Derzeit machen in einschlägigen Telegram-Gruppen wieder wilde Verschwörungserzählungen über Juden und die Migration nach Europa die Runde. Im Zentrum steht dabei die Behauptung einer angeblichen jüdischen Migrationsagenda, mit der die Einwanderung nach Europa gewollt, gefördert oder sogar gezielt organisiert worden sein soll. Verbreitet werden dafür Ausschnitte aus Vorträgen orthodoxer Rabbiner, religiöse Endzeitdeutungen, Hinweise auf George Soros und jüdische Flüchtlingsorganisationen.
Das Material wirkt auf den ersten Blick eindrucksvoll, gerade weil nicht alles daran erfunden ist. Einige Rabbiner äußern tatsächlich befremdliche religiöse Vorstellungen über Europa, Islam und messianische Entwicklungen. George Soros hat migrationsfreundliche Projekte finanziert. Jüdische Organisationen engagieren sich tatsächlich in der Flüchtlingshilfe. Nur beweist keine dieser Tatsachen die daraus abgeleitete Behauptung einer gemeinsamen jüdischen Strategie.
Die Erzählung funktioniert meist nach demselben Muster: Einzelne Rabbiner äußern sich positiv über muslimische Migration oder deuten sie religiös. George Soros und jüdische Organisationen unterstützen Flüchtlingshilfe oder migrationsfreundliche Projekte. Daraus wird anschließend gefolgert, all diese Akteure seien Teile eines gemeinsamen jüdischen Plans zur Veränderung Europas. Genau für diesen entscheidenden letzten Schritt fehlt der Beleg.

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Aus dem SCHLAGSEITE X-ArchivWie aus echten Aussagen eine Verschwörung wird
Das besonders Wirksame an solchen Erzählungen ist, dass sie nicht zwingend mit gefälschtem Material arbeiten müssen. In den derzeit verbreiteten Ausschnitten treten tatsächlich Rabbiner auf, die politische und gesellschaftliche Entwicklungen in einem religiösen, teilweise messianischen Deutungsrahmen betrachten. Dabei fallen traditionelle Begriffe wie „Edom“ und „Ismael“. In den kursierenden Ausschnitten deuten sie die zunehmende muslimische Präsenz in Europa unter anderem als religiös bedeutsamen Niedergang des christlich geprägten „Edom“ und als Teil eines messianischen Prozesses.
Solche Bezeichnungen können in religiösen Auslegungen über die ursprünglichen biblischen Personen hinaus symbolisch auf spätere Völker, Reiche oder religiöse Machtbereiche übertragen werden. Politische Entwicklungen erscheinen dadurch als Bestandteil einer religiösen Vorstellung von Geschichte, Erlösung und messianischer Zukunft.
Einige dieser Aussagen kann man als Europäer oder Christ ziemlich befremdlich finden. Wenn ein Rabbiner die zunehmende muslimische Präsenz in Europa positiv deutet, weil damit angeblich der Niedergang des christlich geprägten „Edom“ verbunden sei, darf man das scharf kritisieren. Ein Rabbiner besitzt keinen Freibrief für Unsinn, nur weil er eine Kippa trägt. Aber zwischen einer religiösen Deutung und der Behauptung, Juden hätten diese Entwicklung politisch organisiert, liegt eine vollständige Beweiskette.
Zu den in diesem Zusammenhang verbreiteten Rednern gehören unter anderem Yom Tov Glaser, David Touitou und Daniel Yaakov Glatstein. Glaser wird von Aish als Rabbiner mit Schwerpunkten in Kabbala und Spiritualität vorgestellt. David Touitou ist ein französischsprachiger orthodoxer Rabbiner aus Aschdod, dessen Organisation Torat Haim ihn als Rabbiner, Vortragsredner und Leiter eines Kollels und einer Synagoge beschreibt. Daniel Glatstein wiederum wird von TorahAnytime als amerikanischer orthodoxer Rabbiner, Autor und Vortragsredner vorgestellt.
