Graue Wölfe in Deutschland: Rekordniveau beim Rechtsextremismus
Die Grauen Wölfe in Deutschland haben einen neuen Höchststand erreicht. Für das Jahr 2025 rechnen die Sicherheitsbehörden rund 13.500 Personen dem türkisch-rechtsextremistischen Spektrum zu. Trotzdem spielt die Ülkücü-Bewegung, deren Anhänger häufig als Graue Wölfe bezeichnet werden, in der öffentlichen Extremismusdebatte weiterhin eine erstaunlich kleine Rolle.
Dabei geht es nicht um Herkunft und schon gar nicht um einen Generalverdacht gegen Menschen mit türkischen Wurzeln. Es geht um eine rechtsextremistische Ideologie, die Rassismus, Antisemitismus, autoritären Nationalismus und die Überhöhung des Türkentums miteinander verbindet. Wer Rechtsextremismus glaubwürdig bekämpfen will, muss auch dann genau hinsehen, wenn der Extremist nicht dem gewohnten deutschen Klischee entspricht.
Rechtsextremismus trägt nicht immer Springerstiefel
Das öffentliche Bild des Rechtsextremismus ist in Deutschland bis heute stark durch deutsche Neonazis, Reichsbürger, Skinheads und völkische Gruppen geprägt. Dieses Bild ist nicht falsch, aber es ist unvollständig. Rechtsextremismus ist keine Frage des Namens, des Passes oder der ethnischen Herkunft, sondern eine Frage der Ideologie.
Ein Mensch wird nicht deshalb zum Rechtsextremisten, weil er Uwe, Kevin oder Hans-Peter heißt. Und eine rassistische, antisemitische und antidemokratische Bewegung verliert ihren rechtsextremistischen Charakter nicht dadurch, dass ihre Anhänger Mehmet, Murat oder Alparslan heißen. Eigentlich keine besonders komplizierte Erkenntnis, trotzdem scheint sie in Teilen der politischen Debatte weiterhin unter erhöhter Denkmalschutzstufe zu stehen.
Die rechtsextremistische türkische Ülkücü-Bewegung entstand im Umfeld eines extremen türkischen Nationalismus. Ihr Weltbild beruht auf der Vorstellung einer besonderen oder überlegenen Stellung des Türkentums. Ein zentrales Motiv ist die Errichtung eines großtürkischen Reiches namens „Turan“, das die Siedlungsgebiete verschiedener Turkvölker unter türkischer Führung vereinigen soll.
Dieses Denken ist nicht bloß eine etwas überhitzte Form patriotischer Folklore. Es teilt Menschen nach ethnischer, kultureller und religiöser Zugehörigkeit ein, wertet andere Gruppen ab und richtet sich insbesondere gegen Juden, Kurden, Armenier, Aleviten, Jesiden und politische Gegner. Die Bundesregierung stellt ausdrücklich fest, dass die behauptete kulturelle und religiöse Überlegenheit zur Herabwürdigung anderer Volksgruppen und Religionen führt. Entsprechende Bestrebungen richten sich demnach gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung und den Gedanken der Völkerverständigung.
Der türkische Begriff „Ülkücü“ lässt sich ungefähr mit „Idealist“ übersetzen. Anhänger der Bewegung werden häufig als „Graue Wölfe“ bezeichnet. Dabei handelt es sich nicht um eine einzige, geschlossen organisierte Vereinigung. Eine gemeinsame Organisation oder eine Selbstzuordnung der gesamten Anhängerschaft unter dem Begriff „Graue Wölfe“ existiert in Deutschland nicht. Das Spektrum besteht aus mehreren Dachverbänden, örtlichen Vereinen und einer unorganisierten freien Szene.
13.500 Anhänger und mehr als 200 Vereine
Die aktuellen Zahlen zeigen, dass es sich keineswegs um eine unbedeutende Randerscheinung handelt. Das Bundesamt für Verfassungsschutz bezifferte das Personenpotenzial für 2023 auf rund 12.500, für 2024 auf rund 12.900 und für 2025 auf rund 13.500 Personen. Innerhalb eines Jahres stieg die Schätzung damit um 600 Personen.
