Erdoğans Neo-Osmanismus ist längst mehr als Rhetorik. Ankara erweitert seine militärischen Fähigkeiten, schafft neue Bündnisstrukturen und drängt in politische Räume, die für Israel unmittelbar sicherheitsrelevant sind. Gleichzeitig pflegt die türkische Führung enge Beziehungen zur Hamas und verschärft seit Jahren ihre Konfrontation mit Jerusalem. Hinter Erdoğans Machtanspruch stehen heute reale politische, militärische, wirtschaftliche und ideologische Instrumente.
Der neue Verteidigungspakt zwischen der Türkei, Saudi-Arabien und Pakistan macht diese Entwicklung besonders sichtbar. Ankara will nicht irgendein Akteur im Nahen Osten sein. Erdoğan arbeitet daran, die Türkei zu einer bestimmenden Regionalmacht zu machen.
Für Israel ist das keine theoretische Frage. Während der Iran geschwächt wurde und alte Machtstrukturen in Syrien und der Region zerfallen, versucht die Türkei, entstandene Räume politisch und sicherheitspolitisch zu besetzen. Jerusalem tut deshalb gut daran, seinerseits ein belastbares Netz aus strategischen Partnerschaften, Verteidigungsabkommen und gezielt vertieften Sicherheitskooperationen aufzubauen.

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Aus dem SCHLAGSEITE X-ArchivEin Verteidigungspakt verändert die regionale Machtbalance
Am 7. August 2026 unterzeichneten die Türkei, Saudi-Arabien und Pakistan in Mekka das sogenannte Mecca Joint Defence Agreement. Die Vereinbarung enthält einen bemerkenswerten Kern: Ein bewaffneter Angriff auf einen der drei Staaten soll als Angriff auf alle gelten.
Die türkische Regierung kündigte darüber hinaus politische und militärische Koordinierungsmechanismen auf höchster Ebene, gemeinsame Übungen zu Land, zur See und in der Luft sowie eine vertiefte Zusammenarbeit der Verteidigungsindustrien an. Auch unbemannte Systeme, elektronische Kriegführung und künstliche Intelligenz sollen einbezogen werden. Der Pakt ist nach türkischer Darstellung für weitere Staaten offen, wobei Ankara bereits Ägypten als möglichen Kandidaten genannt hat.
Offiziell richtet sich die Vereinbarung gegen keinen bestimmten Staat. Ihr unmittelbarer Hintergrund liegt vor allem in der eskalierten regionalen Bedrohung durch den Iran und dessen Verbündete. Die strategische Wirkung reicht dennoch weiter: Erdoğan erhält einen institutionellen Rahmen, der die Türkei enger mit zwei Schwergewichten der islamischen Welt verbindet und Ankara zusätzliches politisches und militärisches Gewicht verschafft.
Dabei sollte die pakistanische Dimension nicht unterschätzt werden. Pakistan ist eine Atommacht. Daraus folgt ausdrücklich nicht, dass Islamabad der Türkei oder Saudi-Arabien automatisch einen nuklearen Schutzschirm zugesagt hätte. Eine solche Verpflichtung ist aus dem trilateralen Abkommen nicht belegt. Aber ein gemeinsamer Verteidigungsrahmen, der den NATO-Staat Türkei, den weltpolitisch und energiepolitisch bedeutenden Golfstaat Saudi-Arabien und das atomar bewaffnete Pakistan miteinander verbindet, verändert die strategische Kalkulation der Region auch ohne Spekulation über Atomwaffen.
Hinzu kommt die wachsende türkische Rüstungsindustrie. Nach einer Reuters-Analyse vom Juni 2026 haben sich die türkischen Verteidigungsexporte seit 2021 mehr als verdreifacht und erreichten 2025 rund zehn Milliarden Dollar. Die Türkei verfügt zudem über die zweitgrößte Streitkraft innerhalb der NATO.
Erdoğan schafft die Voraussetzungen dafür, dass Ankara in immer mehr regionalen Fragen kaum noch umgangen werden kann.
Die Hamas ist Teil von Erdoğans regionalem Machtspiel
Wer Erdoğans Politik gegenüber Israel verstehen will, kommt an seinem Verhältnis zur Hamas nicht vorbei. Bereits im Oktober 2023 erklärte er öffentlich, die Hamas sei keine Terrororganisation, sondern eine Befreiungsbewegung. Diese Haltung hat Ankara nicht aufgegeben.
Die Kontakte sind bis heute institutionell sichtbar. Noch am 29. Juli 2026 traf der türkische Außenminister Hakan Fidan in Ankara eine Hamas-Delegation unter Halil al-Hayya, dem Leiter ihres Politbüros. Das türkische Außenministerium veröffentlichte das Treffen selbst.
