MEINUNG
„Israel, verrecke“ ist für mich keine besonders ruppige Form der Außenpolitik. Wer den Untergang des jüdischen Staates fordert und anschließend erklärt bekommt, das sei zwar menschenfeindlich, aber keinesfalls antisemitisch, erlebt keine wissenschaftliche Präzision. Er erlebt eine Definition, die an einem entscheidenden Punkt versagt.
Genau deshalb lohnt es sich, über Wolfgang Benz, Stefanie Schüler-Springorum und das Zentrum für Antisemitismusforschung zu sprechen. Nicht, weil jede Kritik an Israel antisemitisch wäre, das ist sie nicht, sondern weil sich an ihren Aussagen eine grundsätzliche Frage zeigt: Wie eng muss man Antisemitismus definieren, bis aus offenem Hass auf den jüdischen Staat nur noch „Israelkritik“ wird?
„Israel, verrecke“ – und trotzdem kein Antisemitismus?
Wolfgang Benz hat das Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin mehr als zwei Jahrzehnte geprägt. Im Tagesspiegel sagt er heute über die Berliner Linke: „Die Linke ist nicht antisemitisch.“ Problematische Äußerungen aus Teilen der Partei ordnet er anders ein. Besonders in Neukölln gebe es Palästinenser und Muslime, die „garstige Worte“ gegen Israel verwendeten. Das sei keine Judenfeindschaft, sondern politische Feindschaft gegen die „Besatzungsmacht Israel“.
Dann legen ihm die Interviewer konkrete Parolen vor: „Israel, verrecke“, „Kindermörder Israel“, „Death to the IDF“. Sind solche Parolen antisemitisch Benz sagt: Nein – Er nennt sie menschenfeindlich, falsch, verallgemeinernd und denunzierend, nur eben nicht antisemitisch.
Genau hier beginnt mein Problem mit dieser Argumentation.
Eine israelische Regierung kann man kritisieren. Militärische Entscheidungen kann man kritisieren. Parteien, Minister, Siedlungspolitik und jede einzelne politische Maßnahme Israels kann man kritisieren. Wer aber „Israel, verrecke“ ruft, kritisiert keine Regierung mehr. Er wünscht einem Staat den Untergang – und dieser Staat ist der einzige jüdische Staat der Welt.
Der Definitionsstreit ist kein akademisches Spiel
Natürlich gibt es hinter dieser Auseinandersetzung einen wissenschaftlichen Konflikt. Die IHRA-Arbeitsdefinition hält ausdrücklich fest, dass Antisemitismus auch gegen Israel als jüdisches Kollektiv gerichtet sein kann. Die Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus, kurz JDA, zieht die Grenze bei Aussagen über Israel enger und bewertet etwa Antizionismus, Boykottforderungen oder doppelte Standards nicht bereits für sich genommen als antisemitisch. Der von Natan Sharansky entwickelte 3-D-Test wiederum fragt nach Dämonisierung, Doppelstandards und Delegitimierung. Der eigentliche Streit lautet also nicht, ob Israel kritisiert werden darf. Er lautet, wann Feindschaft gegen Israel aufhört, politische Kritik zu sein, und antisemitische Strukturen annimmt.
Interessant ist deshalb, dass sowohl Wolfgang Benz als auch die heutige Leiterin des ZfA, Stefanie Schüler-Springorum, zu den Unterzeichnern der Jerusalemer Erklärung gehören. Schüler-Springorum wird auf der offiziellen Unterzeichnerliste als Leiterin des Berliner Zentrums geführt.
Das beweist keine gemeinsame Meinung in jedem einzelnen Fall, es erklärt aber, warum die Grenze zum israelbezogenen Antisemitismus hier anders gezogen wird als etwa nach IHRA oder dem 3-D-Test.

Polizeischutz ist kein Argument gegen die Bedrohung
Noch problematischer finde ich Benz‘ Aussagen zur Sicherheit von Juden in Berlin.
Er sagt im Tagesspiegel, die Sicherheit der jüdischen Bürger Berlins sei „nicht durch die Linke bedroht“. Auf Hinweise auf Angriffe gegen Juden, Mobbing jüdischer Kinder und Hamas-Symbole verweist er darauf, Juden äußerten seit Jahrzehnten Angst. Schon früher habe es geheißen, man sitze auf gepackten Koffern, das gehöre zur „Selbstrechtfertigung jüdischen Lebens in Deutschland“.
Benz sagt zugleich ausdrücklich, dass er Juden ihre Angst glaube, dann folgt allerdings eine Argumentation, die ich schwer nachvollziehen kann: Keine andere Minderheit werde so gut durch die Polizei geschützt. Den Polizeischutz vor jüdischen Einrichtungen nennt er „prophylaktisch“ und wenn jüdisches Leben in Deutschland wirklich so unsicher sei, fragt er sinngemäß, warum so viele Juden lieber in Berlin als in Israel lebten.
