Der Dokumentarfilm „NAZA“ erhebt den Vorwurf von KI-Tötungen in Gaza und damit schwere Vorwürfe gegen Israels Kriegsführung. 24 anonym auftretende israelische Militär- und Geheimdienstangehörige beschreiben ein System, in dem Datenanalyse und Künstliche Intelligenz eine zentrale Rolle bei der Auswahl möglicher Ziele gespielt haben sollen. Die IDF weist zentrale Darstellungen zurück. Der eigentliche Streit beginnt dabei nicht mit der Frage, ob Israel moderne Datentechnik einsetzt, sondern damit, was diese Technik entscheidet und was weiterhin Menschen entscheiden.
Schon der Titel des Films trägt eine Botschaft. „NAZA“, hebräisch נז״א, ist die militärische Kurzform von „nezek agavi“, sinngemäß Kollateralschaden. Gemeint ist im Film insbesondere die vor einem Angriff geschätzte Zahl möglicher ziviler Opfer. Solche Schätzungen sind kein israelisches Sonderverfahren. Auch NATO-Streitkräfte verwenden Verfahren zur „Collateral Damage Estimation“, kurz CDE, um erwartbare zivile Schäden in die militärische und rechtliche Prüfung eines Angriffs einzubeziehen.
This is completely false.
The IDF has never planned, approved, or carried out a strike in Gaza in which 500 civilians or anything near that number were anticipated to be killed. Nor was any credible claim raised throughout the war suggesting that an IDF strike had caused… https://t.co/wFUNt7bYTM
— Israel Defense Forces (@IDF) September 13, 2026
Dass eine Armee mögliche zivile Opfer vor einem Angriff berechnet, beweist keinen Vorsatz zur Tötung von Zivilisten. Das humanitäre Völkerrecht verlangt vielmehr eine Prüfung, ob der erwartbare zivile Schaden im Verhältnis zum erwarteten konkreten und unmittelbaren militärischen Vorteil übermäßig wäre. Die schwierige Frage lautet deshalb nicht, ob Kollateralschäden geschätzt werden, sondern wie diese Schätzung zustande kommt, welche militärische Bedeutung das Ziel besitzt und welche Risiken letztlich akzeptiert werden.
Am 11. September 2026 reagierte die IDF offiziell auf „NAZA“. Die Armee weist die zentralen Vorwürfe zurück und stellt insbesondere die Nachprüfbarkeit der anonymen Aussagen sowie Darstellungen über eine angebliche automatisierte Zielauswahl infrage.

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Aus dem SCHLAGSEITE X-Archiv24 anonyme Stimmen und ein bereits bekanntes Narrativ
„NAZA“ stammt von Yuval Abraham und Rachel Szor und wurde am 10. September bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig uraufgeführt. Grundlage sind Gespräche mit 24 Personen, die nach Darstellung der Filmemacher im israelischen Militär oder in Geheimdiensteinheiten tätig waren und Einblick in die Vorbereitung militärischer Operationen besaßen. Gesichter und Stimmen wurden anonymisiert, ihre Identitäten sind öffentlich nicht überprüfbar.
Yuval Abraham ist dabei nicht nur Co-Regisseur eines neuen Dokumentarfilms. Er veröffentlichte bereits am 3. April 2024 bei +972 Magazine gemeinsam mit Local Call die große Lavender-Recherche, in der auf Grundlage von sechs anonymen Quellen behauptet wurde, das israelische Militär habe das Datenwerkzeug Lavender mit geringer menschlicher Kontrolle zur Identifizierung Tausender möglicher Ziele eingesetzt.
„NAZA“ setzt diese Recherchelinie ausdrücklich fort. Der Guardian produziert den Film gemeinsam mit JW Films, Jonathan Glazer ist Executive Producer. In der eigenen Ankündigung erklärt der Guardian selbst, dass der Film auf Recherchen von +972 Magazine, Local Call und Guardian aus den Jahren 2023 bis 2025 aufbaut.
