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Gedenkort nach dem Anschlag auf den Berliner CSD mit Regenbogenfahne, Blumen, Kerzen und Polizeieinsatz

Islamismus klar benennen, Muslime nicht pauschalisieren

Islamismus klar benennen, ohne Muslime pauschal zu verurteilen: Genau daran scheitert die deutsche Debatte seit Jahren. Der nach bisherigem Ermittlungsstand islamistisch motivierte Anschlag im Umfeld des Berliner Christopher Street Day hat eine Frau getötet und 29 weitere Menschen verletzt. Während die einen aus Angst vor Pauschalisierungen schon den Begriff Islamismus meiden, erklären andere kurzerhand alle Muslime zum Problem. Beides ist falsch. Und beides hilft am Ende genau jenen, die eine freie Gesellschaft verachten.

Nach dem Anschlag vom 25. Juli 2026 haben sich 23 jüdische, muslimische, kurdische und zivilgesellschaftliche Organisationen mit einem gemeinsamen Appell zu Wort gemeldet. Wie die Jüdische Allgemeine berichtet, fordert das Bündnis einen gesellschaftlichen Umgang mit Islamismus, der weder verharmlost noch pauschalisiert.

Zu den Unterstützern gehören unter anderem die WerteInitiative, das Jüdische Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus, die Kurdische Gemeinde Deutschland, die Ibn Rushd-Goethe Moschee, MAKKABI Deutschland und mehrere jüdische Gemeinden und Verbände. Schon die Zusammensetzung des Bündnisses widerlegt die bequeme Erzählung, Kritik am Islamismus sei grundsätzlich gegen Muslime gerichtet.


Redaktionelle Collage zum islamistisch motivierten Anschlag im Umfeld des Berliner CSD mit Polizeieinsatz, Gedenkort, Ermittlungsakten und Hinweisen auf bekannte Behördeninformationen
KI-Bild | Der Tatverdächtige war den Behörden bekannt, als Hochrisikoperson bewertet und bereits verurteilt. Dennoch konnte der Anschlag nicht verhindert werden.

Ein Anschlag, der bekannte Ausreden zerstört

Nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft Berlin soll der 21-jährige Abdul B. im Bereich des Tiergartens mit einem gemieteten Fahrzeug mehrere Menschen angefahren und anschließend weitere Personen mit einer Stichwaffe verletzt haben. Eine Frau starb noch am Abend der Tat.

Der Tatverdächtige war kein unbeschriebenes Blatt. Er war in Berlin geboren, dort aufgewachsen und deutscher Staatsbürger. Im Mai 2026 hatte ihn das Amtsgericht Tiergarten wegen der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat und wegen Verstößen gegen ein Vereinsverbot zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und zehn Monaten verurteilt. Über eine mögliche Aussetzung der Jugendstrafe zur Bewährung hatte das Gericht noch nicht abschließend entschieden. Diese Entscheidung wurde für sechs Monate zurückgestellt. Abdul B. erhielt mehrere Auflagen und wurde unter anderem der Aufsicht eines Bewährungshelfers unterstellt. Das Urteil war noch nicht rechtskräftig.

Dem Verfahren lagen unter anderem ein mutmaßlicher Versuch zugrunde, sich dem sogenannten Islamischen Staat (IS) anzuschließen, sowie die Veröffentlichung verbotener IS-Propaganda auf Instagram. Die Generalstaatsanwaltschaft hatte eine höhere, nicht mehr bewährungsfähige Jugendstrafe und die Aufrechterhaltung des Haftbefehls verlangt. Bei der Strafzumessung berücksichtigte das Gericht die vorausgegangene Untersuchungshaft, die Haftzeit im Libanon, das überwiegende Geständnis und die in der Hauptverhandlung erklärte Distanzierung vom IS. Den Haftbefehl hob es auf, weil Untersuchungshaft der Sicherung des Strafverfahrens dient und keine vorweggenommene Strafe darstellen darf.

Nach gemeinsamen Recherchen von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung hatte ein Analysetool des Bundeskriminalamts Abdul B. bereits Wochen vor dem Anschlag als „Hochrisikoperson“ bewertet. Das Berliner Landeskriminalamt überwachte seinen Hauseingang mit einer Kamera. Diese soll ihn am Abend der Tat gegen 20.58 Uhr beim Verlassen des Gebäudes aufgenommen haben.

