Gaza-Proteste in Europa gehören seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 zum politischen Straßenbild von London, Berlin und Brüssel. Viele Teilnehmer gehen aus persönlicher Überzeugung auf die Straße. Doch die Vorstellung, hinter diesen Protesten stehe lediglich spontane Empörung, greift zu kurz. Große Demonstrationen brauchen Organisation, Geld, Kommunikation, Kampagnenstrukturen und Netzwerke. Und genau diese Strukturen lassen sich in mehreren europäischen Ländern nachvollziehen.
Das bedeutet nicht, dass Europas Gaza-Proteste von einer geheimen Zentrale gesteuert werden. Es bedeutet auch nicht, dass jeder Demonstrant Mitglied einer extremistischen Organisation ist. Der belegbare Befund ist wesentlich nüchterner und gerade deshalb interessanter: In Großbritannien, Deutschland und auf europäischer Ebene existieren seit Jahren Organisationen und Bündnisse, die Proteste koordinieren, Aktivisten mobilisieren, Kampagnen entwickeln und politischen Druck auf Regierungen und Institutionen ausüben.
Bei einzelnen Akteuren dokumentieren Behörden zudem Verbindungen zu extremistischen Organisationen oder Milieus. Andere arbeiten vollkommen legal als NGOs, politische Kampagnen oder Solidaritätsgruppen. Manche profitieren von steuerlichen Vergünstigungen oder öffentlicher Förderung. Diese unterschiedlichen Ebenen müssen auseinandergehalten werden, wenn aus berechtigter Kritik keine Verschwörungserzählung werden soll.

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Aus dem SCHLAGSEITE X-ArchivDie Menschenmenge ist sichtbar, die Infrastruktur dahinter nicht
Eine Demonstration wirkt auf Bildern zunächst einfach: Menschen kommen zusammen, tragen Fahnen und Plakate und rufen Parolen.
Doch schon eine größere Kundgebung benötigt jemanden, der sie anmeldet, eine Route organisiert, Lautsprecher und Bühnen bereitstellt, Ordner koordiniert, Redner einlädt, Social-Media-Kanäle bespielt, Grafiken produziert, Pressearbeit übernimmt und Anhänger mobilisiert.
Je größer und dauerhafter eine Protestbewegung wird, desto weniger lässt sie sich ohne organisatorische Infrastruktur erklären.
Genau das macht Großbritannien zu einer interessanten Fallstudie. Ein im Juli 2026 veröffentlichter Bericht von NGO Monitor untersuchte 40 Organisationen und Kampagnen, die seit dem 7. Oktober 2023 wiederholt im Umfeld britischer Gaza-Proteste auftauchten.
Der Bericht betrachtet nicht nur Veranstalter, sondern auch Finanzierung, Kampagnenarbeit, personelle Überschneidungen und internationale Verbindungen. Besonders aufschlussreich ist die unterschiedliche Organisationsform: Von den 40 untersuchten Akteuren sind laut NGO Monitor zehn als Wohltätigkeitsorganisationen registriert, acht als Unternehmen, neun arbeiten in Hybridstrukturen und 13 bewegen sich außerhalb eines formalen britischen Regulierungsrahmens.
Gerade bei diesen unterschiedlichen Konstruktionen wird die Nachverfolgung von Verantwortlichkeiten und Geldflüssen schwierig. NGO Monitor erklärt ausdrücklich, dass sich wegen mangelnder Transparenz weder sämtliche Finanzierungsquellen noch die vollständigen Ausgaben für Demonstrationen ermitteln lassen.
Großbritannien: Sechs Organisationen koordinieren die großen Proteste
Dass hinter den großen Demonstrationen feste Strukturen stehen, ist nicht erst eine Feststellung von NGO Monitor.
