Schlagwort: Dokumentarfilm NAZA

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Symbolische Darstellung zu Netanyahus Vorstoß für den Staatsbürgerschaftsentzug bei IDF-Verleumdung

Netanyahu will Staatsbürgerschaft bei IDF-Verleumdung entziehen

Israels Premierminister Benjamin Netanyahu will mit zwei neuen Gesetzen gegen die Verleumdung israelischer Soldaten im Ausland vorgehen. Eines davon soll künftig auch den Entzug der israelischen Staatsbürgerschaft ermöglichen. Auslöser ist die Kontroverse um den Dokumentarfilm „NAZA“. Doch zwischen Netanyahus politischer Ankündigung und einem tatsächlich anwendbaren Gesetz liegen entscheidende rechtliche Fragen.

Netanyahu kündigte den Vorstoß am 16. September 2026 in einer Videobotschaft an. Nach übereinstimmenden Berichten der Times of Israel, der Jerusalem Post und von Reuters sollen zwei Regierungsvorlagen auf den Weg gebracht werden. Die erste soll den Entzug der Staatsbürgerschaft ermöglichen, die zweite die möglichen Schadensersatzforderungen in Verleumdungsverfahren um das Zwanzigfache erhöhen.

Verleumdung israelischer Soldaten: Was Netanyahu ankündigte

Bei der Formulierung kommt es auf einen Unterschied an, der in einigen internationalen Schlagzeilen bereits verschwimmt. Netanyahu sprach nicht allgemein von Israelis, die die IDF kritisieren. Er sprach von Personen, die israelische Soldaten verleumden oder anschwärzen. Die Times of Israel verwendet dafür „slander“, Reuters „defame“, die Jerusalem Post „smearing“.

Diese Unterscheidung ist wesentlich. Politische Kritik an der Armee, eine falsche Tatsachenbehauptung und eine gerichtlich festgestellte Verleumdung sind nicht dasselbe. Genau deshalb geht etwa die Überschrift von Novara Media, Netanyahu wolle Israelis die Staatsbürgerschaft entziehen, die die IDF „kritisieren“, über den bislang belegten Wortlaut hinaus.

Netanyahu nannte drei Beispiele, die aus seiner Sicht Israel und den Soldaten der IDF schweren Schaden zugefügt hätten. Er verwies auf Äußerungen des Vorsitzenden der Demokraten und ehemaligen Generalstabs-Vizechefs Yair Golan, auf die frühere Militärstaatsanwältin Yifat Tomer-Yerushalmi sowie auf die Filmemacher Yuval Abraham und Rachel Szor hinter „NAZA“.

Bei Tomer-Yerushalmi bezog er sich auf den Leak des 2024 ausgestrahlten Überwachungsvideos aus dem Militärgefängnis Sde Teiman, das mutmaßliche Misshandlungen eines palästinensischen Häftlings durch israelische Soldaten zeigen sollte. Tomer-Yerushalmi räumte später ein, die Weitergabe des Videos autorisiert zu haben. Netanyahu bezeichnete den Leak als schwere Verleumdung und erklärte, das Video sei bearbeitet worden. Die Times of Israel weist zugleich darauf hin, dass keine glaubhaften Belege dafür vorlagen, dass das Video unecht war. Die beiden angekündigten Gesetze sollen nach Netanyahus Worten als Regierungsvorlagen eingebracht werden.

„NAZA“ ist der Auslöser, aber nicht der einzige Fall

Im Zentrum der aktuellen Auseinandersetzung steht der Dokumentarfilm „NAZA“ von Yuval Abraham und Rachel Szor. Der Film stützt sich auf anonyme Aussagen israelischer Soldaten und Angehöriger des Militärgeheimdienstes und erhebt schwere Vorwürfe gegen die israelische Kriegsführung im Gazastreifen. Er behauptet unter anderem, hohe erwartete zivile Opferzahlen seien bei bestimmten Zielentscheidungen systematisch einkalkuliert worden.

Die IDF weist zentrale Aussagen des Films zurück. Wie die Times of Israel berichtet, erklärte das Militär, die öffentlich bekannten Aussagen und Materialien enthielten falsche Behauptungen und Verzerrungen. Die IDF hatte den vollständigen Film zu diesem Zeitpunkt nach eigenen Angaben noch nicht gesehen und bat darum, ihn vollständig sichten zu können, um auf die Vorwürfe im Einzelnen zu reagieren.

