Klimaanpassung Europa wird zur entscheidenden Infrastrukturfrage. Europa wird heißer, trockener und anfälliger für Wetterextreme. Die entscheidende Frage lautet deshalb längst nicht mehr nur, wie viel CO₂ in Zukunft eingespart werden kann. Es geht ebenso darum, wie Städte, Landwirtschaft, Energieversorgung und Wassersysteme mit Bedingungen umgehen, die bereits Realität sind. Ausgerechnet Israel, ein Land, das seit Jahrzehnten mit Wasserknappheit, Hitze und schwierigen landwirtschaftlichen Bedingungen leben muss, könnte Europa dabei einige ziemlich praktische Lektionen erteilen.
Der Sommer 2026 liefert dafür reichlich Anschauungsmaterial. Nach Angaben des europäischen Klimadienstes Copernicus herrschten bereits im Juni in weiten Teilen West-, Mittel- und Osteuropas deutlich trockenere Bedingungen als üblich. Besonders betroffen waren unter anderem Frankreich, Italien, die Iberische Halbinsel, die Schweiz und der Westen Deutschlands. Gleichzeitig lagen die Abflüsse zahlreicher Flüsse weit unter dem Durchschnitt.
Damit wird sichtbar, was in der europäischen Klimadebatte lange hinter abstrakten Reduktionszielen verschwand: Selbst erfolgreiche Klimaschutzpolitik würde Hitzeperioden, Dürren und Wasserknappheit der kommenden Jahre nicht einfach verschwinden lassen. Europa braucht deshalb neben Emissionsminderung etwas sehr Bodenständiges: Anpassung.

Klimaanpassung Europa: Wissen allein reicht nicht
Dass Europa besonders stark von steigenden Temperaturen betroffen ist, ist inzwischen keine Prognose mehr. Nach dem European State of the Climate erwärmt sich der Kontinent ungefähr doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt. Europa gilt damit als der sich am schnellsten erwärmende Kontinent.
Schon 2025 waren mindestens 95 Prozent Europas von überdurchschnittlichen Jahrestemperaturen betroffen. Rund 1,03 Millionen Hektar verbrannten bei Wald- und Vegetationsbränden. Bei 70 Prozent der untersuchten Flüsse lagen die jährlichen Abflussmengen unter dem Durchschnitt. Im Mai und Juni erreichten die europaweit gemittelten Flussabflüsse sogar die niedrigsten Werte seit Beginn der entsprechenden Messreihe 1992. 2026 setzt diese Entwicklung nicht einfach als statistische Kuriosität fort, sondern macht ihre wirtschaftliche Dimension sichtbar.
2026 zeigt, wie schnell aus Wetter ein Infrastrukturproblem wird
Am Rhein lässt sich das derzeit geradezu ablesen. Die amtlichen Daten der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes wiesen am Morgen des 11. August 2026 am für die Frachtschifffahrt wichtigen Pegel Kaub nur noch 15 Zentimeter aus. Der dort festgelegte gleichwertige Wasserstand liegt bei 77 Zentimetern. Solche Pegelstände bedeuten nicht automatisch, dass der Rhein vollständig trockenfällt, sie schränken aber die mögliche Abladetiefe der Schiffe massiv ein. Frachter können weniger Ladung transportieren, Transportkosten steigen und Unternehmen müssen einen größeren Teil ihrer Logistik auf Straße und Schiene verlagern.
Auch andernorts ist Wasserknappheit längst keine Modellrechnung mehr. In Frankreich galten Anfang August 2026 in fast 70 Prozent des Landes Dürre-bedingte Einschränkungen der Wassernutzung. Betroffen waren je nach Region unter anderem Gartenbewässerung, Autowäsche und andere nicht zwingend notwendige Verwendungen. Gleichzeitig meldete die Weltorganisation für Meteorologie für Westeuropa den heißesten Juni seit Beginn der Aufzeichnungen. Im spanischen Bilbao wurden 42,7 Grad gemessen, die höchste dort registrierte Juni-Temperatur.
Das sind keine isolierten Wettergeschichten. Niedrige Flussstände treffen die Schifffahrt und damit Lieferketten. Wassermangel trifft Landwirtschaft und Lebensmittelpreise. Hitze erhöht den Strombedarf für Kühlung, während gleichzeitig Kraftwerke und Industrieanlagen auf ausreichend Wasser angewiesen sein können. Städte müssen öffentliche Räume, Schulen, Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen auf längere Hitzeperioden vorbereiten.
