Ein Geheimdienst ist besonders wirksam, wenn sein Gegner nicht weiß, wie tief er bereits durchdrungen wurde. Genau dieses Prinzip zieht sich durch die jüngsten Aussagen von Yossi Cohen über den Mossad. Der frühere Mossad-Direktor spricht über menschliche Quellen, psychologischen Druck, internationale Beschaffungswege und die Zusammenarbeit mit westlichen Diensten. Das eigentlich Bemerkenswerte ist dabei weniger die einzelne spektakuläre Operation als die Strategie dahinter: Der Gegner soll nie sicher sein, was Israel bereits weiß.
Yossi Cohen leitete den israelischen Auslandsgeheimdienst Mossad von 2016 bis 2021. Am 12. August 2026 war er Gast im Podcast „The General & The Journalist“ von The Times. Das Gespräch gewährte ungewöhnlich offene Einblicke in eine Welt, über die ehemalige Geheimdienstchefs normalerweise eher durch Schweigen auffallen. Berufsbedingt, könnte man sagen.
Die Folge reicht dabei deutlich weiter als einzelne Anekdoten. Yossi Cohen spricht über den Stellenwert menschlicher Quellen gegenüber technischer Aufklärung, über Agentenrekrutierung, Sabotage, die Pager-Operation gegen die Hisbollah und die mögliche Zukunft Irans.
Seine Offenheit hat allerdings auch einen öffentlichen Kontext. Cohen veröffentlichte im September 2025 sein Buch The Sword of Freedom: Israel, Mossad, and the Secret War, trat seither verstärkt in Medien auf und hat einen möglichen späteren Einstieg in die Politik nicht ausgeschlossen. Seine Aussagen sind deshalb nicht nur historische Rückschau, sondern auch öffentliche Selbstbeschreibung eines ehemaligen Geheimdienstchefs mit eigener politischer Perspektive.

Yossi Cohen: Wenn Wissen selbst zur Waffe wird
Eine der aufschlussreichsten Passagen betrifft den psychologischen Druck auf Mitarbeiter iranischer Einrichtungen. Cohen schilderte, der Mossad habe Menschen gezielt wissen lassen, dass ihre Identität, ihre Tätigkeit und teilweise auch ihr privates Umfeld bekannt seien.
Nach seiner Darstellung gehörten dazu sogar Blumen, die an Privatadressen beziehungsweise an Familien geschickt wurden. Die genaue Botschaft wird in offenen Wiedergaben des Gesprächs nicht überall identisch zitiert. Eine verbreitete Fassung gibt Cohen sinngemäß so wieder: Man wisse, dass die betreffende Person für das iranische Nuklearprogramm arbeite und sie könne als Nächste auf der Liste stehen. Sie solle ihre Tätigkeit besser beenden.
Die Wirkung lag damit nicht im Blumenstrauß selbst, sondern in dem Signal dahinter: Wir kennen dich, wir kennen deine Arbeit und wir erreichen dein privates Umfeld.
Yossi Cohen erklärte, Menschen hätten daraufhin ihre Tätigkeit in iranischen Verteidigungsorganisationen aufgegeben. Wie viele Fälle es tatsächlich gab und welche Einrichtungen konkret betroffen waren, lässt sich aus öffentlich zugänglichen Quellen nicht unabhängig überprüfen.
Für die Einordnung ist das entscheidend. Cohens Aussagen stammen von einem ehemaligen Leiter des Dienstes selbst, doch Geheimdienstoperationen lassen sich naturgemäß nur selten vollständig anhand offener Quellen rekonstruieren.
Belegt ist, dass Yossi Cohen diese Methoden öffentlich beschrieben hat. Nicht unabhängig belegt ist die genaue Zahl der betroffenen Personen oder jeder einzelne operative Vorgang. Bei Geheimdienstgeschichten muss deshalb zwischen einer dokumentierten Aussage Cohens und einer unabhängig bestätigten Operation unterschieden werden.
Die strategische Logik dahinter ist dennoch nachvollziehbar. Wer eine solche Nachricht erhält, stellt sich zwangsläufig weitere Fragen: Woher kennt Israel meinen Namen? Wer kennt meine Adresse? Ist jemand in meiner Organisation kompromittiert? Wird meine Kommunikation überwacht?
Damit wird aus einer einzelnen Information ein Multiplikator für Unsicherheit. Der Gegner beschäftigt sich plötzlich nicht mehr nur mit Israel, sondern mit der Frage, wem er in den eigenen Reihen noch vertrauen kann.
Der Mossad will dort sein, wo der Gegner einkauft
Dass Cohen diese Strategie nicht auf klassische Agentenarbeit beschränkt, zeigen Aussagen aus früheren Interviews. Besonders deutlich wurde er am 16. Oktober 2025 in einem Gespräch mit Brian Kilmeade, wenige Wochen nach Erscheinen seines Buches The Sword of Freedom.
Yossi Cohen erklärte dort, der Mossad habe bereits um 2004 erkannt, dass die internationalen Beschaffungswege gegnerischer Organisationen selbst zu einem nachrichtendienstlichen Zugang werden könnten.