Noch schwerer wiegen Erkenntnisse über Hamas-Strukturen auf türkischem Boden. Das US-Finanzministerium sanktionierte im November 2024 mehrere Hamas-Funktionäre, die nach amerikanischen Angaben in der Türkei ansässig waren. Darunter befand sich ein hochrangiger Hamas-Funktionär, der laut US-Behörde Gelder aus der Türkei für die Organisation nach Gaza und Judäa und Samaria leitete, sowie ein weiterer in der Türkei ansässiger Finanzakteur der Hamas.
Die öffentlich zugänglichen Belege zeigen enge politische Kontakte der türkischen Führung zur Hamas und von US-Behörden dokumentierte Hamas-Finanzstrukturen auf türkischem Boden. Sie beweisen nicht automatisch, dass der türkische Staat selbst diese Geldströme organisiert. Was sie allerdings sehr wohl zeigen: Ankara behandelt die Hamas nicht wie einen geächteten terroristischen Gegner.
Erdoğan unterstützt die Hamas politisch, gibt ihrer Führung diplomatischen Zugang und weigert sich beharrlich, die Organisation als das zu behandeln, was sie für Israel, die USA und die Europäische Union ist: eine Terrororganisation. Gleichzeitig konnten nach Erkenntnissen der USA bedeutende Hamas-Akteure von der Türkei aus tätig sein.
Diese Haltung steht nicht isoliert neben Erdoğans übriger Israel-Politik. Im Juli 2024 erklärte er öffentlich, die Türkei könne in Israel eingreifen, wie sie zuvor in Libyen und im Konflikt um Bergkarabach gehandelt habe. Im Juni 2026 ging er noch weiter und erklärte laut Reuters, israelische Operationen in Syrien und im Libanon hätten ein Ausmaß erreicht, das auch die Sicherheit der Türkei bedrohe.
Das ist kein gelegentlicher diplomatischer Ausrutscher. Erdoğan wertet die Hamas politisch auf, beschreibt Israel wiederholt als regionales Sicherheitsproblem und verbindet diese Rhetorik mit einem wachsenden türkischen Machtanspruch.
Für Israel betrifft das eine Organisation, die am 7. Oktober 2023 das schwerste Massaker an Juden seit der Shoah verübte. Wenn der Präsident eines großen NATO-Staates diese Terrororganisation politisch verteidigt und ihre Führung weiterhin Zugang zu höchsten türkischen Regierungsstellen erhält, ist das ein sicherheitspolitischer Faktor und keine bloße Meinungsverschiedenheit.

Syrien bringt türkische Macht näher an Israels Sicherheitsraum
Besonders deutlich wird der Interessenkonflikt in Syrien. Nach dem Zusammenbruch des Assad-Regimes gewann Ankara erheblichen Einfluss auf die neue syrische Ordnung. Die Türkei hatte bereits zuvor über Jahre Teile der syrischen Opposition unterstützt und besitzt im Norden des Landes militärische, politische und wirtschaftliche Einflussmöglichkeiten.
Im Frühjahr 2025 berichtete Reuters, türkische Teams hätten unter anderem die Luftwaffenbasen T4 und Palmyra sowie den Flughafen von Hama daraufhin untersucht, ob dort im Rahmen einer möglichen türkisch-syrischen Verteidigungsvereinbarung türkische Kräfte stationiert werden könnten. Israel griff mehrere dieser Anlagen an und beschädigte ihre militärische Infrastruktur schwer.
Der damalige israelische Außenminister Gideon Sa’ar warf Ankara vor, in Syrien auf ein „türkisches Protektorat“ hinzuarbeiten. Die Türkei erklärte dagegen, keine Konfrontation mit Israel anzustreben.
Für Jerusalem geht es dabei nicht um semantische Feinheiten. Eine dauerhafte türkische Militärpräsenz auf syrischen Flugplätzen könnte Israels operative Freiheit im Norden erheblich komplizieren. Türkische Luftabwehr, türkische Flugzeuge oder dauerhaft stationierte Truppen würden eine völlig andere strategische Lage schaffen als ein schwacher syrischer Staat ohne starken Schutzpatron.
Israel muss seine Nordgrenze und seine Handlungsfähigkeit gegenüber Waffenverlagerungen, feindlichen Milizen und militärischer Infrastruktur in Syrien schützen können. Je stärker Ankara die syrischen Sicherheitsstrukturen prägt, desto unmittelbarer treffen türkische und israelische Interessen dort aufeinander.
Erdoğans Behauptung, Israel gefährde inzwischen die Türkei selbst, verschärft diesen Gegensatz zusätzlich. Solche Aussagen stammen nicht von einem Aktivisten am Rand einer Demonstration, sondern vom Präsidenten eines NATO-Staates mit einer großen Armee und wachsender regionaler Reichweite.
