Islamismus ist keine missverstandene Frömmigkeit. Er ist eine politische Ideologie mit einem klaren Herrschaftsanspruch, der zentrale Prinzipien der liberalen Demokratie ablehnt. Wer religiöse Gebote über demokratisch beschlossenes Recht stellt, Gleichberechtigung relativiert, Antisemitismus verbreitet oder einen Gottesstaat anstrebt, steht nicht am Rand eines kulturellen Missverständnisses. Er stellt sich gegen unsere freiheitliche Ordnung.
Die Ethnologin und Islamismusforscherin Prof. Dr. Susanne Schröter warnt seit Jahren davor, diese Gefahr kleinzureden. Sie leitete das Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam und gehörte dem Expertenkreis „Politischer Islamismus“ des Bundesinnenministeriums an. In ihrem 2026 erschienenen Buch „Links, rechts, islamistisch. Die wahren Feinde der Demokratie“ nimmt sie demokratiefeindliche Ideologien aus unterschiedlichen politischen Lagern ins Visier.
Ihre zentrale Warnung ist unbequem, aber notwendig: Die islamistische Gefahr beginnt nicht erst mit dem Terroranschlag. Sie beginnt dort, wo eine politische Ideologie versucht, religiöse Normen über individuelle Freiheit, demokratische Entscheidungen und staatliches Recht zu stellen. Der Anschlag ist im schlimmsten Fall das Ende einer Entwicklung, nicht ihr Anfang.

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Aus dem SCHLAGSEITE X-ArchivIslamismus ist keine Religion, sondern Machtpolitik
Die wichtigste Unterscheidung muss klar sein: Islam und Islamismus sind nicht dasselbe. Ein Muslim kann gläubig, konservativ oder streng religiös sein und trotzdem selbstverständlich auf dem Boden des Grundgesetzes stehen. Islamismus beginnt dort, wo Religion zur politischen Herrschaftsideologie wird.
Das Bundesamt für Verfassungsschutz beschreibt den Islamismus als politischen Extremismus, der eine vermeintlich göttliche Ordnung über die von Menschen geschaffene demokratische Rechtsordnung stellt. Das ist keine theologische Randfrage, sondern berührt den Kern des demokratischen Staates und die Frage, welches Recht am Ende gilt.
In Deutschland entscheidet kein Imam, keine religiöse Bewegung und keine selbst ernannte Glaubensautorität darüber, welche Rechte Frauen besitzen, welche Religion ein Mensch verlassen darf, wen jemand lieben darf oder welches Recht für die Gesellschaft gilt. Maßstab ist der demokratische Rechtsstaat. Religionsfreiheit schützt den persönlichen Glauben, sie schützt aber keinen politischen Anspruch darauf, anderen Menschen religiöse Regeln aufzuzwingen.
Wer diesen Unterschied verwischt, hilft ausgerechnet den Islamisten. Sie behaupten seit Jahren, jede Kritik an ihrer politischen Ideologie sei ein Angriff auf Muslime. Dieses Spiel funktioniert erstaunlich gut, weil Teile von Politik und Öffentlichkeit offenbar Angst davor haben, politischen Extremismus beim Namen zu nennen, sobald Religion ins Spiel kommt. Ein Extremist wird jedoch nicht weniger extremistisch, nur weil er seinen politischen Machtanspruch religiös begründet.
Mehr als 28.000 Menschen im islamistischen Spektrum
Die Dimension lässt sich nicht einfach wegmoderieren. Der Verfassungsschutzbericht für 2025 weist ein islamistisches Personenpotenzial von 28.645 Menschen aus, nach 28.280 im Vorjahr. Davon werden 9.110 Personen als gewaltorientiert eingestuft, das salafistische Personenpotenzial liegt bei rund 11.200 Anhängern.
Diese Zahlen bedeuten nicht, dass mehr als 28.000 Menschen unmittelbar Anschläge vorbereiten. Eine solche Behauptung wäre Unsinn. Sie zeigen aber sehr wohl, dass Deutschland es nicht mit einigen wenigen verwirrten Einzeltätern, sondern mit einem ideologischen Milieu von erheblicher Größe zu tun hat.