Nach Angaben der Bundesregierung gehören etwa 10.500 Anhänger drei großen Dachverbänden an:
- ADÜTDF: Rund 7.000 Anhänger, gegliedert in 15 Gebiete und mehr als 200 Vereine
- ATİB: Rund 2.500 Anhänger in 23 Ortsvereinen
- ANF: Rund 1.000 Anhänger in 15 Ortsvereinen
- Freie Szene: Rund 3.000 nicht fest organisierte Anhänger
Die Angaben sind Schätzungen und werden von den Sicherheitsbehörden gerundet. Sie sind keine Mitgliederliste, zeigen aber die Größenordnung. Die Ülkücü-Bewegung gehört damit zu den mitgliederstärksten rechtsextremistischen Strömungen in Deutschland. Wer bei Rechtsextremismus ausschließlich auf deutsche Parteien, Kameradschaften oder Neonazigruppen blickt, untersucht also nur einen Teil des Problems.

Statistische Kategorien erschweren den Gesamtblick
Zur geringen öffentlichen Wahrnehmung trägt möglicherweise auch die behördliche Einordnung bei. Das Bundesamt für Verfassungsschutz behandelt den türkischen Rechtsextremismus im Phänomenbereich „Auslandsbezogener Extremismus und Terrorismus“. Politisch motivierte Straftaten türkischer Rechtsextremisten werden von der Polizei grundsätzlich der Kategorie „PMK ausländische Ideologie“ zugeordnet.
Diese Einordnung ist aus Sicht der Behörden nachvollziehbar. Die Bewegung bezieht sich stark auf politische Entwicklungen in der Türkei, unterhält transnationale Verbindungen und orientiert sich an dortigen Parteien, Konflikten und Machtstrukturen. Problematisch wird es jedoch, wenn aus der statistischen Trennung eine politische oder gesellschaftliche Verharmlosung entsteht.
Der Phänomenbereich „PMK rechts“ bildet nicht automatisch das gesamte Spektrum rechtsextremistischer Ideologien in Deutschland ab. Türkischer Rechtsextremismus wird vom Verfassungsschutz ausdrücklich als extrem nationalistische bis rechtsextremistische Ideologie bewertet, während entsprechende Straftaten wegen ihres Auslandsbezugs regelmäßig in einer anderen polizeilichen Kategorie erscheinen.
Die statistische Zuordnung verändert also nicht den ideologischen Charakter. Rassismus bleibt Rassismus, Antisemitismus bleibt Antisemitismus und die Vorstellung von der Überlegenheit der eigenen Ethnie bleibt rechtsextremistisches Denken, auch wenn die Tat später in einem anderen Aktenordner landet.
Die Grenzen der Erfassung zeigen sich bei den Deliktzahlen. Straftaten mit einem konkreten und erkennbaren Bezug zu den Grauen Wölfen oder zur Ülkücü-Bewegung können laut Bundesregierung nicht immer trennscharf ausgewiesen werden. Für 2023 wurden 22 entsprechende Delikte erfasst, für 2024 waren es 25 und für 2025 noch 19. Dabei handelte es sich vorwiegend um Bedrohungen, Sachbeschädigungen und das Androhen von Straftaten.
Diese vergleichsweise niedrigen Zahlen widerlegen nicht das extremistische Potenzial der Bewegung. Sie zeigen zunächst, dass nur Fälle gezählt werden können, bei denen ein konkreter Bezug zur Szene und ein entsprechendes Tatmotiv erkennbar sind. Nicht bei jeder Tat ist die ideologische Zugehörigkeit des Tatverdächtigen bekannt. Und selbst eine bekannte Nähe zur Szene beweist noch nicht automatisch, dass die Ideologie das Motiv für die Tat war.
