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Symbolische Montage aus historischer antisemitischer Propaganda, Davidstern, Protestszene und moderner Social-Media-Kommunikation.

Alter Judenhass, neue Sprache: Warum antisemitische Mythen zurückkehren

Antisemitismus erfindet sich selten neu. Er verändert seine Sprache. Was früher offen als angebliche jüdische Kontrolle über Banken, Presse, Politik oder gesellschaftliche Entwicklungen verbreitet wurde, taucht heute häufig in modernisierten Begriffen, politischen Chiffren und vermeintlich progressiver Sprache wieder auf. Der alte Judenhass ist nicht verschwunden. Er hat gelernt, sich seiner Umgebung anzupassen.

Bundesfamilienministerin Karin Prien hat in einem Interview mit der WELT AM SONNTAG genau vor dieser Entwicklung gewarnt. Sie beobachte, dass Verschwörungsmythen zurückkehrten, die bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert und bis 1933 verbreitet waren. Besonders seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 habe sich das gesellschaftliche Klima verändert.

Diese Warnung besitzt bei Prien auch eine persönliche Dimension. Sie ist die erste Bundesministerin mit jüdischen Wurzeln. Beide Großväter waren Juden, ihre Familiengeschichte ist von Verfolgung und Flucht während der NS-Zeit geprägt. Prien selbst beschreibt, wie selbstverständlich diese Geschichte bereits in ihrer Kindheit präsent war und wie vorsichtig ihre Familie lange mit der eigenen jüdischen Herkunft umging.

Prien spricht damit einen Punkt an, der leicht übersehen wird: Antisemitische Mythen und Erzählungen müssen nicht dieselben Wörter benutzen, um dieselben Vorstellungen zu transportieren. Die Verpackung ändert sich. Der Kern bleibt erstaunlich stabil.


Antisemitische Mythen in alter und neuer Sprache: symbolische Montage aus historischen Dokumenten und moderner Social-Media-Kommunikation.
Symbolische Darstellung | Antisemitische Mythen verändern ihre Sprache, nicht ihren Kern.

Warum antisemitische Mythen so erstaunlich haltbar sind

Antisemitische Mythen sind nie nur eine Sammlung einzelner Vorurteile. Sie funktionieren häufig als umfassendes Erklärungsmuster. Komplizierte gesellschaftliche, politische oder wirtschaftliche Entwicklungen werden auf eine vermeintlich verborgene Macht zurückgeführt. Und diese Macht wird mit Juden verbunden.

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert gehörten dazu Behauptungen, Juden kontrollierten das Finanzwesen, die Presse oder politische Entscheidungen. Gleichzeitig konnten sie je nach politischem Bedarf für völlig gegensätzliche Entwicklungen verantwortlich gemacht werden. Für die einen verkörperten Juden den angeblich rücksichtslosen Kapitalismus, für andere standen sie hinter Bolschewismus, Revolution und gesellschaftlichem Umsturz.

Der Widerspruch störte nicht. Denn Antisemitismus folgt keiner konsistenten politischen Theorie. Er funktioniert über ein Feindbild, das sich nahezu beliebig anpassen lässt.

Das Deutsche Historische Museum beschreibt für die Weimarer Republik eine aggressive antisemitische Propaganda, in der demokratische und linke Politiker ebenso als Teil einer angeblich „verjudeten“ Ordnung diffamiert wurden. Gleichzeitig verbreiteten sich Verschwörungserzählungen über jüdische Macht und Einfluss.

Ein besonders wirkmächtiges Beispiel waren die sogenannten „Protokolle der Weisen von Zion“. Die antisemitische Fälschung behauptete, geheime jüdische Führer planten die Kontrolle über Politik, Wirtschaft, Medien und letztlich die Welt.

Dass diese angeblichen Sitzungsprotokolle frei erfunden waren, hinderte ihre Verbreitung nicht. Das United States Holocaust Memorial Museum bezeichnet die Schrift als eine der einflussreichsten antisemitischen Verschwörungserzählungen der modernen Geschichte. Bereits in den 1920er-Jahren kursierten Ausgaben auch in Deutschland.