Noch am 3. Juli 2026 war seine Wohnung wegen des Anfangsverdachts eines Verstoßes gegen das Waffengesetz durchsucht worden. Die Ermittler fanden jedoch lediglich eine Spielzeugwaffe, weshalb das Verfahren eingestellt werden sollte. Der Vorgang zeigt, dass Abdul B. den Behörden bekannt war, konkrete Eingriffe aber jeweils belastbare rechtliche Voraussetzungen erforderten.

Nach dem Anschlag fanden Ermittler auf dem Mobiltelefon von Abdul B. ein am Tattag aufgenommenes Video, in dem eine vollständig vermummte Person dem IS die Treue schwört. Die Bundesanwaltschaft bestätigte den Fund. Ob die Person im Video tatsächlich Abdul B. ist, blieb zunächst offen. Der Tatverdächtige wurde am folgenden Tag bei einem Polizeieinsatz erschossen, nachdem er nach bisherigen Erkenntnissen Einsatzkräfte mit einer Stichwaffe angegriffen hatte.

Mit dem Tod Abdul B.s sind die Ermittlungen nicht beendet. Die Bundesanwaltschaft prüft weiterhin, ob er allein handelte oder ob es Mitwisser, Unterstützer oder Hintermänner gab. Auch die genaue Rolle Abdul B.s und die Frage, ob die Tat gezielt den CSD treffen sollte, sind noch nicht in allen Einzelheiten abschließend geklärt. Die Ermittlungsbehörden gehen bislang von einem islamistischen Hintergrund und einem Bezug zum CSD aus.


Gedenkstätte in Berlin mit Blumen, Kerzen und Regenbogenfahnen nach einem Anschlag auf eine CSD-Veranstaltung
KI-Bild | Blumen, Kerzen und Regenbogenfahnen erinnern in Berlin an die Opfer des Anschlags auf eine CSD-Veranstaltung.

Damit scheitert die Behauptung, Islamismus sei ausschließlich ein von außen importiertes Problem. Radikalisierung kann in Deutschland stattfinden, in deutschen Schulen, Wohnvierteln, Moscheen, Jugendgruppen und digitalen Netzwerken. Herkunft und Staatsangehörigkeit erklären keine Ideologie. Entscheidend ist, wo sie vermittelt, geduldet, verstärkt oder zu spät erkannt wird.

Islamismus ist keine Religion, sondern eine Herrschaftsideologie

Wer Islamismus bekämpfen will, muss zunächst erklären können, was damit gemeint ist. Islam und Islamismus sind nicht dasselbe. Der Islam ist eine Religion mit unterschiedlichen theologischen, kulturellen und politischen Ausprägungen. Islamismus dagegen ist eine politische Ideologie, die ihre eigene Auslegung des Islam zur verbindlichen Grundlage von Staat, Recht und Gesellschaft machen will.

Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt Islamismus als Sammelbezeichnung für politische Auffassungen und Handlungen, die eine religiös legitimierte Gesellschafts- und Staatsordnung anstreben. Kennzeichnend sind der Vorrang einer behaupteten Gottessouveränität vor der Volkssouveränität, die Ablehnung einer klaren Trennung von Religion und Staat sowie die Frontstellung gegen Pluralismus, individuelle Freiheit und den demokratischen Verfassungsstaat.

ℹ️ Islam und Islamismus unterscheiden

Ein gläubiger Muslim ist nicht automatisch Islamist. Entscheidend ist nicht die persönliche Religiosität, sondern der politische Anspruch: Soll eine bestimmte religiöse Auslegung für alle Menschen verbindlich werden und demokratische Gesetzgebung, individuelle Rechte und gesellschaftlichen Pluralismus ersetzen, beginnt der Islamismus.

Diese Unterscheidung ist kein sprachlicher Taschenspielertrick. Sie ist die Voraussetzung für eine faire Debatte. Wer Islamismus mit dem Islam gleichsetzt, erklärt Millionen Menschen kollektiv zu Verfassungsfeinden. Wer dagegen jeden Zusammenhang zwischen islamistischer Ideologie und religiöser Begründung leugnet, macht eine ernsthafte Analyse unmöglich.