Generalstabschef Eyal Zamir ließ darüber hinaus mögliche rechtliche Schritte gegen den Film und Beteiligte prüfen und ordnete getrennt davon eine Untersuchung möglicher Leaks von klassifiziertem Material an.

Die politische Auseinandersetzung verschärfte sich nach der Auszeichnung von „NAZA“ mit dem Spezialpreis der Jury beim Filmfestival in Venedig. Kulturminister Miki Zohar forderte den Entzug der Staatsbürgerschaft der beiden Regisseure und wandte sich anschließend an den Shin Bet. Nach Angaben der Times of Israel verlangte er eine Untersuchung dazu, wie Material an die Filmemacher gelangt sein könnte.

Damit ist auch hier eine saubere Trennung nötig: Gegen Abraham und Szor stehen politische Vorwürfe und Forderungen im Raum. Eine rechtskräftige Feststellung, dass die beiden wegen des Films eine Straftat begangen hätten, ergibt sich daraus nicht.


Symbolische Darstellung zur rechtlichen Grenze zwischen Kritik und Verleumdung israelischer Soldaten
Symbolische Darstellung | Zwischen Kritik und Verleumdung liegt eine entscheidende rechtliche Grenze.

Israel kann Staatsbürgerschaft schon heute entziehen

Der Entzug der israelischen Staatsbürgerschaft ist rechtlich kein völlig neues Instrument. Die bestehenden Regelungen betreffen jedoch andere und eng definierte Sachverhalte.

Seit einer Änderung des israelischen Staatsbürgerschaftsgesetzes von 2008 kann ein Gericht auf Antrag des Innenministers die Staatsbürgerschaft wegen eines schweren Loyalitätsbruchs gegenüber dem Staat entziehen. Dazu gehören unter anderem Terrorakte, Verrat, schwere Spionage sowie weitere gesetzlich definierte Fälle. Der Oberste Gerichtshof bestätigte 2022 grundsätzlich die Verfassungsmäßigkeit dieser Regelung. Eine juristische Zusammenfassung der Entscheidung dokumentiert das Legal Center Adalah.

Eine strafrechtliche Verurteilung ist für diesen Weg nach der Regelung von 2008 nicht zwingend Voraussetzung. Der Oberste Gerichtshof stellte jedoch klar, dass der Entzug der Staatsbürgerschaft besonders schweren und außergewöhnlichen Fällen vorbehalten bleiben soll. Das geltende Verfahren zeigt zugleich, wie hoch die Hürde ist: Nach Darstellung der Times of Israel muss der Innenminister den Entzug beantragen, der Justizminister zustimmen und ein Gericht die Entscheidung bestätigen.

Daneben beschloss die Knesset im Februar 2023 eine weitere spezielle Regelung. Sie betrifft israelische Staatsbürger oder ständige Einwohner, die wegen einer Straftat verurteilt wurden, die als Loyalitätsbruch gegenüber dem Staat gilt, dafür eine tatsächliche Haftstrafe erhielten und nachweislich Zahlungen der Palästinensischen Autonomiebehörde im Zusammenhang mit der Tat erhalten. Die Knesset dokumentiert das verabschiedete Gesetz und das dafür vorgesehene Verfahren.

Diese bestehenden Regelungen lassen sich nicht einfach auf „NAZA“ übertragen. Terrorakte, Verrat oder schwere Spionage sind rechtlich etwas anderes als eine umstrittene Veröffentlichung oder eine mögliche Verleumdung. Netanyahus Vorstoß würde deshalb einen neuen rechtlichen Anwendungsbereich schaffen müssen.


ℹ️ Rechtlicher Hintergrund

Israel kennt bereits den Entzug der Staatsbürgerschaft bei schweren Loyalitätsbrüchen sowie unter bestimmten Voraussetzungen bei verurteilten Personen, die für eine entsprechende Tat Zahlungen der Palästinensischen Autonomiebehörde erhalten. Netanyahus angekündigte Regelung gegen die Verleumdung von IDF-Soldaten wäre davon zu unterscheiden. Entscheidend wird sein, wie ein konkreter Gesetzentwurf Tatbestand, Verfahren und gerichtliche Kontrolle definiert.


Infografik zu geltendem Recht und Netanyahus zwei Vorhaben zum Staatsbürgerschaftsentzug in Israel
Symbolische Darstellung | Bestehendes israelisches Recht wird zwei von Netanyahu angekündigten Gesetzesvorhaben gegenübergestellt.