Für mich stellt diese Argumentation Ursache und Wirkung auf den Kopf.
Dass vor Synagogen, Schulen und jüdischen Einrichtungen Polizei stehen muss, ist kein Hinweis darauf, dass die Bedrohung überschätzt wird, die Polizei steht dort, weil es eine Bedrohung gibt. Das dieser Schutz funktioniert und deshalb nicht jeden Tag ein Anschlag stattfindet, macht die Bedrohung nicht imaginär.
Und auch die Tatsache, dass Juden gern in Berlin leben, beweist gar nichts. Menschen können ihre Stadt lieben und trotzdem Angst haben. Sie können gern in Deutschland leben und trotzdem ihre Kippa verstecken. Sie können hier ihre Heimat sehen und trotzdem überlegen, ob sie bei einer Demonstration besser einen anderen Weg nehmen. Das als eine Art Widerspruch zu behandeln, halte ich für erstaunlich realitätsfern.
8.725 Vorfälle sind keine gefühlte Bedrohung
Zumal wir nicht ausschließlich über Gefühle reden. RIAS dokumentierte für 2025 bundesweit 8.725 antisemitische Vorfälle. Das sind knapp 24 pro Tag. Darunter waren 257 Bedrohungen, 178 Angriffe und vier Fälle extremer Gewalt. Bei 68 Prozent aller erfassten Vorfälle dokumentierte RIAS israelbezogenen Antisemitismus. Gegenüber 2022 hat sich die Gesamtzahl mehr als verdreifacht.
Natürlich kann man über Erfassungsmethoden und Definitionen diskutieren, Wissenschaft muss das sogar tun.
Aber bei solchen Zahlen halte ich es für ziemlich kühn, den Eindruck zu vermitteln, das eigentliche Problem bestehe vor allem in einem zu weit ausgedehnten Antisemitismusbegriff.
Benz ist nicht die heutige Position des Zentrums für Antisemitismusforschung
Bei aller Kritik gehört eine Unterscheidung dazu: Wolfgang Benz leitet das Zentrum für Antisemitismusforschung seit vielen Jahren nicht mehr, seine heutigen Aussagen sind nicht automatisch die Position des Instituts.
Das darf man in einem Kommentar nicht unterschlagen, nur weil eine stärkere institutionelle Zuspitzung bequemer wäre.
Aber damit ist das Thema nicht erledigt, seit 2011 steht Stefanie Schüler-Springorum an der Spitze des ZfA, sie gehört wie Benz zu den Unterzeichnern der Jerusalemer Erklärung und auch ihre aktuellen Aussagen zeigen, dass der Konflikt nicht allein an einem emeritierten Wissenschaftler hängt.
Wenn „Antisemitismus gibt es überall“ vom konkreten Vorwurf ablenkt
Schüler-Springorum bezeichnete die jüngste Debatte über Antisemitismus in der Berliner Linkspartei als „überzogen“. Antisemitismus gebe es in allen Parteien. Sie verwies auf Positionierungen der Linken gegen Antisemitismus und warnte davor, das Thema im Zusammenhang mit der Berliner Regierungsbildung zu instrumentalisieren.
Auch hier liegt für mich das Problem nicht darin, dass auf Differenzierung bestanden wird, Differenzierung ist nötig, nur beantwortet der Hinweis, Antisemitismus gebe es überall, keinen einzigen konkreten Vorwurf.
Wenn auf Veranstaltungen bestimmte Parolen fallen, wenn Personen bestimmte Kontakte pflegen oder wenn Funktionäre auf konkrete Vorfälle reagieren, muss genau darüber gesprochen werden. Der Satz „Antisemitismus gibt es auch anderswo“ kann richtig sein und trotzdem an der Sache vorbeigehen.
Eine Partei kann zehn Beschlüsse gegen Antisemitismus verabschieden und trotzdem Probleme in Teilen ihrer Strukturen haben. Papier ist ja geduldig, entscheidend ist, was passiert, wenn der konkrete Fall vor der Tür steht.

Warum israelbezogener Antisemitismus schwerer erkannt wird
Der entscheidende Punkt liegt für mich deshalb woanders. Antisemitismus wird erstaunlich leicht erkannt, solange klassische Stereotype auftauchen. Verschwörungserzählungen, Judenhass, NS-Verherrlichung – niemand muss lange erklären, warum das antisemitisch ist.
Sobald sich dieselben Mechanismen auf Israel richten, beginnt plötzlich ein semantischer Hindernislauf. Dann wird gefragt, ob wirklich Juden gemeint seien. Ob Israel nicht auch arabische Bürger habe. Ob es sich nicht lediglich um Antizionismus handele. Ob die Parole nicht politisch statt ethnisch gemeint sei.
Natürlich müssen solche Fragen gestellt werden. Aber sie dürfen nicht zu einer Methode werden, mit der man jede Verbindung zum Antisemitismus solange auseinanderbaut, bis nichts mehr übrig bleibt.