Islamisten instrumentalisieren Religion. Aber sie erfinden ihre religiösen Bezüge nicht vollständig aus dem Nichts. Sie wählen Texte, Traditionen und historische Vorbilder aus, deuten sie absolut und erklären ihre eigene Auslegung zum einzig zulässigen Glauben. Gerade deshalb braucht es muslimische Stimmen, die diesem Anspruch theologisch und gesellschaftlich widersprechen.

Die Gefahr beginnt nicht erst beim Terroranschlag


Symbolbild zur Trennung von persönlichem muslimischem Glauben und islamistischer Politik mit Grundgesetz als demokratischem Maßstab
KI-Bild | Persönlicher Glaube und politischer Herrschaftsanspruch sind nicht dasselbe.

In der öffentlichen Wahrnehmung beginnt Islamismus häufig erst dort, wo Bomben explodieren, Messer eingesetzt werden oder Fahrzeuge in Menschenmengen fahren. Diese Fixierung auf den Terror greift zu kurz. Nicht alle Islamisten sind gewaltbereit. Nicht alle islamistischen Organisationen rufen offen zum Umsturz auf. Manche arbeiten langfristig über Bildung, Sozialarbeit, Vereine, religiöse Einrichtungen, Lobbyarbeit und digitale Angebote.

Das macht diese Strukturen nicht automatisch strafbar. Es macht sie aber politisch relevant. Wer demokratische Begriffe übernimmt, sich als Vertreter einer gesamten muslimischen Bevölkerung präsentiert und gleichzeitig ein Gesellschaftsbild fördert, in dem religiöse Normen über individuellen Rechten stehen, darf nicht allein nach seinem öffentlichen Tonfall beurteilt werden.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz spricht deshalb neben dschihadistischen und gewaltorientierten Strömungen auch von Organisationen, die über legale Mittel politischen und gesellschaftlichen Einfluss anstreben. Die WerteInitiative weist in einem Positionspapier zur Muslimbruderschaft auf solche legalistischen Strategien hin. Dabei gehe es nicht zwingend um kurzfristige Gewalt, sondern um langfristige kulturelle, gesellschaftliche und politische Einflussnahme.

Wie konkret solche Strategien werden können, zeigte das Verbot von Muslim Interaktiv im November 2025. Zugleich ließ das Bundesinnenministerium Einrichtungen von Generation Islam und Realität Islam durchsuchen. Ausschlaggebend waren nicht muslimische Religionsausübung oder Glaubenszugehörigkeit, sondern der Verdacht verfassungsfeindlicher politischer Ziele sowie Hetze gegen Juden und Israel und die Verachtung von Frauen- und Minderheitenrechten.

Nach dem zuletzt veröffentlichten Verfassungsschutzbericht 2024 wurde das islamistische Personenpotenzial in Deutschland auf 28.280 Personen geschätzt. Davon galten 9.540 als gewaltorientiert. Der Salafismus blieb mit rund 11.000 Anhängern die zahlenmäßig stärkste islamistische Strömung. Diese Zahlen erfassen nicht jeden Menschen mit problematischen Ansichten. Sie beziehen sich auf bekannte oder ausreichend gesicherte extremistische Strukturen.

Zwei politische Reflexe helfen den Islamisten

Die Islamismusdebatte wird seit Jahren von zwei gegensätzlichen Reflexen beherrscht. Auf der einen Seite steht die Verharmlosung. Islamistische Aussagen werden als missverstandene Religiosität, kulturelle Besonderheit oder Reaktion auf Diskriminierung eingeordnet. Wer widerspricht, gerät schnell unter den Verdacht, antimuslimische Ressentiments zu bedienen.

Auf der anderen Seite steht der pauschale Generalverdacht. Dort wird nicht zwischen Islamisten, konservativen Muslimen, liberalen Muslimen, Säkularen oder ehemaligen Muslimen unterschieden. Eine vielfältige Bevölkerung wird zur geschlossenen politischen Einheit erklärt. Das ist sachlich falsch und politisch verheerend.

Beide Lager brauchen einander. Die Verharmloser können auf pauschale und tatsächlich muslimfeindliche Aussagen verweisen, um notwendige Kritik abzuwehren. Die Pauschalisierer wiederum nutzen jede Verharmlosung als Beweis dafür, dass nur sie angeblich den Mut hätten, das Problem zu benennen.

