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Die Berliner Linke hat die Wahl gewonnen. Gleichzeitig stehen drei unterschiedliche Vorgänge im Raum: Ferat Koçaks Kontakt zu einem Sohn aus der Familie Remmo, die dokumentierte Zusammenarbeit der Linken Neukölln mit dem VPNK und wiederkehrende Konflikte um Antisemitismus und Israelhass innerhalb der Partei. Jeder dieser Fälle muss für sich bewertet werden. Gemeinsam stellen sie jedoch eine Frage: Wie konsequent zieht die Parteiführung Grenzen, wenn problematische Vorgänge aus den eigenen Reihen kommen?
Mit 25,7 Prozent der Zweitstimmen wurde Die Linke bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl am 20. September 2026 stärkste Kraft. SPD, Grüne und Linke bereiten Sondierungen vor. Damit haben innerparteiliche Konflikte und umstrittene Kontakte eine andere politische Bedeutung bekommen. Eine Partei, die das Rote Rathaus führen will, muss sich daran messen lassen, wie sie mit solchen Vorgängen umgeht.
Koçaks Remmo-Chat stammt aus dem Februar
Issa Remmo tauchte am Wahlabend auf der Feier der Linken in Neukölln auf. Die Partei erklärte, er sei nicht eingeladen gewesen. Dieser Besuch allein beweist keine politische Verbindung.
Politisch brisant wurde ein anderer Vorgang: Nach der Wahl veröffentlichte Firas Remmo, ein Sohn Issa Remmos, einen Chat mit dem Linken-Bundestagsabgeordneten Ferat Koçak. Der Austausch stammt bereits vom 17. Februar 2026. Koçak bittet Firas Remmo darin, einen Ausschnitt seiner Bundestagsrede über sogenannte Clankriminalität zu verbreiten. Beide sprechen sich mit „Bruder“ an.
Koçak bestätigte den Kontakt, entschuldigte sich und erklärte, er habe zunächst nicht gewusst, mit wem er schreibe. Er kommuniziere jede Woche mit Hunderten Menschen aus Neukölln und habe mit Firas Remmo „wie mit jedem anderen Neuköllner auch“ geschrieben. Die Grüße an dessen Vater seien Höflichkeit gewesen.
Der veröffentlichte Chat wirft allerdings Fragen an dieser Darstellung auf. Der Tagesspiegel weist darauf hin, dass Koçak „Grüße mit Respekt zurück“ ausrichten ließ. Das Wort „zurück“ legt einen vorherigen Gruß nahe. Im selben Austausch fragte Koçak zudem, wann sein Chatpartner im Büro sei, und kündigte an, am Vormittag vorbeikommen zu können. Wie eng der Kontakt tatsächlich war, ist damit nicht abschließend geklärt.
Koçak selbst bezeichnete Kontakte von Mandatsträgern zu Personen, die der organisierten Kriminalität zugerechnet werden, als nicht zu rechtfertigen. Er zog sich vorläufig aus dem Innenausschuss zurück. Die Erste Parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen-Bundestagsfraktion Irene Mihalic ging weiter: Sie legte ihm die Niederlegung des Bundestagsmandats nahe und bezeichnete einen Ausschluss aus der Linksfraktion als „das Mindeste“.

VPNK: politische Zusammenarbeit trotz Verfassungsschutzbefund
Davon getrennt ist die Zusammenarbeit der Linken Neukölln mit dem Vereinigten Palästinensischen Nationalkomitee, kurz VPNK, zu betrachten.
Der Berliner Verfassungsschutz beschreibt das VPNK als Dachbezeichnung, unter der Anhänger der Hamas und der PFLP gemeinsam Versammlungen organisierten. Das VPNK ist nicht mit der Hamas identisch. Der Verfassungsschutz beschreibt jedoch ausdrücklich ein gemeinsames Auftreten von Anhängern extremistischer Organisationen unter diesem Dach.
Die Linke Neukölln kennt diese Bewertung und weist sie zurück. Gleichzeitig bestätigt der Bezirksverband auf seiner eigenen Internetseite, seit Monaten mit VPNK-Vertretern im Austausch zu stehen und gemeinsam mit ihnen auf die Straße zu gehen. Den VPNK-Vertretern auf Veranstaltungen der Linken Neukölln spricht er sogar das „vollste Vertrauen“ aus.