Die 2024 veröffentlichte britische Regierungsuntersuchung „Protecting our Democracy from Coercion“, häufig als Walney Review bezeichnet, identifizierte bereits sechs Organisationen, die gemeinsam große nationale Proteste koordinierten:
- Palestine Solidarity Campaign
- Friends of Al-Aqsa
- Palestinian Forum in Britain
- Stop the War Coalition
- Campaign for Nuclear Disarmament
- Muslim Association of Britain
Diese Organisationen arbeiteten als britische Protestkoalition unter dem Namen „Together for Palestine“ zusammen. Gemeint ist hier ausdrücklich diese Koalition der sechs Gruppen und nicht das gleichnamige, von Brian Eno organisierte Benefizkonzert, das 2025 in der Wembley Arena stattfand.
Damit sind zwei Untersuchungsebenen sauber zu trennen: Die Sechser-Koalition und ihre Rolle bei Demonstrationen waren bereits 2024 amtlich beschrieben. NGO Monitor weitete den Blick 2026 auf ein größeres Feld von 40 Organisationen und Kampagnen sowie auf Finanzierung, Regulierung und Transparenz aus.
Die Walney Review beschreibt die Protestkoalition als Ausdruck von Bündnissen zwischen Teilen der britischen radikalen Linken und islamistischen Organisationen. Diese Beziehungen seien über Jahre gewachsen und hätten sich aus gemeinsamen politischen Kampagnen entwickelt.
Auch personelle Verbindungen werden benannt. Die Untersuchung verweist beispielsweise auf die Muslim Association of Britain und ihre historischen Verbindungen zur Muslimbruderschaft. Bei Friends of Al-Aqsa dokumentiert sie frühere positive Äußerungen des Gründers Ismail Patel über Hamas sowie dessen Treffen mit Ismail Haniyeh.
Beim Palestinian Forum in Britain verweist der Bericht auf mehrere Personen, denen Verbindungen zur Hamas zugeschrieben werden. Bei einzelnen Angaben stützt sich die Untersuchung ausdrücklich auf israelische Sicherheitsinformationen.
Das ist kein Beleg dafür, dass Hamas die britischen Demonstrationen steuert. Es zeigt aber, dass bei einem Teil der organisatorischen Infrastruktur politische und personelle Überschneidungen existieren, die weit über gewöhnlichen Friedensaktivismus hinausgehen.
ℹ️ Zwei Ebenen, die man nicht verwechseln darf
Ein Demonstrant kann aus eigener Überzeugung teilnehmen, ohne einer veranstaltenden Organisation anzugehören. Dass die Teilnahme freiwillig ist, sagt jedoch nichts darüber aus, ob die Veranstaltung selbst professionell organisiert wurde. Spontane Motivation und organisierte Mobilisierung schließen einander nicht aus.
Steuergeld in Großbritannien: Der Befund ist komplizierter
Besonders brisant ist die Frage nach öffentlicher Unterstützung.
NGO Monitor gibt an, dass 19 der untersuchten 40 Organisationen britische staatliche Unterstützung erhalten, entweder über Förderbeziehungen zum Foreign, Commonwealth & Development Office oder über das sogenannte Gift-Aid-System. Mindestens elf Organisationen würden zudem von staatlichen Stellen anderer Länder oder europäischen Institutionen unterstützt.
Doch direkte Förderung und Gift Aid sind nicht dasselbe.
Beim britischen Gift Aid können anerkannte gemeinnützige Organisationen für qualifizierte private Spenden zusätzlich 25 Pence pro gespendetem Pfund über die Finanzverwaltung erhalten. Aus einer privaten Spende von 100 Pfund können damit 125 Pfund für die Organisation werden.
Das ist eine staatlich gewährte steuerliche Förderung. Es bedeutet aber nicht, dass die britische Regierung einen Haushaltsposten „Gaza-Demonstrationen“ finanziert.
Die relevante politische Frage ist eine andere: Welche Anforderungen an Transparenz und politische Verantwortlichkeit gelten für Organisationen, die steuerliche Privilegien oder öffentliche Fördermittel erhalten und gleichzeitig an hochpolitischen Kampagnen beteiligt sind?
Diese Frage wird umso wichtiger, wenn bei Funktionären Verbindungen zu extremistischen Milieus dokumentiert sind.