Das widerlegt die Vorwürfe nicht. Für die Quellenkritik ist es trotzdem wichtig: Film, frühere Artikel und Teile der begleitenden Berichterstattung sind keine drei voneinander unabhängigen Beweisketten. Sie stammen teilweise aus demselben Rechercheumfeld und entwickeln dieselbe These in unterschiedlichen Formaten weiter. Ein neuer Film kann neues Material enthalten, aber die Wiederholung einer Behauptung in einem weiteren Medium macht aus ihr noch keine unabhängige Bestätigung.
Abrahams Netzwerk reicht weiter zurück
Die politische und publizistische Zusammenarbeit Abrahams mit palästinensischen Aktivisten und Journalisten begann nicht erst mit „Lavender“. Bereits 2019 gründete er gemeinsam mit dem aus Gaza stammenden Journalisten Ahmed Alnaouq das Projekt „Across the Wall“. Ziel war es, Texte junger Palästinenser ins Hebräische zu übersetzen und damit gezielt ein israelisches Publikum zu erreichen. Alnaouq beschrieb das Projekt 2022 selbst als Versuch, die Darstellung der Palästinenser in israelischen Medien zu verändern.
Die politische Ausrichtung wurde dabei nicht versteckt. In einem eigenen Beitrag für The New Arab schrieb Alnaouq, „Across the Wall“ vertrete ausdrücklich eine Ein-Staat-Lösung als zentrale politische Vision des Projekts und diese Position werde vom gesamten Team getragen. Abraham bezeichnete Alnaouq später bei +972 Magazine als engen Freund und Kollegen und erinnerte daran, dass beide die hebräische Facebook-Seite gemeinsam gegründet hatten.
Für die Einordnung ist ebenso wichtig, zwischen belegten Verbindungen und darüber hinausgehenden Behauptungen zu unterscheiden. Für die im Netz kursierende Behauptung, Ahmed Alnaouq selbst sei Mitglied der Hamas, findet sich in belastbaren öffentlich zugänglichen Quellen kein Nachweis. Le Monde berichtete 2023 unter Berufung auf eine frühere eigene Recherche, dass Alnaouqs Bruder Ayman Mitglied der Izz-ad-Din-al-Qassam-Brigaden, des militärischen Arms der Hamas, gewesen sei. Das ist nicht dasselbe wie eine Hamas-Mitgliedschaft Ahmed Alnaouqs.
Damit ergibt sich ein klareres Bild von Abrahams publizistischem Hintergrund: „NAZA“ steht nicht isoliert, sondern folgt auf Jahre gemeinsamer Projekte, Recherchen und politisch klar positionierter Medienarbeit. Das macht seine Arbeit nicht automatisch falsch. Es ist aber ein relevanter Teil der Quellenkritik, weil Herkunft, Netzwerke und bereits vertretene Thesen darüber mitentscheiden, wie neue Aussagen gewichtet und unabhängig überprüft werden sollten.
Internationaler Druck ist Teil von Abrahams politischer Linie
Am 13. September 2026 verbreitete der X-Account von Daniel Hanuka einen älteren Videoclip Abrahams und rahmte ihn mit dem Vorwurf des „Verrats“. Der Post verknüpft den Clip unmittelbar mit „NAZA“ und behauptet, Abraham wolle das Machtgefälle zwischen Israel und den Palästinensern verringern und dafür internationalen Druck auf Israel erzeugen. Für die Einordnung ist wichtig, den polemischen Rahmen vom eigentlichen Inhalt zu trennen: Der Clip behandelt keine militärischen Zielverfahren, kein Lavender und keine behauptete Freigabe von 500 erwarteten zivilen Opfern. Er betrifft Abrahams politische Vorstellung, äußeren Druck als Hebel für eine politische Lösung einzusetzen.