Hier geht es weder um ein Selfie noch um einen zufälligen Besucher. Es geht um eine vom Bezirksverband selbst bestätigte politische Zusammenarbeit.
Passende X-Beiträge
Aus dem SCHLAGSEITE X-ArchivEralp nennt wiederkehrende Vorfälle „Einzelfälle“
Ein dritter Komplex betrifft Antisemitismus und Israelhass innerhalb der Partei. Elif Eralp veröffentlichte im Mai einen Fünf-Punkte-Plan zum Schutz jüdischen Lebens. Das Papier enthält konkrete Forderungen. Entscheidend ist jedoch, wie die Parteiführung diese Maßstäbe gegenüber den eigenen Strukturen durchsetzt.
Beim Auftritt des Rappers Dahabflex auf einer Wahlkampfveranstaltung der Linken Neukölln fielen unter anderem „Death to the IDF“ und Intifada-Parolen. Eralp erklärte anschließend, sie sei entsetzt und erwarte Konsequenzen.
Im n-tv-Interview vom 14. September 2026 wurde sie auf die „immer wieder auftretenden Vorfälle von exzessivem Israel-Hass“ in ihrer Partei angesprochen. Eralp antwortete darauf, dabei gehe es um „Einzelfälle“ und erklärte: „Wir als Partei sind da völlig klar.“
Zu diesem Zeitpunkt waren der Dahabflex-Auftritt, die Zusammenarbeit der Linken Neukölln mit dem VPNK und der innerparteiliche Streit um die LAG Palästinasolidarität bereits bekannt. Letztere hatte ein Video verbreitet, das Auschwitz-Aufnahmen mit Bildern aus Gaza verband. Die LAG Shalom der Berliner Linken bezeichnete die suggerierte Gleichsetzung als „infam“ und „geschichtsvergessen“ und verlangte vom Landesverband klare Grenzen.
Euronews berichtete wenige Tage vor der Wahl zudem, dass Eralp und ihr Büro aus zeitlichen Gründen nicht auf die konkrete Frage antworteten, wie die Partei bei antisemitischen oder Hamas verherrlichenden Parolen auf Veranstaltungen mit Beteiligung linker Politiker reagieren wolle.
Berliner Linke wegen Antisemitismus in der Kritik
Nach der Wahl erklärte Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, die Berliner Linke sei im Wahlkampf wiederholt mit antisemitischen Grenzüberschreitungen aufgefallen. Weil aus seiner Sicht ausreichende personelle und politische Konsequenzen ausgeblieben seien, bezeichnete er ihre Beteuerungen als „Lippenbekenntnisse“.
Schuster stellte später klar, dass er nicht die gesamte Partei pauschal als antisemitisch bezeichnet. Seine Kritik an der Parteiführung hielt er jedoch aufrecht: Für ihn sei nicht erkennbar, dass sie aktiv gegen antisemitische Vorgänge in den eigenen Reihen vorgehe.
Israels Botschafter Ron Prosor äußerte sich noch schärfer. Gegenüber der Jüdischen Allgemeinen sprach er von einem „völlig enthemmten Antisemitismus“, der sich in der Partei Bahn gebrochen habe, und von einer „konkreten und unmittelbaren Existenzgefahr“ für die jüdische Gemeinschaft in Berlin.
Für die politische Glaubwürdigkeit eines Schutzversprechens gegenüber jüdischem Leben sind solche Einschätzungen erheblich.

Brantner stellt Bedingungen für Regierungsverantwortung
Auch bei den Grünen ist die Debatte inzwischen bei der Regierungsfrage angekommen. Die Co-Bundesvorsitzende Franziska Brantner erklärte in einem Gespräch mit dem Spiegel, sie könne sich „schwer vorstellen“, dass die Linke das Innen- oder Justizressort führt, solange es in der Partei Menschen mit Verbindungen zur organisierten Kriminalität oder zu extremistischen Kräften wie PFLP oder Hamas gebe.