Damit ist zunächst etwas ziemlich Unspektakuläres festgestellt: Es handelt sich tatsächlich um Rabbiner aus orthodoxen religiösen Milieus. Was daraus nicht folgt, ist, dass sie für „die Juden“ sprechen. Das Judentum besitzt keine weltweite zentrale religiöse Leitungsinstanz und keinen Amtsträger, der für alle Juden verbindlich sprechen könnte. Selbst innerhalb der Orthodoxie existieren unterschiedliche Strömungen, Schulen, Gemeinden und religiöse Autoritäten.
Große Untersuchungen des Pew Research Center zeigen schon für die USA eine erhebliche religiöse Vielfalt zwischen orthodoxen, konservativen, reformjüdischen und keiner bestimmten Strömung zugeordneten Juden. Israel besitzt wiederum eine völlig andere religiöse und gesellschaftliche Struktur. „Die Juden glauben …“ oder „die Juden wollen …“ ist bei politischen und religiösen Fragen ungefähr so aussagekräftig wie „die Christen wollen …“.
Selbst wenn ein Rabbiner glaubt, eine bestimmte gesellschaftliche Entwicklung sei Teil eines messianischen Prozesses, ist damit zunächst nur belegt, dass dieser Rabbiner diese Entwicklung religiös deutet. Es ist damit nicht bewiesen, dass er sie organisiert, dass jüdische Organisationen sie organisiert haben, dass europäische Regierungen auf jüdische Weisung handeln oder dass Juden weltweit diese Vorstellung überhaupt teilen.
Ein christlicher Endzeitprediger kann einen Krieg als Erfüllung einer biblischen Prophezeiung betrachten. Selbst wenn er diesen Krieg begrüßt, wäre das noch kein Beweis dafür, dass Christen diesen Krieg heimlich vorbereitet hätten. Eine Prophezeiung ist kein Operationsplan.

Vom einzelnen Juden zum angeblichen „Weltjudentum“
Der entscheidende rhetorische Trick beginnt dort, wo die konkreten Personen verschwinden. Aus Yom Tov Glaser wird nicht mehr Yom Tov Glaser, sondern „ein Rabbiner“. Aus mehreren Rabbinern werden „jüdische Rabbiner“, daraus „das Judentum“ und schließlich „die Juden“. Aus einer individuellen Aussage wird so eine kollektive Absicht konstruiert.
Selbstverständlich können jüdische Einzelpersonen migrationsfreundliche politische Positionen vertreten. Jüdische Organisationen können Flüchtlingshilfe leisten. Jüdische Politiker können für liberale Einwanderungsregeln stimmen. Und Rabbiner können gesellschaftliche Entwicklungen religiös begrüßen. Jeder einzelne dieser Akteure darf für seine konkrete Haltung kritisiert werden. Aus mehreren jüdischen Einzelpersonen entsteht aber noch kein gemeinsamer Wille von Millionen Juden.
Genau diese Unterscheidung wird in der Verschwörungserzählung aufgehoben. Die religiöse oder ethnische Zugehörigkeit der handelnden Personen übernimmt die Funktion des fehlenden Beweises: Statt nachzuweisen, dass die Akteure tatsächlich gemeinsam handeln, genügt plötzlich die Tatsache, dass sie Juden sind. Herkunft ersetzt Koordination. Das ist kein nebensächlicher Denkfehler, sondern der zentrale Mechanismus der Erzählung.
Das ist auch der Grund, warum solche Beiträge so überzeugend wirken können. Man findet einen echten Rabbiner mit einer befremdlichen Aussage, dazu einen jüdischen Milliardär, eine jüdische Hilfsorganisation und vielleicht noch einen jüdischen Politiker. Anschließend werden zwischen diesen realen Einzelinformationen Linien gezogen, bis der Eindruck eines gemeinsamen Netzwerkes entsteht. Aber mehrere reale Einzelinformationen ergeben noch keinen Beweis für die behauptete Verbindung.
Soros, HIAS und tatsächlicher politischer Einfluss
An diesem Punkt führt kein seriöser Faktencheck an George Soros vorbei. Es wäre genauso falsch, vorhandene migrationspolitische Aktivitäten jüdischer Akteure einfach abzustreiten. Die von Soros gegründeten Open Society Foundations erklären selbst, seit 2015 Organisationen in Europa unterstützt zu haben, die Migranten und Flüchtlingen helfen und sich mit Integration, Asyl und Menschenrechten beschäftigen.