Deutschland: Samidoun zeigt, wie Mobilisierung funktioniert
Wer nun glaubt, das sei ein britisches Sonderproblem, sollte einen Blick nach Deutschland werfen.
Der Bundesverfassungsschutz beschreibt das inzwischen verbotene Netzwerk Samidoun als 2011 von im Ausland lebenden Mitgliedern der terroristischen Volksfront zur Befreiung Palästinas, PFLP, gegründete Organisation.
Nach Einschätzung des Verfassungsschutzes entsprachen die politischen Positionen von Samidoun denen der PFLP, einschließlich der Ablehnung des Existenzrechts Israels. Das Netzwerk habe Gewalt als politisches Mittel befürwortet und Terrororganisationen wie PFLP und Hamas vor allem propagandistisch unterstützt.
Für unsere Frage ist jedoch ein anderer Teil des Berichts besonders interessant.
Samidoun nutzte Demonstrationen und das Internet nach Angaben des Verfassungsschutzes gezielt zur Vernetzung, Mitgliederwerbung, Spendensammlung und Verbreitung von Propaganda. Dadurch konnten Menschen weit über den eigenen festen Anhängerkreis hinaus erreicht werden.
Genau darin besteht politische Mobilisierung: Eine relativ kleine organisatorische Struktur erreicht ein wesentlich größeres Publikum.
Nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 intensivierte Samidoun diese Aktivitäten. Anhänger feierten den Terrorangriff öffentlich. Am 2. November 2023 verbot das Bundesinnenministerium die Betätigung des Netzwerks in Deutschland und löste seine deutschen Strukturen auf.
Damit verschwand das Milieu allerdings nicht. Der Verfassungsschutz hält ausdrücklich fest, dass ehemalige Samidoun-Akteure auch 2024 weiterhin in der extremistischen propalästinensischen Szene aktiv waren.
Berlin liefert den vielleicht deutlichsten Befund
Eine vom Land Berlin veröffentlichte Untersuchung zur antisemitischen Protestmobilisierung nach dem 7. Oktober geht bei der Frage nach den Strukturen ungewöhnlich klar ins Detail.
Sie beschreibt Hamas, PFLP und Samidoun als zentrale verfassungsfeindliche Akteure der ersten Protestphase. Personen aus diesem Umfeld hätten nahezu täglich zu israelfeindlichen Versammlungen aufgerufen.
Die Untersuchung zieht daraus einen direkten Schluss: Mehrere tausend Menschen nehmen nicht spontan und aus dem Nichts an einer solchen Versammlung teil. Ohne Strukturen, die koordinieren, vernetzen, mobilisieren und Parolen vorgeben, seien Versammlungslagen dieser Größenordnung nicht möglich.
Nach den Verboten von Hamas und Samidoun am 2. November 2023 änderte sich die Lage. Die Zahl der Teilnehmer ging zurück, und bei den anschließend genehmigten Demonstrationen wurden weniger Straftaten registriert.
Das ist kein theoretisches Modell, sondern ein beobachtbarer Zusammenhang: Eine organisatorische Struktur fällt weg und die Mobilisierungsfähigkeit verändert sich.

Die Strukturen in Berlin bestehen weiter
Der Berliner Verfassungsschutzbericht 2025 zeigt, dass die israelfeindliche Szene nicht mit dem Samidoun-Verbot verschwunden ist.
Als prägende Akteure nennt die Behörde unter anderem das Vereinigte Palästinensische Nationalkomitee, BDS Berlin und Young Struggle.
Das Vereinigte Palästinensische Nationalkomitee, VPNK, beschreibt der Berliner Verfassungsschutz als Dachbezeichnung, unter der Anhänger von Hamas und PFLP in Berlin eng zusammenarbeiteten und gemeinsam Versammlungen durchführten.
