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Junger Mann zwischen Neuköllner Alltag und islamistischem Gegenmilieu
HINTERGRUND

Neukölln zeigt, was gescheiterte Integration kostet

Zuwanderung über Jahrzehnte prägt Neukölln. Martin Hikel warnt vor Parallelmilieus, schwacher Staatsbindung und islamistischem Einfluss.

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Berlin-Neukölln zeigt, was passiert, wenn Zuwanderung über Jahrzehnte organisiert wird, Integration aber bei Sprache, Arbeit und Verwaltung stehenbleibt. Zum Ende seiner Amtszeit beschreibt Bezirksbürgermeister Martin Hikel einen Bezirk mit verfestigten Parallelmilieus, schwacher Bindung an den Staat und islamistischen Akteuren, die genau diese Lücken nutzen.

Bei einem Rundgang mit der NZZ beschreibt Hikel einen Bezirk, in dem unterschiedliche Bevölkerungsgruppen häufig mehr nebeneinander als miteinander leben. Seine Warnung richtet sich dabei nicht gegen Zuwanderung, sondern gegen Strukturen, die Abschottung begünstigen.

Wer wirtschaftlich schwache Menschen und damit viele Migranten immer wieder in denselben Quartieren konzentriere, wiederhole einen Fehler der 1980er Jahre. Damals seien Migranten aus dem Libanon geballt in bestimmten Teilen West-Berlins untergebracht worden. So hätten sich Parallelgesellschaften verfestigt.


Symbolische Darstellung eines jungen Mannes zwischen urbanem Alltag und islamistischem Gegenmilieu
Symbolische Darstellung | Die Lücke, die Islamisten füllen

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Aus dem SCHLAGSEITE X-Archiv

Der 7. Oktober machte sichtbar, was längst vorhanden war

Wie weit gesellschaftliche Abgrenzung reichen kann, zeigte sich unmittelbar nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023. Mitglieder des propalästinensischen Netzwerks Samidoun verteilten auf der Sonnenallee Süßigkeiten und bezeichneten die Aktion selbst als Feier eines angeblichen „Sieges des Widerstands“.

Es war eine kleine Gruppe. Das ist wichtig, weil daraus kein Jubelchor eines ganzen Stadtteils konstruiert werden darf. Hikel geht aber einen Schritt weiter: Nach seiner Einschätzung fiel diese Agitation an der Sonnenallee auf fruchtbaren Boden.

Das Netzwerk blieb nicht dauerhaft unbehelligt. Das Bundesinnenministerium verbot die Betätigung des internationalen Samidoun-Netzwerks in Deutschland und löste Samidoun Deutschland auf.

Knapp zwei Wochen nach dem 7. Oktober wurde sichtbar, wie groß sozialer Druck innerhalb solcher Milieus werden kann. Nach einem Aufruf zu einem sogenannten Generalstreik blieben auf der Sonnenallee mehr als 126 Geschäfte, Bäckereien und Lokale geschlossen. Der Tagesspiegel berichtete, dass nicht alle Inhaber freiwillig mitgemacht hätten und von angeblichen Drohungen die Rede gewesen sei.

Die NZZ berichtet darüber hinaus, vor Geschäften von Verweigerern sei stinkende Buttersäure ausgeschüttet worden.

Damit verschiebt sich die Frage. Es geht nicht mehr nur darum, welche politischen Ansichten einzelne Menschen vertreten. Wenn innerhalb eines Viertels Druck entsteht, sich einer politischen Mobilisierung anzuschließen, wird aus Meinung soziale Macht.

Zuwanderung über Jahrzehnte: Wenn Zugehörigkeit fehlt

Hikel sieht darin auch das Ergebnis jahrzehntelang unzureichender Integrationsarbeit. Ihn schockiere, wie schwach die Bindung mancher Menschen an den deutschen Staat sei. Er spricht von fehlender „Herzensverwurzelung“ mit der deutschen Gesellschaft.