Eine seriöse Analyse muss deshalb beides festhalten: Die Bewegung verfügt über ein großes rechtsextremistisches Personenpotenzial, die eindeutig zurechenbaren Straftaten bewegen sich bislang jedoch im unteren zweistelligen Bereich.
Türkischer Rechtsextremismus wird vom Verfassungsschutz als rechtsextremistische Ideologie bewertet. Entsprechende Straftaten werden wegen ihres transnationalen Bezugs jedoch grundsätzlich unter „PMK ausländische Ideologie“ erfasst. Daraus darf weder geschlossen werden, das Phänomen sei ideologisch harmloser, noch dürfen die unterschiedlichen Statistiken miteinander vermischt werden.

Gemäßigte Fassade, radikaler Kern
Die großen Ülkücü-Dachverbände treten in Deutschland meist zurückhaltend auf. Nach außen organisieren ihre Vereine unter anderem Veranstaltungen aus den Bereichen Sport, Musik, Kultur und Religion, die nicht unmittelbar extremistisch erscheinen. Öffentliche Hassreden, offene Gewaltaufrufe und strafbare Parolen werden von den organisierten Strukturen weitgehend vermieden.
Das ist ein wichtiger Unterschied zur klassischen Neonaziszene, die häufig sichtbarer, provokanter und aggressiver auftritt. Die Zurückhaltung bedeutet jedoch nicht, dass die ideologische Prägung verschwunden wäre. Das Bundesamt für Verfassungsschutz warnt, dass kulturelle, sportliche und religiöse Angebote dazu beitragen können, neue Anhänger zu gewinnen und sie schrittweise an die extremistische Ideologie heranzuführen.
Deutlich offener tritt vor allem die freie Szene auf. Die Bundesregierung beschreibt eine jüngere und organisatorisch ungebundene Anhängerschaft, die moderne soziale Netzwerke intensiv nutzt. Personen mit geringerer Reichweite äußern sich dort häufiger rassistisch oder antisemitisch. Reichweitenstärkere Akteure vermitteln ihre Ideologie dagegen oftmals unterschwelliger.
Hinzu kommen Selbstinszenierungen mit Waffen und Drohgebärden, die Stärke, Überlegenheit und Wehrhaftigkeit ausdrücken sollen. Die politische Herausforderung liegt damit in einer Doppelstruktur: Einerseits existieren etablierte Verbände mit Vereinsheimen, Kulturangeboten und gesellschaftlichen Kontakten. Andererseits gibt es eine lose digitale Szene, die offener auftritt, schwerer zu erfassen ist und ihre Feindbilder weitgehend ohne verbandliche Kontrolle verbreitet.
Antisemitismus gehört zum ideologischen Fundament
Antisemitismus ist innerhalb der Ülkücü-Bewegung kein zufälliges Randphänomen. Die Bundesregierung nennt neben rassistischen Feindbildern ausdrücklich die Vorstellung einer angeblichen jüdischen Weltverschwörung und den israelbezogenen Antisemitismus. Auch die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt Antisemitismus als prägendes und identitätsstiftendes Element des türkischen Ultranationalismus.
In Deutschland tritt dieser Antisemitismus häufig codierter und sprachlich vorsichtiger auf als in der Türkei. Besonders in der unorganisierten Szene werden jedoch offen antisemitische und israelfeindliche Inhalte verbreitet. Der Verfassungsschutzbericht 2024 bezeichnet den Nahostkonflikt als diskursbestimmendes Thema der freien Ülkücü-Szene. Dort sei eine ausnahmslose Solidarisierung mit der palästinensischen Seite zu beobachten gewesen.
Solidarität mit Palästinensern ist selbstverständlich nicht antisemitisch. Die Grenze wird dort überschritten, wo Israel dämonisiert, sein Existenzrecht bestritten, antisemitische Verschwörungserzählungen verbreitet oder Juden kollektiv für politische und militärische Entwicklungen verantwortlich gemacht werden.