ℹ️ Der entscheidende Mechanismus

Antisemitische Mythen erklären komplexe Vorgänge durch eine angeblich verborgene jüdische Macht. Wirtschaftskrisen, Kriege, Revolutionen, gesellschaftlicher Wandel oder politische Entscheidungen erscheinen dann nicht mehr als Ergebnis vieler Faktoren, sondern als Teil eines geheimen Plans.

Die Begriffe wechseln, das Denkmuster bleibt

Heute spricht kaum jemand offen von einer angeblichen „jüdischen Weltverschwörung“, zumindest nicht in gesellschaftlichen Kreisen, die weiterhin ernst genommen werden wollen. Deshalb verschwinden solche Vorstellungen aber nicht zwangsläufig. Sie können in Chiffren weiterleben.

Begriffe wie „Globalisten“, „Finanzeliten“, „Strippenzieher“ oder die Vorstellung einer geheimen Macht hinter Regierungen und Medien können antisemitische Mythen aufnehmen und fortschreiben, wenn sie mit klassischen jüdischen Feindbildern verbunden werden. Die Bundeszentrale für politische Bildung weist ausdrücklich darauf hin, dass moderne Verschwörungserzählungen an jahrhundertealte antisemitische Codes anschließen können.

Dabei muss sauber unterschieden werden. Nicht jeder, der über politische Eliten, Lobbyismus, Banken oder internationale Netzwerke spricht, äußert sich antisemitisch. Entscheidend ist das dahinterliegende Muster. Werden Juden oder als jüdisch markierte Personen als geschlossene Gruppe dargestellt, die angeblich Medien, Finanzwelt oder Regierungen kontrolliert, ist die historische Linie kaum zu übersehen.

Genau darin liegt die Anpassungsfähigkeit des Antisemitismus. Er braucht das Wort „Jude“ nicht zwingend, solange das alte Bild erhalten bleibt.

Wie die neue Sprache heute tatsächlich klingt

RIAS Sachsen dokumentierte in seinem Jahresbericht über die antisemitischen Vorfälle 2024 unter anderem eine Demonstration im August 2024 in Leipzig. Dort wurden Plakate gezeigt, auf denen „Zionisten“ mit Faschisten gleichgesetzt wurden. Ein weiteres Schild behauptete, die israelische Armee töte Babys. RIAS ordnete diese Darstellung ausdrücklich als moderne Adaption der mittelalterlichen Ritualmordlegende ein.

Das Beispiel steht damit nicht als frei gewählte Einzelanekdote im Raum, sondern ist Teil der von RIAS dokumentierten Vorfalllage. Es zeigt sehr konkret, wie antisemitische Mythen in neuer Sprache funktionieren. Die Struktur des alten Mythos kann erhalten bleiben, während das Objekt ausgetauscht wird: Aus „den Juden“ wird Israel oder „der Zionismus“, aus dem Ritualmord wird der pauschale Vorwurf des absichtlichen Kindermordes.

Auch der RIAS-Bericht für Berlin 2025 beschreibt das Feindbild „Zionismus“ als zunehmend präsente politische Markierung. Dokumentiert wurden unter anderem Wortschöpfungen, die Zionismus mit Nationalsozialismus gleichsetzen, sowie Gewalt- und Vernichtungsdrohungen gegen Menschen, die als „Zionisten“ markiert werden. Der Begriff bezeichnet in solchen Fällen längst keine sachliche Diskussion über eine politische Bewegung mehr. Er funktioniert als Feindmarkierung.

Wer nur reagiert, wenn ausdrücklich von „den Juden“ gesprochen wird, übersieht deshalb einen beträchtlichen Teil der gegenwärtigen Erscheinungsformen.