Die Europäische Umweltagentur EEA identifizierte bereits 2024 insgesamt 36 wesentliche Klimarisiken für Europa, darunter Risiken für Energie- und Ernährungssicherheit, Infrastruktur, Wasserressourcen, Gesundheit und Finanzstabilität. Viele davon hätten bereits kritische Werte erreicht.
Das Problem Europas besteht also nicht darin, dass niemand wüsste, was passiert. Das Problem liegt zunehmend darin, aus Wissen belastbare Infrastruktur zu machen.
ℹ️ Klimaschutz und Klimaanpassung sind zwei verschiedene Aufgaben
Klimaschutz soll die weitere Erwärmung begrenzen, etwa durch geringere Treibhausgasemissionen. Klimaanpassung beschäftigt sich dagegen mit den Folgen, die bereits auftreten oder für die kommenden Jahrzehnte erwartet werden. Dazu gehören unter anderem Wasserversorgung, Hitzeschutz, Landwirtschaft, Hochwasserschutz und widerstandsfähige Infrastruktur.
Beim Wasser zeigt sich der Unterschied besonders deutlich
Wasser ist der Punkt, an dem abstrakte Klimapolitik sehr schnell ziemlich konkret wird. Menschen benötigen Trinkwasser, Landwirte Bewässerungswasser, Industrie und Energieerzeugung ebenfalls erhebliche Mengen. Gleichzeitig lässt sich Wasser nicht durch einen politischen Beschluss vermehren. Irgendwann muss es tatsächlich aus einer Leitung kommen.
Die Europäische Kommission hat das Problem inzwischen erkannt. Ihre European Water Resilience Strategy soll Wasserknappheit bekämpfen, Wassermanagement verbessern, Infrastruktur schützen und eine effizientere Nutzung fördern. Nach Angaben der Kommission ist bereits heute rund ein Drittel der europäischen Landfläche jährlich von Wasserknappheit betroffen.
Doch Strategiepapiere allein erzeugen noch keinen Liter zusätzliches Wasser.
Israel musste sich mit dieser Frage beschäftigen, lange bevor Wassermangel in Mitteleuropa zum politischen Thema wurde. Das Land besitzt nur begrenzte natürliche Süßwasserressourcen und liegt zu großen Teilen in ariden oder semiariden Klimazonen. Wasserknappheit war deshalb nie eine theoretische Zukunftsfrage, sondern eine Voraussetzung, unter der überhaupt ein moderner Staat, Landwirtschaft und Industrie aufgebaut werden mussten.

Israel behandelt Abwasser als Rohstoff
Besonders deutlich wird der Unterschied beim Umgang mit Abwasser. Laut OECD werden in Israel mehr als 87 Prozent des aufbereiteten Abwassers für landwirtschaftliche Zwecke wiederverwendet. Damit liegt Israel innerhalb der OECD an der Spitze.
Rund 94 Prozent des Abwassers werden nach OECD-Angaben gesammelt und behandelt, 87 Prozent anschließend wiederverwendet, vor allem in der Landwirtschaft. Aufbereitetes Abwasser ist damit zu einer zentralen Wasserquelle der israelischen Landwirtschaft geworden. Gleichzeitig sank der Anteil der Landwirtschaft an der Entnahme von natürlichem Süßwasser zwischen 2000 und 2018 von 64 auf 35 Prozent.
Der entscheidende Gedanke dahinter ist fast banal: Wasser, das bereits vorhanden ist, wird nicht nach einmaliger Nutzung möglichst schnell entsorgt. Es wird aufbereitet und erneut Teil des Versorgungssystems.
Das entlastet natürliche Süßwasservorkommen und verschafft gerade der Landwirtschaft eine zusätzliche Wasserquelle. Gleichzeitig bleibt das Verfahren technisch anspruchsvoll. Abwasseraufbereitung benötigt Energie, Infrastruktur, Qualitätskontrollen und ein Leitungssystem, das gereinigtes Wasser dorthin bringt, wo es tatsächlich gebraucht wird.
