Es gibt Webseiten, auf denen man nach zwei Minuten ungefähr weiß, was man beim nächsten Besuch wieder finden wird. Und es gibt Seiten, bei denen man plötzlich eine Stunde später noch zwischen Timelines, Bildern, Archivmaterial und Quellenverweisen hängt. WolfgangTietze.de gehört für mich zur zweiten Sorte.
Der Journalist Wolfgang Tietze beschäftigt sich dort intensiv mit Gaza, Hamas, journalistischen Quellen, Bildmaterial internationaler Agenturen und der Frage, wie deutsche Medien Informationen aus dem Gazastreifen überprüfen. Seine Recherchen gehen dabei regelmäßig über den fertigen Medienbeitrag hinaus. Er arbeitet mit Bildmaterial, Veröffentlichungszeitpunkten, digitalen Spuren und den Personen hinter den verwendeten Quellen. Interessant ist dabei weniger eine einzelne These als die Art, wie Tietze seinen Rechercheweg offenlegt.
Lieber Follower/innen und lieber Leser/innen, ich möchte mich auch diese Woche recht herzlich für die großartige Unterstützung bedanken.
Trotzdem die Artikel auf meinem Blog haben noch mehr Aufmerksamkeit verdient. Es geht hierbei nicht um mich, es geht um ausschließlich um die…— Wolfgang Tietze (@WolfgangTietze3) August 14, 2026
Journalistische Erfahrung, Politik und alte Recherchekonflikte
Wolfgang Tietze arbeitet nach eigenen Angaben seit 1983 journalistisch. Seine Laufbahn begann also lange vor SPIEGEL TV und seinen heutigen Gaza-Recherchen.
1986 arbeitete er auch für das ARD-Magazin Monitor. Tietze nennt einen Beitrag über den Berliner Bauskandal als eine seiner frühen investigativen Arbeiten. Im Zuge dieser Affäre traten unter anderem der Berliner CDU-Innensenator Heinrich Lummer sowie weitere Senatoren zurück.
Auch politisch war Tietze damals selbst aktiv. Bis Ende 1990 gehörte er der Alternativen Liste Berlin an, zeitweise auch deren Geschäftsführendem Ausschuss und Delegiertenrat. Seine damalige politische Tätigkeit ist auch in zeitgenössischem Archivmaterial dokumentiert.
Von 1990 bis 2003 arbeitete Tietze für SPIEGEL TV und DER SPIEGEL. In diese Zeit fallen Recherchen und Konflikte, die ihn bis heute beschäftigen.
Eine davon betrifft die Öffnung der Berliner Mauer am Grenzübergang Bornholmer Straße am 9. November 1989. Die Bundeszentrale für politische Bildung dokumentiert, dass ein SPIEGEL-TV-Team ein Jahr später an den Ort zurückkehrte und die Ereignisse rekonstruierte. Wolfgang Tietze wird dabei als Mitrechercheur genannt.
Tietze selbst geht in seiner Darstellung weiter. Er sagt, die Hintergründe der Maueröffnung damals allein recherchiert zu haben, und kritisiert seit Jahren, dass seine Rolle bei der späteren Darstellung dieser Recherche nicht angemessen berücksichtigt werde.
Ein zweiter Konflikt betrifft seine langjährigen Recherchen zur Stasi-Vergangenheit prominenter Politiker nach dem Ende der DDR. Tietze berichtet, er habe über Monate ehemalige MfS-Mitarbeiter befragt und dabei Material zur Tätigkeit des letzten DDR-Ministerpräsidenten Lothar de Maizière zusammengetragen. Die spätere Aktenlage identifizierte de Maizière als beim MfS unter dem Decknamen „Czerni“ geführten IM, was de Maizière selbst stets bestritten hat.
Tietze wirft seinem früheren journalistischen Umfeld vor, dass seine eigene Rolle bei diesen Recherchen später nicht entsprechend sichtbar geblieben sei. Diese Auseinandersetzung mit Quellen, Urheberschaft und journalistischer Zuschreibung zieht sich damit bemerkenswert konsequent bis in seine heutigen Arbeiten hinein.
