Gastbeitrag von Nida Banou
Rise Iran & Javid Shah | anti-postkoloniale Ideologie & anti-Islamismus | Eure Freiheit ist heilig. Beschützt sie.
Einige haben sich an Constantin Schreibers Buchtitel „Die Kraft des Islam“ und insbesondere daran gestoßen, dass er dabei auch von der Anziehungskraft des Islam spricht. Die Formulierung erschien manchen bereits zu positiv – fast so, als dürfe man eine Religion, die individuelle Lebensführung in vielen Bereichen stark normiert, überhaupt nicht mit Begriffen wie „Kraft“ oder „Anziehungskraft“ beschreiben.
Doch genau darin liegt ein Missverständnis. Anziehungskraft ist keine moralische Bewertung. Zu erklären, warum eine Religion Menschen anzieht, bedeutet weder, sie gutzuheißen noch ihre gesellschaftlichen Folgen zu verharmlosen. Im Gegenteil: Wer einer Religion kritisch gegenübersteht, sollte gerade verstehen wollen, worin ihre psychologische Stärke liegt.
Gerade beim Islam ist diese Frage interessant. Eine Religion mit festen Gebetszeiten, Fastengeboten, Ernährungsvorschriften, Sexualnormen und weitreichenden Vorstellungen über Ehe, Familie und Geschlechterrollen müsste aus liberal-westlicher Perspektive eigentlich das weniger attraktive Angebot sein. Je stärker die Einschränkung individueller Freiheit, desto geringer die Anziehungskraft – so die naheliegende Rechnung. Religionspsychologie und Religionssoziologie zeigen jedoch, dass diese Rechnung nicht aufgeht.
Restriktion kann selbst Bestandteil von Attraktivität sein.
Michael Hogg und Kollegen erklären einen Teil dieses Phänomens mit der Uncertainty-Identity Theory. Menschen suchen nicht nur Freiheit, sondern auch Gewissheit darüber, wer sie sind, wo sie hingehören und nach welchen Maßstäben sie ihre Welt beurteilen sollen. Stark konturierte Gruppen können solche Unsicherheit reduzieren, weil sie klare Identitäten, Normen und Grenzen anbieten. Religion besitzt hierfür besondere Voraussetzungen: Sie liefert Weltdeutung, Gemeinschaft, Moral und konkrete Regeln der Lebensführung.[1] Laurence Iannaccone zeigte bereits in seiner klassischen Arbeit Why Strict Churches Are Strong, dass hohe Anforderungen religiöse Gemeinschaften keineswegs zwangsläufig schwächen. Sie können Beteiligung intensivieren, Gruppengrenzen festigen und Zugehörigkeit gerade dadurch aufwerten, dass sie etwas kostet.[2]
Aus dieser Perspektive verändert sich die Bedeutung von Restriktion. Was von außen wie Fremdbestimmung aussieht, kann von innen als Ordnung, Selbstdisziplin oder moralische Klarheit erlebt werden. Eine Vorschrift nimmt Wahlmöglichkeiten, reduziert damit aber zugleich Ambiguität.
In einer Kultur, die dem Einzelnen aufträgt, Identität, Sexualität, Beziehungen, Lebensmodell und Sinn weitgehend selbst zu definieren, kann ein geschlossenes Normensystem gerade durch seine Eindeutigkeit entlasten.
Beim Islam tritt ein weiterer Gedanke besonders deutlich hervor: Hingabe zu, um nicht zu sagen, Unterwerfung unter Gott. Der Begriff Islam ist mit Unterwerfung unter Gottes Willen verbunden. Diese Haltung bleibt nicht abstrakt, sondern wird im Gebet körperlich eingeübt: stehen, verbeugen, niederwerfen. Die sudschūd, die Niederwerfung, ist sichtbarer Ausdruck dieser Haltung.
Psychologisch liegt darin ein Gegenmodell zum radikalen Individualismus: Nicht das eigene Ich ist der letzte Maßstab. Selbstbegrenzung kann gerade deshalb als Tugend, Reinheit und Einordnung in eine höhere Ordnung erlebt werden.