Die Islamisten profitieren von diesem Kreislauf. Sie präsentieren sich gegenüber der Politik als Sprecher aller Muslime und gegenüber Muslimen als Schutzmacht gegen eine angeblich grundsätzlich feindliche Mehrheitsgesellschaft. Kritik an ihrer Ideologie wird so in einen Angriff auf religiöse Identität umgedeutet.

Das breite Bündnis nach dem Berliner Anschlag durchbricht genau diese falsche Alternative. Es macht deutlich, dass Muslime nicht unter Generalverdacht gehören und dennoch eine besondere Verantwortung muslimischer Gemeinden besteht, wenn Islamisten ihre Ideologie ausdrücklich religiös begründen.

Muslimische Gemeinden tragen Verantwortung, aber nicht allein

Muslimische Gemeinden können nicht für jeden Menschen verantwortlich gemacht werden, der sich auf den Islam beruft. Sie können jedoch auch nicht so tun, als hätten religiöse Autoritäten, Moscheestrukturen, Jugendangebote und innergemeinschaftliche Debatten keinerlei Einfluss.

Auch Muslime werden weltweit selbst Opfer islamistischer Gewalt, religiöser Einschüchterung und sozialer Kontrolle. Der Kampf gegen Islamismus richtet sich deshalb nicht gegen Muslime. Er schützt auch jene, die frei, säkular, liberal oder schlicht ohne politischen Herrschaftsanspruch leben wollen.

Verantwortung beginnt mit eindeutiger Sprache. Es reicht nicht, nach einem Anschlag allgemein Gewalt zu bedauern. Wer Islamismus bekämpfen will, muss religiöse Absolutheitsansprüche, Antisemitismus, die Verachtung von Frauenrechten und die Feindseligkeit gegenüber homosexuellen Menschen konkret zurückweisen.

Dazu gehört auch, problematische Prediger, Spendennetzwerke und ausländische Einflussnahme nicht aus falsch verstandener Solidarität zu decken. Gemeinden müssen transparent machen, wer sie finanziert, wer ihre Imame ausbildet und welche Inhalte in Predigten, Jugendgruppen und digitalen Kanälen vermittelt werden.

Der Staat darf diese Aufgabe allerdings nicht bequem an muslimische Gemeinden abschieben. Schulen, Jugendämter, Sozialarbeit, Universitäten, Plattformbetreiber, Polizei, Nachrichtendienste, Justiz und Politik tragen jeweils eigene Verantwortung. Radikalisierung kann in einem familiären Umfeld beginnen, durch lokale Kontakte verstärkt und über soziale Medien beschleunigt werden.

Prävention darf weder naive Sozialromantik noch eine verkleidete Form der Überwachung sein. Sie muss jungen Menschen demokratische Zugehörigkeit anbieten, ohne extremistische Weltbilder zu entschuldigen. Gleichzeitig müssen Lehrer, Sozialarbeiter und Behörden erkennen können, wann aus Provokation, religiösem Konservatismus oder persönlicher Krise eine ideologische Radikalisierung wird.

Antisemitismus und Queerfeindlichkeit sind keine Nebensachen

Islamistische Ideologien richten sich nicht wahllos gegen irgendeine abstrakte westliche Gesellschaft. Sie haben konkrete Feindbilder. Dazu gehören Juden, Israel, homosexuelle Menschen, Frauen, Andersgläubige, ehemalige Muslime und jene Muslime, die den religiösen Absolutheitsanspruch zurückweisen.

Der Anschlag im Umfeld des Berliner CSD traf Menschen, die für individuelle Freiheit, sexuelle Selbstbestimmung und Gleichberechtigung eintraten. Ob die Tat gezielt gegen den CSD gerichtet war, ist noch nicht abschließend geklärt. Die bisherigen Erkenntnisse sprechen jedoch für einen entsprechenden Bezug. Genau diese Werte widersprechen dem islamistischen Ideal einer religiös kontrollierten und gesellschaftlich homogenen Ordnung.

Ähnliches gilt für den islamistischen Antisemitismus. Israel wird dabei nicht nur wegen einzelner Entscheidungen seiner Regierung angegriffen, sondern als Verkörperung eines umfassenden jüdischen und westlichen Feindbildes dargestellt. Antisemitische Verschwörungserzählungen verbinden religiöse Motive, politische Propaganda und modernen Antizionismus.

