Vor 25 Jahren zerstörten die Anschläge vom 11. September die Illusion, jihadistischer Terrorismus sei ein fernes Problem anderer Weltregionen. Al-Qaida wurde militärisch geschwächt, Osama bin Laden ist tot und der sogenannte Islamische Staat verlor sein Territorium. Der Islamismus und seine jihadistische Ausprägung verschwanden damit nicht. Sie veränderten ihre Strukturen, ihre Kommunikationswege und teilweise sogar ihre Zielgruppe.
Am 11. September 2026 zieht auch die Neue Zürcher Zeitung eine ernüchternde Bilanz. Unter der Überschrift „Die Kampfansage der Jihadisten – in Europa schreitet die Islamisierung voran“ erinnert sie daran, dass die Anschläge von 2001 ein Weckruf waren. Der Begriff „Islamisierung“ ist allerdings so weit gefasst, dass er mehr verdecken als erklären kann.
Denn Islam, Islamismus und Jihadismus sind nicht dasselbe. Wer diese Begriffe vermischt, macht die Analyse nicht härter, sondern schlechter, denn das eigentliche Problem lässt sich präziser benennen.
Die Warnung von 2004 klingt heute erstaunlich aktuell
Die amerikanische 9/11-Kommission kam bereits drei Jahre nach den Anschlägen zu einem bemerkenswert klaren Ergebnis. Der Gegner sei nicht der Islam als Religion. Die strategische Bedrohung gehe vom islamistischen Terrorismus und von der radikalen ideologischen Bewegung aus, die ihn hervorbringe.
Noch wichtiger war eine zweite Feststellung: Es reiche nicht, Al-Qaida organisatorisch zu zerschlagen. Langfristig müsse auch der Ideologie begegnet werden, aus der immer neue terroristische Bewegungen entstehen können. Der Abschlussbericht der 9/11-Kommission unterschied deshalb ausdrücklich zwischen der Bekämpfung konkreter Terrororganisationen und der langfristigen Auseinandersetzung mit der Ideologie des islamistischen Terrorismus. Genau darin liegt 25 Jahre später der unangenehme Punkt.
Der Westen war militärisch durchaus erfolgreich. Al-Qaida verlor Führungspersonal und Rückzugsräume. Der „Islamische Staat“ verlor sein selbsternanntes Kalifat in Syrien und im Irak. Sicherheitsbehörden bauten umfangreiche Ermittlungs-, Überwachungs- und Kooperationsstrukturen auf.
Nur lässt sich eine Ideologie nicht bombardieren. Sie kann Organisationen überleben, Grenzen überschreiten, neue Namen annehmen und Anhänger erreichen, ohne dass diese jemals ein Ausbildungslager betreten.
Europol: Jihadismus bleibt die verbreitetste Terrorismusform
Die jüngsten Zahlen von Europol widersprechen jedenfalls der Vorstellung, jihadistischer Terrorismus sei in Europa inzwischen ein historisches Kapitel.
Für das Jahr 2025 registrierte Europol im EU Terrorism Situation and Trend Report 2026 insgesamt 45 vollendete, gescheiterte oder vereitelte terroristische Anschläge und Anschlagsvorhaben in zehn Mitgliedstaaten. 24 davon wurden dem Jihadismus zugerechnet.
Neun dieser jihadistischen Anschläge wurden vollendet. Vier davon entfielen auf Deutschland. Frankreich verzeichnete die meisten vereitelten jihadistischen Anschlagsvorhaben. Für ein europäisches Lagebild ist das eine statistische Verteilung. Für Deutschland bedeutet es, dass jihadistischer Terrorismus 2025 keineswegs nur eine abstrakte Bedrohung außerhalb der eigenen Grenzen war.
Von insgesamt 486 Festnahmen wegen terroristischer Straftaten entfielen 347 auf jihadismusbezogene Delikte. Das entspricht rund 71 Prozent. Bei jihadistischen Anschlägen wurden fünf Menschen getötet und 81 verletzt.