Der NATO-Widerspruch: Ankara profitiert vom Bündnis und blockierte die Kooperation mit Israel
Gerade hier entsteht ein Widerspruch, der in der europäischen Debatte erstaunlich wenig Beachtung findet. Die Türkei ist vollwertiges NATO-Mitglied und steht damit unter dem Schutz der kollektiven Verteidigung des Bündnisses. Beim NATO-Gipfel in Ankara im Juli 2026 bekräftigten die Mitgliedstaaten erneut ausdrücklich Artikel 5: Ein Angriff auf einen Bündnispartner gilt als Angriff auf alle.
Die Türkei profitiert von dieser Solidarität nicht nur auf dem Papier. Seit Mitte Juni 2026 unterstützt die Bundeswehr mit rund 150 Soldaten und einem Patriot-Flugabwehrsystem die integrierte NATO-Luftverteidigung im türkischen Malatya. Die deutsche Einheit löste dort amerikanische Kräfte ab. Deutschland schützt damit ganz konkret den Luftraum eines Bündnispartners, dessen Regierung gleichzeitig eine zunehmend konfrontative Politik gegenüber Israel betreibt.
Auf der anderen Seite nutzte Ankara seine Stellung innerhalb des Bündnisses, um die Zusammenarbeit zwischen NATO und Israel zu behindern. Reuters berichtete 2024, die Türkei blockiere seit dem 7. Oktober verschiedene Formen der NATO-Kooperation mit Israel. Erdoğan erklärte selbst, Ankara werde einer solchen Zusammenarbeit nicht zustimmen, solange aus seiner Sicht keine dauerhafte Lösung der palästinensischen Frage erreicht sei.
Ankara nimmt also die Sicherheitsgarantien und militärischen Strukturen des westlichen Bündnisses in Anspruch und nutzte gleichzeitig seinen politischen Einfluss innerhalb dieses Bündnisses gegen eine engere Zusammenarbeit mit Israel. Israel wiederum ist kein NATO-Mitglied und besitzt keine vergleichbare Beistandsgarantie.
Für Jerusalem macht das die Lage komplizierter. Viele der wichtigsten Partner Israels, allen voran die USA und mehrere europäische Staaten, sind zugleich vertraglich mit der Türkei verbunden. Erdoğan kann deshalb nicht behandelt werden wie der Führer eines isolierten gegnerischen Staates. Er sitzt innerhalb eines Bündnisses, das für die Sicherheit Europas und Nordamerikas zentral ist.
Erdoğans Neo-Osmanismus bedeutet Einfluss, nicht alte Grenzlinien
Der Begriff Neo-Osmanismus wird schnell missverstanden. Niemand muss behaupten, Erdoğan plane die Wiedererrichtung des Osmanischen Reiches mit identischen Grenzen und einem Sultan auf dem Thron. Das wäre eine Karikatur und würde vom eigentlichen Problem ablenken.
Entscheidend ist vielmehr die Frage, ob Ankara versucht, in Gebieten, die über Jahrhunderte unter osmanischem Einfluss standen, erneut eine führende politische, militärische, wirtschaftliche, kulturelle und religiöse Rolle einzunehmen.
Die Antwort darauf fällt zunehmend deutlich aus. Von Syrien über Libyen und das östliche Mittelmeer bis zum Horn von Afrika und in die Golfregion baut die Türkei ihre Handlungsmöglichkeiten aus. Hinzu kommen ein stark gewachsener Rüstungssektor, ein selbstbewusstes Auftreten innerhalb der NATO, neue Verteidigungsstrukturen und Erdoğans Anspruch, bei der palästinensischen Frage und beim Status Jerusalems eine führende Stimme der islamischen Welt zu sein.
Machtpolitik funktioniert auch ohne Panzer
Erdoğans Einflussstrategie beschränkt sich nicht auf Militärbasen, Drohnen und Verteidigungsverträge. Die Türkei investiert seit Jahren massiv in Soft Power. Eine wichtige Rolle spielt die staatliche Entwicklungsagentur TİKA, die nach eigenen Angaben in mehr als 170 Ländern aktiv ist und bislang über 30.000 Projekte und Aktivitäten umgesetzt hat.
Dazu gehören Infrastruktur, Bildung, Gesundheitsversorgung, Verwaltung, Medien, kulturelle Zusammenarbeit und die Restaurierung historischer Stätten. TİKA beschreibt selbst die Bewahrung gemeinsamer historischer und kultureller Werte, besonders auf dem Balkan, in Zentralasien und Nordafrika, als Teil seiner Arbeit. Entwicklungshilfe und Kulturpolitik werden damit zugleich zu Instrumenten langfristiger türkischer Präsenz.