Genau diese Verbindung aus Verschwörungsglauben, Israelhass und ethnischem Nationalismus schafft ideologische Schnittmengen zu anderen extremistischen Milieus. Türkische Rechtsextremisten, Islamisten, deutsche Neonazis und Teile der radikalen Linken verfolgen unterschiedliche Ziele und stehen einander teilweise sogar feindlich gegenüber. Im Feindbild Israel und in antisemitischen Erzählungen können sich ihre Argumentationsmuster dennoch überschneiden.
Das bedeutet nicht, dass diese Milieus organisatorisch geschlossen zusammenarbeiten. Die Bundesregierung kennt zwar Kontakte zwischen türkisch-rechtsextremistischen Verbänden und anderen beobachteten Strukturen mit Türkeibezug, sieht jedoch keine vertiefte Kooperation. Kontakte zum deutschen Rechtsextremismus sind ihr nur in Ausnahmefällen bekannt.
Antisemitismus kann also als ideologische Brücke wirken, ohne dass daraus automatisch ein festes organisatorisches Bündnis entsteht. Wie unterschiedliche extreme Milieus über gemeinsame Feindbilder zueinanderfinden, zeigt auch der Schlagseite-Beitrag „Feindbild Israel: Warum Extreme zusammenfinden“.

Wenn Nationalismus und Religion verschmelzen
Die Ülkücü-Bewegung ist ideologisch nicht vollständig einheitlich. Neben stärker laizistisch und ethnonationalistisch ausgerichteten Teilen existieren Strömungen, die türkischen Nationalismus mit sunnitisch-islamischen Identitätsvorstellungen verbinden. Häufig wird dafür der Begriff „Türkisch-Islamische Synthese“ verwendet.
Ein im Juli 2026 veröffentlichter Trendreport der Bundesarbeitsgemeinschaft religiös begründeter Extremismus kommt zu dem Schluss, dass religiös geprägte Strömungen innerhalb des türkischen Ultranationalismus gegenüber stärker laizistisch ausgerichteten Positionen an Einfluss gewinnen.
Das bedeutet nicht, dass die gesamte Bewegung islamistisch wäre. Der Report warnt sogar ausdrücklich vor vorschnellen Zuordnungen zum islamistischen Spektrum. Nationalistische, ethnische und religiöse Identitätsmuster können getrennt auftreten, sich aber auch überschneiden und gegenseitig verstärken.
Auch die Bundesregierung beschreibt unterschiedliche religiöse Ausprägungen innerhalb der Dachverbände. Die ATİB betont ihren islamischen Charakter besonders stark. Die ANF wird einer stärker islamisch ausgerichteten Abspaltung der türkischen MHP zugerechnet und veranstaltet zu religiösen Anlässen gemeinsame Treffen mit der Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş. Die Imame an Moscheen der Dachverbände werden laut Bundesregierung häufig von der türkischen Religionsbehörde Diyanet entsandt.
Eine vertiefte organisatorische Kooperation zwischen den verschiedenen extremistischen Milieus sieht die Bundesregierung bislang allerdings nicht. Vielmehr spricht sie von personellen und anlassbezogenen Kontakten, etwa durch gegenseitige Veranstaltungsbesuche oder gemeinsam durchgeführte Festlichkeiten.
Diese Differenzierung ist notwendig. Wer jeden türkischen Nationalisten vorschnell zum Islamisten erklärt, versteht das Phänomen nicht. Wer religiöse Schnittmengen aus Angst vor einer unbequemen Debatte verschweigt, versteht es allerdings ebenso wenig.
Waffenaffinität ist ein Warnsignal, kein Beweis für eine Untergrundarmee
Besondere Aufmerksamkeit verdient die von der Bundesregierung festgestellte Waffenaffinität. Wehrhaftigkeit gilt in Teilen der Szene als Tugend. Vor allem ungebundene Anhänger inszenieren sich in sozialen Netzwerken mit Waffen und anderen Drohgebärden. Solche Darstellungen sollen Stärke, Überlegenheit und Einsatzbereitschaft vermitteln.