Wenn aus „den Juden“ plötzlich „die Zionisten“ werden

Besonders sichtbar wird diese sprachliche Verschiebung beim Verhältnis zu Israel. Der Begriff Zionismus bezeichnet zunächst eine reale politische und historische Bewegung, die für die nationale Selbstbestimmung des jüdischen Volkes und die Errichtung beziehungsweise Sicherung eines jüdischen Staates steht. Der Begriff selbst ist selbstverständlich nicht antisemitisch.

Problematisch wird es dort, wo „Zionist“ nicht mehr eine politische Position bezeichnet, sondern als Ersatzwort für Juden benutzt wird. Wenn angebliche „Zionisten“ die Medien kontrollieren sollen, Regierungen steuern, Kriege auslösen oder weltweit im Hintergrund die Fäden ziehen, wurde kein neues Argument erfunden. Es wurde lediglich ein altes antisemitisches Feindbild umbenannt.

Der Bundesverband RIAS stellte für 2025 fest, dass das Feindbild „Zionismus“ bei antisemitischen Vorfällen eine zentrale Rolle spielte. Dokumentiert wurden Feindmarkierungen, Gewaltaufrufe und auch körperliche Übergriffe. In einem Fall in Kassel wurde ein Betroffener zunächst antisemitisch als „Zionist“ beschimpft und anschließend angegriffen.

Auch die Arbeitsdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance zieht hier eine wichtige Grenze. Kritik an Israel, wie sie auch gegenüber jedem anderen Staat geäußert werden kann, ist nicht automatisch antisemitisch. Antisemitisch kann es jedoch werden, wenn Juden kollektiv für israelische Politik verantwortlich gemacht werden, ihnen eine besondere Loyalität zu Israel unterstellt wird oder klassische antisemitische Bilder auf Israel übertragen werden.

Man darf Netanjahu kritisieren. Man darf israelische Regierungen kritisieren. Man darf militärische Entscheidungen kritisieren. Aber ein Jude in Berlin, Köln oder München ist weder Vertreter der israelischen Regierung noch verantwortlich für Entscheidungen der israelischen Armee. Wer ihn trotzdem dafür verantwortlich macht, kritisiert nicht Israel. Er macht einen Juden für das Handeln anderer Juden verantwortlich.


Symbolische Montage aus historischen Zeitungsfragmenten, Davidstern und moderner digitaler Kommunikation.
Symbolische Darstellung | Alte antisemitische Denkmuster können in moderner politischer und digitaler Sprache weiterleben.

Der 7. Oktober war Katalysator, nicht Ursprung

Der Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 war nicht der Beginn des Antisemitismus in Deutschland. Die Entwicklung danach zeigt jedoch, wie schnell bereits vorhandene Ressentiments und antisemitische Mythen aktiviert, politisch mobilisiert und über digitale Netzwerke verbreitet werden können.

Nach Angaben von RIAS stieg die Zahl der dokumentierten antisemitischen Vorfälle unmittelbar nach den Massakern deutlich an. Für das Jahr 2025 wurden bundesweit 8.725 antisemitische Vorfälle registriert, durchschnittlich knapp 24 pro Tag. Gegenüber 2022 hat sich die Zahl damit mehr als verdreifacht. Bei 68 Prozent der dokumentierten Vorfälle stellte RIAS israelbezogenen Antisemitismus fest.

Darunter waren 178 körperliche Angriffe, 257 Bedrohungen und vier Fälle extremer Gewalt. Mehr als ein Viertel der registrierten Vorfälle ereignete sich online.

Diese Zahlen sind keine Polizeistatistik. RIAS dokumentiert ausdrücklich auch Vorfälle unterhalb der Strafbarkeitsschwelle. Das ist wichtig, weil sonst verschiedene Statistiken miteinander vermischt werden.

Das Bundeskriminalamt registrierte für 2025 dagegen 6.548 antisemitische Straftaten. Das waren fünf Prozent mehr als im Vorjahr und erneut ein Höchststand. RIAS und BKA messen also unterschiedliche Dinge, weisen aber beide auf dasselbe Grundproblem hin: Antisemitismus befindet sich in Deutschland weiterhin auf einem außergewöhnlich hohen Niveau.