Hinzu kommt die religiöse Ebene. Die mit der staatlichen Religionsbehörde verbundene Türkiye Diyanet Foundation unterhält internationale Ausbildungsprogramme für Schüler und Theologiestudenten aus zahlreichen muslimischen Staaten und Gemeinschaften. Nach eigenen Angaben leistet die Stiftung zudem humanitäre Arbeit in 149 Ländern.
Der außenpolitische Effekt solcher Strukturen liegt auf der Hand: Ankara schafft dauerhafte Kontakte zu Eliten, Religionsvertretern, Institutionen und Gesellschaften. Militärische Macht schafft Handlungsspielraum, kulturelle, wirtschaftliche und religiöse Netzwerke können türkischen Einfluss langfristig verankern.
Gerade bei Jerusalem und der palästinensischen Frage verbindet Erdoğan diesen Einfluss mit seinem politischen Führungsanspruch in der islamischen Welt. Neo-osmanische Machtpolitik besteht deshalb nicht nur aus Soldaten und Kriegsschiffen. Sie arbeitet ebenso mit Religion, Geschichte, Entwicklungspolitik und kultureller Bindung.
Für eine kritische Bewertung Erdoğans braucht es keine Spekulation über einen geheimen türkischen Eroberungsplan. Die belegbaren Entwicklungen sind deutlich genug. Erdoğan verfügt über staatliche Macht, militärisches Gewicht, religiöse und kulturelle Netzwerke und eine wachsende außenpolitische Reichweite. Seine Regierung pflegt Kontakte zur Hamas und sucht Einfluss in Staaten und Regionen, die für Israels Sicherheit unmittelbar relevant sind. Das ist kein historisches Rollenspiel. Das ist moderne Machtpolitik.
Östliches Mittelmeer: Hier geht es auch um Energie und Seegebiete
Besonders greifbar wird der türkische Machtanspruch im östlichen Mittelmeer. Griechenland, Zypern und die Türkei streiten seit Jahren über Seegrenzen, Festlandsockel, Ausschließliche Wirtschaftszonen und die Nutzung von Energieressourcen. Ankara stellt dabei mit seiner sogenannten „Blue Homeland“-Doktrin weitreichende maritime Ansprüche in den Mittelpunkt seiner Sicherheits- und Außenpolitik.
Die Türkei führte in der Vergangenheit auch umstrittene Explorations- und Bohraktivitäten in Gewässern durch, die Zypern beziehungsweise Griechenland ihrer eigenen maritimen Zuständigkeit zurechnen. Hier ist zeitliche Genauigkeit wichtig: Nach dem Türkei-Bericht der Europäischen Kommission hat Ankara seit Anfang 2021 keine unerlaubten Bohraktivitäten im östlichen Mittelmeer mehr durchgeführt. Der Konflikt um die zugrunde liegenden Ansprüche ist damit jedoch keineswegs verschwunden.
Im Juni 2025 protestierte Griechenland erneut gegen einen türkischen maritimen Raumplan, der nach Athener Darstellung Gebiete beansprucht, die unter griechische Zuständigkeit fallen. Ankara wiederum betrachtet zahlreiche griechische und zyprische Ansprüche als überzogen. Der Streit wird heute also weniger durch Bohrschiffe als durch konkurrierende Karten, Rechtspositionen, militärische Präsenz und langfristige Raumplanung ausgetragen.
Für Israel besitzt dieser Konflikt zusätzlich eine energiepolitische Dimension. Vor Israel und Zypern liegen bedeutende Erdgasvorkommen. Israel, Griechenland und Zypern arbeiten seit Jahren an Energie- und Infrastrukturverbindungen zwischen dem Nahen Osten und Europa. Beim trilateralen Gipfel im Dezember 2025 bekräftigten sie unter anderem Projekte für Stromverbindungen, Energieinfrastruktur sowie Verkehrs- und Datenkorridore zwischen Asien und Europa.
Die Partnerschaft Israels mit Griechenland und Zypern ist deshalb nicht bloß eine Reaktion auf Erdoğan. Sie verbindet Sicherheitsinteressen mit Energie, Handel, Infrastruktur und der strategischen Kontrolle wichtiger Verbindungen im östlichen Mittelmeer. Gerade diese Mischung macht die Achse für Jerusalem besonders wertvoll.

Warum das auch Deutschland und Europa betrifft
Erdoğans Machtpolitik ist keine entfernte Angelegenheit, die nur Israel und den Nahen Osten betrifft. Griechenland und Zypern sind Mitgliedstaaten der Europäischen Union. Streit über Seegebiete, Energieinfrastruktur und türkische Machtansprüche im östlichen Mittelmeer berührt damit unmittelbar europäische Interessen.