Der entscheidende Gesetzestext fehlt noch

Netanyahu hat die politische Richtung beschrieben, aber noch nicht die entscheidenden juristischen Einzelheiten. Aus seinen bislang veröffentlichten Aussagen geht nicht hervor, welcher konkrete Tatbestand künftig einen Entzug der Staatsbürgerschaft ermöglichen soll und welche gerichtliche Feststellung dafür erforderlich wäre.

Offen ist beispielsweise, ob eine rechtskräftige Verurteilung wegen Verleumdung vorausgesetzt werden soll, ob besondere Voraussetzungen für Äußerungen im Ausland gelten und welches Gericht über einen möglichen Staatsbürgerschaftsentzug entscheiden würde.

Das ist keine juristische Nebensache. Ein Gesetz, das nach einem rechtsstaatlichen Verfahren nachweislich falsche Tatsachenbehauptungen erfasst, wäre etwas anderes als eine Regelung, die bereits harte Kritik an Regierung oder Armee zum möglichen Grund für einen Staatsbürgerschaftsentzug macht.


Die Formulierung, Netanyahu wolle Israelis wegen „Kritik an der IDF“ die Staatsbürgerschaft entziehen, ist nach dem bislang bekannten Wortlaut zu pauschal. Belegt ist seine Ankündigung gegenüber Personen, denen er die Verleumdung israelischer Soldaten vorwirft. Wie weit ein tatsächliches Gesetz reichen würde, lässt sich erst anhand des Gesetzestextes beurteilen.

Herzog kritisiert „NAZA“ und den Staatsbürgerschaftsentzug

Israels Präsident Isaac Herzog zog eine bemerkenswerte Trennlinie. Gegenüber Channel 12 erklärte er nach Darstellung der Times of Israel, der Entzug der Staatsbürgerschaft der Filmemacher habe „keine Chance“ und sei „völlig irrelevant“. Gleichzeitig bezeichnete Herzog den Film als „Schande und Schmach“.

Er wandte sich insbesondere gegen die anonymen Militärangehörigen, die ihre Vorwürfe für den Film erhoben hätten, anstatt vorhandene interne Untersuchungswege zu nutzen. Damit vertritt Herzog keine Verteidigung des Films, sondern trennt zwei Fragen voneinander: die inhaltliche Kritik an „NAZA“ und die politische Forderung nach einem Staatsbürgerschaftsentzug.

Auch diese Unterscheidung ist für die Debatte wichtig. Ablehnung des Films bedeutet nicht automatisch Zustimmung zu Netanyahus Gesetzesvorschlag. Umgekehrt macht Kritik am Gesetz die Behauptungen von „NAZA“ nicht automatisch richtig.

Israels Reaktion lenkt die Debatte auf die Meinungsfreiheit

Parallel wächst innerhalb Israels die Sorge, dass die politische Reaktion dem Film international zusätzliche Aufmerksamkeit verschaffen könnte. Channel 12 berichtete über ein internes Papier und Einschätzungen israelischer Diplomaten, wonach eine aggressive öffentliche Reaktion die Debatte vom Inhalt des Films auf die Frage der Meinungsfreiheit verschiebe. Die Times of Israel dokumentiert diese Aussagen, weist aber darauf hin, dass es sich um Einschätzungen beteiligter Stellen und Diplomaten handelt und nicht um eine neue offizielle Regierungslinie.

Am 17. September berichtete die Times of Israel zudem, das Außenministerium habe seinen Diplomaten empfohlen, die Angriffe auf die Filmemacher zurückzufahren. Nach der dort wiedergegebenen Einschätzung schadeten die anhaltenden scharfen israelischen Reaktionen international inzwischen eher, als dass sie Israel nutzten. Der politische Konflikt ist damit längst größer geworden als die ursprüngliche Auseinandersetzung über einen Dokumentarfilm.

Im Kern stehen nun zwei Fragen nebeneinander: Wie belastbar sind die schweren Vorwürfe von „NAZA“ gegen die IDF und wie weit darf der Staat gegenüber eigenen Bürgern gehen, wenn deren Aussagen im Ausland nach Auffassung der Regierung israelische Soldaten verleumden?


Netanyahus Ankündigung ist politisch eindeutig, juristisch aber noch nicht ausformuliert. Ein Gesetz zum Entzug der Staatsbürgerschaft wegen Verleumdung von IDF-Soldaten wäre eine erhebliche Erweiterung gegenüber den bislang bekannten Anwendungsfällen und müsste deshalb an seinem konkreten Wortlaut, seinen Verfahrensregeln und der gerichtlichen Kontrolle gemessen werden.