Die Sicherheitsbehörden kennen außerdem einzelne Treffen auf Paintball-Anlagen im angrenzenden Ausland, die paramilitärisch wirken können. Ebenso besteht eine erkennbare Affinität zu Kampfsportarten und entsprechenden Selbstdarstellungen.
Das rechtfertigt Wachsamkeit, aber keine Übertreibung. Der Bundesregierung liegen nur vereinzelte Meldungen über Waffenfunde bei Personen vor, die möglicherweise einen Bezug zur Ülkücü-Bewegung haben. Wegen der geringen Zahl dieser Fälle und der teilweise unsicheren Zuordnung lassen sich daraus keine allgemeingültigen Aussagen über die gesamte Szene ableiten.
Hinweise auf Sprengstoffbesitz bestehen bislang nicht. Ebenso gibt es keine Belege dafür, dass Treffen auf Paintball-Anlagen oder Bezüge zum Kampfsport Teil einer systematischen paramilitärischen Ausbildung wären. Die Bundesregierung weist sogar darauf hin, dass manche Vereinigungen möglicherweise gar keinen tatsächlichen Trainingsbetrieb unterhalten, sondern sich lediglich mit einem kampfsportlichen Erscheinungsbild als wehrhaft inszenieren.
Gerade bei einem sicherheitspolitischen Thema ist diese Nüchternheit notwendig. Dramatisierung macht einen Artikel nicht stärker, sondern angreifbarer. Der belastbare Befund lautet: Die Szene pflegt ein Ideal von Wehrhaftigkeit und zeigt eine deutliche Waffenaffinität. Eine organisierte bewaffnete oder paramilitärische Struktur ist derzeit jedoch nicht nachgewiesen.

Die Verbindungen reichen bis in die türkische Regierungsallianz
Die Bewegung ist nicht nur ideologisch, sondern auch organisatorisch eng mit politischen Akteuren in der Türkei verbunden. Die ADÜTDF vertritt nach Angaben der Bundesregierung in Deutschland die Interessen der extrem nationalistischen Partei der Nationalistischen Bewegung, kurz MHP. Diese gilt als politische Ursprungsorganisation der Ülkücü-Bewegung.
Von einer engen Anbindung der ADÜTDF an die MHP und deren Vorsitzenden Devlet Bahçeli ist laut Bundesregierung auszugehen. Die ANF gehört zur Partei der Großen Einheit, kurz BBP, einer stärker islamisch ausgerichteten Abspaltung der MHP. MHP und BBP gehören gemeinsam mit der AKP des türkischen Präsidenten der türkischen Volksallianz an.
Vertreter türkisch-rechtsextremistischer Dachverbände besuchen offizielle Veranstaltungen türkischer Vertretungen in Deutschland. Umgekehrt werden die Verbände von türkischem diplomatischem Personal besucht. Auch Besuche von Abgeordneten der türkischen Regierungskoalition und ehemaligen Regierungsvertretern in den Vereinen der Dachverbände sind nach Angaben der Bundesregierung üblich.
Damit handelt es sich nicht bloß um eine isolierte Jugend- oder Subkultur. Teile des Milieus sind in transnationale politische Netzwerke eingebunden und orientieren sich stark an politischen Entwicklungen und Akteuren in der Türkei.
Auch hier ist Differenzierung nötig. Die Bundesregierung stellt nicht fest, dass die Loyalität zum türkischen Staat für sich genommen eine besondere Radikalisierung auslöst. Sie bewertet jedoch den türkischen Rechtsextremismus mit seiner ethnischen Überhöhung, seinen Feindbildern und seiner Obrigkeitshörigkeit gegenüber Anführern und dem türkischen Staat insgesamt als desintegrativ und als Gegensatz zu den Wertvorstellungen der freiheitlichen demokratischen Grundordnung.
