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Gastbeitrag von Nida Banou
Rise Iran & Javid Shah | anti-postkoloniale Ideologie & anti-Islamismus | Eure Freiheit ist heilig. Beschützt sie.
Wenn ihr euch über die fehlende Empathie mit den Opfern Israels wundert; über die massive Eskalation in Frankreich; über die auffällige Gleichgültigkeit gegenüber der Verfolgung von Christen, Juden und anderen Minderheiten, wenn die Täter Muslime oder islamistische Akteure sind; wenn ihr euch fragt, warum Iraner, die gegen eine islamistische Diktatur aufstehen, plötzlich sehr viel weniger Solidarität erfahren, sobald ihre Revolution nicht mehr als westlich anschlussfähiger Feminismus erscheint, sondern sich national, säkular, anti-islamistisch und patriotisch und pro-Pahlavi artikuliert; wenn ihr euch fragt, warum ausgerechnet jene, die Hamas, Khamenei oder andere autoritäre Bewegungen verteidigen, sich gleichzeitig als Vertreter von Menschenrechten und Antirassismus präsentieren können – dann lohnt es sich, nicht nur auf die einzelnen Ereignisse zu schauen.
Man muss sich ansehen, welche moralische Landkarte wir uns in den vergangenen Jahrzehnten geschaffen haben.
Ein wichtiger Teil ihres ideologischen Unterbaus stammt aus postkolonialen und verwandten machtkritischen Theorien. Ihre ursprüngliche Leistung war notwendig: Sie machten sichtbar, dass Kolonialismus, Rassismus und Herrschaft nicht nur durch Waffen funktionieren, sondern auch durch Sprache, Institutionen und Deutungsmacht. Das Problem beginnt dort, wo aus dieser Perspektive kein Analyseinstrument mehr wird, sondern eine universelle Erklärung der Welt.
Dann wird Geschichte zunehmend entlang einer einzigen Achse gelesen: Mächtige und Machtlose, Unterdrücker und Unterdrückte, Zentrum und Peripherie, Kolonisatoren und Kolonisierte. Weiße Hautfarbe (Täter) und dunkle Hautfarbe (Opfer).
Und weil Europa und der Westen in dieser historischen Erzählung fast automatisch auf der Seite der Macht stehen, entsteht daraus allzu leicht eine moralische Verkürzung: Der Westen wird nicht mehr als eine Zivilisation betrachtet, die gleichzeitig Aufklärung und Kolonialismus, Menschenrechte und Verbrechen, Selbstkorrektur und Machtpolitik hervorgebracht hat. Er wird zur Täterkategorie.
Gleichzeitig geraten andere Eroberungs- und Imperiumsgeschichten erstaunlich leicht aus dem Blick – etwa die über Jahrhunderte reichende arabisch-islamische Expansion, die mit Krieg, Unterwerfung, Arabisierung, religiöser Hierarchisierung, Sklaverei und der Verdrängung älterer Kulturen und Religionen verbunden war.
Was beim europäischen Imperialismus selbstverständlich als Herrschafts- und Kolonialgeschichte analysiert wird, wird im arabisch-islamischen Kontext gar nicht erst in dieselbe historische Kategorie eingeordnet.

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Aus dem SCHLAGSEITE X-ArchivSo entsteht eine selektive Geschichtsschreibung.
Europäische Expansion gilt als moralisch prägendes Erbe bis in die Gegenwart, während nichtwestliche Imperien und ihre Opfer aus dem kollektiven Gedächtnis weitgehend verschwinden. Andere Gesellschaften werden dadurch nicht mit derselben historischen und moralischen Strenge betrachtet, sondern vor allem über ihre spätere Position gegenüber dem Westen verstanden.
Genau dadurch verschiebt sich der Maßstab. Nicht mehr allein die Handlung entscheidet über unser Urteil, sondern zunehmend die vermutete Stellung des Handelnden innerhalb einer Hierarchie von Macht und Opferstatus. Gewalt von oben gilt als strukturelle Gewalt. Gewalt von unten bekommt Kontext.
Die eine Seite besitzt Verantwortung, die andere zunächst Gründe.
