Der neue Antisemitismus ist nicht neu. Neu ist vor allem die Sprache, in der er sich tarnt. Er spricht von „Zionisten“, wenn er Juden meint, nennt Ausgrenzung politischen Protest und verkauft kollektive Schuldzuweisung als Kritik an Israel. Der J7-Jahresbericht 2026 zeigt, wohin diese Normalisierung führen kann: 23.174 dokumentierte Vorfälle und 20 Menschen, die 2025 bei antisemitischen Angriffen getötet wurden.
Judenhass kommt heute nicht nur mit Springerstiefeln und offenem Bekenntnis daher. Er erscheint auch im akademischen Vokabular, auf Demonstrationsplakaten, in vermeintlich progressiven Kampagnen und in Kommentarspalten. Mal wird Juden eine geheime Macht unterstellt, mal sollen sie sich für Entscheidungen einer israelischen Regierung rechtfertigen. Mal wird ihnen vorgeworfen, zu Israel zu stehen, mal reicht bereits ein Davidstern, eine Kippa oder der Besuch einer Synagoge.
Die Verpackung wechselt. Der Kern bleibt: Juden werden als Kollektiv markiert, verantwortlich gemacht und aus der Gemeinschaft der moralisch Akzeptierten ausgeschlossen. Wer sich gegen diese Behandlung wehrt, gilt schnell selbst als Störer. Wer auf den antisemitischen Gehalt einer Parole hinweist, bekommt nicht selten erklärt, er wolle Kritik an Israel verbieten. So wird ausgerechnet der Betroffene zum Problem und der Hass zur angeblich mutigen Haltung.
Der alte Judenhass trägt heute ein politisches Kostüm
Natürlich ist nicht jede Kritik an Israel antisemitisch. Eine Regierung darf scharf kritisiert, eine militärische Entscheidung darf angezweifelt und ein Minister darf politisch abgelehnt werden. Das gehört zur offenen Debatte. Antisemitisch wird es dort, wo Juden weltweit für Israel haftbar gemacht werden, wo für den jüdischen Staat andere Maßstäbe gelten als für alle anderen Staaten, wo Israel dämonisiert oder jüdische Selbstbestimmung grundsätzlich bestritten wird.
Besonders perfide ist die Umwegkommunikation über den Begriff „Zionist“. Zionismus bezeichnet zunächst die jüdische nationale Selbstbestimmung und die Idee einer sicheren jüdischen Heimstätte. Wird „Zionist“ jedoch als austauschbares Schimpfwort für Juden benutzt, mit Mordaufrufen verbunden oder zur Markierung jüdischer Menschen verwendet, ist das keine politische Analyse. Dann trägt der alte Judenhass lediglich ein neues Namensschild.
⚠️ Kritik oder Antisemitismus?
Entscheidend ist nicht, ob jemand seine Aussage „Israelkritik“ nennt. Entscheidend sind Inhalt und Kontext. Kritik richtet sich gegen konkrete Entscheidungen und bleibt grundsätzlich überprüfbar. Antisemitismus arbeitet mit kollektiver Schuld, Dämonisierung, doppelten Maßstäben, Verschwörungsbildern oder der Forderung, ausgerechnet dem jüdischen Staat das Existenzrecht zu nehmen.
Der J7-Bericht macht die neue Normalität messbar
Der am 29. Juli 2026 veröffentlichte J7 Annual Report on Antisemitism 2026 bündelt Daten aus Argentinien, Australien, Kanada, Frankreich, Deutschland, Großbritannien und den USA. Die beteiligten jüdischen Dachorganisationen vertreten Gemeinschaften, die zusammen mehr als 90 Prozent der jüdischen Diaspora umfassen.
Für 2025 weist der Bericht insgesamt 23.174 dokumentierte antisemitische Vorfälle aus. 2024 waren es 26.857. Der Rückgang klingt zunächst wie eine Verbesserung. Er ist es nur im Vergleich mit einem Rekordjahr. 2022, im letzten vollständigen Jahr vor dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023, hatten die J7-Staaten zusammen 9.838 Vorfälle registriert. Das Niveau des Jahres 2025 lag damit noch immer rund 136 Prozent höher.