Frauen und Männer: unterschiedliche Akzente
Die Konversionsforschung zeigt zunächst viele Gemeinsamkeiten. Sinnsuche, Spiritualität, die Botschaft des Korans, Identität und Zugehörigkeit spielen bei Männern wie Frauen eine Rolle. Vergleichsstudien finden zugleich unterschiedliche Akzente: Frauen berichten häufiger relationale Faktoren, muslimische Partner und soziale Einbettung; Männer häufiger das Vorbild Mohammeds und persönliche Krisenerfahrungen.[3]
Bei Frauen kann zusätzlich das Ideal einer moralisch ausgezeichneten Weiblichkeit attraktiv werden. Saba Mahmood zeigte in ihrer Forschung zu islamischen Frömmigkeitsbewegungen, dass Bescheidenheit, sexuelle Zurückhaltung, Demut und Schamhaftigkeit nicht bloß als Einschränkungen erlebt werden, sondern bewusst als Tugenden kultiviert werden können.[4]
Darin liegt potenziell ein starkes Gefühl von Reinheit und Besonderheit: Wer sich sichtbar bedeckt, auf sexuelle Freizügigkeit verzichtet und einen anspruchsvollen Moralkodex befolgt, kann sich gerade dadurch von einer als sexualisiert oder oberflächlich empfundenen Umwelt unterscheiden.
Restriktion wird dann zum Zeichen moralischer Ernsthaftigkeit.
Die zugrunde liegende klassische Rechtsordnung sollte dabei nicht beschönigt werden. Das klassische islamische fiqh behandelt Männer und Frauen in verschiedenen Rechtsbereichen existenziell asymmetrisch, etwa bei Erbschaft, Ehe, Scheidung, Zeugenschaftsregeln sowie durch Konzepte wie walī und qiwāma, die dem Mann besondere rechtliche beziehungsweise familiale Autoritäts- und Versorgungspflichten zuweisen.[5]
Für die psychologische Frage bleibt jedoch bemerkenswert, dass gerade solche klaren Geschlechterrollen für manche westliche Konvertitinnen nicht bloß ein hinzunehmender Nachteil, sondern Teil der anfänglichen Attraktivität sein können.[6] Sie können als Schutz, Aufwertung von Ehe und Mutterschaft oder Entlastung von permanenter Selbstdefinition interpretiert werden.
Bei Männern können dagegen Pflicht, Disziplin, Brüderlichkeit, Versorgung der Familie und eine eindeutige männliche Rolle besonders anschlussfähig sein.[3] Hinzu kommt ein historisches Element, das zumindest als Hypothese Beachtung verdient: Die frühe muslimische Herrschaft breitete sich in erheblichem Umfang durch militärische Eroberung und maskuliner Dominanz aus.[7]
Eine triumphalistische Lesart dieser Geschichte – eine kleine Glaubensgemeinschaft, die innerhalb weniger Generationen Großreiche zurückdrängt und Weltmacht wird – kann als Erzählung von Stärke, Sieg, Unterwerfung anderer durch göttliche Begünstigung funktionieren.
Was muss eine liberale Kultur dagegen anbieten?
Damit stellt sich die politisch wichtigere Frage. Wenn eine freie Gesellschaft verhindern möchte, dass insbesondere junge Menschen geschlossene religiöse oder politische Ordnungen als das emotional stärkere Angebot erleben, kann ihre Antwort nicht lediglich lauten: Bei uns bist du frei.
Freiheit allein befriedigt nicht alle menschlichen Bedürfnisse. Ryan und Decis Self-Determination Theory beschreibt neben Autonomie auch Kompetenz und soziale Verbundenheit als grundlegende psychologische Bedürfnisse.[8] Menschen möchten selbst entscheiden, aber ebenso dazugehören, gebraucht werden und erleben, dass ihre Handlungen Bedeutung besitzen. Genau dort können stark normative Gemeinschaften ansetzen: Du gehörst zu uns. Wir wissen, was richtig ist. Du besitzt eine Aufgabe. Du bist relevant.
Eine liberale Demokratie braucht deshalb sinnstiftende Bindung ohne Unterwerfung. Sie braucht den Wert einer Familie, loyale und prinzipiengebundene Freundschaften, Vereine, Sport, Kultur, Nachbarschaften, Ehrenamt, Traditionen und eine positive politische Identität.