Diese Haltung lässt sich unabhängig von dem viralen Post belegen. Bereits im Dezember 2021 schrieb Abraham in einem bei +972 Magazine dokumentierten Beitrag über Sheikh Jarrah, nur dringender internationaler Druck könne eine damals drohende Räumung noch verhindern. Auch bei der Premiere von „NAZA“ in Venedig erklärte Abraham laut Reuters, Gerechtigkeit und Verantwortlichkeit für zivile Todesfälle in Gaza hingen auch vom politischen Willen der Vereinigten Staaten und der Europäischen Union ab.
Damit ist internationaler Druck bei Abraham kein nachträglich an „NAZA“ geklebtes Motiv, sondern Teil einer länger erkennbaren politischen und publizistischen Linie. Für die Bewertung des Films bedeutet das zweierlei: Es erklärt, warum Abraham internationale Öffentlichkeit ausdrücklich als politischen Hebel betrachtet. Es beweist aber weder die militärischen Vorwürfe des Films noch widerlegt es sie. „NAZA“ muss deshalb an seinen konkreten Belegen gemessen werden, nicht an Applaus, Empörung oder der politischen Absicht seines Co-Regisseurs.
Die Behauptung von 500 erwarteten zivilen Opfern
Der schärfste Einzelvorwurf lässt sich inzwischen konkret benennen. In einem veröffentlichten Ausschnitt aus „NAZA“ wird ein anonymer Gesprächspartner gefragt, welche höchste Zahl erwarteter ziviler Opfer jemals für einen Angriff genehmigt worden sei. Seine Antwort lautet sinngemäß, es habe einmal eine Genehmigung für 500 gegeben.
Die IDF reagierte darauf am 13. September noch einmal gesondert und wesentlich konkreter als in ihrer ersten Filmstellungnahme. Nach Darstellung der Armee sei niemals ein Angriff in Gaza geplant, genehmigt oder ausgeführt worden, bei dem 500 Zivilisten oder auch nur annähernd so viele zivile Todesopfer erwartet worden seien. Die Armee bezeichnete die Behauptung als falsch und erklärte, die Filmemacher könnten weder die zugrunde liegende Aussage noch Identität und konkrete Funktion des anonymen Interviewpartners unabhängig belegen.
Damit liegt zumindest bei diesem Punkt eine klar überprüfbare Konfrontation vor: Auf der einen Seite steht die Aussage eines anonymen Gesprächspartners. Auf der anderen Seite steht ein ausdrückliches Dementi der Institution, die über entsprechende Einsatzplanungen verfügen müsste. Öffentlich zugängliche Einsatzakten oder andere unabhängige Belege, die die konkrete Zahl 500 bestätigen würden, liegen bislang nicht vor.
KI und Zielauswahl:
Der Film stellt algorithmische Systeme als treibende Kraft der Zielauswahl in Gaza dar. Öffentlich dokumentiert ist, dass die IDF Habsora, Lavender und weitere Datenwerkzeuge verwendet. Die IDF erklärt, diese Systeme dürften keine Person oder kein Objekt selbstständig als Angriffsziel bestimmen und Angriffe würden ausschließlich von Menschen freigegeben.
500 erwartete zivile Opfer:
Ein anonymer Gesprächspartner behauptet im Film, eine solche Zahl sei einmal genehmigt worden. Eine unabhängige Einsatzakte dazu ist nicht öffentlich. Die IDF erklärt ausdrücklich, niemals einen Angriff mit 500 oder annähernd 500 erwarteten zivilen Todesopfern geplant, genehmigt oder ausgeführt zu haben.
Vorsätzliche Massentötung:
Die massive Zerstörung und hohe Zahl ziviler Opfer in Gaza stehen außer Frage. Daraus allein folgt rechtlich weder der Vorsatz zur Tötung von Zivilisten noch die Feststellung eines Genozids. Dafür gelten eigene rechtliche Voraussetzungen, die nicht durch eine Kollateralschadenschätzung ersetzt werden.