Die Propaganda endet nicht mit dem Terrorangriff

Der Anstieg nach dem 7. Oktober lässt sich nicht allein damit erklären, dass vorhandene Ressentiments sichtbar wurden. Seit dem Massaker läuft zugleich ein Kampf um Bilder, Begriffe und Deutungen. Prien spricht im WELT-Interview ausdrücklich von einer „Propaganda-Offensive“ der Hamas, die gerade bei jüngeren Menschen Wirkung entfalte.

Soziale Medien verstärken diese Dynamik und die Verbreitung antisemitischer Mythen. Bilder, kurze Videos und emotionale Schlagwörter verbreiten sich binnen Sekunden, während ihre Einordnung erheblich länger dauert. RIAS Berlin registrierte parallel dazu einen Anstieg terrorverherrlichender Äußerungen im Zusammenhang mit antisemitischen Vorfällen von 161 im Jahr 2024 auf 245 im Jahr 2025.

Auch Begriffe wie „Genozid“, „Apartheid“ oder Vorwürfe gezielten Kindermordes kursieren in diesem Umfeld. Nicht jedes Auftauchen solcher Begriffe ist automatisch antisemitisch. Die Grenze wird dort überschritten, wo sie mit klassischen antisemitischen Motiven verbunden werden, Israel mit dem Nationalsozialismus gleichgesetzt wird, Juden kollektiv verantwortlich gemacht werden oder aus dem Vorwurf militärischen Handelns ein jüdischer beziehungsweise „zionistischer“ Vernichtungswille konstruiert wird.

Aus der Ritualmordlegende wird der pauschale „Kindermörder“-Vorwurf, aus der jüdischen Weltverschwörung die angebliche globale Macht „der Zionisten“, aus dem dämonischen Juden der dämonisierte jüdische Staat. Die Begriffe wirken moderner. Das Denkmuster muss es deshalb noch lange nicht sein.

Der Antisemitismus hat mehrere politische Adressen

Judenhass wird politisch gern genau dort gesucht, wo man selbst nicht steht. Rechte verweisen auf Islamisten und Linke, Linke auf Rechtsextremisten, islamistische Ideologen verkaufen Israelhass als politischen Widerstand. Antisemitische Mythen lassen sich deshalb nicht sauber einem einzigen politischen Lager zuordnen. Die Realität ist unbequemer. Und die aktuelle Gewichtung trotzdem klar.

Bundesweit ordnete RIAS 68 Prozent aller dokumentierten Vorfälle 2025 der Erscheinungsform des israelbezogenen Antisemitismus zu. Damit ist er gegenwärtig die häufigste dokumentierte Erscheinungsform. Gleichzeitig registrierte RIAS 807 antisemitische Vorfälle mit rechtsextremem Hintergrund, den höchsten Wert seit Beginn der bundesweiten Erhebung im Jahr 2020.


ℹ️ Wichtig für die Statistik

„Israelbezogener Antisemitismus“ beschreibt bei RIAS eine inhaltliche Erscheinungsform, nicht automatisch die politische Herkunft des Täters. Ein solcher Vorfall kann aus einem islamistischen, linken, rechtsextremen, verschwörungsideologischen oder anderen Milieu stammen. Die 68 Prozent lassen sich deshalb nicht pauschal einem einzigen politischen Lager zurechnen.

Wo eine politische Zuordnung möglich ist, wird die Verschiebung dennoch sichtbar. In Berlin ordnete RIAS 2025 303 antisemitische Vorfälle dem Spektrum des antiisraelischen Aktivismus zu, gegenüber 123 Fällen aus dem rechtsextremen beziehungsweise rechtspopulistischen Spektrum. Hinzu kamen Vorfälle aus linken und antiimperialistischen Zusammenhängen.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz beschreibt Antisemitismus ebenfalls als ideologieübergreifendes Phänomen. Im islamistischen Extremismus besitzt Judenfeindschaft seit Jahrzehnten einen festen Platz. In Teilen des antiimperialistischen und antiisraelischen Extremismus wird wiederum die Existenz Israels grundsätzlich delegitimiert.