Genau an dieser Stelle gewinnen islamistische Akteure Einfluss. Sie bieten eine eigene Zugehörigkeit an, die nicht auf gemeinsamer Bürgerschaft beruht, sondern auf religiöser und politischer Abgrenzung.

Das funktioniert nicht nur über jihadistische Propaganda und offene Gewaltaufrufe. Hikel verweist in Neukölln auf salafistisch geprägte Moscheen und Vereine, die der Muslimbruderschaft nahestehen. Hinzu kommen Organisationen, die religiöse Autorität, Jugendarbeit und gesellschaftliche Vertretungsansprüche miteinander verbinden.

Islamismus beginnt deshalb nicht erst bei Terrorismus. Ein Teil des islamistischen Spektrums arbeitet legalistisch. Die Bundeszentrale für politische Bildung behandelt den legalistischen Islamismus ausdrücklich als Teil des islamistischen Spektrums. Einfluss kann über Vereine, Bildungsangebote, soziale Medien und gesellschaftliche Vertretungsansprüche entstehen.

Islamistisches Spektrum wächst auf 28.645 Personen

Für 2025 zählt der Verfassungsschutz 28.645 Personen im islamistischen Spektrum, 365 mehr als im Vorjahr. Rund 9.110 gelten als gewaltorientiert, etwas weniger als 2024. Die salafistische Szene bleibt mit etwa 11.200 Personen die größte Strömung.

Die Zahlen zeigen deshalb keine simple Entwicklung nach oben. Das erfasste gewaltorientierte Potenzial ist gesunken, während das gesamte islamistische Spektrum leicht gewachsen ist. Gleichzeitig verweist die Auswertung des Verfassungsschutzberichts 2025 auf die zunehmende Radikalisierung junger Menschen und die Auswirkungen des Nahostkonflikts auf antisemitische Mobilisierung.

Das islamistische Spektrum bleibt innerhalb der muslimischen Bevölkerung eine Minderheit. Seine gesellschaftliche Bedeutung lässt sich aber nicht allein an Mitgliederzahlen messen. Digitale Propaganda benötigt keine großen Vereinsstrukturen. Ideologie, Feindbilder und Gemeinschaftsgefühl gelangen unmittelbar auf das Smartphone.


Junger Mann zwischen gesellschaftlicher Zugehörigkeit und islamistischer Gegenwelt in Berlin-Neukölln
Symbolische Darstellung | Zugehörigkeit oder Gegenwelt

Israel wird zum Test auf Zugehörigkeit

Besonders sichtbar wird diese Gegenwelt beim Thema Israel. Der Nahostkonflikt dient islamistischen Akteuren als Mobilisierungsthema, bei dem politische Haltung und persönliche Zugehörigkeit miteinander verbunden werden. Auch die Auswertung des Verfassungsschutzberichts 2025 verweist auf die Bedeutung des Nahostkonflikts für antisemitische Mobilisierung.

Aus Solidarität mit Palästinensern kann dabei eine Loyalitätsforderung konstruiert werden: Wer zur eigenen Gemeinschaft gehören wolle, müsse gegen Israel stehen. Antisemitismus und Israelfeindschaft können so unter einer politischen Oberfläche weitergegeben werden.

Was daraus entstehen kann, war nach dem 7. Oktober auf Berliner Straßen sichtbar. Eine kleine Gruppe feierte den Hamas-Angriff auf Israel. Das Problem lag nicht darin, dass sie für alle Menschen auf der Sonnenallee gesprochen hätte. Das Problem lag darin, dass eine solche Botschaft überhaupt Anschluss fand.

Hikel streitet über Rassismusbegriff und Nahostdebatte

Hikel hat sich mit dieser Haltung auch in der eigenen Partei Widerspruch eingehandelt. Besonders deutlich wird das beim Begriff „antimuslimischer Rassismus“. In einem Interview mit der Berliner Zeitung erklärt Hikel, der Begriff ergebe aus seiner Sicht keinen Sinn. Nach seiner Auffassung vermische er rassistische Diskriminierung und Kritik an einer Religion. Dadurch könne legitime Islamkritik unter Rassismusverdacht geraten.