Noch 2023 erschien im SPIEGEL die gemeinsam mit Sven Röbel verfasste Recherche „Putin, die RAF und der Dietmar aus Dillingen“.
Seine journalistische und politische Biografie ist deutlich umfangreicher, als ein einzelner Empfehlungsartikel abbilden kann. Für seine heutige Medienkritik ist dieser Hintergrund dennoch wichtig: Tietze kennt große Redaktionen, politische Netzwerke und langwierige Quellenrecherchen nicht nur aus der Beobachterperspektive.

Passende X-Beiträge
Aus dem SCHLAGSEITE X-ArchivDer Blick hinter das veröffentlichte Material
Ein Schwerpunkt seiner heutigen Arbeit liegt auf der Herkunft journalistischen Materials aus Gaza. Tietze beschäftigt sich mit Fotografen, lokalen Medienakteuren, internationalen Nachrichtenagenturen und Material, das später in deutschen Beiträgen auftaucht.
Eine besondere Rolle spielt dabei Hassan Eslaiah, dessen Name auch als Hassan Aslih wiedergegeben wird. Ein Hamas-Mitglied und einen der einflussreichsten Influencer in Gaza unter den Palästinensern. Unabhängig von dieser Einordnung ist dokumentiert, dass Eslaiah Material für internationale Medien lieferte. Die Associated Press erklärte im November 2023, nicht mehr mit Eslaiah zusammenzuarbeiten, der zuvor gelegentlich als Freelancer für die Nachrichtenagentur und andere internationale Medien tätig gewesen war.
Im Mai 2025 berichtete Reuters, Israel werfe Aslih vor, für Hamas gearbeitet und am Angriff vom 7. Oktober 2023 teilgenommen zu haben. Reuters beschrieb ihn zugleich als bekannten palästinensischen Medienakteur mit Hunderttausenden Followern in sozialen Netzwerken. Eslaiah wurde im Mai 2025 bei einem israelischen Angriff im Nasser-Krankenhaus getötet.
Für Tietzes Recherche endet die Geschichte damit jedoch nicht. Er betrachtet Eslaiah nicht als isolierten Bildlieferanten, sondern als Teil eines größeren Umfelds aus lokalen Medienakteuren, Multiplikatoren, Fotografen und Quellen. Nach Tietzes Einschätzung besteht dieses Netzwerk weiter und arbeitet auch nach Eslaiahs Tod fort. Genau diese personellen Verbindungen und Veröffentlichungswege versucht er in seinen Dossiers sichtbar zu machen.
Daneben geht es um Aufnahmen im Zusammenhang mit dem 7. Oktober 2023, um das Al-Shifa-Krankenhaus und um lokale Mitarbeiter und Fotografen westlicher Medien. Auf seiner Webseite bündelt Tietze diese Arbeiten in Dossiers und Einzelrecherchen zu Gaza, Medienquellen und Fotografen.
Was mit „Medienforensik“ gemeint ist, wird an konkreten Fällen deutlich.
In seiner Recherche „Aus der Giftküche der Hamas-Propaganda“ untersucht Tietze Videomaterial, das in einem Monitor-Beitrag als „Handyvideo“ bezeichnet wurde. Er stellt einen Ausschnitt aus dem ausgestrahlten Beitrag einer von ihm identifizierten Originalveröffentlichung gegenüber und vergleicht dabei unter anderem die Position eines Wasserzeichens sowie die zeitliche Veröffentlichung des Materials. Aus diesem Vergleich leitet er seine Kritik an der Quellenkennzeichnung des Beitrags ab.
Ein zweites Beispiel liefert sein „Dossier Nr. 6: Die ARD, die Hamas und der Osama aus Gaza“. Dort rekonstruiert Tietze eine Folge von Veröffentlichungen des später für die ARD tätigen Kameramanns Osama S. Ashi vom 7. Oktober 2023. Er ordnet einzelne Videos zeitlich und geografisch ein, darunter Aufnahmen am Al-Shifa-Komplex, und stellt diese Recherche den späteren ARD-Credits gegenüber, in denen Ashi als Kameramann genannt wird.