Fest steht bislang: Netanyahu will die rechtlichen und finanziellen Folgen für Personen erheblich verschärfen, denen er eine Verleumdung israelischer Soldaten vorwirft. Nicht fest steht, dass künftig allgemeine Kritik an der IDF zur Ausbürgerung führen soll. Genau diese Grenze darf in der Berichterstattung nicht verschwimmen, weder zur Verteidigung der Regierung noch zu ihrer Skandalisierung.

ℹ️ Faktenbasis und Primärquellen zum Artikel 📑

▶️ The Times of Israel:
PM pledges bill to strip citizenship from those who smear IDF abroad amid ‘NAZA’ outcry
Dokumentiert Netanyahus Ankündigung der beiden Gesetzesvorhaben, die von ihm genannten Fälle, Herzogs Reaktion, das geltende Verfahren beim Staatsbürgerschaftsentzug sowie die israelische Debatte über die öffentliche Reaktion auf „NAZA“.

▶️ Reuters:
Netanyahu steps up threats against directors of Gaza documentary ‘NAZA’
Unabhängige Agenturbestätigung der Gesetzesankündigung und Einordnung in die Kontroverse um den Dokumentarfilm.

▶️ Jerusalem Post:
Benjamin Netanyahu says he will push for law revoking citizenship for slander of IDF
Bestätigt Netanyahus angekündigten Staatsbürgerschaftsentzug und die geplante Verzwanzigfachung möglicher Schadensersatzforderungen.

▶️ Knesset:
Approved in final readings: Bill to revoke citizenship of a person convicted of terrorism who receives funds for his actions from the Palestinian Authority
Offizielle Dokumentation des 2023 verabschiedeten speziellen Gesetzes zum Entzug der Staatsbürgerschaft beziehungsweise des Aufenthaltsstatus unter definierten Voraussetzungen.

▶️ Adalah / Supreme-Court-Verfahren:
Q&A: Israeli Supreme Court allows government to strip citizenship for ‘breach of loyalty’
Dokumentiert die Regelung von 2008, die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs von 2022, die gesetzlichen Tatbestände und den Umstand, dass eine vorherige strafrechtliche Verurteilung für diesen Weg nicht zwingend erforderlich ist.

▶️ Times of Israel zur Reaktion der IDF auf „NAZA“:
Israeli politicians assail Israeli film alleging AI-powered killing in Gaza
Dokumentiert die Vorwürfe des Films und die Reaktion der IDF auf die öffentlich verfügbaren Materialien.

▶️ Times of Israel zu Zamirs rechtlicher Prüfung:
IDF chief floats legal action against ‘NAZA’ film, orders probe of leaked material
Dokumentiert die angeordnete Prüfung möglicher rechtlicher Schritte sowie die getrennte Untersuchung möglicher Leaks klassifizierten Materials.

▶️ Times of Israel zu Zohars Shin-Bet-Forderung:
Minister urges Shin Bet to probe how sensitive materials reached ‘NAZA’ filmmakers
Dokumentiert Zohars Forderung nach einer Untersuchung der Herkunft des Materials der Filmemacher.

▶️ Times of Israel / Daily Briefing vom 17. September:
Foreign Ministry tells diplomats to dial down attacks on ‘NAZA’ film
Berichtet über die Empfehlung des Außenministeriums an israelische Diplomaten, die öffentliche Angriffslinie gegen die Filmemacher zurückzufahren.

▶️ Novara Media:
Netanyahu Vows to Strip Citizenship From Israelis Who Criticise the IDF
Beispiel für eine internationale Überschrift, die Netanyahus Formulierung „slanders IDF soldiers“ zu allgemeiner Kritik an der IDF erweitert.

▶️ Times of Israel zum Sde-Teiman-Leak:
Netanyahu says leaking of video ostensibly showing abuse of prisoners at Sde Teiman marks ‘a terrible libel’
Dokumentiert Netanyahus Darstellung des Videos als bearbeitet und seinen Vorwurf einer schweren Verleumdung. Die Quelle hält zugleich fest, dass keine glaubhaften Belege für eine Unechtheit des Videos vorlagen.

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„Wenn du dachtest, das war schon alles … haha, nein. Der Irrsinn hat Nachschub.“