Auch die JDA erklärt übrigens keineswegs jede Israel-Feindschaft automatisch für unproblematisch. Klassische judenfeindliche Stereotype, die auf Israel übertragen werden, oder die kollektive Verantwortlichmachung von Juden für israelische Politik gelten auch dort als antisemitisch.
Die eigentliche Grenze ist also umstritten, die Existenz israelbezogenen Antisemitismus ist es nicht.
Bei „Israel, verrecke“ ist meine Grenze erreicht
Und deshalb lande ich wieder bei dem Satz, mit dem alles angefangen hat.
„Israel, verrecke.“ Man kann diesen Satz wissenschaftlich in seine Einzelteile zerlegen. Man kann darauf hinweisen, dass dort „Israel“ und nicht „Juden“ steht, man kann erklären, dass politische Feindschaft gegen einen Staat theoretisch etwas anderes ist als Feindschaft gegen ein Volk.
Alles richtig, nur bleibt am Ende immer noch ein Satz übrig, der dem jüdischen Staat den Untergang wünscht, für mich ist dort die Grenze überschritten.
Nicht weil Israel nicht kritisiert werden dürfte, sondern weil zwischen „Diese Regierung handelt falsch“ und „Dieser Staat soll verrecken“ ein Unterschied liegt, den man nicht wegdefinieren sollte.
Das Zentrum für Antisemitismusforschung muss genauer hinschauen
Das Zentrum für Antisemitismusforschung hat eine wichtige Aufgabe, gerade deshalb ist die Debatte über seine Maßstäbe legitim.
Wenn der frühere Leiter und die heutige Leiterin eines der wichtigsten deutschen Antisemitismus-Institute – Zentrum für Antisemitismusforschung – beide einen Ansatz vertreten, der die Grenze bei Israel deutlich enger zieht als andere etablierte Modelle, muss darüber gestritten werden dürfen.
Für mich beginnt das Problem dort, wo wissenschaftliche Differenzierung dazu führt, dass eine Vernichtungsparole gegen den jüdischen Staat zwar als menschenfeindlich und widerwärtig gilt, aber ausdrücklich nicht als antisemitisch. Forschung soll Begriffe schärfen. Sie sollte sie nicht so eng ziehen, dass der Antisemitismus am Ende nur deshalb verschwindet, weil das Wort „Jude“ durch „Israel“ ersetzt wurde.
ℹ️ Faktenbasis und Primärquellen zum Kommentar 📑
▶️ Tagesspiegel, 25. September 2026:
Historiker Wolfgang Benz im Gespräch: „Die Linke ist nicht antisemitisch“
Interview von Robert Ide und Adrian Schulz mit Wolfgang Benz. Enthält Benz‘ Aussagen zur Berliner Linken, zu „Israel, verrecke“, zur Sicherheit jüdischer Berliner, zur „Selbstrechtfertigung jüdischen Lebens“ und zum Polizeischutz.
▶️ Jüdische Allgemeine, 25. September 2026:
Wolfgang Benz, Stefanie Schüler-Springorum und das deutsche Zentrum für Antisemitismusleugnung
Kommentar von Philipp Peyman Engel über Wolfgang Benz, Stefanie Schüler-Springorum und das Zentrum für Antisemitismusforschung.
▶️ Bundesverband RIAS, 17. Juni 2026:
Antisemitische Vorfälle in Deutschland 2025
Dokumentiert wurden 8.725 Vorfälle, darunter 178 Angriffe und 257 Bedrohungen. 68 Prozent aller erfassten Vorfälle wurden dem israelbezogenen Antisemitismus zugeordnet.
▶️ rbb24 / Deutsche Presse-Agentur, 22. September 2026:
Antisemitismus-Diskussion: Linke prüft Partei-Ausschluss von Palästina-Aktivistin
Aussagen von Stefanie Schüler-Springorum zur Antisemitismusdebatte in der Berliner Linkspartei.
▶️ International Holocaust Remembrance Alliance:
IHRA-Arbeitsdefinition des Antisemitismus
Offizielle deutsche Fassung der Arbeitsdefinition mit Beispielen für Erscheinungsformen von Antisemitismus.
▶️ Jerusalem Declaration on Antisemitism:
Jerusalem Declaration on Antisemitism und offizielle Unterzeichnerliste
Die offizielle JDA-Seite enthält Erklärung, Leitlinien und Unterzeichner, darunter Wolfgang Benz und Stefanie Schüler-Springorum.
▶️ Bundeszentrale für politische Bildung:
Drei-D-Test
Erläuterung des 3-D-Tests mit den Kriterien Dämonisierung, Doppelstandards und Delegitimierung.
▶️ Technische Universität Berlin:
Wolfgang Benz und
Stefanie Schüler-Springorum
Angaben zu Wolfgang Benz und Stefanie Schüler-Springorum sowie zur Leitung des Zentrums für Antisemitismusforschung.
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