ℹ️ Das gesamte vom Verfassungsschutz erfasste islamistische Personenpotenzial lag 2025 bei 28.645 Menschen. Davon wurden 9.110 dem gewaltorientierten Spektrum zugerechnet. Islamismus ist daher nicht mit islamistischem Terrorismus gleichzusetzen. Der Terrorismus ist der gewalttätigste Teil eines wesentlich größeren politischen und ideologischen Problems.
Wer Islamismus erst dann wahrnimmt, wenn irgendwo ein Anschlag geschieht, hat das Problem nicht verstanden. Der Terrorist steht häufig am Ende einer Radikalisierung. Davor stehen Ideologie, Propaganda, Rekrutierung, Feindbilder, soziale Abschottung und politische Einflussnahme.

Die gefährlichsten Islamisten tragen nicht zwangsläufig Waffen
Hier liegt einer der wichtigsten Punkte in Schröters Warnungen: Islamismus funktioniert nicht ausschließlich durch Terrorzellen. Eine Organisation kann demokratiefeindliche Ziele verfolgen, ohne morgen einen Anschlag zu planen. Sie kann Jugendliche über soziale Netzwerke ansprechen, religiöse Identität politisieren, Feindbilder aufbauen, die Gesellschaft in Gläubige und angebliche Gegner aufteilen und langfristig daran arbeiten, demokratische Werte zurückzudrängen.
Dafür braucht man keinen Sprengstoffgürtel. Ein Smartphone, ein professioneller Social-Media-Auftritt und genügend ideologische Geduld können für die Verbreitung einer extremistischen Weltanschauung erheblich wirkungsvoller sein.
Wie ernst der Staat solche Strukturen inzwischen nimmt, zeigte das Bundesinnenministerium im November 2025 mit dem Verbot der Vereinigung „Muslim Interaktiv“. Nach Angaben des Ministeriums richteten sich Zweck und Tätigkeit der Gruppierung gegen die verfassungsmäßige Ordnung und den Gedanken der Völkerverständigung. Gleichzeitig wurden Objekte von „Generation Islam“ und „Realität Islam“ durchsucht.
Gerade darin liegt die Herausforderung solcher Bewegungen: Sie bedienen sich moderner Kommunikationsformen, sprechen gezielt junge Menschen an und geben sich selbstbewusst, identitär, rebellisch und medienwirksam. Der autoritäre Kern verschwindet dabei hinter Begriffen wie Identität, Selbstbestimmung oder Religionsfreiheit. Eine Bewegung wird nicht demokratisch, nur weil sie ihre Propaganda professionell auf TikTok schneidet.
Religionsfreiheit ist kein Schutzschild für Extremismus
Der liberale Rechtsstaat schützt Religionsfreiheit, und zwar aus gutem Grund. Er garantiert aber keine religiöse Sonderzone außerhalb demokratischer Kritik. Religiöse Ideen dürfen kritisiert, religiöse Organisationen untersucht, politische Forderungen zurückgewiesen und extremistische Vereinigungen verboten werden, wenn die gesetzlichen Voraussetzungen erfüllt sind.
Das Grundgesetz verlangt keine Unterwerfung vor religiösen Empfindlichkeiten. Trotzdem hat sich über Jahre eine merkwürdige politische Vorsicht entwickelt. Sobald Islamismus thematisiert wird, folgt häufig erst ein sprachlicher Hindernislauf aus Distanzierungen und Absicherungen, bevor überhaupt über die eigentliche Ideologie gesprochen wird.
Bei Rechtsextremismus käme kaum jemand auf die Idee, zunächst ausführlich zu erklären, dass natürlich nicht jeder Deutsche ein Rechtsextremist sei. Beim Islamismus scheint eine solche Selbstverständlichkeit dagegen regelmäßig erklärt werden zu müssen. Muslime sind nicht verantwortlich für Islamisten. Aber Islamisten dürfen auch nicht hinter Muslimen versteckt werden.