Das relativiert den rechtsextremen Antisemitismus nicht. Sein erneuter Höchststand ist alarmierend. Ebenso wenig lässt sich aber übersehen, dass israelbezogener Antisemitismus das heutige Vorfallgeschehen dominiert und politische Mobilisierung nach dem 7. Oktober stark aus antiisraelischen, islamistischen und links-antiimperialistischen Zusammenhängen gespeist wird.

Die ideologischen Wurzeln unterscheiden sich. Die Motive können sich trotzdem treffen: Juden als kollektiver Feind, Israel als Verkörperung des Bösen und die Vorstellung einer verborgenen jüdischen Macht.


Antisemitismus wird nicht dadurch weniger gefährlich, dass er aus dem politisch gerade passenden Lager kommt. Wer nur den Judenhass des politischen Gegners erkennt, bekämpft keinen Antisemitismus. Er benutzt ihn.

Warum Israel zur perfekten Projektionsfläche geworden ist

Der Staat Israel eröffnet dem modernen Antisemitismus eine Möglichkeit, die frühere Generationen in dieser Form nicht hatten. Antisemitische Mythen können dadurch als scheinbar ausschließlich politische Haltung auftreten, während Feindschaft gegenüber Juden hinter politischen Begriffen verschwindet.

Das macht die Unterscheidung anspruchsvoller, aber keineswegs unmöglich.

Wer eine konkrete israelische Regierung kritisiert, äußert politische Kritik. Wer militärische Entscheidungen untersucht, handelt nicht antisemitisch. Wer israelische Politiker hart bewertet, darf das selbstverständlich tun.

Anders sieht es aus, wenn Israel für Übel verantwortlich gemacht wird, die mit dem Staat nichts zu tun haben, jüdische Menschen weltweit für israelische Politik haften sollen oder alte Verschwörungsbilder auf „Zionisten“ übertragen werden. Dann ist die politische Sprache oft nur noch die moderne Oberfläche eines sehr alten Ressentiments.

Das erklärt auch einen scheinbaren Widerspruch: Menschen können beteuern, keinerlei Problem mit Juden zu haben, und gleichzeitig eine Weltanschauung vertreten, in der ausgerechnet der einzige jüdische Staat als grundsätzlich illegitim, dämonisch oder heimlich allmächtig erscheint.

Antisemitismus passt sich seiner Zeit an. Im religiös geprägten Europa wurde der Jude religiös dämonisiert. Im Zeitalter des Nationalismus wurde daraus der angeblich fremde Volkskörper. Im Zeitalter politischer Ideologien wurde er zum Kapitalisten und Revolutionär zugleich. Im Zeitalter Israels kann derselbe Mechanismus unter dem Etikett des Antizionismus auftreten.

Erinnerung an die Shoah schützt nicht automatisch vor Judenhass

Deutschland hat über Jahrzehnte eine umfangreiche Erinnerungskultur aufgebaut. Schulen besuchen Gedenkstätten, Politiker sprechen am 27. Januar im Bundestag, Stolpersteine erinnern an Ermordete und Vertriebene, Museen und Dokumentationszentren beschäftigen sich mit der Shoah.

Das alles ist wichtig. Aber Erinnerung allein erzeugt keine Immunität.

Man kann die ermordeten Juden von gestern betrauern und gleichzeitig die lebenden Juden von heute mit Misstrauen betrachten. Man kann in einer Gedenkstätte „Nie wieder“ sagen und wenige Stunden später erklären, jüdische Studenten müssten sich zunächst von Israel distanzieren. Man kann historische Verantwortung beschwören und gleichzeitig wegsehen, wenn Menschen ihre Kippa verstecken oder jüdische Einrichtungen dauerhaft Polizeischutz benötigen.