Hinzu kommt Europas Abhängigkeit von sicheren Energie- und Handelswegen. Verbindungen zwischen Israel, Zypern, Griechenland und dem europäischen Markt können langfristig zur Diversifizierung von Energieversorgung und Infrastruktur beitragen. Wer Einfluss auf das östliche Mittelmeer gewinnt, gewinnt damit auch Einfluss auf Räume, die für Europas Energie-, Handels- und Sicherheitspolitik relevant sind.
Für Deutschland wird der Widerspruch besonders konkret. Die Bundeswehr schützt derzeit im Rahmen der NATO mit Patriot-Systemen türkisches Bündnisgebiet. Gleichzeitig blockierte Ankara die Zusammenarbeit der NATO mit Israel und pflegt enge politische Kontakte zur Hamas. Berlin hat es deshalb nicht mit einem fernen außenpolitischen Streit zu tun, sondern mit Spannungen zwischen zwei wichtigen Partnern, die deutsche Sicherheitsinteressen unmittelbar berühren.
Auch türkische Soft Power endet nicht an den Grenzen des Nahen Ostens. Religiöse, kulturelle, wirtschaftliche und gesellschaftliche Netzwerke reichen weit nach Europa hinein. Wer Erdoğans regionalen Machtanspruch verstehen will, sollte deshalb nicht nur auf Syrien, Gaza oder das Mittelmeer schauen. Die türkische Einflussstrategie besitzt längst eine europäische Dimension.
Israel schaut nicht zu
Die entscheidende Gegenbewegung lautet: Israel reagiert auf die veränderte Ordnung nicht passiv. Jerusalem baut kein starres Gegenbündnis nach NATO-Muster auf. Stattdessen entwickelt Israel unterschiedliche Formen strategischer Zusammenarbeit, je nach Partner und gemeinsamer Interessenlage.
Griechenland und Zypern: Sicherheit, Energie und Mittelmeer
Besonders wichtig ist die Zusammenarbeit mit Griechenland und Zypern. Beim trilateralen Gipfel im Dezember 2025 vereinbarten die drei Staaten ausdrücklich, ihre Zusammenarbeit in Sicherheits-, Verteidigungs- und Militärfragen weiter auszubauen.
Gleichzeitig beschlossen sie, Energie- und Infrastrukturverbindungen weiter voranzutreiben. Dazu gehört die geplante elektrische Verbindung der Netze ebenso wie die Rolle der Region als Korridor zwischen Indien, dem Nahen Osten und Europa.
Das ist geopolitisch kaum zufällig. Griechenland und Zypern besitzen eigene schwerwiegende Konflikte mit Ankara, während Israel zunehmend mit türkischem Einfluss in Syrien und im östlichen Mittelmeer konfrontiert ist. Hier treffen keine romantischen Freundschaften aufeinander, sondern langfristige gemeinsame Interessen. Genau deshalb kann diese Partnerschaft belastbar sein.
Indien: eine strategische Partnerschaft mit globalem Gewicht
Auch die Beziehungen zu Indien wurden in den vergangenen Monaten weiter vertieft. Im November 2025 kamen hochrangige Arbeitsgruppen beider Verteidigungsministerien zusammen. Im Februar 2026 folgte eine weitere Vereinbarung zur Stärkung der Zusammenarbeit zwischen den Verteidigungsindustrien.
Das israelische Verteidigungsministerium erklärte dabei ausdrücklich, seine Strategie ziele darauf, strategische Partnerschaften mit wichtigen Staaten zu vertiefen.
Indien ist dabei von einer anderen Größenordnung als ein regionaler Kleinstaat. Für Israel bedeutet eine engere Beziehung zu Neu-Delhi Zugang zu einer aufsteigenden Großmacht mit erheblichem politischem, wirtschaftlichem und technologischem Gewicht.
Somaliland: eine neue Partnerschaft am Roten Meer
Besonders neu ist die Beziehung zu Somaliland. Israel erkannte Somaliland am 26. Dezember 2025 als unabhängigen Staat an. Im Juni 2026 folgte der erste Staatsbesuch des somaliländischen Präsidenten in Israel.
Präsident Isaac Herzog stellte dabei ausdrücklich die gemeinsamen strategischen Interessen heraus. Israel und Somaliland seien beide mit radikalem Extremismus konfrontiert, strebten nach Sicherheit und Stabilität und hätten ein gemeinsames Interesse an der Freiheit der Schifffahrt.
Die Geografie macht diese Partnerschaft besonders interessant. Somaliland liegt am Golf von Aden gegenüber dem Jemen und damit in unmittelbarer Nähe einer der wichtigsten Seewege zwischen dem Indischen Ozean und dem Roten Meer.
Noch handelt es sich nicht um ein Militärbündnis. Berichte über einen geplanten israelischen Militärstützpunkt wurden von Somaliland dementiert. Trotzdem entsteht hier eine neue strategische Beziehung in einem Raum, der für Israels Sicherheit, die Huthi-Bedrohung und den internationalen Schiffsverkehr erhebliche Bedeutung besitzt.