Antisemitismus ist kein Nebeneffekt
Besonders deutlich zeigt sich die ideologische Härte des Islamismus beim Umgang mit Juden und Israel. Der Verfassungsschutz beschreibt Antisemitismus als Bestandteil verschiedener islamistischer Strömungen. Er findet sich bei islamistischen Terrororganisationen ebenso wie im Umfeld der Hamas, der Hisbollah, salafistischer Strukturen und weiterer extremistischer Milieus.
Die ideologischen Begründungen unterscheiden sich, das Ergebnis ist häufig erschreckend ähnlich: Juden werden zum Feindbild erklärt und Israel zum dämonisierten Staat, dessen bloße Existenz als Provokation behandelt wird.
Seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 wurde diese Entwicklung auch in Europa unübersehbar. Demonstrationen, Propaganda und öffentliche Kampagnen zeigten, wie schnell angebliche Nahostpolitik in offene Feindbilder gegen Israel und Juden kippen kann. Wie stark Bilder, Schlagzeilen und Narrative die Wahrnehmung des Konflikts prägen können, zeigt auch der Beitrag „Medienmanipulation im Nahostkonflikt“.
Und trotzdem begann anschließend wieder das große sprachliche Verrenkungsturnen: War das wirklich Antisemitismus? War es vielleicht nur „Israelkritik“? Musste man erst den geopolitischen Kontext erklären? Nein. Wenn Juden bedroht werden, Hamas-Terror verherrlicht wird oder die Vernichtung Israels propagiert wird, braucht es keine semantische Schnitzeljagd. Judenhass bleibt Judenhass, unabhängig davon, ob er von einem Neonazi, einem Islamisten oder einem selbst ernannten antiimperialistischen Aktivisten kommt.

Islamismus wird nicht harmloser, weil andere Extremisten ebenfalls gefährlich sind
Rechtsextremisten, Linksextremisten und Islamisten verfolgen unterschiedliche Ziele und bilden keine einheitliche Bewegung. Trotzdem gibt es ideologische Schnittmengen, die man nicht ignorieren sollte. Antisemitismus gehört zu den sichtbarsten. Wie solche politischen Ränder über das gemeinsame Feindbild Israel zusammenfinden können, zeigt der Beitrag „Feindbild Israel: Warum Extreme zusammenfinden“. Hinzu kommen in Teilen Antiamerikanismus, autoritäres Denken und die Ablehnung einer Gesellschaft, in der das Individuum mehr zählt als politische oder religiöse Kollektive.
Besonders grotesk wird es dort, wo Teile der politischen Linken islamistische Bewegungen romantisieren, solange diese nur aggressiv genug gegen Israel oder den Westen auftreten. Wer Frauenrechte, sexuelle Selbstbestimmung und individuelle Freiheit verteidigt, kann nicht gleichzeitig religiöse Extremisten hofieren, die genau diese Rechte ablehnen. Das ist keine Solidarität, sondern politische Selbstverleugnung. Der Beitrag „Antisemitismus in der Linken und Linksjugend“ beleuchtet diese Entwicklung ausführlicher.
Der Verfassungsschutz bezeichnet den Rechtsextremismus weiterhin als größte Bedrohung für die freiheitliche demokratische Grundordnung. Das macht den Islamismus keinen Millimeter harmloser. Eine Demokratie muss alle Formen des Extremismus gleichzeitig bekämpfen. Wer eine Gefahr gegen die andere verrechnet, betreibt kein Sicherheitsdenken, sondern Lagerdenken.
Die entscheidende Grenze verläuft nicht zwischen links und rechts. Sie verläuft zwischen denen, die eine freie demokratische Ordnung akzeptieren, und denen, die sie durch eine autoritäre Ideologie ersetzen wollen.