Der neue Zustand lässt sich also nicht mehr als kurzfristige Schockwelle erklären. Die Zahlen schossen nach dem 7. Oktober nach oben und blieben dort. Aus dem Ausschlag ist eine neue Grundlinie geworden.

ℹ️ Was die Zahlen messen
Die J7-Zahlen erfassen dokumentierte beziehungsweise gemeldete antisemitische Vorfälle. Sie sind weder eine Statistik rechtskräftiger Verurteilungen noch eine vollständige Zählung aller Taten. Erfassungssysteme und Meldewege unterscheiden sich zwischen den Staaten. Der Vergleich zeigt Entwicklungen und Größenordnungen, ist aber keine simple Rangliste der „antisemitischsten Länder“.
Die Tatorte zeigen, gegen wen sich der Hass richtet
Die Gesamtzahl der dokumentierten Vorfälle sank gegenüber dem Rekordjahr 2024. Gleichzeitig erreichte die Zahl der Todesopfer antisemitischer Angriffe den höchsten Stand in der jüdischen Diaspora seit 1994. Nach der deutschen Zusammenfassung des J7-Berichts wurden 2025 insgesamt 20 Menschen bei antisemitischen Angriffen ermordet.
15 Menschen starben bei einer Chanukka-Feier in Sydney. Zwei wurden an Jom Kippur an der Heaton Park Synagogue in Manchester ermordet. Zwei weitere Menschen wurden am Capital Jewish Museum in Washington getötet. In Boulder im US-Bundesstaat Colorado starb eine 82-jährige Frau nach einem Angriff auf eine Veranstaltung zur Erinnerung an die israelischen Geiseln.
Diese Tatorte widerlegen die Ausrede, der Hass richte sich lediglich gegen eine israelische Regierung. Angegriffen wurden Juden beim Feiern, Beten, Erinnern und öffentlichen Eintreten für jüdisches Leben. Der Weg der Täter führte nicht in ein Regierungsgebäude in Jerusalem, sondern zu einer Chanukka-Feier, einer Synagoge, einem jüdischen Museum und einer Gedenkveranstaltung.

Deutschland zählt fast 24 Vorfälle am Tag
Besonders bedrückend ist die Entwicklung in Deutschland. Der Bundesverband RIAS dokumentierte für 2025 insgesamt 8.725 antisemitische Vorfälle. Das waren zwölf mehr als im bereits extrem belasteten Vorjahr und rechnerisch fast 24 Fälle pro Tag. Zwischen 2021 und 2025 stieg die Zahl um 215 Prozent.
Hinter dieser Summe stehen vier Fälle extremer Gewalt, 178 Angriffe, 257 Bedrohungen, 413 gezielte Sachbeschädigungen, 103 antisemitische Massenzuschriften und 7.770 Fälle verletzenden Verhaltens. In Kehl beleidigte und bespuckte ein Mann vier Juden. In Hessen wurde ein Rabbiner vor seinen Kindern in einem Supermarkt gestoßen, nachdem ein Unbekannter ihm „Free Palestine“ zugerufen und das Handy aus der Hand gerissen hatte. In Kassel wurde ein Betroffener zunächst als „Zionistenschwein“ markiert und anschließend so geschlagen, dass er im Krankenhaus behandelt werden musste.
Diese Fälle zeigen, wie die politische Chiffre funktioniert. Der Rabbiner im Supermarkt hatte keine israelische Regierungsentscheidung getroffen. Die vier Menschen in Kehl führten keinen Krieg. Der Angegriffene in Kassel wurde nicht nach einem politischen Programm gefragt. Sie wurden zu Stellvertretern Israels erklärt und deshalb attackiert.