Der Gedanke klingt simpel, ist strategisch aber weitreichend: Wer weiß, was eine Organisation beschaffen will, erfährt viel über ihre Fähigkeiten, ihre Pläne und ihre Schwachstellen.
Cohen erklärte, Israel habe versucht, Teil solcher Beschaffungswege zu werden. Dafür seien verdeckte Strukturen geschaffen worden, über die Gegner Produkte oder Komponenten bezogen, ohne zu wissen, wer tatsächlich hinter dem Anbieter stand.
Bereits während des Zweiten Libanonkriegs 2006 sei Ausrüstung im Einsatz gewesen, die der Mossad verdeckt an die Hisbollah verkauft hatte.
Das bekannteste spätere Beispiel für diese Logik ist die Pager-Operation gegen die Hisbollah. Cohen ordnete die Pager und Funkgeräte selbst in dieselbe Familie manipulierter Lieferungen ein. Auch der Times-Podcast behandelt die Operation ausdrücklich im Zusammenhang mit Sabotage und verdeckten Methoden. Für die strategische Einordnung ist dabei weniger die technische Umsetzung entscheidend als das Prinzip: Ein Nachrichtendienst beobachtet eine Lieferkette nicht nur, sondern versucht, selbst Teil davon zu werden.

Das Prinzip geht damit über gewöhnliche Überwachung hinaus. Ein Nachrichtendienst versucht nicht nur festzustellen, was der Gegner besitzt. Im günstigsten Fall kennt er bereits dessen Bedarf, bevor eine Bestellung abgeschlossen ist. Das macht Lieferketten zu einem Teil des nachrichtendienstlichen Schlachtfeldes.
Ahmadinejad und die Geschichte, die fast zu spektakulär klingt
Wie weit solche Kontakte reichen können, zeigt eine Geschichte, über die im Juli 2026 international berichtet wurde. Eine ausführliche Recherche der New York Times vom 13. Juli 2026 beschrieb einen angeblich über Jahre verfolgten israelischen Versuch, den früheren iranischen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad für eine Zusammenarbeit beziehungsweise für eine mögliche Rolle nach einem Sturz der Islamischen Republik zu gewinnen. Andere internationale Medien griffen den Bericht anschließend auf.
Der Bericht sorgte nicht zuletzt deshalb für Aufsehen, weil Ahmadinejad während seiner Präsidentschaft von 2005 bis 2013 für aggressive antiisraelische Rhetorik und die Leugnung der Shoah bekannt war.
Nach den Berichten soll es geheime Kontakte und Treffen gegeben haben, darunter Kontakte mit israelischen Geheimdienstvertretern in Ungarn. Ahmadinejads Büro weist die Vorwürfe allerdings ausdrücklich zurück und bezeichnete die Darstellung als vollständig falsch.
Damit ist die journalistische Grenze ziemlich klar: Die angebliche Operation ist detailliert berichtet worden, aber sie bleibt in wesentlichen Teilen eine berichtete Geheimdienstoperation und keine von allen Beteiligten bestätigte Tatsache.
Auch Yossi Cohen bestätigte die konkrete Geschichte im Times-Podcast nicht. Er schloss eine solche Möglichkeit angesichts der Fähigkeiten und der Bereitschaft des Mossad zu ungewöhnlichen Operationen allerdings nicht grundsätzlich aus.
Warum ein früherer MI5-Chef vom „Oscar“ sprach
Für europäische Leser besonders interessant sind Cohens Aussagen über die Zusammenarbeit mit britischen Nachrichtendiensten.
Yossi Cohen beschrieb die Beziehungen zum britischen Inlandsgeheimdienst MI5 und zum Auslandsdienst MI6 als ausgesprochen eng. Israel habe nicht nur Informationen weitergegeben. Die Dienste hätten teilweise gemeinsam gegen terroristische Bedrohungen gearbeitet.
Nach Cohens Darstellung sagte ihm ein damaliger Generaldirektor des MI5 bei einem Treffen, der Mossad verdiene für seine Arbeit einen „Oscar“. Israel habe eine große Zahl terroristischer Aktivitäten im Vereinigten Königreich verhindert.
The Times berichtete über Cohens Aussage und fasste seine Darstellung dahingehend zusammen, israelische Geheimdienstinformationen hätten „viele, viele“ Menschenleben in Großbritannien gerettet.

Auch hier gilt eine wichtige Einschränkung: Der frühere MI5-Chef wird von Cohen zitiert. Eine öffentlich zugängliche Liste der angeblich durch Mossad-Informationen verhinderten Anschläge gibt es nicht. Die genaue Zahl lässt sich daher nicht unabhängig bestimmen.
Dass Israel und Großbritannien im Sicherheits- und Nachrichtendienstbereich seit Jahren zusammenarbeiten, ist dagegen öffentlich dokumentiert. Wie tief einzelne operative Kooperationen reichen, bleibt naturgemäß nur teilweise sichtbar.
Geheimdienstkooperation ist keine Einbahnstraße
Cohen verbindet diese Zusammenarbeit mit einer politischen Botschaft an London. Israel habe Großbritannien unterstützt, als Terroristen britische Bürger bedrohten. Deshalb erwarte er auch politische Unterstützung für Israel, wenn der jüdische Staat selbst gegen terroristische Organisationen kämpft.
