Unter dem Etikett „überparteilich“ will die Kampagne „Taktisch Wählen 2026“ verhindern, dass die AfD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt von möglichst vielen Stimmen profitiert. Im Mittelpunkt stehen dabei vor allem SPD und Grüne. Hinter der Kampagne steht mit The Goodforces allerdings eine politische Kommunikationsagentur, die sich selbst ganz offen für progressive Mehrheiten einsetzt. Das von The Goodforces als eigenes Projekt geführte „neunund20“ nennt langfristig sogar eine Mehrheit aus SPD, Grünen und Linken bei der Bundestagswahl 2029 als Ziel.
Wolfgang Kubicki kritisiert diese Konstruktion zu Recht. Denn wer politisch eindeutig in eine Richtung arbeitet, darf das selbstverständlich tun. Nur sollte der politische Wertungsanteil einer solchen Kampagne genauso deutlich erkennbar sein wie das Etikett „überparteilich“.
Die entscheidende Frage ist deshalb ziemlich einfach: Geht es tatsächlich nur darum, eine AfD-Mehrheit zu verhindern, oder soll unter dem Deckmantel taktischen Wählens gleichzeitig ein bestimmtes politisches Lager gestärkt werden?

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Aus dem SCHLAGSEITE X-Archiv41 Prozent für die AfD verändern die politische Rechnung
Am 6. September 2026 wählt Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag. In der am 23. Juli veröffentlichten INSA-Erhebung lag die AfD bei 41 Prozent. Die CDU erreichte 24 Prozent, die Linke 14 Prozent und die SPD 5 Prozent. Grüne, FDP und BSW lagen jeweils bei 4 Prozent.
Für die von Wolfgang Kubicki aufgegriffene Auseinandersetzung ist dieser Umfragestand wichtig, weil FDP und Grüne darin tatsächlich gleichauf bei vier Prozent lagen.
Inzwischen liegt allerdings eine neuere Infratest-dimap-Erhebung vor, die am 30. Juli 2026 veröffentlicht wurde. Dort erreichten AfD 41 Prozent, CDU 24 Prozent, Linke 13 Prozent, SPD 7 Prozent, Grüne 5 Prozent und BSW 4 Prozent. Die FDP wurde in dieser Erhebung nicht separat ausgewiesen. Wahlumfragen bleiben Momentaufnahmen und sind keine Prognosen für das tatsächliche Wahlergebnis.
Damit bekommt die Fünf-Prozent-Hürde enorme Bedeutung. Bei der Sitzverteilung werden grundsätzlich die Parteien berücksichtigt, die mindestens fünf Prozent der gültigen Zweitstimmen erreichen. Scheitern Parteien an dieser Hürde, kann sich dadurch das Kräfteverhältnis zwischen den verbleibenden Parteien deutlich verschieben.
Genau hier setzt „Taktisch Wählen 2026“ an. Die Kampagne möchte Wähler dazu bewegen, ihre Stimmen strategisch einzusetzen, um eine AfD-Regierung zu verhindern.
Daran ist zunächst nichts Verwerfliches. Jeder Wähler darf seine Stimme taktisch vergeben und jede private Initiative darf für eine bestimmte Wahlentscheidung werben.
Interessant wird es erst bei der Frage, wem diese taktische Hilfe zugutekommen soll und nach welchen Kriterien darüber entschieden wird.
Warum SPD und Grüne, aber nicht die FDP?
Die Kampagne konzentriert sich besonders auf SPD und Grüne. Auf ihrer Internetseite erklärt sie, dass beide Parteien im Kampf um den Einzug in den Landtag taktisch unterstützt werden sollen.
Für Kubickis Kritik ist dabei vor allem die INSA-Erhebung vom 23. Juli relevant. Dort lagen Grüne, FDP und BSW gleichermaßen bei vier Prozent.
Wer ausschließlich mathematisch argumentiert, müsste also erklären, warum eine Stimme für die Grünen strategisch besonders erwünscht ist, eine Stimme für die FDP dagegen offenbar nicht.
Fairerweise sagt die Kampagne selbst, dass ihre Empfehlungen nicht allein auf einer einzelnen Umfrage beruhen. Nach eigener Darstellung berücksichtigt sie Wahlergebnisse, lokale Kräfteverhältnisse, aktuelle Trends und politische Plausibilität.
Damit ist allerdings auch klar: Die Empfehlungen beruhen nicht ausschließlich auf Mathematik, sondern ausdrücklich auch auf einer politischen Bewertung.