Diese Eigenschaften einer Kultur und Gesellschaft sind übrigens genau jene, die von progressiven Ideologien systematisch abgewertet, verhöhnt und dekonstruiert werden – womöglich gerade deshalb, weil man insgeheim weiß, dass sie einer Gesellschaft als Rettungsanker gegen die Islamisierung dienen können.
Eine liberale Demokratie muss jungen Menschen nicht nur Freiräume eröffnen, sondern Verantwortung zutrauen. Freiheit darf nicht als soziale Heimatlosigkeit erscheinen.
Ebenso wenig darf Liberalismus mit Wertelosigkeit verwechselt werden. Eine offene Gesellschaft kann vieles dem Einzelnen überlassen und dennoch sehr deutlich sagen, worauf ihre gemeinsame Ordnung beruht: Menschenwürde, Gleichheit vor dem Gesetz, Gewissensfreiheit, Gleichberechtigung der Geschlechter, Meinungsfreiheit und die Freiheit, eine Religion anzunehmen, zu wechseln oder vollständig zu verlassen. Man darf traditionell leben, aber andere nicht dazu zwingen. Man darf glauben, die eigene Religion besitze die Wahrheit, aber daraus kein Herrschaftsrecht über andere ableiten. Religionsfreiheit bedeutet deshalb nicht nur Freiheit zur Religion, sondern auch Freiheit vonreligiösem Zwang.
Gerade deshalb muss eine liberale Ordnung wehrhaft sein.
Das deutsche Verfassungsrecht kennt aus historischen Gründen den Begriff der wehrhaften Demokratie: Eine freiheitliche Ordnung muss politischen Pluralismus schützen, ist aber nicht verpflichtet, ihrer eigenen Abschaffung tatenlos zuzusehen.[9] Dieser Gedanke reicht über Extremismusbekämpfung hinaus. Eine politische Ordnung verliert Glaubwürdigkeit, wenn sie ihre Grundsätze feierlich verkündet, aber bei ihrer Verletzung aus Angst vor Konflikten oder falsch verstandener Toleranz zurückweicht und ihre Bürgerinnen und Bürger „zum Fraß“ vorwirft.
Wehrhaftigkeit bedeutet dabei weder Willkür noch kollektiven Verdacht. Ihre Stärke liegt gerade in der Allgemeinheit ihrer Regeln. Gewalt bleibt Gewalt, unabhängig davon, ob sie rechts-, links-, religiös oder anders ideologisch begründet wird. Frauenrechte werden nicht relativ, weil ihre Einschränkung religiös begründet wird. Ein Mensch, der eine Religion verlässt, muss sich darauf verlassen können, dass sein Recht auf diese Entscheidung geschützt wird. Lehrer, Künstler oder Schriftsteller dürfen nicht erleben, dass ihre Freiheit dort endet, wo eine aggressive Gruppe genügend Druck erzeugt. Aber genau das erleben wir gerade. Vorteile durch Aggression. Freiheit wird glaubwürdiger und anziehender, wenn sie nicht mit Wehrlosigkeit verwechselt werden muss.
Israel als Kontrast
Israel ist dafür kein einfach übertragbares Modell und gewiss keine konfliktfreie Demokratie. Dennoch zeigt das Land eine für diese Diskussion interessante Verbindung: eine außerordentlich streitbare politische Öffentlichkeit, individuelle Freiheitsrechte und zugleich ein starkes Bewusstsein dafür, dass das Gemeinwesen verteidigt werden muss.[10]
Interessant ist deshalb die kulturelle Botschaft: Freiheit und Wehrhaftigkeit müssen keine Gegensätze sein. Bürger sind nicht ausschließlich Empfänger von Rechten, sondern können sich zugleich als Träger eines Gemeinwesens verstehen, dessen Fortbestand nicht als peinliches oder moralisch verdächtiges Anliegen behandelt wird.
