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Aus dem SCHLAGSEITE X-ArchivWenn jüdische Studenten lieber einen anderen Eingang nehmen
Die Schilderungen sind konkret. Studenten berichten von antisemitischen und israelfeindlichen Aufklebern, Graffiti und Plakaten sowie von Einschüchterungen in studentisch selbstverwalteten Bereichen. Namen und Gesichter jüdischer Studenten seien im Internet verbreitet worden, Betroffene anschließend attackiert worden. Auf Toiletten und in Gebäuden finden sich Parolen wie „Tod den israelischen Streitkräften“, durchgestrichene Davidsterne und Aufrufe, „Zios“ zu jagen.
Eine Studentin berichtet, dass sich Gruppen wie BDS Hamburg, Students for Palestine, Thawra und Young Struggle in Räumen des AStA treffen und dort Material für politische Aktionen herstellen oder lagern. Der AStA erklärte gegenüber der WELT, die konkreten Vorfälle seien ihm nicht bekannt, und wies den Vorwurf der Materiallagerung zurück. Die Bereitstellung seiner Infrastruktur bedeute keine politische Unterstützung.
Die Stellungnahme gehört zur vollständigen Darstellung. Sie ändert aber nichts am entscheidenden Befund: Mehrere jüdische Studenten schildern unabhängig voneinander, dass sie bestimmte Gebäude meiden, sich aus dem Campusleben zurückziehen oder einen Hochschulwechsel erwägen. Manche benutzen inzwischen lieber einen anderen Eingang – nicht aus Bequemlichkeit, sondern um Konflikten und Anfeindungen aus dem Weg zu gehen.
410 antisemitische Vorfälle an deutschen Hochschulen
Hamburg ist kein isolierter Sonderfall. Der Jahresbericht 2025 des Bundesverbands RIAS dokumentierte bundesweit 8.725 antisemitische Vorfälle – rechnerisch fast 24 pro Tag. An Bildungseinrichtungen wurden 715 Vorfälle erfasst, davon 410 an Hochschulen.
Zum Vergleich: 2022 waren es bundesweit nur 23 Hochschulvorfälle, 2023 dann 151 und 2024 bereits 450. 2025 lag die Zahl bei 410. Von einer Normalisierung kann keine Rede sein. Das Niveau bleibt um ein Vielfaches höher als vor dem 7. Oktober 2023.
Bei 86 Prozent der Hochschulvorfälle stellte RIAS Erscheinungsformen israelbezogenen Antisemitismus fest. Veranstaltungen, Flyer, Schmierereien, Aufkleber und politische Mobilisierung auf dem Campus spielen dabei eine zentrale Rolle. Der Konflikt um Israel ist an vielen Hochschulen längst nicht mehr nur Gegenstand politischer Debatten. Er wird zur Projektionsfläche für klassische antisemitische Feindbilder und Gewaltlegitimation.
Die Grenze ist klar: Israelische Regierungen und Entscheidungen dürfen kritisiert werden. Antisemitismus beginnt dort, wo antisemitische Bilder, Maßstäbe und Feindmarkierungen auf Israel und Juden übertragen werden – etwa wenn jüdische Studenten kollektiv für israelische Politik verantwortlich gemacht, als Vertreter Israels behandelt oder als „Zionisten“ zu Feinden erklärt werden. Wer Aufrufe verbreitet, „Zionisten“ zu jagen, führt keine leidenschaftliche außenpolitische Debatte. Er markiert Menschen.

Hamburg ist kein Einzelfall
In Nordrhein-Westfalen dokumentierte die Zentrale Beratungsstelle zu Antisemitismus an Hochschulen 2025 insgesamt 85 Vorfälle – 7,6 Prozent mehr als 2024 und 240 Prozent mehr als 2023. Auch dort dominierte israelbezogener Antisemitismus mit 74 Prozent. Bei politisch zuordenbaren Fällen fanden sich vor allem Bezüge zum antiisraelischen Aktivismus (26 Prozent), zum linken Spektrum (16 Prozent) und zum islamischen bzw. islamistischen Milieu (12 Prozent).
Gleichzeitig bleibt der klassische Rechtsextremismus ein zentraler Träger des Judenhasses. RIAS erfasste 2025 bundesweit 807 antisemitische Vorfälle mit rechtsextremem Hintergrund – den höchsten Wert seit Beginn der Erhebung. Antisemitismus besitzt keine einzige politische Heimat. Die aktuelle Dynamik an den Hochschulen wird jedoch klar von israelbezogenem, oft link-islamistischem Aktivismus getragen.