Der eine Täter muss sich rechtfertigen, beim anderen wird zuerst gefragt, wodurch er radikalisiert, marginalisiert oder verletzt worden sei.
Das ist der Punkt, an dem eine ursprünglich emanzipatorische Theorie in moralische Asymmetrie gekippt ist. Antisemitismus kann dann unter dem Etikett des „Antizionismus“ milder beurteilt werden. Islamistische Ideologie erscheint eher als Reaktion auf westliche Dominanz denn als eigenständiges Herrschaftsprojekt. Frauenunterdrückung wird mit kultureller Sensibilität betrachtet, solange sie außerhalb des Westens stattfindet. Und religiöse Verfolgung bekommt unterschiedlich viel Aufmerksamkeit – abhängig davon, welche Gruppen in das vertraute Täter-Opfer-Schema passen.
Der Iran – mein Herkunftsland – ist dafür ein geradezu lehrreiches Beispiel.
Solange die Erhebung gegen die Islamische Republik im Westen unter „Frau, Leben, Freiheit“ als feministische Revolte gegen „alte Männer“ gelesen werden konnte, passte sie hervorragend in bestehende Kategorien.
Aber die iranische Bewegung ließ sich irgendwann nicht mehr darauf reduzieren. Sie wurde immer offener national und patriotisch, immer deutlicher gegen die islamistische Ordnung als solche gerichtet und für viele Iraner auch zu einer Rückbesinnung auf eine iranische Identität jenseits der Ideologie von 1979.
Millionen Menschen trugen die Löwe-und-Sonne-Flagge, riefen nationale Parolen, riefen „Lang lebe der König“ und verbanden ihre Forderung nach Freiheit ausdrücklich mit der Ablehnung des politischen Islam.
Und plötzlich wurde diese Revolution für ihrer ehemaligen „progressiven“ Unterstützer „kompliziert“ und „problematisch“. Denn hier rebellierte eine nichtwestliche Gesellschaft nicht gegen westlichen Kolonialismus, Kapitalismus oder den Westen.
Sie rebellierte gegen Islamismus und islamische Expansion und Zwangsidentität.
Frauen wollten nicht, dass westliche Feministinnen ihren Hijab kulturell kontextualisieren. Sie wollten ihn verbrennen (und taten dies auch!). Männer standen dabei nicht als patriarchale Gegenspieler neben ihnen, sondern wurden gemeinsam mit ihnen verfolgt und getötet. Menschen aus einer muslimisch geprägten Gesellschaft erklärten selbst, dass ihre Unterdrückung aus einer islamistischen Staatsideologie hervorging.
Damit kollidierte ihre Erfahrung mit einer politischen Sprache, die gewohnt war, den Islam vor allem als Objekt westlicher Diskriminierung zu betrachten. Die Iraner waren eindeutig Opfer – aber nicht die Opfer, die das vertraute Schema erwartet hatte. Und genau hier zeigt sich die Schwäche einer Moral, die Menschen zuerst nach Gruppen und erst danach nach Handlungen beurteilt.
Dasselbe Problem begegnet uns an anderer Stelle wieder. Wenn jüdische Opfer nicht mehr nur als Menschen wahrgenommen werden, sondern zuerst als Angehörige eines als mächtig verstandenen Staates; wenn israelischen Frauen die sexuelle Gewalt nicht geglaubt wird; wenn Christen in Ländern außerhalb des Westens verfolgt werden, ohne dass daraus eine vergleichbare politische Mobilisierung entsteht; wenn Gewalt durch Angehörige einer Minderheit mit einer anderen Sprache erklärt wird als Gewalt gegen eine Minderheit, dann haben wir den Universalismus bereits verlassen.
Und mit diesem Verlust beginnt etwas Größeres: die Dekonstruktion der eigenen Werte.