Das Judentum besitzt dabei eine besondere Begrenzung als religiöses Gegenangebot: Es ist traditionell nicht missionarisch, und insbesondere orthodoxe Konversion ist mit erheblichen Hürden verbunden.[11] Gerade aus religionssoziologischer Sicht ist das bemerkenswert. Eine Tradition, die starke Gemeinschaft, Ritual, historische Identität und in vielen modernen Strömungen eine hohe Vereinbarkeit mit individueller Freiheit verbindet, wirbt vergleichsweise wenig um Außenstehende.
Freiheit muss wieder Stärke ausstrahlen
Vielleicht liegt hier der entscheidende Punkt. Liberale Gesellschaften dürfen ihre Attraktivität nicht mit der Abwesenheit von Anforderungen verwechseln. Menschen suchen nicht nur möglichst viele Optionen. Sie suchen Zugehörigkeit, Sinn, moralische Orientierung, „Reinheit“, Verantwortung, Selbstüberwindung und vor allem auch Stärke. Restriktive Religionen und politische Ideologien können genau diese Bedürfnisse ansprechen.
Das liberale Gegenangebot muss deshalb größer sein als Konsum, Individualisierung und die Abwesenheit von Verboten. Es braucht kulturelles Selbstbewusstsein ohne ethnischen Ausschluss, Moral ohne Theokratie, Gemeinschaft ohne Zwang, Tradition ohne Unfreiheit und Wehrhaftigkeit ohne Willkür.
Vor allem braucht es klare Grenzen. Nicht gegenüber Menschen, sondern gegenüber Herrschaftsansprüchen.
Die Antwort auf ein geschlossenes System lautet nicht: Bei uns gibt es keine Regeln. Sie lautet: Bei uns gelten fundamentale Regeln und Konsequenzen – positive wie negative – für jeden.
Das Gegenangebot zu einer restriktiven religiösen oder politischen Ordnung ist deshalb nicht Bindungslosigkeit.
Es ist Bindung ohne Unterwerfung, Sinn ohne vorgeschriebene Wahrheit, Gemeinschaft ohne erzwungene Konformität und Wehrhaftigkeit ohne Willkür.
Eine liberale Demokratie muss ihren Bürgern daher mehr sagen können als: Du bist frei.
Sie muss sagen können: Du bist frei. Du gehörst dazu. Diese Ordnung besitzt Werte. Und diese Freiheit ist es wert, verteidigt zu werden. Und wir sind stark und beschützen dich.
Literatur
[1] Hogg, M. A., Adelman, J. R. & Blagg, R. D. (2010). Religion in the Face of Uncertainty: An Uncertainty-Identity Theory Account of Religiousness. Personality and Social Psychology Review, 14(1), 72-83.
[2] Iannaccone, L. R. (1994). Why Strict Churches Are Strong. American Journal of Sociology, 99(5), 1180-1211.
[3] Mitchell, P., Mamone, J. & Rane, H. (2021). Gender, Identity and Conversion: A Comparison of Male and Female Converts to Islam in Australia. Islam and Christian-Muslim Relations, 32(3), 279-306.
[4] Mahmood, S. (2005). Politics of Piety: The Islamic Revival and the Feminist Subject. Princeton University Press.
[5] Tucker, J. E. (2008). Women, Family, and Gender in Islamic Law. Cambridge University Press.
[6] Vroon-Najem, V. (2025). Conversions to Islam. In M. Bano (Hrsg.), The Cambridge Companion to Women and Islam. Cambridge University Press.
[7] Lapidus, I. M. A History of Islamic Societies. Cambridge University Press, verschiedene Auflagen.
[8] Ryan, R. M. & Deci, E. L. (2000). Self-Determination Theory and the Facilitation of Intrinsic Motivation, Social Development, and Well-Being. American Psychologist, 55(1), 68-78.
[9] Bundesverfassungsgericht (2024). Urteil vom 23. Januar 2024 – 2 BvB 1/19, zum Konzept der freiheitlichen und wehrhaften Demokratie.
[10] Freedom House (2025). Freedom in the World 2025: Israel.
[11] Fisher, N. (2019). “Israeli” Halakha: The Chief Rabbinate’s Conversion-To-Judaism Policy 1948-2018.Modern Judaism, 39(1), 61-92.