Verschiedene Ideologien, dasselbe Feindbild

Der RIAS-Bericht lässt zwei bequeme Erzählungen gleichzeitig platzen. Antisemitismus ist weder ausschließlich ein rechtes Problem noch bloß ein Import aus islamistischen Milieus. 2025 wurden 807 Fälle einem rechtsextremen Hintergrund zugeordnet, 501 dem links-antiimperialistischen Spektrum und 166 einem islamischen oder islamistischen Hintergrund. Weitere 1.970 Fälle entfielen auf antiisraelischen Aktivismus. Bei 57 Prozent war keine eindeutige politische Zuordnung möglich.
Dabei beschreiben politische Hintergründe und antisemitische Erscheinungsformen nicht dasselbe. RIAS stellte bei 68 Prozent aller Vorfälle israelbezogenen Antisemitismus fest. Das bedeutet nicht, dass sämtliche dieser Fälle aus demselben politischen Lager kamen. Israelbezogene antisemitische Bilder können rechts, links, islamistisch, verschwörungsideologisch oder ohne klar erkennbaren Hintergrund auftreten.
Wer nur nach rechts schaut, übersieht Judenhass in Teilen der radikalen Linken und des antiisraelischen Aktivismus. Wer nur auf Islamisten oder Linksextreme zeigt, verharmlost die fortdauernde rechtsextreme Bedrohung. Antisemitismus hält sich nicht an Parteibücher. Wie Islamisten und radikale Linke über die Feindschaft gegen Israel politische Schnittmengen bilden, zeigt auch der SCHLAGSEITE-Artikel „Islamisten und radikale Linke: Feindbild Israel“.
Islamistischer Judenhass darf nicht kleingeredet werden
Der Ausdruck „importierter Antisemitismus“ beschreibt einen realen Teil des Problems, wird als Gesamterklärung aber schnell zur bequemen Ausrede. Deutschland musste Judenhass nicht importieren. Er war lange vor den jüngeren Migrationsbewegungen vorhanden und ist bis heute fest im Rechtsextremismus, in Teilen der politischen Linken und in der gesellschaftlichen Mitte verankert. Trotzdem wäre es ebenso unehrlich, zu leugnen, dass mit Zuwanderung aus manchen Herkunftsgesellschaften auch antisemitische Prägungen, Feindbilder und politische Erzählungen nach Deutschland gelangt sind.
Bereits der Bericht des Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus verwies auf regionale Narrative und Propaganda, die über familiäre Sozialisation und Medien aus Herkunftsländern weitergegeben werden können. Das bedeutet nicht, dass Muslime oder Migranten pauschal antisemitisch wären. Herkunft allein erklärt keine Haltung. Aber sie darf auch nicht zum politischen Tabu werden, wenn bestimmte Weltbilder in Familien, sozialen Netzwerken oder religiös-politischen Milieus weiterleben.
Islamistischer Antisemitismus verbindet antijüdische Auslegungen religiöser Überlieferungen mit Versatzstücken des modernen europäischen Antisemitismus, Verschwörungserzählungen, Hamas-Propaganda und der Ablehnung jüdischer Selbstbestimmung. Das Bundesamt für Verfassungsschutz beschreibt Antisemitismus als verbindendes Ideologieelement unterschiedlicher islamistischer Strömungen, von Jihadisten über Hamas und Hisbollah bis zu salafistischen und Hizb-ut-Tahrir-nahen Gruppierungen. Der 7. Oktober wurde in solchen Milieus nicht nur relativiert. Das Massaker wurde als „Widerstand“ gerechtfertigt und von Anhängern des in Deutschland verbotenen Samidoun-Netzwerks offen gefeiert.
Auch die RIAS-Zahlen verlangen genaues Hinsehen. Die 166 eindeutig einem islamischen oder islamistischen Hintergrund zugeordneten Vorfälle umfassten einen Fall extremer Gewalt, vier Angriffe und 17 Bedrohungen. Damit waren gewaltvolle Vorfälle in dieser Kategorie überdurchschnittlich vertreten. Die Zahl 166 bildet jedoch keine Obergrenze des islamistisch geprägten Judenhasses. Bei 57 Prozent aller Fälle war keine eindeutige politische Zuordnung möglich. Weitere Vorfälle wurden als antiisraelischer Aktivismus erfasst. Diese Kategorien dürfen nicht zusammengerechnet werden, doch ebenso wenig darf man so tun, als sei jeder nicht ausdrücklich zugeordnete Fall damit ideologisch geklärt.