Auch HIAS Europe macht aus seiner Haltung kein Geheimnis. Die Organisation unterstützt Flüchtlinge und arbeitet mit jüdischen Gemeinden in Europa zusammen, um Aufnahme und Integration zu fördern. Wer eine solche Politik für falsch oder zu migrationsfreundlich hält, darf sie kritisieren. Man darf ebenso untersuchen, welchen politischen Einfluss große Stiftungen besitzen, welche Projekte sie finanzieren und welche Gesetzesänderungen sie unterstützen.
Das alles ist legitime politische Kritik. Open Society ist deshalb aber nicht „das Judentum“. HIAS ist nicht „die Juden“. George Soros vertritt nicht Millionen Juden. Aus „Soros finanziert migrationsfreundliche Projekte“ und „HIAS unterstützt Flüchtlinge“ folgt nicht „die Juden organisieren Migration nach Europa“. Für die behauptete Migrationsagenda wäre vielmehr der Nachweis einer gemeinsamen Koordination erforderlich.
Natürlich versuchen Stiftungen, Kirchen, Gewerkschaften, Unternehmen, Verbände und NGOs politische Entscheidungen zu beeinflussen. Dafür werden Studien finanziert, Kampagnen organisiert, Politiker angesprochen und politische Forderungen formuliert. Einfluss und Kontrolle sind jedoch nicht dasselbe. Wer tatsächlichen Einfluss untersuchen will, sollte fragen, wer welche Organisation finanziert, welche Forderung gestellt wird, welche Kontakte zu politischen Entscheidungsträgern bestehen und welches Gesetz anschließend von welchem Parlament beschlossen wurde.
Migrationspolitische Lobbyarbeit ist zudem keineswegs ein jüdisches Phänomen. Kirchen, Wohlfahrtsverbände, Gewerkschaften, Unternehmen, Parteien, Menschenrechtsorganisationen und internationale Institutionen vertreten ebenfalls Positionen zu Migration und Asyl. Dass ausgerechnet bei jüdischen Akteuren aus politischem Engagement eine ethnisch-religiöse Gesamtstrategie konstruiert wird, zeigt die selektive Logik der Verschwörungserzählung.
Das sind überprüfbare Fragen. Die Frage „Was planen die Juden?“ ist keine.
Die angebliche Migrationsagenda und wer tatsächlich entscheidet
Wenn „die Juden“ Europas Migration steuern sollten, müsste sich irgendwo eine entsprechende Steuerungsstruktur finden lassen. Stattdessen findet man Regierungen, Parlamente, Behörden, Gerichte und europäische Institutionen. Seit dem 12. Juni 2026 gelten die neuen Regeln des europäischen Migrations- und Asylpakts. Das Paket besteht aus zehn Rechtsakten und regelt unter anderem Registrierung, Grenzverfahren, Asylverfahren, Rückführungen, Zuständigkeiten und die Zusammenarbeit zwischen den EU-Staaten.
Man kann diese Politik für richtig oder falsch halten. Man kann der EU Versagen beim Schutz ihrer Außengrenzen vorwerfen, nationale Regierungen für falsche Anreize kritisieren oder strengere Rückführungen verlangen. Dann sollte man allerdings diejenigen kritisieren, die diese Regeln beschlossen und umgesetzt haben. Die Entscheidungswege sind größtenteils öffentlich, die zuständigen Institutionen bekannt und politische Mehrheiten nachvollziehbar.
Schon statistisch löst sich das Bild eines einzigen großen Migrationsstroms schnell auf. Nach Eurostat erteilten die EU-Staaten 2024 rund 3,5 Millionen erstmalige Aufenthaltstitel an Nicht-EU-Bürger. Davon entfielen 31,9 Prozent auf Beschäftigung, 27,1 Prozent auf familiäre Gründe, 15,7 Prozent auf Studium und Ausbildung und 25,3 Prozent auf andere Gründe einschließlich internationalen Schutzes.
Daneben stehen Asylverfahren, temporäre Schutzregelungen und irreguläre Grenzübertritte. Im Jahr 2025 wurden laut Eurostat 669.365 erstmalige Asylanträge gestellt, rund 26,6 Prozent weniger als im Vorjahr. Frontex meldete für das erste Halbjahr 2026 ebenfalls einen deutlichen Rückgang der festgestellten irregulären Grenzübertritte.
