Der Hamas-Sprachführer vom 7. Oktober beginnt mit Befehlen und Aussagen wie „Frauen hier“, „Kleidung aus“ und „Wir haben Geiseln“. Diese Sätze standen nicht zufällig auf irgendeinem Zettel. Sie gehören zu einem Sprachführer, der Hamas-Terroristen nach israelischen Angaben auf Situationen während des Angriffs vom 7. Oktober 2023 vorbereiten sollte. 45 Sätze, auf Arabisch erklärt und so übertragen, dass die Angreifer sie auf Hebräisch aussprechen konnten.
Das Dokument zeigt ziemlich nüchtern, worauf sich seine Benutzer einstellen sollten: israelische Ortschaften, Zivilisten, Waffen, Fahrzeuge, Geiseln, Männer, Frauen und Kinder. Das ist kein gewöhnlicher Sprachkurs. Das ist praktische Kommunikation für Terroristen auf israelischem Gebiet.
45 Sätze für einen Angriff auf israelische Ortschaften
Der von Palestinian Media Watch dokumentierte Sprachführer besteht aus 45 Befehlen, Fragen und kurzen Aussagen. Neben der arabischen Bedeutung steht eine hebräische Formulierung in arabischer Lautschrift. Wer Arabisch lesen konnte, konnte damit einen hebräischen Befehl aussprechen, ohne Hebräisch lesen zu können.
Ein Teil klingt zunächst banal: „Stopp“, „Nicht bewegen“, „Komm“, „Hinlegen“, „Nicht sprechen“. Doch die Liste geht sehr schnell weit darüber hinaus.
Die Angreifer konnten fragen: „Wo ist die Waffe?“, „Wo sind deine Freunde?“, „Wo sind die Autoschlüssel?“ und „Wie bedient man den Panzer?“ Andere Formulierungen führen mitten hinein in israelische Zivilorte: „Wo ist der Verantwortliche des Kibbutz?“ und „Wie heißt der Kibbutz?“
Und dann folgen die Sätze, bei denen jede Behauptung vom angeblich improvisierten Chaos endgültig dünn wird: „Du bist ein Gefangener“, „Wir haben Geiseln“, „Wir werden die Gefangenen töten“, „Männer hier“, „Frauen hier“ und „Kinder hier“.

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Aus dem SCHLAGSEITE X-Archiv„Frauen hier“, „Kleidung aus“ und eine auffällige Kombination
Noch schwerer wiegen mehrere Formulierungen, wenn man sie nicht einzeln betrachtet. Der Sprachführer enthält unter anderem „Frauen hier“, „Zieh deine Kleidung aus“, „Zieh deine Hose aus“ sowie den Befehl, die Hände zu heben und die Beine auseinanderzustellen.
Ein einzelner Entkleidungsbefehl ließe sich noch isoliert als Teil einer Durchsuchung oder Gefangennahme erklären. Diese Liste steht aber nicht isoliert da. Sie verbindet Frauen, Gefangene, Geiseln, die Trennung von Menschen und Aufforderungen zum Entkleiden in einem einzigen vorbereiteten Sprachführer.
Im Kontext dessen, was später über sexualisierte Gewalt am 7. Oktober und gegenüber verschleppten Geiseln dokumentiert wurde, ist diese Kombination nicht nebensächlich. Sie gehört zur Einordnung dessen, worauf die Angreifer vorbereitet wurden.
Die UN-Sonderbeauftragte für sexualisierte Gewalt in Konflikten untersuchte die entsprechenden Vorwürfe Anfang 2024 in Israel. Ihr Team kam zu dem Ergebnis, dass hinreichende Gründe für die Annahme bestehen, dass am 7. Oktober an mehreren Orten sexualisierte Gewalt verübt wurde. Bei Geiseln lagen nach Angaben der UN zudem klare und überzeugende Informationen über sexualisierte Gewalt während der Gefangenschaft vor.
Der Sprachführer muss nicht künstlich dramatisiert werden. Seine 45 Sätze sind bereits deutlich genug. Er verbindet Befehle zur Kontrolle israelischer Zivilisten mit Geiselnahme, Trennung nach Männern, Frauen und Kindern sowie Aufforderungen zum Entkleiden. Im Zusammenhang mit den später dokumentierten Fällen sexualisierter Gewalt ist diese Kombination nicht zufällig und deshalb relevant.

Das Problem mit der Erzählung vom spontanen Chaos
Bis heute wird der 7. Oktober teilweise so dargestellt, als sei nach dem Durchbruch durch die israelische Grenze eine weitgehend ungeplante Dynamik entstanden. Als seien Terroristen und andere Angreifer einfach losgezogen und die Verbrechen anschließend aus dem Chaos heraus entstanden.
Der Sprachführer passt dazu nicht.
Wer im Voraus lernen lässt, wie man auf Hebräisch nach dem Verantwortlichen eines Kibbutz fragt, wie man Menschen sammelt, Männer, Frauen und Kinder voneinander trennt, Autoschlüssel verlangt und Gefangenen mitteilt, dass man Geiseln hat, bereitet sich auf konkrete Situationen vor.
Das bedeutet nicht, dass jede Tat des 7. Oktober in einem zentralen Drehbuch mit Uhrzeit und Seitenzahl festgelegt war. Das muss sie auch gar nicht gewesen sein. Planung bedeutet, dass bestimmte Ziele und Situationen vorhergesehen und vorbereitet wurden. Genau das dokumentiert dieser Sprachführer.
Geiselnahme war kein Nebeneffekt
Besonders schwer lässt sich die Vorbereitung bei den Geiseln wegdiskutieren. Die Liste enthält nicht nur das Wort „Geisel“. Sie enthält mehrere Sätze, die unmittelbar für den Umgang mit Gefangenen gedacht sind.
„Du bist ein Gefangener.“ „Wir haben Geiseln.“ „Wir werden die Gefangenen töten.“
Dazu kommen Befehle zum Sammeln von Menschen, zur Herausgabe von Fahrzeugschlüsseln und zur Trennung von Männern, Frauen und Kindern.
Am 7. Oktober wurden tatsächlich 251 Menschen aus Israel verschleppt. Was auf dem Papier vorbereitet worden war, bekam wenige Stunden nach Beginn des Angriffs eine grausame Realität.
Der Sprachführer gewinnt seine Bedeutung deshalb nicht durch einen einzelnen spektakulären Satz. Es ist das Muster. Kibbutz. Zivilisten. Männer. Frauen. Kinder. Fahrzeuge. Gefangene. Geiseln. Das sind keine zufällig zusammengewürfelten Vokabeln.