Gerade deshalb ist Israels Erfahrung interessant. Es geht nicht um irgendein futuristisches Start-up-Versprechen, sondern um ein System, das über Jahrzehnte aufgebaut und in großem Maßstab betrieben wurde.
Entsalzung machte Regen weniger entscheidend
Die zweite Säule ist Meerwasserentsalzung. Israel hat seine Kapazitäten seit Beginn des Jahrhunderts massiv ausgebaut. Nach Angaben der OECD lieferten die fünf großen Meerwasserentsalzungsanlagen, die der zugrunde liegenden Untersuchung zugrunde lagen, mehr als 80 Prozent des städtischen Wassers für Haushalte und andere nicht landwirtschaftliche Nutzer. Seitdem wurde die Infrastruktur weiter ausgebaut. Eine weitere Sorek-Anlage nahm nach OECD-Angaben im März 2025 den Betrieb auf.
Die Größenordnung zeigt, wie tief Entsalzung inzwischen in der israelischen Wasserversorgung steckt. Der israelische Staatsrechnungshof bezifferte die Produktionskapazität der großen Anlagen für 2022 auf rund 596 Millionen Kubikmeter pro Jahr. Die langfristige Planung sieht einen weiteren massiven Ausbau vor. Bis 2050 wird mit einer Kapazität von rund 1,7 Milliarden Kubikmetern jährlich geplant.

Damit hängt die Versorgung von Haushalten erheblich weniger davon ab, ob ein einzelner Winter genügend Regen bringt. Natürliche Wasserquellen bleiben wichtig, doch Entsalzung und Wiederverwendung schaffen zusätzliche Versorgungssäulen, die sich technisch planen und steuern lassen.
Das bedeutet allerdings nicht, dass Entsalzung kostenlos oder ökologisch folgenlos wäre. Meerwasserentsalzung braucht Energie, große Anlagen benötigen erhebliche Investitionen und die konzentrierte Salzlösung, die nach dem Prozess zurückbleibt, muss so eingeleitet und überwacht werden, dass Meeresökosysteme möglichst wenig belastet werden. Die OECD weist ausdrücklich auf die ökologischen Nachteile der Entsalzung hin.
Israel begegnet diesen Kosten nicht mit der Behauptung, die Technik sei kostenlos, sondern durch langfristige Infrastrukturplanung, staatliche Investitionen und öffentlich-private Betreibermodelle. Genau das ist der nüchterne Punkt: Versorgungssicherheit kostet Geld. Unvorbereitete Wasserknappheit allerdings ebenfalls.
Für Teile Südeuropas dürfte diese Denkweise zunehmend relevant werden. Spanien, Italien, Griechenland oder Zypern stehen zwar vor anderen geografischen und wirtschaftlichen Bedingungen als Israel, doch die Grundfrage ist dieselbe: Wie stabil bleibt die Wasserversorgung, wenn Niederschlagsmuster unzuverlässiger werden und gleichzeitig Städte, Tourismus, Landwirtschaft und Industrie Wasser benötigen?
Der eigentliche Unterschied liegt nicht nur in der Technik
Wer Israels Wasserpolitik nur auf Entsalzungsanlagen und Tropfschläuche reduziert, übersieht möglicherweise den wichtigeren Teil. Die OECD führt Israels Erfolg ausdrücklich auf die Verbindung von Infrastruktur, institutionellen Reformen, Regulierung, Verbrauchsmessung und Preissignalen zurück.
Das Land verfügt über ein nationales System zur Verteilung von Wasser aus unterschiedlichen Quellen. Der Verbrauch wird nahezu flächendeckend gemessen, Wasserentnahmen und landwirtschaftliche Kontingente können dadurch kontrolliert werden. Preise und Tarife werden als Steuerungsinstrument eingesetzt, und die nationale Wasserbehörde aktualisiert die Wasserpreise regelmäßig. Gleichzeitig können Wasserströme über ein großräumiges Leitungsnetz entsprechend dem tatsächlichen Bedarf zwischen verschiedenen Regionen verteilt werden.
Auch das erklärt, warum einzelne technische Lösungen dort eine andere Wirkung entfalten können als ein isoliertes Pilotprojekt irgendwo in Europa. Eine Entsalzungsanlage ist noch keine Wasserstrategie. Erst wenn Produktion, Speicherung, Leitungsnetze, Verbrauchsdaten, Preise und Wiederverwendung zusammenspielen, entsteht ein belastbares System.