KI-Tötungen in Gaza: Was die IDF zur Technik sagt
Gerade deshalb führt die einfache Frage „Setzt Israel KI im Krieg ein?“ nicht weit. Israel bestätigt selbst den Einsatz moderner Datenverarbeitung. Der breitere Ausbau von Robotik und KI innerhalb der IDF ist ebenfalls öffentlich dokumentiert. Bereits am 18. Juni 2024 veröffentlichte die IDF eine ausführliche Darstellung zum Einsatz von Datentechnologien in der Nachrichtenauswertung. Darin beschreibt sie unter anderem Habsora und Lavender.
Nach dieser Darstellung führt Habsora unterschiedliche bereits vorhandene Geheimdienstinformationen zusammen und weist Analysten auf Daten hin, die für ihre Untersuchung relevant sein könnten. Ein Vorschlag des Systems dürfe nicht allein ausreichen, um ein Objekt zum militärischen Ziel zu erklären. Die Identifizierung müsse durch einen ausgebildeten menschlichen Analysten erfolgen und anschließend durch einen autorisierten Geheimdienstoffizier bestätigt werden.
Lavender beschreibt die IDF als Datenbank, die vorhandene Informationen über mögliche Angehörige terroristischer Organisationen ordnet und miteinander verknüpft. Auch hier formuliert die Armee ausdrücklich, dass die Aufnahme einer Person in die Datenbank nicht allein ausreiche, sie als angreifbaren militärischen Akteur zu identifizieren. Die Entscheidung über einen Angriff liege letztlich bei einem operativen Kommandeur.
Das ist überprüfbar veröffentlichte Verfahrensbeschreibung. Sie beweist nicht, dass jeder einzelne Soldat und jede Einheit diese Regeln in jeder Phase des Krieges eingehalten haben. Sie besitzt aber eine andere Beweisqualität als eine nicht überprüfbare Behauptung darüber, was die offiziellen Verfahren angeblich grundsätzlich vorsahen.
Eine Schätzung ist noch kein Rechtsbruch
Die NATO führt „Collateral Damage Estimation“, kurz CDE, in ihrer gemeinsamen Targeting-Doktrin AJP-3.9 ausdrücklich als Bestandteil militärischer Zielplanung. Entscheidend ist rechtlich nicht die bloße Existenz einer solchen Schätzung. Nach den Regeln des humanitären Völkerrechts müssen militärische Planer prüfen, ob erwartbare zivile Schäden gegenüber dem konkreten und unmittelbaren militärischen Vorteil übermäßig wären und welche möglichen Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden können.
Eine feste mathematische Obergrenze gibt das humanitäre Völkerrecht dabei nicht vor. Zehn, zwanzig oder hundert erwartete zivile Opfer sind nicht allein aufgrund der Zahl automatisch legal oder illegal. Entscheidend sind das konkrete militärische Ziel, der erwartete militärische Vorteil, verfügbare Alternativen, mögliche Vorsichtsmaßnahmen und die Informationen, die den Entscheidern zu diesem Zeitpunkt vernünftigerweise zur Verfügung standen.
Der ernstzunehmende Streit beginnt in den ersten Kriegswochen
Damit verschwindet die Kritik an Israels damaliger Kriegsführung nicht. Eine umfangreiche Recherche der „New York Times“, über die Reuters im Dezember 2024 berichtete, kam zu dem Ergebnis, dass die IDF unmittelbar nach dem 7. Oktober ihre Einsatzregeln angepasst und höhere Risiken für Zivilisten zugelassen habe. Der Bericht beschrieb unter anderem größere Entscheidungsspielräume bei Angriffen und Fälle, in denen hohe zivile Risiken bei der Bekämpfung ranghoher Hamas-Mitglieder akzeptiert worden sein sollen.