Auch beim Nahostkonflikt sieht er politische Naivität. Gegenüber der NZZ sagt Hikel, Teile seiner Partei, mehr aber noch Grüne und Linke, seien von einem akademischen, postkolonial geprägten Diskurs beeinflusst. Dadurch werde der Angriff vom 7. Oktober nach seiner Einschätzung schnell zur „Notwehrmaßnahme“ stilisiert.

Das ist Hikels politische Bewertung. Sein eigentlicher Befund reicht darüber hinaus: Ein Bezirksbürgermeister, der Neukölln acht Jahre regiert hat, beschreibt verfestigte Parallelmilieus, schwache staatliche Bindung, antisemitische Mobilisierung und islamistische Akteure, die in diesen Strukturen Einfluss gewinnen.

Integration entscheidet sich an Zugehörigkeit

Integration besteht nicht darin, dass Menschen lediglich dieselbe Stadt bewohnen. Sprache, Bildung und Arbeit sind Voraussetzungen. Sie beantworten aber nicht die Frage, ob sich Menschen als Teil derselben politischen Gesellschaft verstehen.

Dazu gehören individuelle Freiheit, Gleichberechtigung, Religionsfreiheit, das Recht auf Religionskritik, die Ablehnung von Antisemitismus und die Anerkennung der demokratischen Ordnung.

Hikels Bilanz aus Neukölln ist deshalb keine abstrakte Warnung vor einem möglichen Problem. Sie beschreibt ein bereits vorhandenes. Wo gesellschaftliche Zugehörigkeit schwach bleibt und abgeschottete Milieus entstehen, bleibt der Raum nicht leer. Andere füllen ihn.

📚 Quellen und weiterführende Informationen

  • NZZ, 19. September 2026: „Wir wiederholen die Fehler der 1980er Jahre“ – Rundgang durch Neukölln mit Martin Hikel
    Quelle bei der NZZ öffnen
  • Tagesspiegel – Ereignisse vom 7. Oktober 2023, Artikelstand 8. Oktober 2023: Samidoun verteilt nach dem Hamas-Angriff Süßigkeiten auf der Sonnenallee und feiert einen angeblichen „Sieg des Widerstands“.
    Quelle beim Tagesspiegel öffnen
  • Bundesregierung / Bundesinnenministerium – Verbot vom 2. November 2023: Betätigungsverbot für die Hamas und das internationale Samidoun-Netzwerk sowie Verbot und Auflösung von Samidoun Deutschland.
    Quelle bei der Bundesregierung öffnen
  • Tagesspiegel, 21. Oktober 2023: Mehr als 126 geschlossene Geschäfte, Bäckereien und Lokale beim sogenannten Generalstreik auf der Sonnenallee; Bericht über angebliche Drohungen gegen Geschäftsinhaber.
    Quelle beim Tagesspiegel öffnen
  • Bundeszentrale für politische Bildung, 13. August 2026: Zahlen zur islamistischen Szene auf Grundlage des Verfassungsschutzberichts 2025.
    Quelle bei der bpb öffnen
  • Bundeszentrale für politische Bildung, 15. Juli 2026: Einordnung des Verfassungsschutzberichts 2025 mit Hinweisen auf die Radikalisierung junger Menschen und antisemitische Mobilisierung.
    Quelle bei der bpb öffnen
  • Bundeszentrale für politische Bildung: Islamistische Szene in Deutschland mit Schwerpunkt auf dem sogenannten legalistischen Islamismus.
    Quelle bei der bpb öffnen
  • Berliner Zeitung, 9. April 2026: Martin Hikel zur Kritik am Begriff „antimuslimischer Rassismus“.
    Quelle bei der Berliner Zeitung öffnen

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„Wenn du dachtest, das war schon alles … haha, nein. Der Irrsinn hat Nachschub.“