Migration reagiert auf Kriege, Arbeitsmärkte, Gesetze, Grenzkontrollen, politische Entscheidungen, Schleuserstrukturen und Entwicklungen in Herkunfts- und Transitstaaten. Routen verändern sich, Zahlen steigen und fallen, Staaten verschärfen oder lockern ihre Politik. Das ist weniger spektakulär als ein geheimer Masterplan, besitzt allerdings den kleinen Vorteil, überprüfbar zu sein.
Ceuta zeigt gerade, wie Migration tatsächlich funktioniert
Wie weit Verschwörungserzählung und politische Realität auseinanderliegen, zeigt im August 2026 besonders drastisch die Lage in Ceuta. Die spanische Exklave an der nordafrikanischen Küste bildet eine unmittelbare Außengrenze der Europäischen Union. Ende Juli kam es dort zu einem außergewöhnlichen Massenansturm. Reuters berichtete später von mehr als 72.000 Menschen, die innerhalb kurzer Zeit nach Ceuta gelangten. Bei den Überquerungsversuchen kamen zahlreiche Menschen ums Leben. Stand Mitte August 2026 nannte Reuters je nach zugrunde liegendem Behördenstand 94 bis 96 bestätigte Todesfälle.
Für eine Stadt mit rund 80.000 Einwohnern bedeutete das eine extreme Belastung. Am 16. August schätzte Reuters, dass sich noch etwa 5.000 bis 8.000 Migranten in Ceuta befanden. Viele lebten unter prekären Bedingungen am Strand El Trampolín oder am Stadtrand. Hunderte demonstrierten am Sonntag für Asyl und gegen eine Rückkehr nach Marokko. Am 17. August berichtete El País, dass mehr als hundert Migranten am Strand einen Hungerstreik begonnen hatten. Madrid kündigte zugleich zusätzliche provisorische Unterbringungskapazitäten für 1.500 Menschen an. Der Streit zwischen der Regierung Ceutas und der spanischen Zentralregierung über Verantwortung und Krisenmanagement hielt an.

Besonders aufschlussreich ist die Vorgeschichte. Am 29. Juni 2026 wurde ein spanisches Gerichtsurteil veröffentlicht, nach dem Menschen nur dann unmittelbar an der Einreise gehindert und zurückgewiesen werden konnten, wenn sie eine physische Grenzbarriere überwanden. Für Menschen, die Ceuta schwimmend erreichten, galt diese unmittelbare Zurückweisung nach der Entscheidung nicht in derselben Weise. Reuters rekonstruierte, wie sich die Nachricht über das Urteil und Videos erfolgreicher Überquerungen in sozialen Netzwerken verbreiteten und weitere Versuche begünstigten.
Spanische Grenzgewerkschaften warnten bereits Wochen vor der Eskalation. Reuters konnte sechs entsprechende Eingaben und Warnungen einsehen. Grenzvertreter verwiesen darauf, dass Schleuser und andere kriminelle Netzwerke rechtliche Veränderungen beobachten und ihre Methoden entsprechend anpassen. Die spanische Regierung machte später auch Falschinformationen über die Bedeutung des Gerichtsurteils für den Ansturm verantwortlich.
Hinzu kam die Rolle Marokkos. Spanien und die EU sind beim Schutz dieser Außengrenze erheblich auf die Zusammenarbeit der marokkanischen Behörden angewiesen. Wenn Marokko seine Kontrollen verstärkt, sinkt der Druck auf Ceuta. Werden die Kontrollen schwächer oder reagieren die Behörden verspätet, kann er schnell steigen.
Am Wochenende des 15. und 16. August kam es tatsächlich zu einem neuen, über soziale Netzwerke angekündigten Ansturmversuch. Marokkanische Sicherheitskräfte stoppten jedoch zahlreiche Menschen bereits vor der Grenze. Reuters berichtete von mindestens 111 Festnahmen am Samstag. Die Associated Press meldete unter Berufung auf das marokkanische Staatsfernsehen später 294 festgenommene Migranten aus Ländern südlich der Sahara sowie 61 Marokkaner, denen Unterstützung der Überquerungsversuche vorgeworfen wurde. Die Angaben stammen aus unterschiedlichen Berichtsständen und sind deshalb nicht ohne Weiteres gleichzusetzen.