Seit 2020 wird geprüft und geprüft und geprüft
Der Deutsche Bundestag nahm am 18. November 2020 gegen die Stimmen der AfD einen gemeinsamen Antrag von CDU/CSU, SPD, FDP und Grünen an. Darin wurde die Bundesregierung aufgefordert, den Einfluss der Ülkücü-Bewegung zurückzudrängen und Organisationsverbote gegen Vereine der Bewegung zu prüfen.
Mehr als fünf Jahre später existiert weiterhin kein umfassendes Verbot. Auf die Frage, welche tatsächlichen oder rechtlichen Gründe gegen vereinsrechtliche Maßnahmen sprächen, antwortete die Bundesregierung im Juli 2026 erneut, sie äußere sich grundsätzlich nicht zu Verbotsüberlegungen.
Begründet wird dies damit, dass potenziell Betroffene ihr Verhalten anpassen und dadurch behördliche Maßnahmen beeinträchtigen oder vereiteln könnten. Die Antwortverweigerung dürfe weder als Bestätigung noch als Verneinung konkreter Verbotsüberlegungen verstanden werden.
Diese Zurückhaltung kann aus ermittlungstaktischer Sicht nachvollziehbar sein. Politisch bleibt sie dennoch unbefriedigend. Im Jahr 2020 lag das geschätzte Personenpotenzial bei rund 11.000. Inzwischen werden rund 13.500 Personen erfasst. Dabei ist zu berücksichtigen, dass es sich um gerundete behördliche Schätzungen handelt und Veränderungen auch durch neue Erkenntnisse oder veränderte Erfassungen beeinflusst werden können.
Die Öffentlichkeit erfährt weiterhin nicht, ob ein Verbot ernsthaft vorbereitet, rechtlich verworfen oder seit Jahren in einem Aktenschrank zwischen „kompliziert“ und „später noch einmal ansehen“ abgelegt wurde.
Ein Vereinsverbot ist allerdings kein politisches Allheilmittel. Die Ülkücü-Bewegung besteht nicht aus einer einzigen Organisation, sondern aus mehreren Verbänden, Vereinen und losen Netzwerken. Ein pauschales Verbot müsste sich an den hohen rechtsstaatlichen Voraussetzungen des Vereinsrechts messen lassen. Zudem könnte es Teile der Szene in informelle oder digitale Strukturen verdrängen.
Das ist jedoch kein Argument für Untätigkeit. Neben möglichen Vereinsverboten kommen die Prüfung steuerlicher Privilegien und institutioneller Kooperationen, eine stärkere Aufklärung an Schulen, bessere Beratungsangebote für Betroffene und eine konsequente Beobachtung transnationaler Einflussnahme in Betracht.
Vor allem darf eine extremistische Organisation nicht allein deshalb als gesellschaftlicher Partner behandelt werden, weil ihre Vereinsbezeichnung freundlich klingt und beim Sommerfest niemand in Springerstiefeln erscheint.

Gleiche Maßstäbe sind keine Ausländerfeindlichkeit
Die Auseinandersetzung mit türkischem Rechtsextremismus darf nicht gegen Menschen türkischer Herkunft gerichtet werden. Im Gegenteil: Zu den Feindbildern der Ülkücü-Bewegung gehören auch Menschen mit familiären oder politischen Bezügen zur Türkei, darunter Kurden, Aleviten, Armenier, Jesiden, Juden und türkische Oppositionelle.
Wer die Bewegung aus falsch verstandener Rücksichtnahme verharmlost, schützt daher keine migrantischen Gemeinschaften. Er lässt gerade jene Menschen im Stich, die innerhalb dieser Gemeinschaften bedroht, eingeschüchtert oder ausgegrenzt werden.
Ebenso falsch wäre es, die Grauen Wölfe als Vorwand für pauschale Verdächtigungen gegen Türken oder Muslime zu missbrauchen. Die große Mehrheit der Menschen mit türkischen Wurzeln hat mit dieser Ideologie nichts zu tun. Viele lehnen sie entschieden ab oder gehören selbst zu den Gruppen, gegen die sich ihre Feindbilder richten.