Europol bezeichnet den Jihadismus als die am weitesten verbreitete Form des Terrorismus in der Europäischen Union und weiterhin als zentrale terroristische Bedrohung. Das bedeutet nicht, dass andere extremistische Gefahren bedeutungslos wären. Rechtsextremismus, Linksextremismus und weitere Formen politisch motivierter Gewalt existieren selbstverständlich ebenfalls. Wer über die gegenwärtige terroristische Bedrohung Europas spricht, kann den Jihadismus dennoch nicht zu einer historischen Randerscheinung erklären, denn die Zahlen geben das nicht her.
Der Terrorist braucht heute kein Ausbildungslager mehr
Dabei verändert sich die Bedrohung selbst, denn Europol beschreibt eine Terrorlandschaft, in der große hierarchische Organisationen für Radikalisierung und Mobilisierung immer weniger notwendig sind. Soziale Medien, verschlüsselte Nachrichtendienste, Gaming-Plattformen und dezentrale Online-Gemeinschaften bilden Räume, in denen Propaganda, Rekrutierung und Radikalisierung ineinandergreifen können.
Einzeltäter oder kleine selbstinitiierte Gruppen können sich dort radikalisieren und weitgehend autonom handeln. Eine formelle Mitgliedschaft in einer Terrororganisation ist dafür nicht zwingend erforderlich.
Das verändert auch die Geschwindigkeit. Früher bedeutete jihadistische Radikalisierung häufig persönlichen Kontakt zu einer Organisation, Reisen, Ausbildung, Netzwerke und operative Führung. Heute kann ein erheblicher Teil dieses Prozesses digital stattfinden.
Europol weist zudem darauf hin, dass sich bei einem Teil der Täter ideologische Motive mit persönlichen Krisen, Gewaltfaszination, dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit und anderen extremistischen Narrativen vermischen. Dadurch werde die Bedrohung fragmentierter und schwieriger vorhersehbar.
Hinzu kommt eine deutliche Verjüngung. Die Bundesregierung verweist zum Verfassungsschutzbericht 2025 darauf, dass soziale Medien und Gaming-Plattformen gezielt genutzt werden, um Kinder und Jugendliche mit extremistischen Inhalten zu erreichen. Länderbehörden beobachten denselben Trend noch konkreter. Der bayerische Verfassungsschutzbericht 2025 nennt junge Menschen zwischen 14 und 29 Jahren als Hauptzielgruppe salafistischer Onlinepropaganda und dokumentiert in Einzelfällen auch die Radikalisierung von Kindern unter 14 Jahren. Diese sind nach deutschem Recht noch nicht strafmündig.

Islamismus in Deutschland: mehr als 28.000 Personen im Spektrum
Auch der deutsche Verfassungsschutz beschreibt keine Entwarnung. Für 2025 wird das islamistische Personenpotenzial in Deutschland auf 28.645 Menschen geschätzt. Im Vorjahr waren es 28.280. Das gewaltorientierte islamistische Personenpotenzial ging dagegen leicht von rund 9.540 auf etwa 9.110 Personen zurück. Für die salafistische Szene werden 11.200 Personen genannt.
Die Zahlen stammen aus dem Verfassungsschutzbericht 2025 und werden auch von der Bundeszentrale für politische Bildung zusammengefasst.
Islamismus ist nicht automatisch Terrorismus. Das Bundesamt für Verfassungsschutz bezeichnet ihn als eine Form des politischen Extremismus. Islamisten berufen sich auf den Islam, verbinden damit jedoch eine politische und gesellschaftliche Ordnung, in der religiös begründete Normen ganz oder teilweise über demokratisch gesetztem Recht stehen sollen.
Nach der Darstellung des Bundesamts für Verfassungsschutz zum Islamismus in Deutschland kollidieren solche Vorstellungen insbesondere mit Volkssouveränität, Gleichberechtigung, Meinungsfreiheit und der Trennung von Staat und Religion. Innerhalb des islamistischen Spektrums existieren unterschiedliche Strömungen und Strategien.