Brantner verknüpft diese Aussage ausdrücklich mit konkreten Personen und Verbindungen. Sie behauptet nicht, die Gesamtpartei werde vom Verfassungsschutz als extremistisch eingestuft. Über die Verteilung der Ressorts entscheiden zudem die Berliner Koalitionsverhandler.
Für eine gemeinsame Regierung verlangt Brantner darüber hinaus eine klare Grundlage im Umgang mit Israel und Hamas: Das Existenzrecht Israels müsse anerkannt und die Hamas als Terrororganisation benannt werden. Sie beruft sich dabei darauf, dass das Bekenntnis zum Existenzrecht Israels bereits Beschlusslage der Linken sei.
Damit laufen die drei Vorgänge wieder zusammen, ohne sie gleichzusetzen: Der Remmo-Chat betrifft den Umgang eines Abgeordneten mit einem Angehörigen einer Familie aus dem Milieu organisierter Kriminalität. Die VPNK-Frage betrifft eine vom Verfassungsschutz beschriebene israelfeindliche und extremistisch beeinflusste Szene. Dahabflex und der innerparteiliche Streit betreffen Antisemitismus und Israelhass.
Die gemeinsame politische Frage lautet nicht, ob diese Vorgänge identisch sind. Sie sind es nicht. Entscheidend ist, ob eine Partei mit Regierungsanspruch bei problematischen Kontakten, extremistischen Netzwerken und antisemitischen Vorfällen in den eigenen Reihen konsequent aufklärt, Grenzen zieht und Konsequenzen durchsetzt.
Der Wahlsieg hat diese Fragen nicht erledigt. Er hat sie dringlicher gemacht. Wer Berlin führen und Verantwortung für Polizei, Justiz und den Schutz jüdischen Lebens übernehmen will, wird nicht nur an Programmen und Distanzierungen gemessen, sondern daran, wie die eigene Führung handelt, wenn die Probleme im eigenen politischen Umfeld auftauchen.
ℹ️ Faktenbasis und Primärquellen zum Artikel 📑
▶️ Tagesspiegel – Koçak und Remmo:
Koçaks Clan-Chat und offene Fragen zu seiner Darstellung
Dokumentiert Koçaks Treffen-Angebot, den Gruß „zurück“ und die Widersprüche zu seiner Erklärung.
▶️ Tagesspiegel – Chat vom Februar:
Koçaks Chat mit Firas Remmo
Datierung des veröffentlichten Chats auf den 17. Februar 2026 und Einordnung seiner Bundestagsrede.
▶️ Berliner Verfassungsschutz:
Verfassungsschutzberichte Berlin
Einordnung des VPNK und der verfassungsschutzrelevanten israelfeindlichen Szene in Berlin.
▶️ Die Linke Neukölln:
AG Palästinasolidarität in der Linken Neukölln
Eigendarstellung der Zusammenarbeit mit dem VPNK und Erklärung des „vollsten Vertrauens“ in dessen Vertreter.
▶️ n-tv:
Interview mit Elif Eralp vom 14. September 2026
Eralps Aussage, bei wiederkehrenden Fällen exzessiven Israel-Hasses gehe es um „Einzelfälle“.
▶️ Euronews:
Antisemitismus in der Berliner Linken
Recherche zu Dahabflex und den offenen Fragen an Eralp vor der Wahl.
▶️ Zentralrat der Juden:
Berliner Wahlen 2026
Josef Schusters Kritik am Umgang der Berliner Linken mit antisemitischen Vorfällen.
▶️ Jüdische Allgemeine:
„Existenzgefahr für Berlins Juden“
Bewertung des israelischen Botschafters Ron Prosor.
▶️ taz / Spiegel-Gespräch:
Brantners Bedingungen vor den Sondierungen
Dokumentiert ihre Aussagen zu Innen- und Justizressort sowie Verbindungen zur organisierten Kriminalität, PFLP und Hamas.
▶️ Tagesspiegel:
Bedingungen der Grünen für mögliche Regierungsbildung
Dokumentiert Brantners Forderung nach einem Bekenntnis zum Existenzrecht Israels und der Benennung der Hamas als Terrororganisation.
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