Eine präzise Extremismuskritik richtet sich gegen Ideologien, Organisationen, Netzwerke und konkrete Akteure, nicht gegen Herkunftsgruppen.
Gerade deshalb braucht die Debatte gleiche Maßstäbe. Deutscher Neonazismus, türkischer Ultranationalismus, Islamismus, Linksextremismus und religiöser Fundamentalismus unterscheiden sich in Geschichte, Organisation und Zielsetzung. Sie müssen nicht künstlich gleichgesetzt werden. Sie müssen aber mit derselben rechtsstaatlichen Konsequenz geprüft werden.
Die Zahl türkischer Rechtsextremisten in Deutschland ist 2025 auf rund 13.500 gestiegen. Die Ülkücü-Bewegung verbindet extremen Nationalismus mit Rassismus, Antisemitismus und autoritärem Denken. Ihre behördliche Einordnung als auslandsbezogener Extremismus ist nachvollziehbar, darf aber nicht den rechtsextremistischen Charakter ihrer Ideologie verdecken. Wer Extremismus glaubwürdig bekämpfen will, muss Herkunft, Religion und politische Bequemlichkeit aus der Bewertung heraushalten.
Rechtsextremismus wird nicht durch einen deutschen Nachnamen definiert. Er beginnt dort, wo Menschen nach Herkunft und Abstammung bewertet, Minderheiten zu Feinden erklärt und demokratische Grundwerte einer angeblich überlegenen Nation untergeordnet werden. Bei deutschen Neonazis gilt das als selbstverständlich. Bei den Grauen Wölfen sollte es ebenso selbstverständlich sein.
ℹ️ Faktenbasis und Primärquellen zum Artikel 📑
▶️ Deutscher Bundestag: Antwort der Bundesregierung zu den Grauen Wölfen
Aktuelle Angaben zu Anhängerzahlen, Dachverbänden, Straftaten, Antisemitismus, Waffenaffinität, politischen Verbindungen und möglichen Verbotsmaßnahmen
▶️ Bundesamt für Verfassungsschutz: Zahlen und Fakten zum auslandsbezogenen Extremismus
Entwicklung des Personenpotenzials der rechtsextremistischen türkischen Ülkücü-Bewegung
▶️ Bundesamt für Verfassungsschutz: Verfassungsschutzbericht 2025
Offizielles Lagebild zum türkischen Rechtsextremismus und zum Personenpotenzial der Ülkücü-Bewegung
▶️ Bundesamt für Verfassungsschutz: Türkischer Rechtsextremismus in Deutschland
Grundlegende Einordnung von Ideologie, Organisation, Symbolen und öffentlichem Auftreten der Grauen Wölfe
▶️ Bundesamt für Verfassungsschutz: Verfassungsschutzbericht 2024, Fakten und Tendenzen
Angaben zu Antisemitismus, Israelfeindschaft und zur Rolle des Nahostkonflikts innerhalb der freien Ülkücü-Szene
▶️ Deutscher Bundestag: Einfluss türkischer Extremisten zurückdrängen
Dokumentation der Annahme des interfraktionellen Antrags vom 18. November 2020
▶️ Deutscher Bundestag: Nationalismus und Rassismus die Stirn bieten
Beschlossener Antrag zur Zurückdrängung der Ülkücü-Bewegung und zur Prüfung von Organisationsverboten
▶️ BAG RelEx: Religion und nationale Identität als politische Allianz
Analyse der Überschneidungen zwischen türkischem Ultranationalismus und religiös begründetem Extremismus
▶️ Bundeszentrale für politische Bildung: Antisemitismus im türkischen Ultranationalismus
Historische und ideologische Einordnung des Antisemitismus innerhalb der Ülkücü-Bewegung
▶️ WELT: Zahl der Grauen Wölfe erreicht Höchststand
Journalistischer Ausgangsbericht zu den neuen Anhängerzahlen, religiösen Strömungen und der Waffenaffinität