Auf spanischer Seite waren zugleich mehr als 1.600 Sicherheitskräfte im Einsatz, darunter über 500 zusätzlich vom Festland entsandte Beamte. Spanien hatte nach dem Juli-Ansturm außerdem eine maritime Barriere installiert. Der erneute Ansturmversuch fand also statt. Eine zweite erfolgreiche Masseneinreise wie Ende Juli blieb jedoch aus.
Ceuta ist kein Beleg für die kursierende jüdische Verschwörungserzählung, sondern ein Realitätscheck. Der konkrete Fall zeigt, welche Faktoren Migrationsbewegungen tatsächlich beeinflussen: Rechtslage, Grenzschutz, staatliche Zusammenarbeit, soziale Netzwerke, Schleuser, wirtschaftliche Motive und politische Entscheidungen. Für eine jüdische Steuerungsstruktur liefert der Vorgang keinen Hinweis – und widerspricht ihr vielmehr.
Ceuta zeigt damit fast lehrbuchhaft, wie absurd die Suche nach einem geheimen ethnisch-religiösen Strippenzieher wird, sobald man einen konkreten Migrationsvorgang tatsächlich untersucht. Die Ursachen verschwinden nicht im Nebel, sondern werden im Gegenteil ziemlich sichtbar.
Warum landet die Erzählung trotzdem wieder bei Juden?
Damit bleibt die eigentlich interessante Frage: Warum führt eine Debatte über Migration überhaupt zu Juden? Warum nicht ausschließlich zu Regierungen, Parteien, Gerichten, europäischen Institutionen, Transitstaaten oder Schleusernetzwerken? Die Antwort liegt in einem sehr alten antisemitischen Erklärungsmuster. Die International Holocaust Remembrance Alliance nennt ausdrücklich die Vorstellung antisemitisch, Juden würden als Kollektiv für tatsächliche oder vermeintliche gesellschaftliche Fehlentwicklungen verantwortlich gemacht oder eine geheime jüdische Macht kontrolliere gesellschaftliche und politische Institutionen.
Eines der bekanntesten historischen Beispiele sind die sogenannten „Protokolle der Weisen von Zion“. Das Machwerk gibt vor, einen geheimen jüdischen Plan zur Beherrschung der Welt zu dokumentieren. Tatsächlich handelt es sich um eine längst entlarvte Fälschung. Das United States Holocaust Memorial Museum dokumentiert ausführlich, wie die „Protokolle“ zum Musterbeispiel einer antisemitischen Weltverschwörung wurden.
Der Inhalt verändert sich, das Grundprinzip bleibt erstaunlich stabil. Juden wurden historisch für Revolutionen, Kapitalismus, Kommunismus, Finanzkrisen und angebliche geheime Weltregierungen verantwortlich gemacht. Heute werden Migration, Globalisierung oder der sogenannte Bevölkerungsaustausch in dieselbe Schablone gepresst. Man behauptet eine geheime jüdische Koordination und sucht anschließend Einzelpersonen und Organisationen, die sich in diese Erzählung einpassen lassen.
Dass sich bestimmte jüdische Organisationen stark in der Flüchtlingshilfe engagieren, besitzt zudem eine nachvollziehbare historische Dimension. Juden waren über Jahrhunderte selbst von Vertreibung, Pogromen und Flucht betroffen. Während der Shoah standen jüdische Flüchtlinge vor geschlossenen Grenzen und restriktiven Einwanderungsregeln. Dass solche historischen Erfahrungen bei Teilen jüdischer Organisationen die heutige Flüchtlingsarbeit mitprägen, ist nachvollziehbar. Historische Motivation macht eine heutige politische Forderung allerdings weder automatisch richtig noch zu einem geheimen Plan zur Islamisierung Europas.
Die Behauptung eines gemeinsamen jüdischen Interesses an einer möglichst weitgehenden Islamisierung Europas besitzt einen auffälligen inneren Widerspruch. Die EU-Grundrechteagentur FRA dokumentiert, wie stark Antisemitismus die Sicherheit und das offen gelebte jüdische Leben in Europa belastet. Der Verfassungsschutzbericht 2025 dokumentiert antisemitisches Gedankengut und Israelfeindschaft als zentrale Elemente islamistischer Ideologie. Synagogen, jüdische Schulen und andere Einrichtungen benötigen vielerorts umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen.