Denn wenn Wahrheit nur noch als Produkt von Macht erscheint, wird irgendwann auch die Vorstellung gemeinsamer Wahrheit verdächtig. Wenn Normen hauptsächlich als Instrumente von Herrschaft gelesen werden, verlieren auch notwendige Normen ihre Legitimität. Wenn Tradition zuerst als Unterdrückung verstanden wird, verliert eine Gesellschaft das Vertrauen in ihr eigenes kulturelles Gedächtnis. Wenn Grenzen hauptsächlich als Ausschluss erscheinen, wird bereits ihre Existenz moralisch problematisch. Und wenn die eigene Geschichte fast ausschließlich durch Schuld erzählt wird, entsteht irgendwann eine Generation, die zwar hervorragend gelernt hat, ihr Erbe zu zerlegen, aber kaum noch weiß, was davon bewahrt werden sollte.
Das bleibt nicht akademisch. Eine Gesellschaft lebt davon, dass ihre Mitglieder trotz aller Unterschiede einige gemeinsame Maßstäbe akzeptieren: dass Gewalt falsch ist, dass Terrorismus falsch ist, unabhängig vom Täter; dass Menschenrechte universell gelten; dass Wahrheit nicht vollständig von Identität abhängt; dass religiöse oder ethnische Herkunft niemandem mehr oder weniger moralische Verantwortung verleiht; dass Freiheit verteidigt werden darf.
Wer diese gemeinsamen Maßstäbe durch eine Politik konkurrierender Gruppenidentitäten ersetzt, produziert zwangsläufig Spaltung. Menschen begegnen einander dann nicht mehr zuerst als Bürger derselben Gesellschaft, sondern als Vertreter historischer Kollektive: privilegiert oder marginalisiert, Täter oder Opfer, Mehrheit oder Minderheit. Jede Gruppe entwickelt ihre eigene Erinnerung, ihre eigene Verletzung, ihre eigene Wahrheit und schließlich ihre eigene Moral.
Eine Gesellschaft kann auf diese Weise sehr lange über Diversität sprechen und gleichzeitig immer weniger Gemeinsames besitzen.
Das ist vielleicht die tiefste Folge dieser Entwicklung. Nicht, dass wir gelernt haben, Macht zu kritisieren. Das war notwendig. Nicht, dass wir unsere Geschichte aufgearbeitet haben. Auch das war notwendig.
Sondern dass aus Selbstkritik in Teilen unserer Kultur ein Misstrauen gegen die Idee der eigenen Zivilisation geworden ist.
Der Westen muss nicht glauben, in allem überlegen zu sein. Aber er sollte wieder wissen, welche seiner Prinzipien nicht verhandelbar sind: individuelle Freiheit, Gleichheit vor dem Gesetz, Trennung von Religion und politischer Herrschaft, Meinungsfreiheit, Schutz des Einzelnen vor dem Kollektiv und die universelle Würde jedes Menschen.
Denn Universalismus bedeutet gerade, dass ich denselben Maßstab anlege, wenn das Opfer Israeli, Iraner, Christ, Muslim oder Atheist ist – und ebenso, wenn der Täter einer Mehrheit oder einer Minderheit angehört.
Eine Gesellschaft, die das verlernt, verliert nicht nur ihre moralische Orientierung. Sie verliert irgendwann auch das, was sie zusammenhält.
Und deshalb ein letzter Appell an den Westen: Schaut auf den Iran.
Dort hat sich 1979 gezeigt, was geschehen kann, wenn Linke und Islamisten im Hass auf die bestehende Ordnung gemeinsame Sache machen. Die einen glauben, sie könnten die anderen benutzen. Am Ende werden sie selbst verschlungen.
Und bis heute verbindet sie der Hass auf ihren alten Feind – den Schah, USA und Israel – so stark, dass linke iranischstämmige Aktivistinnen und Jolurnalistinnen noch immer versuchen, den schmutzigen Anteil ihrer Eltern an dieser Geschichte und Tragödie Irans reinzuwaschen. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist voll von ihnen.
Iran war nicht das Ende dieser Geschichte. Iran war der Anfang.
Schaut nach Großbritannien. Schaut nach Frankreich. Schaut in die Eliteuniversitäten der USA.
Wer Islamismus aus ideologischer Nähe, Schuldgefühl oder revolutionärer Romantik verharmlost, sollte wissen, wohin solche Allianzen führen werden.
Die Iraner kennen den Preis und zahlen ihn täglich.
Der Westen sollte ihn nicht noch einmal bezahlen.