Das ist Cohens politische Schlussfolgerung und keine neutrale Tatsachenfeststellung. Sie verweist allerdings auf einen Punkt, der in öffentlichen Debatten häufig untergeht.
Die Sicherheitsbeziehungen zwischen Staaten bestehen nicht nur aus Verträgen, Gipfeltreffen und gemeinsamen Pressekonferenzen. Ein erheblicher Teil findet außerhalb der Öffentlichkeit statt: Informationsaustausch, Warnungen, Hinweise auf Personen, Netzwerke oder bevorstehende Anschläge.
Ob und in welchem Umfang einzelne Operationen tatsächlich auf israelische Hinweise zurückgingen, bleibt oft geheim. Dass Partnerdienste solche Informationen austauschen, gehört dagegen zum Kern internationaler Terrorismusbekämpfung.
Die sichtbare Operation ist meist nur das Ende der Geschichte
Blumen an einer Haustür, verdeckte Unternehmen, menschliche Quellen oder ein Hinweis an einen ausländischen Partnerdienst wirken zunächst wie völlig verschiedene Methoden. Bei Cohen folgen sie jedoch derselben Logik.
Ein Nachrichtendienst versucht, möglichst früh in die Strukturen des Gegners einzudringen. Er will Menschen kennen, Netzwerke verstehen, Beschaffungswege verfolgen und Informationen besitzen, bevor aus einer Entwicklung eine akute Bedrohung entsteht.
Das erklärt auch, warum spektakuläre Mossad-Operationen häufig beinahe unmöglich wirken, wenn sie irgendwann öffentlich bekannt werden. Der sichtbare Teil einer solchen Aktion kann wenige Stunden dauern. Die Voraussetzungen dafür können Jahre zuvor geschaffen worden sein.
Yossi Cohens Aussagen liefern deshalb weniger eine Sammlung spektakulärer Agentengeschichten als einen Einblick in die strategische Denkweise des Mossad: beobachten, verstehen, eindringen und beim Gegner dauerhaft Zweifel darüber erzeugen, wo die eigenen Sicherheitslücken beginnen.
ℹ️ Faktenbasis und Primärquellen zum Artikel 📑
▶️ The Times: The General & The Journalist:
Inside Mossad: How Israeli spies penetrated Iran
Podcastfolge vom 12. August 2026 mit Yossi Cohen. Die Episode behandelt unter anderem menschliche und technische Aufklärung, Rekrutierung, Sabotage, Pager, Iran und Cohens politische Ambitionen.
▶️ The Times:
Ex-Mossad chief: MI5 praised us for foiling terror plots in UK
Bericht über Cohens Aussagen zur Zusammenarbeit mit MI5 und seine Wiedergabe der „Oscar“-Bemerkung eines früheren MI5-Generaldirektors.
▶️ Brian Kilmeade Show, 16. Oktober 2025:
Yossi Cohen: Former Director of Mossad
Interview mit Cohen über Mossad-Operationen, Iran und die Strategie, sich in Beschaffungs- und Lieferketten gegnerischer Organisationen einzuschalten.
▶️ Jewish Insider, 15. September 2025:
Former Mossad chief Yossi Cohen talks covert missions, Oct. 7 failures in new book
Interview und Einordnung zu Cohens Buch, seiner öffentlichen Medienpräsenz, politischen Überlegungen und seiner Darstellung der längerfristigen Lieferkettenstrategie einschließlich der Pager-Operation.
▶️ New York Times, 13. Juli 2026:
Inside Israel’s Secret Operation to Cultivate Ahmadinejad
Ausführliche Recherche zum angeblichen mehrjährigen israelischen Versuch, Mahmoud Ahmadinejad als nachrichtendienstlichen Kontakt und möglichen politischen Akteur für die Zeit nach einem Regimewechsel aufzubauen.
▶️ The Guardian:
Israel courted Iran’s former hardline president for post-regime role, reports claim
Zusammenfassung der Berichte über angebliche israelische Kontakte zu Mahmoud Ahmadinejad und eine mögliche politische Rolle nach einem Regimewechsel.
▶️ Times of Israel:
Report: Ahmadinejad met Mossad chief under Israeli plan to install him as Iran leader
Darstellung der berichteten Geheimdienstkontakte sowie der Angaben zu angeblichen Treffen mit israelischen Vertretern.
▶️ Stellungnahme Ahmadinejads:
Former Iranian President Ahmadinejad denies report alleging Mossad contacts
Dokumentiert das ausdrückliche Dementi von Ahmadinejads Büro zu den Berichten über Kontakte mit dem Mossad.
🔎 Fehler entdeckt, Kritik oder Ergänzung?
SCHLAGSEITE.eu steht für sorgfältige Recherche und transparente Korrekturen. Du hast einen sachlichen Fehler, eine unklare Formulierung oder einen defekten Link entdeckt? Dann sende mir deinen Hinweis. Bitte gib nach Möglichkeit eine überprüfbare Quelle an.