Universitäten reagieren – und bleiben hinter dem Anspruch zurück
Die Universität Hamburg verweist auf ihr Zentrum für Antidiskriminierung, Vertrauenspersonen für jüdische Hochschulangehörige, Fortbildungen und die schnelle Entfernung rechtswidriger Flyer und Schmierereien. Bei Straftaten werde Anzeige erstattet. Auch die Hamburger Wissenschaftsbehörde erklärt die Bekämpfung von Antisemitismus zur Priorität. Seit Juli 2026 ist Dr. Anna von Villiez Beauftragte für jüdisches Leben und die Bekämpfung von Antisemitismus.
All das muss genannt werden. Der Maßstab bleibt dennoch einfach: Ob jüdische Studenten tatsächlich frei und ohne Angst studieren können. Wenn Betroffene trotz vorhandener Anlaufstellen Gebäude meiden, ihre Identität weniger sichtbar machen oder sich zurückziehen, besteht eine Schutzlücke. Organisatorische Maßnahmen allein reichen nicht.
Wissenschaftsfreiheit schützt keine Einschüchterung
Universitäten müssen harte politische Auseinandersetzungen aushalten. Studenten dürfen demonstrieren, kontroverse Veranstaltungen organisieren und israelische Politik kritisieren. Diese Freiheit endet aber nicht erst beim körperlichen Angriff. Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit sind kein Freibrief für Bedrohung, antisemitische Einschüchterung oder die gezielte Verdrängung anderer Studenten.
NRW-Wissenschaftsministerin Ina Brandes brachte es auf den Punkt: Hochschulen müssen Orte sein, an denen Juden ohne Sorge vor Diskriminierung und Angriffen studieren und arbeiten können. Der Jüdische Studierendenverband NRW stellte klar, dass sich nicht jüdische Studenten an antisemitische Zustände anpassen müssen. Die Verantwortung liegt bei den Hochschulen.

Die stille Verdrängung ist bereits ein Scheitern
Antisemitismus beginnt nicht erst mit dem körperlichen Angriff. Seine Wirkung setzt früher ein – dort, wo jemand die Kippa nicht mehr trägt, den Davidstern versteckt, bestimmte Veranstaltungen meidet oder vorher überlegt, ob er seine jüdische Identität besser verschweigt.
Diese Form der Verdrängung ist weniger spektakulär als ein Angriff, aber gesellschaftlich nicht weniger ernst. Wenn ein Student nicht mehr fragt, welches Seminar fachlich interessant ist, sondern welchen Weg über den Campus er möglichst konfliktfrei nehmen kann, hat sich bereits etwas Grundlegendes verschoben.
Der frühere Hamburger Antisemitismusbeauftragte Stefan Hensel fordert schärfere hochschulrechtliche Instrumente. Dass Bedrohung, Gewalt und gezielte antisemitische Einschüchterung reale Konsequenzen haben müssen, sollte an einer deutschen Hochschule nicht strittig sein.
Eine freie Universität muss politische Härte aushalten. Sie darf aber nicht hinnehmen, dass jüdische Studenten den Preis dafür bezahlen. Wenn Juden ihre Identität verbergen, Gebäude meiden oder den Campus verlassen, ist das kein Zeichen lebendiger Debattenkultur. Es zeigt, dass Freiheit für einen Teil der Studenten bereits kleiner geworden ist.
Der Maßstab ist einfach: Niemand muss Israel mögen. Niemand muss eine israelische Regierung unterstützen. Niemand muss politischen Streit vermeiden. Aber jüdische Studenten müssen an einer deutschen Hochschule dieselbe Selbstverständlichkeit besitzen wie alle anderen – sichtbar jüdisch zu sein, widersprechen zu dürfen und ohne Angst durch den Haupteingang zu gehen.
ℹ️ Faktenbasis und Primärquellen zum Artikel 📑
▶️ Bundesverband RIAS:
Antisemitische Vorfälle in Deutschland 2025
Bundesweiter Jahresbericht vom 17. Juni 2026 mit Daten zu 8.725 dokumentierten antisemitischen Vorfällen sowie gesonderten Angaben zu Hochschulen, Bildungseinrichtungen, Erscheinungsformen und politischen Hintergründen.
▶️ Universität Münster / ZeBA NRW:
Antisemitische Vorfälle an NRW-Hochschulen bleiben auf hohem Niveau
Dokumentation von 85 antisemitischen Hochschulvorfällen in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2025 mit Angaben zu israelbezogenem Antisemitismus und zuordenbaren politischen Milieus.
▶️ Freie und Hansestadt Hamburg:
Beauftragte für jüdisches Leben und die Bekämpfung und Prävention von Antisemitismus
Offizielle Informationen zum Amt und zur seit dem 1. Juli 2026 amtierenden Hamburger Antisemitismusbeauftragten Dr. Anna von Villiez.
▶️ Universität Hamburg:
Zentrum für Antidiskriminierung der Universität Hamburg
Informationen zur Beratungs- und Anlaufstruktur der Universität bei Antisemitismus und anderen Formen von Diskriminierung.
▶️ WELT:
Wenn der Hörsaal zur Angstzone wird
Ausgangspunkt der Recherche mit Schilderungen jüdischer Studenten sowie Stellungnahmen der Universität Hamburg, des AStA und der Hamburger Wissenschaftsbehörde.
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