Ein Muslim, der seinen Glauben praktiziert, ist deshalb kein Islamist. Ein konservativer Muslim ist nicht automatisch Extremist. Und nicht jeder Islamist plant Terroranschläge. Umgekehrt wird eine antidemokratische Ideologie aber auch nicht dadurch demokratisch, dass ihre Anhänger gerade keine Bombe bauen.
Das Problem beginnt nicht erst beim Anschlagsplan
Der Staat reagiert naturgemäß besonders scharf, wenn jemand Gewalt vorbereitet, Terrororganisationen unterstützt oder Anschläge plant. Dann greifen Polizei, Nachrichtendienste und Strafrecht.
Islamistische Ideologie beginnt jedoch früher. Sie beginnt dort, wo demokratisch legitimierte Gesetzgebung einer vermeintlich göttlich vorgegebenen politischen Ordnung untergeordnet werden soll, Volkssouveränität nicht als legitime Grundlage des Staates anerkannt wird und gesellschaftlicher Pluralismus nicht als Ausdruck von Freiheit, sondern als Verfall betrachtet wird.
Wer ausschließlich auf den Terroristen schaut, sieht möglicherweise zu spät, aus welchen ideologischen Milieus Ablehnung von Demokratie, Antisemitismus oder Abgrenzung gegenüber der Mehrheitsgesellschaft gespeist werden. Wer dagegen jeden sichtbaren Islam als „Islamisierung“ bezeichnet, macht den gegenteiligen Fehler und wirft Millionen Menschen mit Extremisten in einen Topf. Beides hilft den Islamisten.

Antisemitismus gehört nicht zufällig zum Weltbild
Für die Einordnung des Islamismus gehört noch ein weiterer Punkt in diese Bilanz. Das Bundesamt für Verfassungsschutz beschreibt Antisemitismus als wesentliches ideologisches Element islamistischer Strömungen. In seiner Veröffentlichung zum Islamismus in Deutschland dokumentiert es antiisraelische und antisemitische Aussagen sowie Aktivitäten verschiedener islamistischer Organisationen.
Auch der Nahostkonflikt besitzt für islamistische Akteure ein erhebliches Mobilisierungspotenzial. Bereits der Verfassungsschutzbericht für 2024 dokumentierte, dass islamistische Organisationen und jihadistische Propaganda den Krieg zwischen Israel und der Hamas gezielt für ihre eigene Mobilisierung nutzten.
Seit dem Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 ist noch deutlicher geworden, wie schnell der Nahostkonflikt auch in Europa als Projektionsfläche extremistischer Ideologien verwendet werden kann. Israelhass ist dabei nicht automatisch Islamismus, und Kritik an Entscheidungen einer israelischen Regierung ist selbstverständlich nicht automatisch antisemitisch. Aber eine Ideologie, die Juden dämonisiert, Israel die Existenzberechtigung abspricht oder terroristische Gewalt religiös oder politisch legitimiert, wird nicht harmloser, wenn sie sich als Nahostpolitik verkleidet.
Europa hat gelernt, Anschläge zu verhindern
Es wäre dennoch falsch zu behaupten, Europa habe aus dem 11. September überhaupt nichts gelernt. Viele Anschläge werden verhindert, Nachrichtendienste und Polizeibehörden arbeiten international enger zusammen, Terrorfinanzierung wird verfolgt, Propagandanetzwerke werden gestört, Organisationen werden verboten und Gefährder überwacht.
Die Zahlen von Europol zeigen auch diese Seite: Von den 45 für 2025 registrierten terroristischen Anschlägen und Anschlagsvorhaben wurden 22 vollendet, 20 vereitelt und drei scheiterten. Dass ein erheblicher Teil der Vorhaben verhindert wurde, zeigt, dass europäische Sicherheitsbehörden durchaus handlungsfähig sind.
Das Problem liegt tiefer, denn Europa ist vergleichsweise gut darin geworden, den Menschen mit dem konkreten Anschlagsplan zu suchen. Sehr viel schwieriger ist die Auseinandersetzung mit einer Ideologie, die einem jungen Menschen erklärt, warum eine offene Gesellschaft angeblich verdorben sei, warum demokratisches Recht weniger wert sei als eine religiös begründete Herrschaftsordnung oder warum Juden, Andersgläubige und vermeintlich Abtrünnige zu Feinden erklärt werden dürfen.
