem geworden ist: Der Krieg begann nicht mit einer israelischen Militäroperation, sondern mit einem geplanten Terrorangriff auf israelische Familien, Ortschaften und ein Musikfestival.
Wer über alles spricht, was danach geschah, muss auch bereit sein, bei diesem Ausgangspunkt zu bleiben.
Charlie Veitch schildert persönlich die Aufnahmen, die er gesehen hat. Nicht jedes von ihm genannte Detail lässt sich anhand des kurzen Ausschnitts unabhängig überprüfen. Die zentralen Verbrechen des 7. Oktober 2023 sind jedoch umfassend dokumentiert.
Die Familie Bibas steht beispielhaft für die Ermordung, Verschleppung und psychologische Folter israelischer Familien. Gleichzeitig zeigen die anhaltend hohen antisemitischen Vorfallzahlen in Großbritannien, dass jüdische Angst nicht als Überempfindlichkeit abgetan werden kann.
Kritik an Israel und Solidarität mit palästinensischen Zivilisten sind legitim. Die Relativierung des Hamas-Terrors, die Verherrlichung einer verbotenen Terrororganisation und die Verdrängung der Opfer sind es nicht.
Erinnerung ist kein politisches Lager und keine Parteinahme. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass Täter Täter bleiben und Opfer nicht nachträglich für das Verbrechen verantwortlich gemacht werden, das ihnen angetan wurde.