Diese ideologischen Überschneidungen werden besonders sichtbar, wenn islamistische, linksradikale und andere extremistische Gruppen bei ihrem Hass auf Israel gemeinsame Parolen und Feindbilder finden. SCHLAGSEITE.eu hat diese Verbindung bereits im Beitrag „Feindbild Israel: Warum Extreme zusammenfinden“ ausführlicher eingeordnet.

Wer Islamismus nur als Sicherheitsproblem behandelt, übersieht deshalb seinen gesellschaftlichen Kern. Terror ist die äußerste Konsequenz. Davor liegen Einschüchterung, soziale Kontrolle, Propaganda, Segregation und die schrittweise Einschränkung individueller Freiheit.


Symbolbild in Berlin mit Regenbogenflagge, Israel-Flagge, Kerzen und Blumen vor einer bedrohlichen Gruppe vermummter Personen
KI-Bild | Antisemitismus und Queerfeindlichkeit gehören zu den zentralen Feindbildern islamistischer Ideologien.

Was eine konsequente Politik leisten müsste

Ein glaubwürdiger Umgang mit Islamismus beginnt nicht mit einer weiteren symbolischen Konferenz. Er beginnt mit klaren Zuständigkeiten und überprüfbaren Maßnahmen.

  • Begriffe müssen präzise verwendet werden. Islamismus ist als politische Ideologie zu benennen, ohne Muslime pauschal mit ihr gleichzusetzen.
  • Prävention muss dauerhaft finanziert und fachlich kontrolliert werden. Projekte dürfen nicht allein deshalb als geeignet gelten, weil ihre Träger sich selbst als Vertreter muslimischer Gemeinschaften präsentieren.
  • Auslandsfinanzierung und organisatorische Netzwerke müssen transparent werden. Demokratische Partnerschaften setzen voraus, dass politische, personelle und finanzielle Abhängigkeiten bekannt sind.
  • Gefährderbewertungen müssen praktische Folgen haben. Erkenntnisse verschiedener Behörden dürfen nicht in getrennten Aktenordnern verstauben, während Zuständigkeiten hin und her geschoben werden.
  • Reformorientierte, liberale und säkulare muslimische Stimmen brauchen Schutz und Zugang. Wer Islamisten widerspricht, wird häufig nicht nur von Extremisten bedroht, sondern auch von Teilen der Öffentlichkeit allein gelassen.
  • Antisemitismus, Frauenfeindlichkeit und Queerfeindlichkeit müssen als zentrale Bestandteile islamistischer Ideologie behandelt werden. Sie sind keine kulturellen Missverständnisse und keine nebensächlichen Begleiterscheinungen.

Auch das Strafrecht hat Grenzen. Kein Rechtsstaat kann Menschen allein wegen radikaler Gedanken dauerhaft einsperren. Gerade deshalb müssen gerichtliche Entscheidungen, Gefährdungsbewertungen, Bewährungsauflagen, Deradikalisierungsmaßnahmen und polizeiliche Erkenntnisse besser ineinandergreifen.

Der Fall Abdul B. wirft hierzu erhebliche Fragen auf. Eine seriöse Aufarbeitung darf jedoch nicht in vorschneller Richterbeschimpfung enden. Sie muss prüfen, welche Informationen welchem Entscheidungsträger vorlagen, welche gesetzlichen Möglichkeiten bestanden und wie es trotz vorhandener Erkenntnisse und Beobachtungsmaßnahmen zu der Tat kommen konnte.

Die demokratische Mitte muss mehr leisten als richtige Worte

Der gemeinsame Aufruf der 23 Organisationen setzt ein notwendiges Zeichen. Besonders wichtig ist, dass jüdische, muslimische, kurdische und queere Stimmen gemeinsam auftreten. Sie zeigen, dass der Kampf gegen Islamismus keine ethnische oder religiöse Frontstellung sein muss.

Doch Appelle allein verändern keine Strukturen. Nach jedem Anschlag folgen Mitgefühl, Forderungen nach Prävention und das Versprechen einer offenen Debatte. Danach kehrt häufig jene politische Vorsicht zurück, die eindeutige Begriffe meidet und Verantwortung möglichst breit verteilt, bis niemand mehr konkret zuständig ist.