Das beweist nicht, dass Juden deshalb eine bestimmte Migrationspolitik vertreten müssten. Es zeigt aber, wie wenig plausibel die Vorstellung eines einheitlichen jüdischen Interesses an einer Islamisierung Europas ist. Gerade weil jüdische Positionen unterschiedlich sind, lässt sich daraus keine gemeinsame Agenda konstruieren.

Migrationskritik braucht keinen antisemitischen Mythos
Die Widerlegung dieser Verschwörungserzählung bedeutet nicht, die europäische Migrationspolitik zu verteidigen. Man kann die deutsche und europäische Politik seit 2015 sehr scharf kritisieren und trotzdem bei den Fakten bleiben. Man kann über mangelnden Grenzschutz, zu wenige Rückführungen, Fehlanreize, Familiennachzug, Sozialleistungen, Integrationsprobleme, islamistische Parallelmilieus und die Belastbarkeit europäischer Gesellschaften diskutieren.
Wer zu dem Ergebnis kommt, dass Regierungen schwere politische Fehler gemacht haben, sollte diese Regierungen dafür verantwortlich machen. Es gibt konkrete Politiker, Parteien, Abstimmungen, Gesetze, Gerichtsurteile, Haushalte und internationale Vereinbarungen. Demokratische Politik hinterlässt Akten. Verschwörungserzählungen hinterlassen Pfeile zwischen Fotos.
Genau darin steckt ein ziemlich absurder Nebeneffekt des Mythos. Wer behauptet, eine geheime jüdische Macht habe Europas Migrationspolitik gesteuert, macht die tatsächlich verantwortlichen politischen Akteure kleiner. Regierungen werden zu Marionetten, Parlamente zu Kulissen und politische Entscheidungen zu bloßen Ausführungsakten einer unsichtbaren Macht. Eine Erzählung, die angeblich Verantwortliche entlarven will, entlastet damit ausgerechnet die realen Entscheidungsträger.
Am Ende bleibt von der großen Enthüllung deshalb erstaunlich wenig übrig. Ja, es gibt Rabbiner mit religiösen Vorstellungen, die man problematisch finden kann. Ja, jüdische Organisationen engagieren sich für Flüchtlinge. Ja, George Soros hat migrationsfreundliche Projekte finanziert. Nichts davon muss geleugnet werden.
Was weiterhin fehlt, ist der entscheidende Nachweis: Es gibt keinen belastbaren Beleg für einen gemeinsamen jüdischen Plan und erst recht keinen für eine jüdische Steuerungsstruktur hinter der europäischen Migration. Die derzeit kursierenden Rabbiner-Ausschnitte liefern diesen Nachweis nicht. Flüchtlingshilfe liefert ihn nicht. Stiftungsfinanzierung liefert ihn nicht. Und die gemeinsame jüdische Herkunft einzelner Akteure ersetzt keine Beweiskette.
Damit bleibt von der behaupteten Migrationsagenda genau das übrig, was schon am Anfang fehlte: der Nachweis einer gemeinsamen Steuerungsstruktur. Man muss George Soros nicht mögen. Man muss Rabbiner nicht vor Kritik schützen. Man muss keine liberale Migrationspolitik vertreten.
Wer eine Verschwörung behauptet, muss sie belegen. Mehr nicht.
Migration nach Europa ist real. Politische Fehlentscheidungen und migrationsfreundliche Lobbyarbeit sind real. Auch einzelne jüdische Personen und Organisationen vertreten solche Positionen. Daraus folgt weder ein gemeinsamer jüdischer Plan noch eine jüdische Steuerungsstruktur. Zwischen „einzelne Juden unterstützen eine bestimmte Politik“ und „die Juden organisieren diese Politik“ liegt genau die Beweiskette, die die Verschwörungserzählung nicht liefern kann.
Wer diese Lücke durch die gemeinsame jüdische Herkunft einzelner Akteure ersetzt, betreibt keine Ursachenanalyse. Er macht ein Kollektiv für das Handeln Einzelner verantwortlich – und ignoriert zugleich, dass dieselbe Entwicklung jüdisches Leben in Europa nachweislich gefährdet.