Genau hier trifft Priens Warnung einen empfindlichen Punkt. Sie beschreibt im WELT-Interview ihre Sorge, dass sich das Bewusstsein für die historische Verantwortung bei jüngeren Generationen nicht automatisch fortsetzt. Diese Beobachtung ist keine statistische Gewissheit über eine gesamte Generation. Sie verweist aber auf eine reale Herausforderung: Geschichtswissen wird nicht vererbt.

Jede Generation muss neu verstehen, wie antisemitische Mythen funktionieren. Nicht nur, wie Judenhass zwischen 1933 und 1945 aussah.


Symbolische Montage aus Shoah-Gedenken, Davidstern, Protestszene und digitaler Kommunikation mit der Aufschrift „Erinnerung allein reicht nicht.“
Symbolische Darstellung | Erinnerung an die Shoah schützt nicht automatisch vor neuem Antisemitismus.

Die gefährliche Gewöhnung

Vielleicht ist deshalb nicht einmal die Rückkehr einzelner antisemitischer Parolen das Beunruhigendste. Gefährlicher ist die Gewöhnung daran.

Wenn antisemitische Schmierereien kaum noch überraschen, wenn Gewaltaufrufe als Teil einer aufgeheizten politischen Debatte abgetan werden, wenn jüdische Studenten ihre Identität lieber nicht offen zeigen und wenn ausgerechnet nach einem antisemitischen Massaker darüber diskutiert wird, ob Juden und Israel nicht irgendwie selbst schuld seien, verschiebt sich eine gesellschaftliche Grenze.

Der Bundesverband RIAS spricht angesichts der Zahlen für 2025 von einer Verfestigung des Antisemitismus auf sehr hohem Niveau. Auch der Zentralrat der Juden in Deutschland warnt vor einer fortschreitenden Normalisierung.

Normalisierung beginnt nicht erst mit staatlicher Verfolgung. Sie beginnt dort, wo Juden wieder überlegen müssen, wann sie ihre Identität zeigen können. Dort, wo antisemitische Vorstellungen als legitime politische Analyse durchgehen. Und dort, wo die Mehrheitsgesellschaft den nächsten Vorfall lediglich zur Kenntnis nimmt, weil der vorherige erst wenige Tage zurückliegt.

Antisemitismus erkennen, bevor das Wort „Jude“ fällt

Genau hier liegt die praktische Konsequenz. Medien, Schulen, Parteien und gesellschaftliche Institutionen müssen antisemitische Mythen auch dann erkennen, wenn bestimmte Wörter nicht ausdrücklich fallen. Entscheidend ist das Muster hinter der Sprache. Wird eine vermeintlich allmächtige Gruppe konstruiert? Werden Juden kollektiv für Israel verantwortlich gemacht? Wird „Zionist“ als pauschale Feindmarkierung benutzt? Werden jahrhundertealte Motive von Kindermord, Weltmacht oder Verschwörung lediglich auf Israel übertragen?

Das bedeutet nicht, jede scharfe Kritik an Israel unter Antisemitismusverdacht zu stellen. Im Gegenteil: Je sauberer legitime politische Kritik von antisemitischen Mustern getrennt wird, desto schwerer lässt sich der Antisemitismus hinter dem Etikett „Israelkritik“ verstecken. Genau diese Unterscheidungsfähigkeit ist heute wichtiger als ritualisierte Bekenntnisse.

Wer jungen Menschen nur erklärt, wie Judenhass vor hundert Jahren aussah, ihnen aber nicht zeigt, wie dieselben Vorstellungen heute in Memes, Demonstrationsparolen, politischen Chiffren und Social-Media-Narrativen auftreten können, vermittelt Geschichte, aber keine Gegenwartskompetenz.


Der Judenhass des 21. Jahrhunderts muss nicht aussehen wie der Judenhass von 1925, um aus denselben Vorstellungen zu leben. Die Begriffe ändern sich, die politischen Milieus wechseln, die Projektionsflächen werden moderner. Wer Antisemitismus nur erkennt, wenn ausdrücklich „Jude“ gesagt wird, erkennt ihn deshalb oft erst dann, wenn er längst wieder gesellschaftlichen Raum gewonnen hat.