Pauschalverdacht ist keine Analyse. Schweigen ist aber auch keine Fairness. Wer islamistischen Judenhass aus Angst vor der Stigmatisierung von Muslimen verharmlost, schützt keine Minderheit. Er lässt jüdische Betroffene mit einer realen Bedrohung allein und überlässt zugleich jenen Muslimen das Feld, die sich selbst gegen Islamismus und Antisemitismus stellen.

Hochschulen werden zu Räumen der Ausgrenzung
Antisemitismus bleibt nicht am politischen Rand. Er dringt in Institutionen ein, die sich selbst gern als besonders aufgeklärt verstehen. RIAS registrierte 2025 insgesamt 715 Vorfälle an Bildungseinrichtungen. 410 davon ereigneten sich an Hochschulen, weitere 258 an Schulen. Bei 86 Prozent der Hochschulvorfälle wurden Erscheinungsformen israelbezogenen Antisemitismus festgestellt.
Dokumentiert wurden Schmierereien, Flugblätter, Aufkleber, einschlägige Veranstaltungen und antisemitische Aussagen im Umfeld studentischer Wahlen. An Universitäten wurde die sexualisierte Gewalt des 7. Oktober bestritten und die Shoa relativiert. Jüdische Studenten erleben, dass ihre Zugehörigkeit plötzlich an politische Bedingungen geknüpft wird. Sie sollen sich von Israel distanzieren, bevor sie als akzeptable Gesprächspartner gelten.
Der J7-Bericht beschreibt dieses Muster über Ländergrenzen hinweg: Selbstzensur, feindselige Seminarräume, soziale Ausgrenzung, politische Gesinnungsprüfungen und Hochschulleitungen, die zu spät oder gar nicht reagieren. Gefährlich wird Antisemitismus nicht nur durch den lautesten Aktivisten. Gefährlich wird er auch durch Institutionen, die wegsehen, relativieren oder den Betroffenen nahelegen, weniger sichtbar zu sein.
Der Bildschirm ist der Vorraum der Straße
2025 dokumentierte RIAS 2.314 antisemitische Online-Vorfälle. Das waren knapp 16 Prozent mehr als im Vorjahr und 27 Prozent aller erfassten Fälle. RIAS zählt dabei nicht jede frei im Netz schwebende Hassbotschaft. Erfasst werden Online-Äußerungen, wenn sie sich direkt gegen Personen oder Institutionen richten, etwa über E-Mails, Direktnachrichten, Markierungen oder adressierte Kommentare.
Fast 43 Prozent aller dokumentierten Bedrohungen fanden online statt, darunter Morddrohungen. Jüdische Einrichtungen erhielten antisemitische Bewertungen, einzelne Personen wurden markiert und gezielt eingeschüchtert. Der J7-Bericht beschreibt zusätzlich Doxxing, persönliche Feindlisten vermeintlicher „Zionisten“ und die technische Verstärkung antisemitischer Inhalte durch künstliche Intelligenz.
Das Netz ist kein getrenntes Paralleluniversum. Es liefert Feindbilder, verteilt persönliche Daten, organisiert Empörung und senkt durch ständige Wiederholung die Schwelle des Sagbaren. Aus einer digitalen Markierung kann eine reale Bedrohung werden. Der Bildschirm ist nicht das Gegenteil der Straße. Er ist immer häufiger ihr Vorraum.

Die Verdrängung beginnt lange vor der Ausreise

Was diese Entwicklung mit jüdischem Leben macht, zeigt das Lagebild der Jüdischen Gemeinden 2026. Grundlage ist eine Befragung von Führungspersonen aus 102 Gemeinden und Landesverbänden. Mehr als 90 Prozent der Gemeindeleiter und Mitarbeiter fühlen sich durch die Situation merklich belastet. In 63 Prozent der Gemeinden ist die Nachfrage nach psychosozialer Unterstützung gestiegen.