Aserbaidschan: kein neues Bündnis, aber ein wichtiger Pfeiler
Aserbaidschan gehört ebenfalls in dieses Bild, allerdings mit einer wichtigen Einschränkung: Die Partnerschaft ist nicht neu. Israel und Aserbaidschan arbeiten bereits seit Jahren eng zusammen.
Die israelische Botschaft in Baku bezeichnet die Beziehungen ausdrücklich als strategische Partnerschaft, die unter anderem politische, wirtschaftliche, energetische sowie Sicherheits- und Verteidigungsfragen umfasst.
Die Lage Aserbaidschans unmittelbar an der iranischen Grenze verleiht dieser Partnerschaft zusätzliche strategische Bedeutung. Baku zeigt zugleich, dass Israels heutiges Sicherheitsnetz nicht erst seit gestern entsteht, sondern auf ältere belastbare Beziehungen aufbauen kann.

Partnerschaften statt strategischer Abhängigkeit
Über diesen neuen und vertieften Beziehungen stehen weiterhin zwei ältere Säulen: die strategische Partnerschaft mit den Vereinigten Staaten und die durch die Abraham-Abkommen geschaffenen Beziehungen zu mehreren arabischen Staaten.
Die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain normalisierten 2020 ihre Beziehungen zu Israel, Marokko folgte im selben Jahr. Diese Beziehungen haben die regionale Architektur dauerhaft verändert, auch wenn der Krieg seit dem 7. Oktober erhebliche politische Belastungen geschaffen hat.
Saudi-Arabien gehört bislang ausdrücklich nicht zu den Abraham-Abkommen. Eine Normalisierung mit Israel wurde über Jahre verhandelt und bleibt strategisch bedeutsam, ist aber bis heute nicht vollzogen. Noch im Mai 2026 drängte Washington Saudi-Arabien und weitere Staaten erneut zum Beitritt zu den Abraham-Abkommen. Gleichzeitig baut Riad nun gemeinsam mit Ankara und Islamabad eine neue Verteidigungsstruktur auf.
Das zeigt, wie wenig der heutige Nahe Osten noch in saubere Lager zerfällt. Ein Staat kann mit Washington kooperieren, wirtschaftliche Interessen mit Israel verfolgen, Beziehungen zur Türkei ausbauen und gleichzeitig eigene Kontakte zum Iran offenhalten. Saudi-Arabien ist dafür ein besonders deutliches Beispiel.
Gerade deshalb muss Israel flexibel bleiben. Es kann seine Sicherheit nicht auf die Vorstellung gründen, dass jeder Partner automatisch in jedem Konflikt zum gleichen politischen Lager gehört.
Strategische Partnerschaften schaffen langfristige politische, wirtschaftliche, technologische und sicherheitspolitische Verflechtungen.
Verteidigungsabkommen institutionalisieren konkrete militärische und sicherheitspolitische Zusammenarbeit.
Gezielt vertiefte Sicherheitskooperationen ermöglichen Zusammenarbeit bei gemeinsamen Bedrohungen und Interessen, ohne dass daraus automatisch ein formelles Militärbündnis mit gegenseitiger Beistandspflicht entsteht.
Israel baut keine israelische NATO. Es baut etwas Flexibleres. Griechenland und Zypern stärken seine Position im östlichen Mittelmeer. Indien erweitert den strategischen Horizont nach Asien. Somaliland eröffnet eine neue Beziehung am Horn von Afrika und am Zugang zum Roten Meer. Aserbaidschan bleibt ein wichtiger Partner im Kaukasus. Die Vereinigten Staaten bleiben der zentrale strategische Verbündete, während die Abraham-Abkommen Israel zusätzliche Verbindungen in die arabische Welt eröffnen.
Dieses Netz erhöht Israels Handlungsspielraum und erschwert den Versuch regionaler Gegner, den jüdischen Staat politisch, wirtschaftlich oder strategisch zu isolieren.
Erdoğan baut Einflusszonen, Israel baut Partnerschaften
Hier liegt der entscheidende Gegensatz. Erdoğan versucht, türkische Macht in Ankara zu bündeln und seinen Einfluss über militärische Präsenz, politische Abhängigkeiten, wirtschaftliche Verflechtung, Religion und neue Bündnisse auszubauen. Israel verfolgt dagegen ein dezentrales Netz aus Staaten, deren Interessen sich in wichtigen Bereichen mit den eigenen überschneiden.
Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass jeder israelische Partner automatisch gegen die Türkei gerichtet wäre. Indien, Aserbaidschan, Saudi-Arabien oder die Golfstaaten pflegen selbst Beziehungen zu Ankara. Außenpolitik funktioniert nicht wie eine Fußballtabelle, auch wenn Politiker gelegentlich erstaunliche Mühe darauf verwenden, sie genauso aussehen zu lassen.
Aber gerade darin liegt die Stärke der israelischen Strategie: Ein Partner muss nicht in jeder Frage auf Israels Seite stehen, um in entscheidenden Bereichen strategisch wertvoll zu sein.
Israel braucht keine Staaten, die Jerusalem aus Freundschaft einen Gefallen tun. Es braucht Staaten, die aus eigenem Interesse stabile Beziehungen zu Israel wollen. Solche Beziehungen überstehen politischen Druck meist besser als schöne Erklärungen über ewige Freundschaft.
Erdoğan ist kein Provokateur, den Israel einfach ignorieren kann
Ich halte Recep Tayyip Erdoğan für einen gefährlichen Machtpolitiker. Nicht weil er gelegentlich osmanische Symbolik bemüht oder sich gern als Führungsfigur der islamischen Welt inszeniert. Gefährlich wird er durch die Verbindung von Ideologie und realer Macht.
Da ist ein NATO-Staat mit einer großen Armee, einer schnell wachsenden Rüstungsindustrie, erheblichem Einfluss in Syrien und Libyen, neuen regionalen Verteidigungsstrukturen und einem weitreichenden politischen, wirtschaftlichen und religiösen Netzwerk. Gleichzeitig gibt seine Führung der Hamas politische Rückendeckung und beschreibt Israel zunehmend selbst als Bedrohung.
Israel wäre schlecht beraten, diese Entwicklung erst dann ernst zu nehmen, wenn aus politischem Einfluss unumkehrbare strategische Strukturen geworden sind. Jerusalem tut gut daran, seine Beziehungen zu Griechenland, Zypern, Indien, Aserbaidschan, Somaliland, den USA und weiteren verlässlichen Staaten konsequent auszubauen.
Starke Partner ersetzen die eigene Stärke nicht. Aber belastbare internationale Kooperationen sorgen dafür, dass Israel auf einem zunehmend unübersichtlichen geopolitischen Schachbrett mehr Handlungsmöglichkeiten besitzt.
Ich meine ja nur…
Die Schwächung Irans schafft nicht automatisch Sicherheit
Lange konzentrierte sich Israels strategische Aufmerksamkeit zu Recht auf den Iran und das von Teheran unterstützte beziehungsweise mit ihm verbündete Netzwerk aus Hamas, Hisbollah, Huthi und weiteren bewaffneten Gruppen. Die Schwächung dieser Achse verändert die Region. Sie beseitigt Machtpolitik aber nicht.
Ein Vakuum bleibt im Nahen Osten selten lange leer.
Erdoğan besitzt die politischen Ambitionen, die staatlichen Instrumente und inzwischen zunehmend auch die internationalen Strukturen, um einen Teil dieses Raums für die Türkei zu beanspruchen. Der neue Verteidigungspakt mit Saudi-Arabien und Pakistan ist nicht der Beweis eines fertigen neo-osmanischen Großprojekts. Er ist aber ein weiteres wichtiges Teil eines Bildes, das immer deutlicher wird.
Eine starke Türkei müsste für Israel nicht zwangsläufig eine Gefahr darstellen. Eine Türkei mit vernünftigen Beziehungen zu Jerusalem könnte sogar ein wichtiger regionaler Partner sein. Das Problem heißt Erdoğan und die politische Richtung, die er seinem Land gegeben hat. Seine Haltung zur Hamas, seine aggressive Israel-Rhetorik, sein islamisch geprägter Führungsanspruch und sein wachsender Einfluss in Israels unmittelbarem strategischem Umfeld machen türkische Stärke unter seiner Führung zu einem Sicherheitsproblem, das Jerusalem nicht ignorieren kann.
ℹ️ Faktenbasis und Primärquellen zum Artikel 📑
▶️ Reuters:
Saudi Arabia, Turkey, Pakistan pledge mutual defence
Details zur Unterzeichnung des Mecca Joint Defence Agreement und zur gegenseitigen Verteidigungsklausel.
▶️ Reuters:
Turkey lays out plans for defence pact with Pakistan and Saudi Arabia
Details zu politischen und militärischen Koordinierungsmechanismen, gemeinsamen Übungen, Verteidigungsindustrie sowie der Einbindung des atomar bewaffneten Pakistan.
▶️ Türkisches Außenministerium:
Treffen Hakan Fidans mit einer Hamas-Delegation am 29. Juli 2026
Offizielle türkische Dokumentation des Treffens mit der Hamas-Führung in Ankara.