Beim BSW lässt sich über dessen Verhältnis zur AfD und über mögliche politische Konstellationen diskutieren. Bei der FDP funktioniert diese Begründung allerdings deutlich schlechter.
Die Freien Demokraten haben für Sachsen-Anhalt ausdrücklich erklärt, keinen AfD-Ministerpräsidenten zu wählen und sich nicht an einer Regierung mit der AfD zu beteiligen. Auch FDP-Bundesvorsitzender Wolfgang Kubicki hat eine Koalition seiner Partei mit der AfD ausgeschlossen.
Natürlich darf eine private Kampagne trotzdem SPD oder Grüne bevorzugen. Aber dann sollte auch deutlich gesagt werden, dass neben Umfragen und Wahlmathematik ausdrücklich politische Bewertungskriterien eine Rolle spielen.
„Überparteilich“ klingt jedenfalls anders
Auf ihrer Seite „Wer sind wir?“ beschreibt sich die Initiative ausdrücklich als überparteiliche Kampagne.
Nach eigenen Angaben arbeiten dort Menschen aus verschiedenen demokratischen Parteien sowie Personen ohne Parteibindung zusammen. Parteien, die zur sogenannten Brandmauer gegen die AfD stehen, würden nach denselben Maßstäben behandelt.
Genau dieser Anspruch wirft Fragen auf.
Zum Zeitpunkt der von Kubicki aufgegriffenen INSA-Erhebung standen FDP und Grüne bei denselben vier Prozent. Gleichzeitig erklärte die FDP ausdrücklich, keinen AfD-Ministerpräsidenten zu wählen und keine Regierung mit der AfD einzugehen.
Damit reicht die Fünf-Prozent-Hürde allein als Erklärung für die unterschiedliche Behandlung nicht aus. Die Kampagne selbst bestätigt das letztlich, indem sie zusätzlich die politische Plausibilität zu einem ihrer Auswahlkriterien macht.
Dann geht es eben auch darum, welche politische Kraft aus Sicht der Kampagnenmacher erwünscht ist.
Das ist legitim. Politische Neutralität ist es aber nicht.

Hinter der Kampagne steht The Goodforces
Wer genauer wissen möchte, wer „Taktisch Wählen“ organisiert und finanziert, muss nicht lange suchen.
Im Impressum wird die Kampagne unter der Anschrift der THE GOODFORCES GmbH in Berlin geführt. Die Transparenzbekanntmachung zur politischen Werbung nennt The Goodforces ausdrücklich als Sponsor und Zahlenden.
Die dort veröffentlichten Kosten belaufen sich derzeit auf insgesamt 14.300 Euro. Davon werden 2.300 Euro für Website, Domains, Hosting, Software und Verwaltung sowie 12.000 Euro für Flyer und Plakate angegeben.
Nach Angaben des Unternehmens stammen diese Gelder aus Eigenmitteln der laufenden Geschäftstätigkeit und wurden ausschließlich in Deutschland erwirtschaftet.
Hier sollte man sauber bleiben: Dass die konkrete Kampagne mit Steuergeld finanziert wird, ist damit nicht belegt.
Kubicki wirft allerdings die weitergehende Frage auf, wie politische Agenturen, öffentliche Aufträge und spätere Kampagnenarbeit zusammenspielen können. Diese Frage darf man stellen. Aus den veröffentlichten Finanzierungsangaben von „Taktisch Wählen“ allein lässt sich eine staatliche Finanzierung dieser Kampagne jedoch nicht ableiten.
Die politische Richtung ist kein Geheimnis
Für die politische Einordnung von The Goodforces braucht es allerdings keine Spekulationen.
Das Unternehmen beschreibt seine politische Arbeit selbst sehr deutlich. The Goodforces versteht sich als Akteur, der Aufmerksamkeit organisiert, Debatten verschiebt und progressive Perspektiven im öffentlichen Diskurs verankern möchte.
Auf der eigenen Internetseite ist ausdrücklich von progressiven Mehrheiten in Gesellschaft und Politik die Rede.
Das Unternehmen erklärt zudem, progressive Narrative frühzeitig sichtbar machen und gesellschaftliche Debatten strategisch beeinflussen zu wollen.
Daran ist nichts Heimliches. The Goodforces macht aus seiner politischen Richtung selbst kaum ein Geheimnis.
Gerade deshalb wirkt es merkwürdig, wenn eine von diesem Akteur finanzierte Kampagne nach außen vor allem mit ihrer Überparteilichkeit wirbt.