Der Bundesverfassungsschutz beschreibt Young Struggle als europäischen Dachverband der Jugendorganisationen der Marxistisch-Leninistischen Kommunistischen Partei, MLKP, und als deren unmittelbar in Deutschland auftretende Jugendorganisation. Die MLKP verfolgt nach Einschätzung des Verfassungsschutzes in der Türkei ihre Ziele auch mit terroristischen Mitteln. Young Struggle trat nach dem 7. Oktober 2023 besonders aktiv bei Mobilisierung, Organisation und Teilnahme an propalästinensischen Versammlungen auf.
BDS Berlin wiederum versteht sich selbst als Teil der internationalen Bewegung für Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen gegen Israel und organisiert entsprechende Aktionen, Proteste und Kampagnen. Der Berliner Verfassungsschutz führte die Gruppe im Bericht für 2025 als einen der prägenden Akteure der verfassungsschutzrelevanten israelfeindlichen Szene.
Nach Angaben der Behörde war diese Szene auch 2025 für zahlreiche Veranstaltungen verantwortlich, bei denen das Existenzrecht Israels negiert und Terror der Hamas gefeiert wurde.
Die Sicherheitsbehörden beschreiben damit konkrete Akteure, Vernetzungen und Mobilisierungsstrukturen. Das ist für die Frage, wie aus politischen Milieus größere Protestlagen entstehen, wesentlich aussagekräftiger als eine pauschale Etikettierung aller Teilnehmer.
1.744 Versammlungen mit antisemitischen Vorkommnissen
Wie stark Antisemitismus inzwischen mit dem Protestgeschehen verbunden ist, zeigen die Zahlen des Bundesverbands RIAS.
Die Meldestellen dokumentierten 2025 in Deutschland insgesamt 8.725 antisemitische Vorfälle. Das entspricht rechnerisch knapp 24 Vorfällen pro Tag.
Besonders relevant für die Protestbewegung: RIAS erfasste 1.744 Versammlungen mit antisemitischen Vorkommnissen. Das sind fast 34 pro Woche.
Bei 89 Prozent dieser Versammlungsvorfälle ordnete RIAS die antisemitischen Äußerungen oder Handlungen dem israelbezogenen Antisemitismus zu.
RIAS zählt damit nicht einfach jede Kritik an Israel als antisemitisch. Erfasst werden Vorfälle, die nach den Kriterien der Meldestellen eine antisemitische Qualität besitzen.
Die Zahlen erlauben deshalb nicht den Satz „Gaza-Demonstrationen sind antisemitisch“. Sie erlauben aber sehr wohl die Feststellung, dass antisemitische Erscheinungen innerhalb des Versammlungsgeschehens rund um Israel kein seltenes Randphänomen sind.
Und zahlt Deutschland dafür?
Hier muss erneut sauber getrennt werden.
Für eine systematische staatliche Finanzierung deutscher Gaza-Demonstrationen gibt es nach dem derzeit überprüfbaren Stand keinen belastbaren Beleg.
Deutschland finanziert zahlreiche zivilgesellschaftliche, humanitäre und entwicklungspolitische Projekte im Nahen Osten. Daraus lässt sich jedoch nicht automatisch ableiten, dass deutsche Steuergelder in Demonstrationen auf deutschen Straßen fließen.
Parallel dazu zeigen Bundestagsunterlagen aus dem Jahr 2026, dass die Bundesregierung an einem Förderstopp für sechs palästinensische Organisationen festhielt, darunter Al-Haq, Addameer und Defense for Children International Palestine. Dabei geht es um die Prüfung und Förderung zivilgesellschaftlicher Projekte im Ausland.
Dieser Vorgang ist ausdrücklich kein Finanzbeleg für Demonstrationen in Berlin, London oder anderswo in Europa. Er gehört hier ausschließlich als paralleler Befund zur Frage staatlicher Förderkontrolle hinein: Öffentliche Geldgeber müssen nachvollziehbar prüfen, wem sie Mittel oder Fördermöglichkeiten eröffnen und welche politischen oder sicherheitsrelevanten Verbindungen dabei bestehen.