Diese Organisation ist weniger spektakulär als eine riesige Anlage am Mittelmeer. Sie dürfte für Europa aber mindestens genauso interessant sein.
Landwirtschaft muss mit weniger Wasser mehr leisten
Dasselbe Prinzip findet sich in der Landwirtschaft. Israel gehört zu den Ländern, in denen präzise Bewässerung, insbesondere Tropfbewässerung, früh in großem Maßstab eingesetzt wurde. Wasser wird dabei nicht großflächig verteilt, sondern gezielt an den Wurzelbereich der Pflanzen gebracht.
Das allein löst nicht jedes Wasserproblem. Effizientere Bewässerung kann sogar zu höherem Gesamtverbrauch führen, wenn dadurch zusätzliche Flächen bewirtschaftet werden. Entscheidend ist deshalb das gesamte System aus Wasserpreisen, Messung, Wiederverwendung, Pflanzenwahl, Bewässerungstechnik und staatlicher Planung.
Genau darin liegt eine weitere israelische Lektion: Klimaanpassung funktioniert nicht über ein einzelnes Wundergerät. Sie funktioniert durch das Zusammenspiel von Technik, Infrastruktur, Forschung und politischer Planung.

Europa hat reagiert, doch Klimaanpassung bleibt Stückwerk
Klimaanpassung Europa ist politisch längst angekommen. Es wäre falsch zu behaupten, Europa beschäftige sich überhaupt nicht mit Anpassung. Die EU besitzt seit Jahren eine eigene Anpassungsstrategie. Die 2025 vorgestellte Wasserresilienzstrategie geht ebenfalls ausdrücklich auf zunehmende Wasserknappheit, Dürrerisiken und kritische Infrastruktur ein.
Die eigentliche Schwäche liegt an anderer Stelle. Die Europäische Umweltagentur stellte bei ihrer Auswertung der 2025 gemeldeten nationalen Anpassungspolitik fest, dass zwischen Planung und tatsächlicher Umsetzung weiterhin erhebliche Unterschiede bestehen. Probleme zeigen sich unter anderem bei Finanzierung, Risikobewertung, Überwachung und der Koordination verschiedener staatlicher Ebenen.
Gerade Europa besitzt zudem eine sehr viel stärker verteilte Verwaltungsstruktur. Wasserwirtschaft, Stadtplanung, Landwirtschaft, Katastrophenschutz und Infrastruktur liegen je nach Staat bei nationalen Ministerien, Regionen, Ländern, Kommunen, Versorgern und Flussgebietsbehörden. Das ist nicht automatisch schlechter, macht langfristig einheitliche Entscheidungen aber komplizierter. Die EEA weist beispielsweise darauf hin, dass rund 40 Prozent der Bevölkerung der EU in Gemeinden mit weniger als 20.000 Einwohnern leben. Gerade kleinere Kommunen stoßen bei Finanzierung, Fachpersonal und langfristiger Anpassungsplanung schneller an Grenzen.
Das klingt trocken. Die praktischen Folgen sind es nicht.
Wenn ein Fluss zu wenig Wasser führt, interessiert ihn kein Strategiepapier. Wenn Felder vertrocknen, hilft kein Klimaziel für 2050 bei der Ernte des laufenden Jahres. Und wenn eine Stadt nachts kaum noch abkühlt, müssen Wohnungen, Krankenhäuser, Schulen, Straßen und Stromnetze damit umgehen können.
Anpassung ist deshalb kein Ersatz für Klimaschutz. Aber Klimaschutz ist ebenso wenig ein Ersatz für Anpassung.
⚠️ Der entscheidende Denkfehler
Die politische Debatte konzentriert sich häufig darauf, wie sich zukünftige Erwärmung begrenzen lässt. Gleichzeitig müssen Infrastruktur und Versorgungssysteme bereits mit heutigen und absehbaren Klimarisiken funktionieren. Wer nur über das Jahr 2050 spricht, beantwortet nicht automatisch die Frage, wie Wasser, Energie und Landwirtschaft im nächsten Hitzesommer stabil bleiben.