Die IDF antwortete darauf im Januar 2025 ausführlich. Sie bestätigte, dass operative Vorschriften nach dem Hamas-Angriff angesichts der unmittelbaren militärischen Lage angepasst wurden, widersprach jedoch der Darstellung einer pauschalen Freigabe bestimmter Opferzahlen. Schwellenwerte hätten unter anderem geregelt, welche Befehlsebene einen Angriff genehmigen müsse. Eine individuelle Verhältnismäßigkeitsprüfung sei nach Darstellung der IDF weiterhin für jeden einzelnen Angriff vorgeschrieben gewesen.
Diese Auseinandersetzung ist wesentlich ernster als die bloße Feststellung, dass eine Datenbank existiert. Die Frage lautet hier, ob die Schwellen für akzeptierte zivile Risiken in der ersten Kriegsphase deutlich verändert wurden, wie diese Änderungen praktisch wirkten und ob alle vorgeschriebenen Kontrollen unter dem enormen Zeitdruck tatsächlich funktionierten.
Bemerkenswert ist auch ein weiterer Punkt aus der IDF-Antwort von 2025. Die „New York Times“ hatte Aussagen von drei Offizieren wiedergegeben, wonach in einzelnen anderen Einheiten Personen bereits dann als bestätigte Kämpfer behandelt worden seien, wenn sie bei Lavender verzeichnet waren. Die IDF erklärte, ihr seien solche Vorgänge nicht bekannt. Sie fügte aber hinzu, dass ein solches Vorgehen gegen die eigenen Protokolle verstoßen würde.

Der Krieg begann nicht mit einer KI-Datenbank
Auch der Ausgangspunkt des Krieges gehört zur Einordnung. Die aktuelle militärische Auseinandersetzung begann nach dem Hamas-geführten Massaker vom 7. Oktober 2023, bei dem rund 1.200 Menschen in Israel getötet und mehr als 250 Menschen als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt wurden. Gleichzeitig wurden israelische Städte massiv mit Raketen beschossen.
Dieser Ausgangspunkt rechtfertigt nicht automatisch jede spätere militärische Entscheidung. Er erklärt aber, warum Israel ab dem 7. Oktober nicht in einer gewöhnlichen begrenzten Gaza-Runde operierte, sondern einen Krieg gegen eine Organisation führte, die zuvor jahrelang militärische Infrastruktur in einem extrem dicht besiedelten Gebiet aufgebaut hatte.
Wie eng militärische und zivile Strukturen dabei teilweise beieinanderliegen, zeigte ein konkreter Fall im Juni 2025. Reuters berichtete am 8. Juni über die Besichtigung eines von der IDF freigelegten Tunnelkomplexes unter dem European Hospital in Khan Younis. Eine kleine Gruppe ausländischer Journalisten wurde in den Tunnel geführt. Der Zugang lag nach dem Reuters-Bericht unmittelbar unter der Notaufnahme des Krankenhauses. Die IDF bezeichnete die Anlage als Hamas-Kommandozentrum und erklärte, dort seien unter anderem Waffen, Munition, Bargeld und Dokumente gefunden worden. Auch die Leichen von Mohammed Sinwar und dem ranghohen Hamas-Kommandeur Mohammad Shabana seien dort entdeckt worden.
Reuters weist zugleich darauf hin, dass Israel während des Krieges wiederholt Krankenhäusern oder anderen zivilen Einrichtungen militärische Nutzung durch Hamas vorgeworfen hat, Hamas solche Vorwürfe wiederholt bestreitet und nicht jede israelische Behauptung unabhängig bestätigt werden konnte. Der Tunnel unter dem European Hospital ist jedoch kein abstrakter Vorwurf: Ausländische Journalisten besichtigten die freigelegte Anlage selbst.