ℹ️ Faktenbasis und Primärquellen zum Artikel 📑
▶️ Europäische Kommission:
New migration and asylum rules enter into application
Offizielle Übersicht über das Inkrafttreten und die Bestandteile des EU-Migrations- und Asylpakts am 12. Juni 2026.
▶️ Eurostat:
3.5 million first residence permits in 2024
Statistische Daten zu erstmaligen Aufenthaltstiteln und deren Gründen.
▶️ Eurostat:
Asylum applications – annual statistics
Daten zu erstmaligen Asylanträgen in der Europäischen Union.
▶️ Frontex:
Irregular border crossings into the EU down 37% in the first half of 2026
Daten zu festgestellten irregulären Grenzübertritten im ersten Halbjahr 2026.
▶️ Reuters:
Spain disregarded Ceuta warnings before migrant rush, say border workers‘ unions
Rekonstruktion des Massenansturms auf Ceuta, der vorausgegangenen Warnungen, der Rolle sozialer Netzwerke und der spanisch-marokkanischen Grenzpolitik.
▶️ Reuters:
Morocco arrests 111 migrants headed for Spain’s Ceuta in security crackdown
Aktueller Bericht zum erneuten Überquerungsversuch am 15. August, zu den Festnahmen sowie zur verstärkten spanischen und marokkanischen Grenzsicherung.
▶️ Associated Press:
Moroccan security forces arrest nearly 300 migrants trying to reach Spain’s Ceuta
Bericht über 294 festgenommene Migranten aus Ländern südlich der Sahara und 61 Marokkaner, denen Unterstützung der Überquerungsversuche vorgeworfen wurde.
▶️ Reuters:
In Spain’s Ceuta, hundreds of migrants stage protest and demand asylum
Stand vom 16. August zu den noch in Ceuta verbliebenen Migranten, den Lebensbedingungen und den Asylprotesten.
▶️ El País:
Aktuelle Lage in Ceuta am 17. August 2026
Aktueller Stand zu zusätzlichen Unterbringungsplätzen und zum Hungerstreik von mehr als hundert Migranten am Strand El Trampolín.
▶️ Aish:
Yom Tov Glaser
Biografische Angaben zu Rabbi Yom Tov Glaser.
▶️ Torat Haim:
Rav David Touitou
Biografische Angaben zu Rabbi David Touitou und seiner religiösen Arbeit.
▶️ TorahAnytime:
Rabbi Daniel Glatstein
Biografische Angaben zu Rabbi Daniel Yaakov Glatstein.
▶️ Open Society Foundations:
Europe and Central Asia
Eigendarstellung der Unterstützung von Organisationen, die Migranten und Flüchtlinge in Europa betreuen.
▶️ HIAS Europe:
Supporting Refugees in Europe
Eigendarstellung der Flüchtlingsarbeit von HIAS und der Zusammenarbeit mit jüdischen Gemeinden in Europa.
▶️ EU-Grundrechteagentur FRA:
Jewish People’s Experiences and Perceptions of Antisemitism
EU-weite Untersuchung zu Antisemitismuserfahrungen, Sicherheitsbedenken und Einschränkungen offen gelebten jüdischen Lebens.
▶️ Bundesinnenministerium:
Verfassungsschutzbericht 2025
Offizieller Bericht zu extremistischen Bestrebungen in Deutschland, einschließlich antisemitischer Erscheinungsformen in unterschiedlichen extremistischen Spektren.
▶️ United States Holocaust Memorial Museum:
Refugees
Historische Einordnung der Flucht jüdischer Verfolgter aus NS-Deutschland und der erheblichen Hürden bei der Suche nach sicheren Aufnahmestaaten.
▶️ International Holocaust Remembrance Alliance:
Working Definition of Antisemitism
Einordnung antisemitischer Verschwörungsvorstellungen und kollektiver Schuldzuweisungen an Juden.
▶️ United States Holocaust Memorial Museum:
An Antisemitic Conspiracy: The Protocols of the Elders of Zion
Historische Einordnung der gefälschten „Protokolle der Weisen von Zion“ und antisemitischer Verschwörungsmythen.
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