Die Bundesregierung verweist zum Verfassungsschutzbericht 2025 ausdrücklich darauf, dass extremistische Akteure soziale Medien wie Instagram und TikTok sowie Gaming-Plattformen nutzen, um insbesondere junge Menschen anzusprechen und Radikalisierungsprozesse zu beschleunigen. Die Rekrutierungsräume haben sich verändert, die Grundfrage ist jedoch dieselbe geblieben.

Der Weckruf verhallte nicht. Aber er wurde leiser
25 Jahre nach dem 11. September wäre es bequem, den Jihadismus als Problem einer vergangenen Epoche zu betrachten, doch die Daten erlauben diesen Luxus nicht.
Jihadistische Organisationen haben sich verändert. Propaganda wurde digitaler. Radikalisierungswege wurden kürzer und unübersichtlicher. Gleichzeitig existieren islamistische Strömungen, deren Anhänger nicht zwangsläufig terroristische Gewalt anwenden, deren politische Vorstellungen aber mit zentralen Prinzipien einer liberalen Demokratie kollidieren.
Darüber muss eine offene Gesellschaft sprechen können, ohne Muslime unter Generalverdacht zu stellen, aber ebenso ohne aus Angst vor falschen Verdächtigungen den Islamismus sprachlich verschwinden zu lassen.
Die 9/11-Kommission formulierte die eigentliche Herausforderung bereits 2004. Al-Qaida war eine konkrete terroristische Organisation. Dahinter sah die Kommission jedoch eine radikale ideologische Bewegung, die weitere terroristische Gruppen und Gewalt hervorbringen könne und deshalb länger bestehen werde als einzelne Anführer oder Organisationen.
25 Jahre nach 9/11 liegt Europas Versäumnis deshalb nicht darin, den Terror vergessen zu haben. Es liegt darin, zu häufig erst dann über Islamismus zu reden, wenn aus Ideologie bereits Gewalt geworden ist.
ℹ️ Faktenbasis und Primärquellen zum Artikel 📑
▶️ Europol:
European Union Terrorism Situation and Trend Report 2026
Aktuelle Daten zu terroristischen Anschlägen und Festnahmen im Jahr 2025, zur Verteilung jihadistischer Anschläge in den EU-Mitgliedstaaten sowie zur Entwicklung digitaler Radikalisierung.
▶️ Bundesregierung:
Verfassungsschutzbericht 2025 – Steigende Bedrohung durch Extremismus
Offizielle Zusammenfassung des Verfassungsschutzberichts 2025 einschließlich der Entwicklung extremistischer Szenen und der Radikalisierung junger Menschen über soziale Medien und Gaming-Plattformen.
▶️ Bayerisches Landesamt für Verfassungsschutz:
Verfassungsschutzbericht Bayern 2025
Dokumentiert die gezielte Ansprache junger Menschen durch salafistische Onlinepropaganda und in Einzelfällen die Radikalisierung von Kindern unter 14 Jahren.
▶️ Bundeszentrale für politische Bildung:
Zahlen zur islamistischen Szene in Deutschland
Aktuelle Übersicht zum islamistischen, gewaltorientierten und salafistischen Personenpotenzial in Deutschland für 2025.
▶️ Bundesamt für Verfassungsschutz:
Islamismus in Deutschland
Grundlagen zur Definition des Islamismus, seinen unterschiedlichen Strömungen sowie zu islamistischem Antisemitismus und terroristischen Organisationen.
▶️ National Commission on Terrorist Attacks Upon the United States:
The 9/11 Commission Report – Chapter 12: What to Do? A Global Strategy
Offizieller Untersuchungsbericht mit der strategischen Unterscheidung zwischen Al-Qaida als Organisation und der längerfristigen ideologischen Herausforderung des islamistischen Terrorismus.
▶️ Neue Zürcher Zeitung:
Die Kampfansage der Jihadisten – in Europa schreitet die Islamisierung voran
Kommentar vom 11. September 2026 und Ausgangspunkt für die eigenständige Analyse.
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