Ein Sprachführer als Teil einer größeren Vorbereitung
Auch für sich genommen ist die Liste aufschlussreich. Noch deutlicher wird sie im Zusammenhang mit weiteren Unterlagen, die nach dem Angriff ausgewertet wurden. Bereits im Dezember 2023 berichtete der Guardian über von der israelischen Militäreinheit Amshat ausgewertetes Material, darunter Karten, Unterlagen zur Geiselnahme und arabisch-hebräische Sprachführer.
Das fügt sich zusammen: Wer israelische Ortschaften angreifen will, braucht Informationen über Zufahrten und Ziele. Wer Menschen verschleppen will, braucht Kontrolle über sie. Und wer nicht ausreichend Hebräisch spricht, bekommt eben einen Sprachführer.
So banal kann organisierter Terror auf Papier aussehen. Keine große Rede, kein martialisches Manifest. Eine Liste mit kurzen Sätzen, die im entscheidenden Moment funktionieren sollen. Gerade das macht das Dokument so aufschlussreich.
Warum dieses Dokument 2026 noch wichtig ist
Der Sprachführer ist inzwischen mehrere Jahre alt. Seine Bedeutung ist es nicht. Noch immer wird über den Charakter des 7. Oktober gestritten, über Planung, Geiselnahmen und sexualisierte Gewalt, als ließe sich jedes unangenehme Detail durch genügend politische Lautstärke wieder in Nebel verwandeln.
Dokumente sind dabei ausgesprochen lästig. Sie diskutieren nicht mit.
Dieser Sprachführer beantwortet nicht jede Frage über den 7. Oktober. Aber er beantwortet eine ziemlich wichtige: Hamas-Terroristen wurden auf den direkten Umgang mit Israelis vorbereitet, und zwar nicht nur auf ein Gefecht mit Soldaten.
Sie sollten Menschen anhalten, kontrollieren und sammeln können. Sie sollten nach Kibbuzim und deren Verantwortlichen fragen können. Sie sollten Männer, Frauen und Kinder trennen können. Und sie sollten mit Gefangenen und Geiseln umgehen können.
Das ist keine Sprache eines spontanen Aufstands. Das ist die Sprache vorbereiteter Herrschaft über wehrlose Menschen.
Wer über den 7. Oktober sprechen will, sollte deshalb nicht nur auf die Bilder dieses Tages schauen. Man sollte auch auf das Papier schauen, das manche Täter offenbar mitbrachten.
Denn dieser Sprachführer zeigt, was vorbereitet wurde: Menschen kontrollieren, trennen, gefangen nehmen und als Geiseln verschleppen.
Der Sprachführer zeigt keine spontane Begegnung mit Israelis, sondern Vorbereitung auf Kontrolle, Gefangennahme und Geiselnahme. Zusammen mit den weiteren Erkenntnissen zum 7. Oktober ist er ein weiteres Dokument, das zeigt, dass die Täter nicht nur kämpfen wollten. Sie waren darauf vorbereitet, Menschen zu beherrschen, zu erniedrigen und als Geiseln zu verschleppen.
ℹ️ Faktenbasis und Primärquellen zum Artikel 📑
▶️ Palestinian Media Watch:
From Hamas translation guide for October 7
PMW veröffentlichte im Juli 2024 den bei einer israelischen Militärunterrichtung gezeigten Sprachführer und dokumentierte die darin enthaltenen Formulierungen.
▶️ Vereinte Nationen, Special Representative on Sexual Violence in Conflict:
Mission Report vom 4. März 2024
Offizieller Bericht der UN-Sonderbeauftragten zur Untersuchung sexualisierter Gewalt im Zusammenhang mit dem Hamas-geführten Angriff vom 7. Oktober und der Behandlung israelischer Geiseln.
▶️ Vereinte Nationen:
Reasonable Grounds to Believe Conflict-Related Sexual Violence Occurred during 7 October Attacks
Zusammenfassung der Ergebnisse der UN-Mission und ihrer Bewertung der vorliegenden Informationen zu sexualisierter Gewalt.
▶️ Israel Defense Forces:
The October 7 Massacre: Explained
Die IDF dokumentiert die Zahl von 251 Menschen, die am 7. Oktober 2023 als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt wurden.
▶️ The Guardian:
Hamas drew detailed attack plans for years with help of spies, IDF says
Der Bericht dokumentiert von der israelischen Militäreinheit Amshat ausgewertete Karten, Unterlagen zur Geiselnahme und arabisch-hebräische Sprachführer.
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