Gaza-Proteste in Europa: Die Netzwerke enden nicht an Landesgrenzen
Der vielleicht wichtigste Unterschied zur rein nationalen Betrachtung besteht darin, dass viele dieser Strukturen ausdrücklich international arbeiten.
Ein gutes Beispiel ist die in Brüssel ansässige European Coordination of Committees and Associations for Palestine, ECCP.
Die Organisation beschreibt sich selbst als Netzwerk von 46 europäischen Organisationen, NGOs, Gewerkschaften und Solidaritätsgruppen aus 19 europäischen Ländern. Sie koordiniert nach eigener Darstellung politische Aktionen, Graswurzelkampagnen und Debatten auf europäischer Ebene.
Ihre Mitgliederliste zeigt, wie breit diese Vernetzung geografisch reicht. Für Deutschland führt ECCP unter anderem BDS Berlin auf. In Frankreich gehören beispielsweise die Association France Palestine Solidarité, AFPS, die Plateforme des ONG françaises pour la Palestine, die Union Juive Française pour la Paix und BDS France zum Netzwerk.
Die Gaza-Proteste in Europa unterscheiden sich von Land zu Land, greifen aber teilweise auf gemeinsame Netzwerke und Kampagnenstrukturen zurück. Damit wird aus London, Berlin oder Brüssel kein zentral gesteuertes europäisches System. Es zeigt aber, dass nationale Organisationen über gemeinsame europäische Strukturen miteinander verbunden sind und politische Kampagnen nicht zwangsläufig an Landesgrenzen enden.
ECCP macht aus seiner politischen Funktion keinen Hehl. Die Organisation will Kampagnen auf europäischer Ebene koordinieren und politischen Druck auf die Beziehungen zwischen der Europäischen Union und Israel ausüben.
Das ist zunächst legale politische Lobby- und Kampagnenarbeit. Gleichzeitig widerlegt es die Vorstellung, Europas Gaza-Aktivismus bestehe lediglich aus voneinander unabhängigen lokalen Protesten.
Von der Straße in die Institutionen
Dass Mobilisierung nicht an der Demonstrationsroute endet, zeigt auch die 2026 gestartete Europäische Bürgerinitiative „Justice for Palestine“.
Die von der Allianz der Europäischen Linken unterstützte Initiative verfolgt das Ziel, die vollständige Aussetzung des Assoziierungsabkommens zwischen der Europäischen Union und Israel zu erreichen.
Das offizielle Forum der Europäischen Bürgerinitiative beschreibt die Kampagne als Versuch, die in den vergangenen Jahren auf Europas Straßen sichtbar gewordene Mobilisierung in konkreten politischen Druck auf EU-Institutionen zu übersetzen.
Das ist demokratisch legitim. Es zeigt aber anschaulich die Entwicklungskette:
Demonstration, Mobilisierung, Kampagne, Unterschriftensammlung, Lobbyarbeit, institutioneller Druck.
Wer nur auf die Menschenmenge am Samstag schaut, sieht deshalb nur den sichtbarsten Teil politischer Organisation.
Milliarden für NGOs, aber kein Beweis für Protestfinanzierung
Spätestens bei der europäischen Ebene landet man zwangsläufig wieder bei der Frage nach öffentlichen Geldern.
Der Europäische Rechnungshof untersuchte die Finanzierung von NGOs in den internen Politikbereichen der EU. Für die Jahre 2021 bis 2023 ging es um mehr als sieben Milliarden Euro öffentlicher Mittel.
Sein Ergebnis war deutlich: Informationen über die Finanzierung seien teilweise fragmentiert, unvollständig und unzuverlässig. Auch Lobby- und Advocacy-Aktivitäten von EU-finanzierten NGOs würden nicht immer ausreichend transparent dargestellt.
Der Rechnungshof kritisierte zudem, dass nicht systematisch aktiv geprüft werde, ob geförderte Organisationen die grundlegenden Werte der Europäischen Union einhalten.
Der Rechnungshof behauptet jedoch nicht, dass diese Milliarden in Gaza-Proteste oder anti-israelische Kampagnen fließen. Wer die Gesamtsumme so darstellen würde, als finanziere Brüssel damit Demonstrationen gegen Israel, würde zwei verschiedene Sachverhalte miteinander vermischen.