Solche Vergleiche machen die Methode greifbar: Ausgangspunkt ist öffentlich zugängliches Material, das zeitlich, visuell und personell miteinander verbunden wird.
Warum die Quellenfrage bei Gaza so wichtig ist
Internationale Medien sind bei ihrer Berichterstattung aus Gaza in erheblichem Umfang auf lokale Fotografen, Mitarbeiter, Agenturen, Vermittler, Augenzeugen und zugeliefertes Material angewiesen.
Für den normalen Leser oder Zuschauer bleibt häufig unsichtbar, wer eine Aufnahme ursprünglich erstellt hat, wann sie erstmals veröffentlicht wurde und über welche Personen oder Plattformen sie schließlich eine westliche Redaktion erreicht hat.
Damit wird die Herkunft des Materials selbst zu einer journalistischen Information.
Genau hier setzt Tietzes Arbeit an. Statt nur über die Aussage eines fertigen Fernsehbeitrags zu diskutieren, untersucht er die zugrunde liegenden Bilder, Veröffentlichungen und beteiligten Personen. Der entscheidende Unterschied liegt im Recherchegegenstand: Nicht nur der veröffentlichte Beitrag wird analysiert, sondern das Material, aus dem er entstanden ist.

Nicht glauben, sondern nachvollziehen
Für mich liegt darin der wichtigste Punkt dieser Empfehlung. Journalistische Glaubwürdigkeit sollte nicht allein davon abhängen, welcher Name über einem Artikel steht. Autorität ersetzt keinen Beleg.
Auf WolfgangTietze.de bleibt der Rechercheweg häufig sichtbar. Tietze bindet Screenshots, Videos, Bildvergleiche, Veröffentlichungszeitpunkte und Quellen direkt in seine Dossiers ein. Dadurch kann der Leser nachvollziehen, welche Fundstücke zu einer Schlussfolgerung geführt haben.
Das ist für mich das stärkere journalistische Prinzip: nicht Vertrauen verlangen, sondern Material zugänglich machen.
Der Leser kann selbst weitergehen, Quellen öffnen, Aufnahmen vergleichen und zeitliche Abläufe nachvollziehen. Eine Recherche wird dadurch nicht zu einer bloßen Behauptung, die man wegen des Namens des Autors glauben soll.
Ausführlichkeit gehört dazu
Tietzes Dossiers sind keine Texte für das schnelle Überfliegen. Sie sind dicht, teilweise sehr lang und verlangen Aufmerksamkeit. Bildfolgen, Quellenketten, Personen und zeitliche Abläufe werden ausführlich dokumentiert.
Das halte ich nicht für einen Nachteil. Ausführlichkeit sollte zwar nie zum Selbstzweck werden, aber komplexe Zusammenhänge werden nicht verständlicher, indem man die entscheidenden Zwischenschritte herauskürzt.
Das gilt gerade für Medienrecherchen. Eine Schlagzeile kann sagen, was behauptet wird. Sie erklärt noch lange nicht, woher eine Information stammt, welchen Weg sie genommen hat und weshalb sie belastbar sein soll.
Auch auf SCHLAGSEITE.eu sind Artikel deshalb häufig länger. Ich halte es für wichtiger, einen Zusammenhang verständlich zu erklären, als einen komplizierten Sachverhalt künstlich auf drei Absätze zusammenzustreichen. Wer nur Schlagzeilen liefert, liefert noch keinen Kontext.
Wenn die Kritik den früheren Arbeitgeber trifft
Die Konflikte aus seiner früheren SPIEGEL-Zeit sind für Tietze kein abgeschlossener biografischer Nebensatz. Seine heutige Medienkritik richtet sich immer wieder auch gegen das Haus, für das er selbst viele Jahre gearbeitet hat.
Im Sommer 2026 veröffentlichte er mehrere Beiträge zur Gaza-Berichterstattung des SPIEGEL. In seinen Beiträgen zu Journalismus und Medienrecherche dokumentiert er dabei auch seinen Austausch mit Verantwortlichen seines früheren Arbeitgebers und formuliert deutliche Kritik am Umgang mit seinen Rechercheergebnissen.