Für die Verhältnismäßigkeitsprüfung verändert ein solches Umfeld die operative Lage erheblich. Ein militärisches Ziel verliert seinen Status nicht automatisch dadurch, dass es sich innerhalb oder unter ziviler Infrastruktur befindet. Gleichzeitig bleibt Israel verpflichtet, zivile Schäden möglichst zu vermeiden oder zu minimieren und auf einen Angriff zu verzichten, wenn der erwartete zivile Schaden gegenüber dem erwarteten militärischen Vorteil übermäßig wäre.
24 anonyme Quellen sind Material, kein Gütesiegel
Die Identitäten der Interviewpartner in „NAZA“ werden geschützt. Für investigative Arbeit kann das notwendig sein. Für die Bewertung der Aussagen entsteht daraus aber ein unvermeidliches Problem: Außenstehende können weder Dienstgrad noch konkrete Funktion, Einsatzzeitraum, unmittelbare Kenntnis oder Zugang zu den beschriebenen Entscheidungsebenen selbst überprüfen.
Die IDF greift genau diesen Punkt an. Nach ihrer Stellungnahme vom 11. September beträfen einzelne Aussagen nationale oder militärische Strategie, obwohl die beschriebenen Funktionen der Interviewpartner nach Ansicht der Armee keinen entsprechenden Einblick ermöglichten. Andere Aussagen würden Vorgänge beschreiben, an denen Angehörige des Militärgeheimdienstes in der behaupteten Funktion gar nicht beteiligt gewesen wären.
Solche Einwände widerlegen anonyme Quellen nicht automatisch. Sie verhindern aber, dass ihre Aussagen allein aufgrund ihrer Zahl als unabhängig bestätigte Tatsachen behandelt werden können. Entscheidend ist, ob Dokumente, bekannte Verfahren, konkrete Einsatzdaten oder weitere voneinander unabhängige Quellen denselben Vorwurf tragen.
Völkerrecht ist keine Stimmungslage
Besonders problematisch wird die Debatte über KI-Tötungen in Gaza dort, wo militärische und rechtliche Begriffe ineinander geschoben werden. Erwarteter Kollateralschaden bedeutet zunächst, dass bei einem Angriff auf ein militärisches Ziel unbeabsichtigte Schäden für Zivilisten prognostiziert werden. Dass dieser Wert existiert, beweist noch keine vorsätzliche Tötung.
Umgekehrt macht die Bezeichnung „Kollateralschaden“ einen Angriff nicht automatisch rechtmäßig. Ein Angriff kann gegen das humanitäre Völkerrecht verstoßen, wenn das Ziel nicht militärisch war, die erwarteten zivilen Schäden übermäßig waren, verfügbare Vorsichtsmaßnahmen unterlassen wurden oder andere Schutzregeln verletzt wurden. Solche Fragen müssen anhand des konkreten Angriffs geprüft werden.
Dasselbe gilt für den Begriff Genozid. Hohe Opferzahlen, massive Zerstörung und schweres menschliches Leid sind für sich allein nicht identisch mit dem spezifischen rechtlichen Nachweis einer genozidalen Absicht. Wer diesen Begriff verwendet, muss sich an dessen rechtlichen Voraussetzungen messen lassen. Eine Kollateralschadenschätzung ersetzt diesen Nachweis weder in die eine noch in die andere Richtung.
Die schwierigere Frage beginnt nach dem Algorithmus
Bei aller Kritik an der Zuspitzung des Films bleibt eine ernsthafte Frage bestehen. Ein Computersystem muss keinen Angriff selbst auslösen, um menschliche Entscheidungen erheblich zu beeinflussen. Wenn Analysten große Datenmengen nicht manuell durchsuchen können und technische Systeme Informationen vorsortieren, gewichten und miteinander verbinden, beeinflusst deren Architektur zwangsläufig, was ein Mensch zuerst sieht und worauf er seine Aufmerksamkeit richtet.