Nur 35 Prozent nehmen noch Unterstützung aus der Zivilgesellschaft wahr. 2023 waren es 62 Prozent. 21 Prozent der Gemeinden mussten innerhalb von zwölf Monaten Veranstaltungen aus Sicherheitsgründen absagen. Besonders betroffen vom Rückgang der Teilnahme sind Kinder, Familien und Senioren.
Antisemitismus vertreibt Juden nicht erst dann, wenn sie Koffer packen. Die Verdrängung beginnt früher. Sie beginnt, wenn ein Kind seine Kette ablegt, ein Student im Seminar schweigt, eine Familie eine Feier meidet oder ein Rabbiner vor dem Einkauf überlegt, ob er seine Kippa verbergen muss. Eine Gesellschaft verliert sichtbares jüdisches Leben Stück für Stück, oft ohne den Moment des Verlustes überhaupt wahrzunehmen.
Erinnerung ohne Haltung wird zum Ritual
Deutschland erinnert jedes Jahr öffentlich an die Shoa. Gleichzeitig dokumentiert der J7-Bericht einen erschreckenden Wissensverlust. Nach einer internationalen Erhebung der Claims Conference hatten zwölf Prozent der 18- bis 29-Jährigen in Deutschland entweder noch nie von der Shoa gehört oder waren sich nicht sicher. 18 Prozent aller deutschen Befragten konnten kein einziges Konzentrationslager oder Ghetto nennen.
Wissen allein verhindert Antisemitismus nicht. Aber Erinnerung ohne Wissen und Haltung wird zur leeren Zeremonie. Es reicht nicht, am 27. Januar Kränze niederzulegen und im restlichen Jahr wegzusehen, wenn „Zionisten“ als globale Verschwörer markiert, jüdische Studenten eingeschüchtert oder Vernichtungsparolen als Aktivismus romantisiert werden.
Die viel beschworene deutsche Verantwortung beweist sich nicht in der perfekten Gedenkrede, sondern im Verhalten, wenn Juden heute Schutz und Solidarität brauchen.
Polizeischutz ist notwendig, aber keine Normalität
Bewachte Synagogen, Sicherheitsschleusen und Polizeifahrzeuge sind unverzichtbar, solange die Bedrohung besteht. Sie sind aber kein Beleg dafür, dass jüdisches Leben in Deutschland selbstverständlich geworden ist. Sie belegen zunächst, dass jüdisches Leben besonderen Schutz benötigt.

Zentralratspräsident Josef Schuster fordert, bestehende Lücken im Strafrecht zu schließen und Aufrufe zur Zerstörung Israels konsequent zu ahnden. Über die konkrete rechtliche Ausgestaltung muss sorgfältig gestritten werden. Meinungsfreiheit schützt auch scharfe, einseitige und ungerechte Aussagen. Sie ist jedoch kein Freibrief für Bedrohung, Terrorverherrlichung oder Vernichtungsaufrufe.
Der Staat allein kann das Problem ohnehin nicht lösen. Hochschulen, Kulturinstitutionen, Medien, Parteien, Gewerkschaften, Kirchen, muslimische Verbände und soziale Netzwerke tragen Verantwortung. Wer Antisemitismus nur erkennt, wenn ein Hakenkreuz danebensteht, erkennt große Teile des heutigen Antisemitismus nicht. Wer dagegen jede Kritik an Israel pauschal zum Judenhass erklärt, macht die notwendige Abgrenzung unglaubwürdig. Präzision ist kein Zeichen von Schwäche. Sie ist die Voraussetzung dafür, Antisemitismus überall zu bekämpfen, wo er tatsächlich auftritt.
Die Gewöhnung ist selbst Teil der Gefahr
Der alarmierendste Befund des J7-Berichts ist nicht nur eine einzelne Zahl. Es ist die Gewöhnung. Antisemitische Parolen, Drohungen gegen jüdische Studenten, digitale Vernichtungsfantasien und Angriffe auf jüdische Einrichtungen verschwinden schneller aus der öffentlichen Aufmerksamkeit, als sie aus dem Leben der Betroffenen verschwinden.