Der Bericht zeigt etwas anderes: Bei der europäischen NGO-Finanzierung bestehen Transparenzprobleme. Wenn öffentlich geförderte Organisationen gleichzeitig politische Kampagnen und Lobbyarbeit betreiben, muss nachvollziehbar sein, welche Mittel wofür eingesetzt werden.
⚠️ Entscheidend ist die Trennung
Öffentliche NGO-Förderung ist nicht automatisch Protestfinanzierung. Mitgliedschaft in einem Netzwerk ist nicht automatisch Extremismus. Eine personelle Verbindung ist nicht automatisch organisatorische Steuerung. Genau deshalb müssen Geldflüsse, Organisationsstrukturen und extremistische Verbindungen jeweils einzeln belegt werden.
Keine Kommandozentrale, sondern ein politisches Ökosystem
Was bleibt also von der Ausgangsfrage?
Es gibt keinen belastbaren Beleg für eine zentrale europäische Kommandozentrale, die Gaza-Proteste von London bis Berlin steuert.
So etwas ist für erfolgreiche politische Mobilisierung allerdings auch gar nicht notwendig.
Die vorhandenen Quellen zeigen vielmehr ein politisches Ökosystem: lokale Veranstalter, nationale Bündnisse, NGOs, Aktivistengruppen, linke Organisationen, islamistische Netzwerke, internationale Solidaritätsverbände, Kampagnenplattformen und politische Akteure.
Einige dieser Gruppen arbeiten nur punktuell zusammen. Andere sind institutionell miteinander vernetzt. Manche sind vollkommen legal und demokratisch organisiert. Bei anderen dokumentieren Sicherheitsbehörden Verbindungen zu extremistischen oder terroristischen Organisationen.
Gerade diese Mischung macht das Netzwerk schwerer zu verstehen als die einfache Vorstellung einer zentral gesteuerten Bewegung.

Wer steckt also dahinter?
Die Antwort lautet nicht: eine Organisation.
In Großbritannien sind sechs zentrale Gruppen als Koordinatoren großer Demonstrationen dokumentiert. In Deutschland beschreiben Sicherheitsbehörden extremistische und aktivistische Strukturen, die Demonstrationen organisieren und weit über ihre eigene Anhängerschaft hinaus mobilisieren. Auf europäischer Ebene verbinden Netzwerke wie ECCP Organisationen aus zahlreichen Ländern und übertragen politische Forderungen auf die Ebene der EU.
Dazu kommen Parteien, Gewerkschaften, NGOs, Studenteninitiativen, lokale Gruppen und lose Aktivistennetzwerke.
Die Gaza-Proteste in Europa sind deshalb gleichzeitig Graswurzel und Organisation. Menschen nehmen freiwillig teil. Aber die politischen Räume, in denen sie mobilisiert werden, entstehen nicht von selbst.
Und genau hier liegt die entscheidende journalistische Frage.
Nicht: Wer hat jedem Demonstranten gesagt, auf die Straße zu gehen?
Sondern: Wer baut die Strukturen auf, formuliert Kampagnen, verbreitet Botschaften, sammelt Geld, organisiert Veranstaltungen und verwandelt Empörung in dauerhaften politischen Druck?
Wer die Gaza-Proteste in Europa verstehen will, darf nicht nur auf Fahnen, Plakate und Teilnehmerzahlen schauen. Entscheidend sind die Strukturen dahinter. Großbritannien, Deutschland und europäische Netzwerke zeigen, dass Mobilisierung organisiert, finanziert, vernetzt und politisch weitergetragen wird. Das ist keine geheime Verschwörung. Es ist politische Infrastruktur.