The Goodforces arbeitete auch für die Grünen
Dass es sich bei The Goodforces nicht einfach um einen neutralen Dienstleister für allgemeine Demokratieprojekte handelt, zeigt auch die bisherige Arbeit des Unternehmens.
Gemeinsam mit The Goodwins entwickelte The Goodforces nach eigenen Angaben die Wahlkampagne der Grünen zur Landtagswahl 2026 in Rheinland-Pfalz.
Dazu gehörten Kampagnenstrategie, Kommunikation und die kreative Umsetzung des Wahlkampfs.
Auch daraus folgt nicht, dass die Grünen die Kampagne „Taktisch Wählen“ steuern. Dafür gibt es keinen Beleg und eine solche Behauptung wäre unseriös.
Es zeigt aber sehr wohl, dass der organisatorische Hintergrund der angeblich überparteilichen Kampagne politisch ziemlich klar verortet werden kann.
Das eigentliche Ziel reicht bis 2029
Noch deutlicher wird das beim Projekt „neunund20“, das The Goodforces auf seiner eigenen Internetseite als Projekt aufführt.
Die Initiative beschreibt sich selbst als Bewegung für progressive politische Erfolge.
Und hier wird aus der allgemeinen politischen Richtung ein sehr konkretes Ziel: Bei der Bundestagswahl 2029 soll eine Mehrheit aus SPD, Grünen und Linken entstehen.
Dafür sollen progressive Kräfte vernetzt und progressive Themen mit digitalen Kampagnen wieder stärker in die politische Offensive gebracht werden.
Mit anderen Worten: Es geht ausdrücklich um den Aufbau einer links-progressiven politischen Mehrheit.
Wer dieses Ziel verfolgt, darf das tun. Das gehört zur politischen Auseinandersetzung in einer Demokratie.
Aber dann bekommt der Begriff „überparteilich“ bei einer gleichzeitig betriebenen Wahlkampagne einen ziemlich eigenartigen Beigeschmack.

Kubicki legt den Finger in die richtige Wunde
Wolfgang Kubicki geht in seiner Cicero-Kolumne mit der Kampagne hart ins Gericht.
Seiner grundsätzlichen Kritik kann ich viel abgewinnen.
Wenn eine politisch klar positionierte Agentur eine Kampagne finanziert, die vor allem SPD und Grüne taktisch stärken möchte, während andere demokratische Parteien zumindest in der von Kubicki aufgegriffenen INSA-Erhebung vergleichbare Umfragewerte hatten, dann darf man die behauptete Überparteilichkeit hinterfragen.
Beim Begriff „linksextrem“ würde ich allerdings vorsichtiger sein als Kubicki. Eine entsprechende behördliche Einstufung von The Goodforces oder „Taktisch Wählen“ ist in den für diesen Beitrag geprüften Quellen nicht dokumentiert.
Links-progressiv ist anhand der eigenen Veröffentlichungen eindeutig belegt. Linksextrem ist dagegen eine politische Bewertung.
Die Kritik braucht diese Zuspitzung auch gar nicht. Die Selbstdarstellungen und Projekte der Beteiligten sprechen bereits deutlich genug.
Vielleicht sollte die Politik ihre Energie woanders einsetzen
Und an diesem Punkt führt die ganze Debatte zu einer viel grundsätzlicheren Frage.
Politik, Initiativen und Aktivisten können unendlich viel Energie darauf verwenden, gegen die AfD zu kämpfen, Brandmauern zu errichten, taktische Wahlmodelle zu entwickeln und Wählern zu erklären, wie sie ihre Stimme einsetzen sollen, damit bestimmte Mehrheiten verhindert werden.
Man könnte dieselbe Energie allerdings auch darauf verwenden, herauszufinden, warum so viele Menschen den etablierten Parteien überhaupt den Rücken gekehrt haben.
Vielleicht wäre es nachhaltiger, verlorene Wähler zurückzugewinnen, statt immer neue Strategien gegen deren Wahlentscheidung zu entwickeln.
Dafür müssten Parteien wieder stärker zuhören. Sie müssten auf die Wünsche, Sorgen und Ängste der Menschen eingehen, Probleme nicht kleinreden und Politik stärker an der Lebenswirklichkeit der Bürger ausrichten.
Das bedeutet nicht, Positionen der AfD zu übernehmen oder deren problematische Aussagen zu relativieren.
Es bedeutet schlicht, sich mit der Ursache statt nur mit dem Symptom zu beschäftigen.