Der Rechtsstaat muss aufhören, sich für seine eigenen Werte zu entschuldigen
Deutschland braucht keine Hysterie gegenüber Muslimen. Es braucht etwas wesentlich Unbequemeres: Konsequenz gegenüber Islamisten. Wer hier leben möchte, darf selbstverständlich glauben, was er möchte, konservativ oder streng religiös sein, Moscheen besuchen, fasten und seinen Glauben öffentlich vertreten. Aber niemand besitzt das Recht, anderen Menschen religiöse Regeln aufzuzwingen oder die demokratische Ordnung durch eine religiöse Herrschaftsordnung ersetzen zu wollen. Das Grundgesetz steht nicht zur kulturellen Disposition. Das gilt für Frauenrechte, Religionsfreiheit einschließlich der Freiheit, eine Religion zu verlassen, jüdisches Leben und die Rechte homosexueller Menschen. Niemand muss sich seine Freiheit von religiösen Fundamentalisten genehmigen lassen. Auch Israelhass wird nicht dadurch akzeptabler, dass jemand ihn mit Religion, Kolonialismus oder vermeintlichem Widerstand dekoriert.
Wer diese Prinzipien nicht akzeptiert, hat kein Problem mit einzelnen deutschen Gesetzen. Er hat ein Problem mit der liberalen Demokratie selbst.
Wegsehen schützt die Demokratie nicht
Islamismus verschwindet nicht, wenn man das Wort vorsichtiger ausspricht. Er wird auch nicht weniger gefährlich, wenn politische Verantwortliche seine ideologischen Grundlagen aus Angst vor Kontroversen möglichst unauffällig behandeln. Die Antwort kann nur ein konsequenter Rechtsstaat sein.
Extremistische Organisationen müssen beobachtet und bei Vorliegen der rechtlichen Voraussetzungen verboten werden. Terrorfinanzierung und ausländische Einflussstrukturen müssen verfolgt, antisemitische Hetze und Gewaltaufrufe konsequent strafrechtlich behandelt werden. Islamistische Propaganda gegenüber Jugendlichen darf nicht als harmlose Identitätspolitik oder exotische Form politischer Jugendarbeit verniedlicht werden.
Vor allem muss Deutschland wieder den Mut besitzen, seine eigenen Werte ohne Entschuldigung zu vertreten. Eine offene Gesellschaft muss tolerant sein, aber sie muss nicht tolerant gegenüber denen sein, die ihre Freiheit nutzen, um Freiheit abzuschaffen.
Genau deshalb ist Schröters Warnung wichtig. Nicht weil jeder Muslim verdächtig wäre, sondern weil Islamismus eine politische Ideologie ist, deren autoritärer Herrschaftsanspruch mit einer freien Gesellschaft nicht vereinbar ist. Das klar auszusprechen ist keine Radikalisierung. Es ist demokratische Selbstverteidigung.
Religionsfreiheit schützt Muslime genauso wie Christen, Juden, Atheisten und jeden anderen Menschen. Sie schützt jedoch keinen politischen Herrschaftsanspruch über andere. Islamismus ist eine extremistische Ideologie und muss auch so behandelt werden. Eine Demokratie, die ihre Gegner aus Angst vor unbequemen Debatten nicht mehr klar benennt, macht sich schwächer, als sie sein müsste.
ℹ️ Faktenbasis und Primärquellen zum Artikel 📑
▶️ Bundesamt für Verfassungsschutz:
Islamismus und islamistischer Terrorismus im Verfassungsschutzbericht 2025
Aktuelle Angaben zum islamistischen Personenpotenzial, zu gewaltorientierten Islamisten und zu islamistischen Strömungen in Deutschland.
▶️ Bundesamt für Verfassungsschutz:
Islamismus in Deutschland
Grundlegende Einordnung des Islamismus als politische extremistische Ideologie und Abgrenzung zur Religionsausübung.
▶️ Bundesministerium des Innern:
Verbot der Vereinigung „Muslim Interaktiv“
Informationen zum Vereinsverbot und zu den Durchsuchungen im Zusammenhang mit „Generation Islam“ und „Realität Islam“.
▶️ Susanne Schröter:
Website von Susanne Schröter
Informationen zu Forschung, Veröffentlichungen und wissenschaftlicher Arbeit zum politischen Islam und zu demokratiefeindlichen Ideologien.
▶️ Verlag Herder:
Susanne Schröter: „Links, rechts, islamistisch. Die wahren Feinde der Demokratie“, 2026.
Schröters aktuelle Analyse demokratiefeindlicher Bewegungen und ideologischer Radikalisierung.
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