ℹ️ Faktenbasis und Primärquellen zum Artikel 📑
▶️ NGO Monitor:
Imported Influence: Foreign Funding, Regulatory Black Holes and Extremist Connections of the Post-October 7 UK Protest Infrastructure
Bericht vom 8. Juli 2026 über 40 Organisationen und Kampagnen im britischen Protestnetzwerk, deren Organisationsformen, Finanzierung, Transparenz und dokumentierte personelle beziehungsweise organisatorische Verbindungen.
▶️ Britische Regierungsuntersuchung:
Protecting our Democracy from Coercion
2024 veröffentlichte Walney Review mit Angaben zur Protestkoalition Together for Palestine, ihren sechs zentralen Organisationen sowie zu Überschneidungen zwischen radikaler Linker und islamistischen Akteuren.
▶️ HM Revenue & Customs:
Claiming Gift Aid as a charity or CASC
Offizielle Erläuterung der britischen Gift-Aid-Regelung und der steuerlichen Aufstockung qualifizierter privater Spenden.
▶️ Bundesamt für Verfassungsschutz:
Verfassungsschutzbericht 2024
Angaben zu Samidoun, dessen Verbindung zur PFLP sowie zur Nutzung von Demonstrationen, Internet, Spendensammlung und Propaganda für Mobilisierung und Vernetzung. Der Bericht beschreibt außerdem Young Struggle als europäischen Dachverband der MLKP-Jugendorganisationen und deren Jugendorganisation in Deutschland.
▶️ Land Berlin:
Untersuchung zu antisemitischen Versammlungslagen nach dem 7. Oktober 2023
Analyse der organisatorischen Bedeutung von Hamas, PFLP und Samidoun für die frühe Protestmobilisierung in Berlin und der Entwicklung nach den Verboten vom 2. November 2023.
▶️ Berliner Verfassungsschutzbericht 2024:
Verfassungsschutzbericht Berlin 2024
Einordnung des Vereinigten Palästinensischen Nationalkomitees als Dachbezeichnung für die Zusammenarbeit von Anhängern der Hamas und PFLP in Berlin sowie Angaben zum gemeinsamen Versammlungsgeschehen.
▶️ Berliner Verfassungsschutz:
Verfassungsschutzbericht Berlin 2025
Aktuelle Einordnung der verfassungsschutzrelevanten israelfeindlichen Szene und Benennung prägender Akteure wie Vereinigtes Palästinensisches Nationalkomitee, BDS Berlin und Young Struggle.
▶️ BDS Berlin:
Selbstdarstellung von BDS Berlin
Eigene Beschreibung als Teil der internationalen Boykott-, Desinvestitions- und Sanktionsbewegung sowie Angaben zu Aktionen, Protesten und Kampagnen.
▶️ Bundesverband RIAS:
Antisemitische Vorfälle in Deutschland 2025
Bundesweite Dokumentation von 8.725 antisemitischen Vorfällen sowie 1.744 Versammlungen mit antisemitischen Vorkommnissen.
▶️ Deutscher Bundestag:
Arbeit zivilgesellschaftlicher Organisationen in Israel
Parlamentsunterlagen zum fortbestehenden Förderstopp für sechs palästinensische Organisationen. Im Artikel ausschließlich als paralleler Befund zur staatlichen Förderkontrolle verwendet, nicht als Beleg für Protestfinanzierung.
▶️ European Coordination of Committees and Associations for Palestine:
European Coordination of Committees and Associations for Palestine
Selbstdarstellung als Netzwerk von 46 europäischen Organisationen, NGOs, Gewerkschaften und Solidaritätsgruppen aus 19 Ländern sowie Angaben zur politischen Kampagnenarbeit auf europäischer Ebene.
▶️ Europäische Bürgerinitiative:
Justice for Palestine European Citizens’ Initiative
Darstellung der 2026 gestarteten Kampagne zur vollständigen Aussetzung des EU-Israel-Assoziierungsabkommens.
▶️ Europäischer Rechnungshof:
EU funding granted to NGOs suffers from lack of transparency
Prüfbericht zu Transparenzdefiziten bei mehr als sieben Milliarden Euro EU-Förderung an NGOs in internen Politikbereichen zwischen 2021 und 2023.
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