Geschichte wiederholt sich nicht wie eine Kopie. Aber alte Denkmuster können zurückkehren, wenn eine Gesellschaft ihre neue Sprache nicht mehr erkennt. Genau deshalb reicht es nicht, antisemitische Mythen aus dem Geschichtsbuch zu kennen. Man muss auch verstehen, wie sie heute klingen.


ℹ️ Faktenbasis und Primärquellen zum Artikel 📑

▶️ WELT AM SONNTAG:
„Dieselben Mythen, die bis 1933 verbreitet waren, tauchen wieder auf“
Interview mit Bundesfamilienministerin Karin Prien über ihre jüdische Familiengeschichte, Antisemitismus in Deutschland, die Wirkung der Hamas-Propaganda und die Rückkehr historischer Verschwörungsmythen.

▶️ Bundesverband RIAS:
Antisemitische Vorfälle in Deutschland 2025
Bundesweites Lagebild mit 8.725 dokumentierten Vorfällen, Angaben zu israelbezogenem Antisemitismus, Angriffen, Bedrohungen, rechtsextremen Vorfällen und dem Feindbild „Zionismus“.

▶️ RIAS Berlin:
Antisemitische Vorfälle in Berlin 2025
Ausführlicher Bericht über die anhaltenden Entwicklungen seit dem 7. Oktober 2023, das Feindbild „Zionismus“, antisemitische Mobilisierung, Hochschulen, Demonstrationen und den digitalen Raum.

▶️ RIAS Sachsen:
Antisemitische Vorfälle in Sachsen 2024
Jahresbericht mit dokumentierten Vorfällen aus Sachsen 2024, darunter Beispiele aus Leipzig zur Gleichsetzung von Zionismus und Faschismus sowie zur Aktualisierung der antisemitischen Ritualmordlegende.

▶️ Bundeskriminalamt:
Politisch motivierte Kriminalität 2025
Offizielle Polizeistatistik zu antisemitisch motivierten Straftaten in Deutschland.

▶️ Bundesamt für Verfassungsschutz:
Der 7. Oktober 2023 und die anhaltenden Folgen für die Sicherheitslage in Deutschland
Einordnung antisemitischer Erscheinungsformen, extremistischer Mobilisierung und der Auswirkungen des Hamas-Terrorangriffs auf Deutschland.

▶️ International Holocaust Remembrance Alliance:
Working Definition of Antisemitism
Arbeitsdefinition und Beispiele zur Unterscheidung zwischen legitimer Israelkritik und israelbezogenen Formen des Antisemitismus.

▶️ Jüdische Allgemeine:
Mit Davidstern ins Kabinett
Porträt über Karin Prien, ihre jüdischen Wurzeln und ihre Familiengeschichte.

▶️ Deutsches Historisches Museum:
Antisemitismus in der Weimarer Republik
Historische Einordnung antisemitischer Propaganda und Feindbilder vor 1933.

▶️ Bundeszentrale für politische Bildung:
Antisemitische Verschwörungstheorien in Geschichte und Gegenwart
Historische und gegenwärtige Analyse der Verbindung zwischen Antisemitismus und Verschwörungserzählungen.

▶️ Bundeszentrale für politische Bildung:
Die „Protokolle der Weisen von Zion“
Einordnung der antisemitischen Fälschung und ihrer Vorstellung einer angeblichen jüdischen Weltverschwörung.

▶️ United States Holocaust Memorial Museum:
An Antisemitic Conspiracy: The Protocols of the Elders of Zion
Historische Dokumentation zur Entstehung, Verbreitung und Wirkung der antisemitischen Fälschung.

▶️ Zentralrat der Juden in Deutschland:
J7-Jahresbericht zu Antisemitismus 2025
Aktuelle Einordnung der Entwicklung antisemitischer Vorfälle und der zunehmenden Normalisierung von Judenhass.

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