Die 20 Toten des Jahres 2025 stehen nicht außerhalb dieser Entwicklung. Sie sind der tödliche Endpunkt eines Kontinuums, das mit Worten, Feindbildern und kollektiven Schuldzuweisungen beginnt. Nicht jede Parole führt zu einem Mord. Aber jeder Mord braucht ein Weltbild, das sein Opfer zuvor zum Feind erklärt hat.
Antisemitismus beginnt nicht erst dort, wo Menschen sterben. Er beginnt dort, wo Juden wieder erklären sollen, warum sie existieren dürfen. Eine Gesellschaft, die sich daran gewöhnt, hat nicht nur ein Problem mit ihren politischen Rändern. Sie hat ein Problem mit ihrer eigenen moralischen Mitte.
✔️ Zusammengefasst
Der J7-Bericht dokumentiert für 2025 insgesamt 23.174 antisemitische Vorfälle und 20 Todesopfer in sieben Staaten. Deutschland bleibt mit 8.725 Vorfällen auf einem extrem hohen Niveau. Rechtsextremer, links-antiimperialistischer, islamistischer und israelbezogener Antisemitismus müssen gleichzeitig und präzise bekämpft werden. Das Ziel darf nicht nur die bewachte Synagoge sein, sondern eine Gesellschaft, in der jüdisches Leben wieder sichtbar sein kann, ohne dafür Mut zu brauchen.
ℹ️ Faktenbasis und Primärquellen zum Artikel 📑
▶️ J7 Large Communities’ Task Force Against Antisemitism:
J7 Annual Report on Antisemitism 2026
Der vollständige zweite J7-Jahresbericht mit den Länderzahlen für 2025, den Angaben zu den tödlichen Angriffen sowie den Kapiteln zu Deutschland, Hochschulen, digitalem Hass und jüdischer Sicherheit.
▶️ Zentralrat der Juden in Deutschland:
Neuer J7-Jahresbericht: 2025 war das Jahr mit den meisten tödlichen antisemitischen Angriffen in der Diaspora seit über 30 Jahren
Deutsche Zusammenfassung des J7-Berichts mit den zentralen internationalen Befunden und den Kennzahlen für Deutschland.
▶️ Bundesverband RIAS:
Antisemitische Vorfälle in Deutschland 2025
Der vollständige bundesweite Jahresbericht mit 8.725 dokumentierten Vorfällen, Angaben zu Gewalt, Bedrohungen, politischen Hintergründen, Hochschulen und Online-Antisemitismus.
▶️ Deutscher Bundestag:
Bericht des Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus
Grundlegende Bestandsaufnahme zu den Erscheinungsformen des Antisemitismus in Deutschland, darunter Antisemitismus in muslimisch geprägten Milieus, Einflüsse aus Herkunftsgesellschaften und die Grenzen pauschaler Zuschreibungen.
▶️ Bundesamt für Verfassungsschutz:
Islamismus und islamistischer Terrorismus im Verfassungsschutzbericht 2025
Aktuelle Einordnung des Antisemitismus als verbindendes Ideologieelement verschiedener islamistischer Strömungen und Organisationen.
▶️ Bundesamt für Verfassungsschutz:
„Samidoun“ und das offene Feiern des Hamas-Terrors
Einordnung der Jubelfeiern nach dem Massaker vom 7. Oktober 2023, der antisemitischen und israelfeindlichen Ausrichtung des Netzwerks sowie des Verbots seiner Betätigung in Deutschland.
▶️ Zentralrat der Juden in Deutschland:
Lagebild der Jüdischen Gemeinden in Deutschland 2026
Befragung von Führungspersonen aus 102 jüdischen Gemeinden und Landesverbänden zur Sicherheitswahrnehmung, psychischen Belastung, gesellschaftlichen Solidarität und Sichtbarkeit jüdischen Lebens.
▶️ Claims Conference:
Holocaust Knowledge and Awareness Index
Internationale Befragung zu Wissen über die Shoa, darunter die Ergebnisse für junge Erwachsene und die Gesamtbevölkerung in Deutschland.