Eine demokratische Gesellschaft schützt Muslime vor pauschaler Verurteilung und schützt zugleich alle Menschen vor islamistischer Ideologie. Diese beiden Aufgaben widersprechen sich nicht. Sie gehören zusammen.

Wer Islamismus aus Angst vor dem Vorwurf der Islamfeindlichkeit verschweigt, überlässt das Thema den Pauschalisierern. Wer alle Muslime zum Problem erklärt, stärkt wiederum die Erzählung der Islamisten, der Westen führe einen Krieg gegen ihre Religion.

Der richtige Weg liegt nicht in einer bequemen Mitte zwischen beiden Fehlern. Er liegt in der Klarheit: Muslime sind nicht das Problem. Islamismus ist es. Und wer diese Ideologie bekämpfen will, muss sie benennen, ihre Strukturen verstehen und jene unterstützen, die ihr innerhalb muslimischer Gemeinschaften widersprechen.

✔️ Zusammengefasst

Islamismus ist weder ein importiertes Randproblem noch ein Synonym für den Islam. Er ist eine politische Ideologie, die in Deutschland Anhänger gewinnen und sich gewaltsam oder schrittweise gegen die freiheitliche Gesellschaft richten kann. Seine Bekämpfung verlangt klare Sprache, rechtsstaatliche Konsequenz, wirksame Prävention und die Zusammenarbeit mit Muslimen, die den islamistischen Herrschaftsanspruch zurückweisen.

ℹ️ Faktenbasis und Primärquellen zum Artikel 📑

▶️ Jüdische Allgemeine: Breites Bündnis fordert Klartext beim Thema Islamismus
Bericht über den gemeinsamen Aufruf von 23 jüdischen, muslimischen, kurdischen und zivilgesellschaftlichen Organisationen.

▶️ Generalstaatsanwaltschaft Berlin: Anschlag im Umfeld des Christopher Street Day: Tatverdächtiger Abdul B.
Offizielle Angaben zum Anschlag, zur Person des Tatverdächtigen, zu früheren Verfahren und zum Urteil vom Mai 2026.

▶️ Tagesschau: Tatverdächtiger des CSD-Anschlags ist tot
Bericht über den Polizeieinsatz, bei dem der Tatverdächtige nach einem mutmaßlichen Angriff auf Einsatzkräfte erschossen wurde.

▶️ ZDFheute: Polizei findet Bekennervideo auf Handy von Abdul B.
Aktueller Ermittlungsstand zu einem Video mit Treueschwur auf den sogenannten Islamischen Staat.

▶️ Tagesschau / NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung: BKA stufte Abdul B. als „Hochrisikoperson“ ein
Recherchen zu behördlichen Erkenntnissen, Beobachtungsmaßnahmen und der Bewertung des Tatverdächtigen vor dem Anschlag.

▶️ Tagesschau / ARD-Rechtsredaktion: Wie der Generalbundesanwalt zum CSD-Anschlag ermittelt
Einordnung der laufenden Ermittlungen zu möglichen Mittätern, Mitwissern und Hintermännern nach dem Tod des Hauptverdächtigen.

▶️ Bundesamt für Verfassungsschutz: Islamismus und islamistischer Terrorismus
Zahlen zum islamistischen und gewaltorientierten Personenpotenzial sowie Einordnung islamistischer Strömungen in Deutschland.

▶️ Bundeszentrale für politische Bildung: Islamismus: Definition, Merkmale und Zuordnungen
Einordnung der Unterschiede zwischen Islam, Islamismus, gewaltorientierten und legalistischen Strömungen.

▶️ Bundesamt für Verfassungsschutz: Verbot von Muslim Interaktiv und Durchsuchungen bei Generation Islam und Realität Islam
Offizielle Angaben zu den Verbotsgründen, den Durchsuchungen und der Abgrenzung zwischen Religionsausübung und verfassungsfeindlicher politischer Tätigkeit.

▶️ WerteInitiative: Positionspapier zur Muslimbruderschaft in Deutschland
Einordnung legalistischer Strategien, gesellschaftlicher Einflussnahme und des islamistischen Antisemitismus.

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