Israel lässt sich nicht einfach auf Europa kopieren
Ein israelisches Wassermodell lässt sich nicht eins zu eins auf einen Kontinent mit 27 EU-Staaten, unterschiedlichen Klimazonen, Flusssystemen und Verwaltungsstrukturen übertragen. Ein Binnenstaat kann Meerwasserentsalzung nicht einfach vor die Haustür stellen. Für Nord- und Mitteleuropa sind andere Maßnahmen sinnvoll als für Spanien, Griechenland oder Zypern. Hinzu kommen Genehmigungsverfahren, Naturschutz, Finanzierung, unterschiedliche Wasserrechte und die Frage, welche zusätzlichen Kosten Verbraucher akzeptieren.
Auch Wiederverwendung von Abwasser benötigt Leitungsnetze, Qualitätsstandards und Investitionen. Entsalzung ist vor allem für Küstenregionen interessant und muss gegen Energiebedarf und ökologische Folgen abgewogen werden. Landwirtschaftliche Wasserpreise wiederum können Verbrauch steuern, dürfen Betriebe aber nicht wirtschaftlich strangulieren.
Genau deshalb sollte Europa nicht die israelischen Anlagen kopieren, sondern die dahinterliegende Logik. Wasser wird gemessen. Knappheit wird in langfristige Planung übersetzt. Verschiedene Quellen werden miteinander verbunden. Abwasser wird als Ressource behandelt. Neue Infrastruktur wird gebaut, bevor die Versorgung zusammenbricht und nicht erst danach.
Israel ist kein Klimavorbild in allen Bereichen
Zu einer seriösen Betrachtung gehört allerdings auch das: Israel ist nicht in sämtlichen Bereichen der Klima- und Umweltpolitik ein Musterstaat. Auch die OECD kritisierte unter anderem Defizite beim Schutz natürlicher Ökosysteme, Umweltverschmutzung und bei der Verringerung von Treibhausgasemissionen. Der von Ynet veröffentlichte Beitrag des israelischen Umweltwissenschaftlers Prof. Adi Wolfson weist ebenfalls ausdrücklich darauf hin.
Das macht die israelischen Erfahrungen beim Wassermanagement jedoch nicht weniger relevant. Im Gegenteil. Man muss ein Land nicht zum ökologischen Musterknaben erklären, um von funktionierenden Lösungen zu lernen.
Die entscheidende Frage lautet nicht, ob Europa „Israel kopieren“ sollte. Es geht darum, welche Systeme unter vergleichbaren Belastungen funktionieren und welche davon sich an europäische Bedingungen anpassen lassen.
Was Europa tatsächlich übernehmen könnte
Die naheliegendste Lehre besteht deshalb nicht darin, überall neue Entsalzungsanlagen zu bauen. Europa könnte zunächst dort ansetzen, wo die israelische Erfahrung unabhängig von der Geografie funktioniert: Wasserverluste und Verbrauch systematischer messen, gereinigtes Abwasser stärker als Ressource nutzen, Netze und Speicher vorausschauend ausbauen, Dürrepläne mit klaren Schwellenwerten versehen und Zuständigkeiten so organisieren, dass im Ernstfall nicht erst mehrere Behörden darüber diskutieren müssen, wer eigentlich zuständig ist.
Für trockene Küstenregionen kann Meerwasserentsalzung eine zusätzliche strategische Reserve bilden. Für landwirtschaftlich intensive Regionen sind Wiederverwendung und präzisere Bewässerung wichtiger. Städte benötigen wiederum Hitzeschutz, mehr Verschattung, widerstandsfähige Stromnetze und eine Wasserversorgung, die auch längere Trockenphasen verkraftet.
Der gemeinsame Nenner ist nicht eine bestimmte Technologie, sondern Vorsorge. Infrastruktur besitzt lange Planungs- und Bauzeiten. Wer erst über neue Wasserquellen, Speicher oder Leitungen nachdenkt, wenn Reservoirs leer und Flüsse kaum noch befahrbar sind, hat den entscheidenden Zeitpunkt bereits verpasst.
Klimaanpassung Europa wird zur Infrastrukturfrage
Die europäische Klimadebatte war lange stark von Zielwerten, Emissionsbudgets und politischen Grundsatzkonflikten geprägt. Diese Fragen bleiben wichtig. Doch mit jedem extremen Sommer tritt eine zweite Ebene stärker hervor: die Fähigkeit eines Landes, unter veränderten Bedingungen zuverlässig zu funktionieren.