Damit bekommt seine heutige Medienkritik einen sehr persönlichen, aber zugleich journalistisch relevanten Hintergrund: Er untersucht ein Haus, dessen Arbeitsweisen, Strukturen und redaktionelle Abläufe er aus jahrelanger eigener Tätigkeit kennt.
Eine Empfehlung für Leser, die tiefer einsteigen wollen
WolfgangTietze.de ist keine Seite für den schnellen Nachrichtenüberblick. Wer dort einsteigt, muss Zeit und Aufmerksamkeit mitbringen.
Dafür bekommt man Zugang zu einer Arbeitsweise, bei der Bilder, Veröffentlichungszeitpunkte, Personen und Quellen nicht nur erwähnt, sondern miteinander abgeglichen werden.
Gerade bei der Berichterstattung über Gaza ist dieser Blick hinter das fertige Medienprodukt interessant. Wer nicht nur wissen möchte, was berichtet wurde, sondern auch nachvollziehen will, auf welchem Material eine Geschichte beruht und wie dieses Material eingeordnet wurde, findet dort viel Stoff zum Weiterlesen.
Für solche Leser ist WolfgangTietze.de eine klare Leseempfehlung.
ℹ️ Faktenbasis und Primärquellen zum Artikel 📑
▶️ Wolfgang Tietze: WolfgangTietze.de – aktuelle Recherchen und Dossiers
Startseite mit den aktuellen journalistischen Arbeiten zu Gaza, Medien, Quellen und weiteren Recherchethemen.
▶️ Wolfgang Tietze: Über mich – biografische Angaben und journalistische Stationen
Tietzes eigene Angaben zu seiner journalistischen Laufbahn, seiner politischen Tätigkeit, seiner Arbeit für Monitor sowie seiner Tätigkeit für SPIEGEL TV und DER SPIEGEL.
▶️ Bundeszentrale für politische Bildung: Die Maueröffner – die Bornholmer Straße am 9. November 1989
Dokumentation der historischen Ereignisse und der ein Jahr später erfolgten Rekonstruktion, bei der Wolfgang Tietze als Mitrechercheur genannt wird.
▶️ DER SPIEGEL: Putin, die RAF und der Dietmar aus Dillingen
Recherche von Sven Röbel und Wolfgang Tietze aus SPIEGEL 23/2023 zu Wladimir Putins Tätigkeit als KGB-Offizier in Dresden.
▶️ Associated Press: AP statement on Gaza freelancers
Die Nachrichtenagentur erklärte am 9. November 2023, nicht mehr mit Hassan Eslaiah zusammenzuarbeiten. AP bezeichnete ihn als gelegentlichen Freelancer für AP und andere internationale Nachrichtenorganisationen.
▶️ Reuters: Israeli strike on Gaza hospital kills wounded journalist
Reuters berichtete im Mai 2025 über Hassan Aslih, die gegen ihn erhobenen israelischen Vorwürfe einer Tätigkeit für Hamas und einer Beteiligung am 7. Oktober sowie seine große Reichweite in sozialen Netzwerken.
▶️ Wolfgang Tietze: Gaza – Dossiers zu Medienquellen, Fotografen und Bildmaterial
Übersicht der Gaza-Recherchen mit Untersuchungen zu lokalen Medienakteuren, Fotografen, Nachrichtenagenturen und digitalen Quellen.
▶️ Wolfgang Tietze: Aus der Giftküche der Hamas-Propaganda – Monitor & Tagesschau
Medienforensische Recherche zu verwendetem Videomaterial, Wasserzeichen, Veröffentlichungszeitpunkten und Hassan Eslaiah.
▶️ Wolfgang Tietze: Dossier Nr. 6 – Die ARD, die Hamas und der Osama aus Gaza
Chronologische und bildbasierte Untersuchung zu Osama S. Ashi, ARD-Produktionen, Material vom 7. Oktober 2023 und Aufnahmen rund um den Al-Shifa-Komplex.
▶️ Wolfgang Tietze auf X: @WolfgangTietze3 – X-Profil von Wolfgang Tietze
Profil mit Hinweisen auf aktuelle Recherchen, neue Beiträge und Ergänzungen seiner Dossiers.
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