▶️ US-Finanzministerium:
Treasury Targets Key Hamas Leaders and Financiers
Dokumentiert mehrere Hamas-Funktionäre und Finanzakteure mit Sitz in der Türkei sowie Finanzstrukturen der Organisation.
▶️ Reuters:
Turkey’s Erdogan says Hamas is not terrorist organisation
Dokumentiert Erdoğans öffentliche Verteidigung der Hamas als sogenannte Befreiungsbewegung.
▶️ Reuters:
Erdogan says Turkey might enter Israel to help Palestinians
Dokumentiert Erdoğans Aussage über ein mögliches türkisches Eingreifen analog zu Libyen und Bergkarabach.
▶️ Reuters:
Erdogan says Israel’s attacks on Syria, Lebanon threaten Turkey too
Dokumentiert Erdoğans Darstellung Israels als Bedrohung für die türkische Sicherheit.
▶️ Reuters:
Israel hit Syrian bases scoped by Turkey
Recherche zu von türkischen Teams geprüften syrischen Militärstandorten und zu Israels Sicherheitsbedenken gegenüber einer türkischen Militärpräsenz.
▶️ NATO:
The Ankara Summit Declaration
Offizielle Erklärung des NATO-Gipfels 2026 mit erneuter Bekräftigung der kollektiven Verteidigung nach Artikel 5.
▶️ Bundeswehr:
Deutsche Patriot-Einheit in der Türkei einsatzbereit
Dokumentiert die deutsche Patriot-Mission mit rund 150 Soldaten zur Unterstützung der integrierten NATO-Luftverteidigung in der Türkei.
▶️ Reuters:
Turkey blocks NATO-Israel cooperation over Gaza war
Dokumentiert die türkische Blockade verschiedener Formen der Zusammenarbeit zwischen NATO und Israel im Jahr 2024.
▶️ Reuters:
Turkey targets more defence sales as West rearms, alliances shift
Aktuelle Einordnung der stark gewachsenen türkischen Verteidigungsindustrie.
▶️ Europäische Kommission:
Türkiye Report 2025
Aktueller Stand zu türkischen Aktivitäten und Streitfragen im östlichen Mittelmeer sowie der Hinweis, dass seit Anfang 2021 keine unerlaubten Bohraktivitäten mehr stattfanden.
▶️ Reuters:
Turkey touts past maritime conquests ahead of talks on Mediterranean dispute
Einordnung der türkischen „Blue Homeland“-Doktrin und ihrer Bedeutung für Ankaras maritime Machtansprüche im östlichen Mittelmeer.
▶️ Reuters:
Greece protests Turkey’s maritime zoning plan
Dokumentiert den fortbestehenden Streit zwischen Griechenland und der Türkei über maritime Zuständigkeiten und Seegebiete.
▶️ TİKA:
International activities of the Turkish Cooperation and Coordination Agency
Offizielle Darstellung des weltweiten türkischen Entwicklungs-, Kultur- und Infrastrukturengagements.
▶️ Türkiye Diyanet Foundation:
International education and cultural activities
Offizielle Informationen zu internationalen religiösen Ausbildungs- und Bildungsprogrammen.
▶️ Regierung Israels:
10th Trilateral Summit of Israel, Greece and Cyprus
Gemeinsame Erklärung zur Vertiefung der Zusammenarbeit in Sicherheit, Verteidigung, Militär, Energie und regionaler Infrastruktur.
▶️ Israelisches Verteidigungsministerium:
Strategische Verteidigungszusammenarbeit zwischen Israel und Indien
Dokumentiert die Vertiefung der israelisch-indischen Verteidigungsbeziehungen und strategischen Partnerschaft.
▶️ Israelisches Außenministerium:
Staatsbesuch des Präsidenten von Somaliland in Israel
Offizielle Aussagen zu gemeinsamen strategischen Interessen, Sicherheit, Extremismus und freier Schifffahrt.
▶️ Israelische Botschaft in Aserbaidschan:
Strategische Partnerschaft Israel und Aserbaidschan
Offizielle Beschreibung der Zusammenarbeit unter anderem in Politik, Energie, Sicherheit und Verteidigung.
▶️ US-Außenministerium:
The Abraham Accords Declaration
Originaldokumente und Übersicht zu den Normalisierungsabkommen zwischen Israel und arabischen Staaten.
▶️ Reuters:
Trump links Abraham Accords to any Iran deal
Aktueller Stand zu den amerikanischen Bemühungen, unter anderem Saudi-Arabien für eine Normalisierung mit Israel zu gewinnen.
▶️ Daily Wire:
How Turkey Is Making A Bid To Bring Back A Modern Ottoman Empire
Ausgangspunkt für die Recherche zum neo-osmanischen Machtanspruch der Türkei. Die zentralen Tatsachenbehauptungen des Artikels stützen sich auf Primärquellen und weitere unabhängige Quellen.
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