Dazu gehören Trinkwasser und Bewässerung genauso wie Stromnetze, Kühlung, Katastrophenschutz, Stadtplanung, Wälder und Landwirtschaft.
Israel besitzt aus geografischer Notwendigkeit jahrzehntelange Erfahrung mit einigen dieser Probleme. Wasserwiederverwendung, Meerwasserentsalzung, präzise Bewässerung, Verbrauchsmessung und ein strategisch organisiertes Wassermanagement sind keine theoretischen Konzepte. Sie gehören dort längst zum Alltag.
Europa muss nicht israelischer werden. Aber es könnte pragmatischer werden.
Europa kann die Auswirkungen steigender Temperaturen nicht allein durch langfristige Emissionsziele bewältigen. Klimaanpassung bedeutet, Versorgungssysteme so umzubauen, dass sie auch unter Hitze, Dürre und Wasserknappheit funktionieren. Israel zeigt beim Wassermanagement, wie aus jahrzehntelangem Anpassungsdruck konkrete Infrastruktur, klare Zuständigkeiten und langfristige Planung entstehen können.
Vielleicht liegt genau darin die wichtigste Lektion: Widerstandsfähigkeit entsteht nicht durch Absichtserklärungen, sondern durch Systeme, die auch dann funktionieren, wenn das Wetter nicht mitspielt.
ℹ️ Faktenbasis und Primärquellen zum Artikel 📑
▶️ Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes:
Pegel Kaub am Rhein
Amtliche aktuelle Wasserstände und Referenzwerte für den schifffahrtsrelevanten Rheinpegel Kaub.
▶️ Copernicus Climate Change Service:
European State of the Climate 2025
Daten zur Erwärmung Europas, Hitzeperioden, Flussabflüssen und Waldbränden.
▶️ Copernicus Climate Change Service:
Precipitation, soil moisture and river flow for June 2026
Aktuelle Daten zu Trockenheit, Bodenfeuchte und Flussständen in Europa.
▶️ Weltorganisation für Meteorologie:
Western Europe has hottest June on record
Daten zur Rekordhitze in Westeuropa im Juni 2026 und zu nationalen Temperaturrekorden.
▶️ Europäische Umweltagentur:
European Climate Risk Assessment
Bewertung von 36 wesentlichen Klimarisiken für Europa.
▶️ Europäische Umweltagentur:
From adaptation planning to action
Auswertung der 2025 gemeldeten nationalen Anpassungspolitik und bestehender Umsetzungslücken.
▶️ Europäische Umweltagentur:
Climate resilience in Europe’s small municipalities
Einordnung der besonderen organisatorischen und finanziellen Herausforderungen kleinerer europäischer Kommunen.
▶️ Europäische Kommission:
European Water Resilience Strategy
EU-Strategie zur Wasserresilienz, Wasserknappheit und widerstandsfähigen Infrastruktur.
▶️ OECD:
Israel’s sustainable water management plans
Daten zur Abwasserwiederverwendung, Entsalzung, Verbrauchsmessung, Preissignalen und israelischem Wassermanagement.
▶️ OECD:
Environmental Performance Reviews: Israel 2023
Bewertung israelischer Wasserpolitik, Infrastrukturinvestitionen und bestehender Umweltdefizite.
▶️ OECD:
Agricultural Policy Monitoring and Evaluation 2025: Israel
Aktuelle Angaben zu Wasserpreisen, landwirtschaftlichen Wasserkontingenten und dem weiteren Ausbau der israelischen Wasserinfrastruktur.
▶️ State Comptroller of Israel:
Annual Report 2024 – Water and desalination
Angaben zur bestehenden und langfristig geplanten Entsalzungskapazität Israels.
▶️ Euronews:
Drought forces water restrictions across nearly 70% of France
Bericht über die im August 2026 geltenden Dürre-bedingten Einschränkungen der Wassernutzung in Frankreich.
▶️ Ynet:
Europe’s climate crisis is already here, and adaptation can no longer wait
Ausgangspunkt des Artikels und Einordnung von Prof. Adi Wolfson zur europäischen Klimaanpassung und israelischen Erfahrung.
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