Wer wissen möchte, warum die AfD in Sachsen-Anhalt bei 41 Prozent gemessen wird, sollte nicht nur fragen, wie man diese 41 Prozent parlamentarisch möglichst unwirksam machen kann.
Er sollte auch fragen, warum CDU, SPD, Grüne, FDP und andere Parteien einen erheblichen Teil ihrer früheren Wähler nicht mehr erreichen.
Und vielleicht wäre genau dort die politische Energie besser aufgehoben.
Wähler zurückgewinnen statt Wahlentscheidungen umgehen
Demokratie bedeutet nicht, dass jede Wahlentscheidung gefallen muss. Sie bedeutet aber, sie ernst zu nehmen.
Wer dauerhaft verhindern möchte, dass Menschen AfD wählen, muss ihnen einen überzeugenden Grund geben, eine andere Partei zu wählen.
Das ist mühsamer als eine taktische Wahlempfehlung. Es verlangt glaubwürdige Politik, überzeugende Köpfe, klare Positionen und die Bereitschaft, eigene Fehler zu erkennen.
Vielleicht liegt genau darin ein Teil des Problems.
Die FDP kann ihre Position klar vertreten. Die CDU kann für ihre Politik werben. SPD und Grüne können versuchen, ihre früheren Wähler zurückzugewinnen. Und wer die Linke unterstützen möchte, darf selbstverständlich auch das tun.
Aber eine demokratische Partei sollte ihren Platz im Parlament möglichst deshalb bekommen, weil Menschen von ihr überzeugt sind und nicht weil eine politisch positionierte Kampagne anderen Wählern vorrechnet, welche Partei sie taktisch retten sollen.
Wer gute Politik macht, braucht weniger solcher Konstruktionen.
Vielleicht wäre das die sinnvollere Strategie gegen den Aufstieg der AfD.
Ich meine ja nur…
ℹ️ Faktenbasis und Primärquellen zum Artikel 📑
▶️ Landeswahlleitung Sachsen-Anhalt:
Landtagswahl am 6. September 2026
Offizielle Angaben zum Wahltermin und zur Landtagswahl 2026.
▶️ Landeswahlleitung Sachsen-Anhalt:
FAQ zur Landtagswahl 2026
Offizielle Erläuterungen zur Sitzverteilung und zur Fünf-Prozent-Hürde.
▶️ DAWUM:
Aktuelle Wahlumfragen zur Landtagswahl Sachsen-Anhalt
Dokumentation der INSA-Erhebung vom 23. Juli 2026 sowie der neueren Infratest-dimap-Erhebung vom 30. Juli 2026.
▶️ Taktisch Wählen 2026:
Kampagne zur Landtagswahl Sachsen-Anhalt
Darstellung der taktischen Wahlstrategie und der Unterstützung von SPD und Grünen.
▶️ Taktisch Wählen 2026:
Wer sind wir?
Selbstdarstellung der Initiative als überparteiliche Kampagne sowie Angaben zu Wahlergebnissen, lokalen Kräfteverhältnissen, aktuellen Trends und politischer Plausibilität als Kriterien der Empfehlungen.
▶️ Taktisch Wählen 2026:
Transparenzbekanntmachung zur politischen Werbung
Angaben zu The Goodforces als Sponsor und Zahlendem, zur Herkunft der Mittel und zu den Kampagnenkosten.
▶️ Taktisch Wählen 2026:
Impressum
Angaben zur organisatorischen Zuordnung der Kampagne.
▶️ The Goodforces:
Politische Arbeit und Projekte von The Goodforces
Eigene Angaben zu progressiven Narrativen, politischer Kommunikation, Diskursmacht und progressiven Mehrheiten.
▶️ neunund20:
Bewegung für progressive politische Erfolge
Eigene Darstellung des Ziels einer Mehrheit aus SPD, Grünen und Linken bei der Bundestagswahl 2029.
▶️ The Goodwins:
Landtagswahlkampf der Grünen in Rheinland-Pfalz 2026
Dokumentation der gemeinsam mit The Goodforces entwickelten Grünen-Wahlkampagne.
▶️ FDP:
Freie Demokraten starten in den Wahlkampf in Sachsen-Anhalt
Position der FDP zur AfD und die ausdrückliche Absage an einen AfD-Ministerpräsidenten beziehungsweise eine gemeinsame Regierung.
▶️ Cicero:
Wolfgang Kubicki: Mit Schmutzkampagne zu Rot-Rot-Grün
Ausgangspunkt des Beitrags und politische Einordnung der Kampagne durch Wolfgang Kubicki.
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