Genau deshalb muss zwischen mehreren Schritten unterschieden werden: Datensammlung, Zusammenführung vorhandener Informationen, Priorisierung möglicher Hinweise, menschliche Identifizierung eines militärischen Ziels, Verhältnismäßigkeitsprüfung und schließlich die Entscheidung über den Angriff. Wer alle Schritte unter dem Etikett „KI wählt Ziele“ zusammenfasst, macht aus einem komplexen Prozess eine griffige Schlagzeile, aber noch keine präzise Beschreibung.
Nach den öffentlich zugänglichen IDF-Vorschriften liegen zwischen den technischen Werkzeugen und einem Angriff mehrere menschliche Entscheidungen. Ob diese Kontrollen in jeder Einheit und zu jeder Zeit eingehalten wurden, kann durch eine Vorschrift allein nicht bewiesen werden. Für die Behauptung eines systematisch automatisierten Tötungsprozesses braucht es aber ebenfalls mehr als anonyme Aussagen und die Wiederholung bereits bekannter Vorwürfe.

Venedig kann Filme auszeichnen, keine Einsatzakten prüfen
„NAZA“ erhielt am 12. September bei den Filmfestspielen von Venedig den Spezialpreis der Jury und wurde vom Publikum mit langen Standing Ovations aufgenommen. Damit besitzt der Film bereits jetzt beträchtliche politische und mediale Wirkung.
Für die Beweiskraft seiner militärischen Behauptungen sagt das wenig aus. Eine Filmjury bewertet filmische und künstlerische Arbeit. Sie prüft keine geheimen Einsatzakten, Dienstpläne, Zielmappen oder Befehlsketten. Festivalapplaus kann zeigen, wie stark eine Erzählung wirkt. Er kann nicht feststellen, ob ein konkreter Angriff mit 500 erwarteten zivilen Opfern jemals genehmigt wurde.
Umgekehrt erledigt auch eine IDF-Stellungnahme nicht automatisch jede Kritik. Wo konkrete Vorwürfe gegen einzelne Einsätze belastbar dokumentiert werden, müssen sie untersucht werden. Die Armee selbst erklärt, mutmaßliche Rechtsverstöße seien zu melden und würden durch ihre Untersuchungs- und Strafverfolgungsmechanismen geprüft.
Der Streit um „NAZA“ beginnt nicht mit der Existenz israelischer Datentechnik. Die ist dokumentiert. Entscheidend ist, welche Entscheidungen diese Systeme vorbereiten, welche Menschen sie überprüfen, welche Schwellen in der ersten Kriegsphase galten und ob die vorgeschriebenen Kontrollen im konkreten Einsatz eingehalten wurden. Genau dafür braucht es Belege, nicht nur einen eindrucksvollen Film.
„NAZA“ stellt ernste Fragen an Israels Kriegsführung. Der Film beantwortet sie aber nicht allein dadurch, dass 24 Stimmen anonym dieselbe Grundrichtung beschreiben. Besonders die Behauptung von 500 erwarteten zivilen Opfern verlangt mehr als eine nicht überprüfbare Aussage, nachdem die IDF sie ausdrücklich und konkret bestreitet. Wer den Vorwurf von KI-Tötungen in Gaza prüfen will, sollte deshalb dort hinschauen, wo die eigentliche Auseinandersetzung liegt: bei den Regeln, ihren Veränderungen nach dem 7. Oktober, der menschlichen Kontrolle und den konkreten Entscheidungen hinter einzelnen Angriffen. Alles andere produziert vor allem Wirkung. Venedig ist dafür ein ausgezeichneter Ort, ein Faktencheck ist es nicht.
ℹ️ Faktenbasis und Primärquellen zum Artikel 📑
▶️ Israel Defense Forces:
The IDF Spokesperson’s Response Following the Publication of the Movie “NAZA”
Offizielle Stellungnahme vom 11. September 2026 zu den anonymen Quellen, den KI-Vorwürfen, rechtlichen Aussagen und der menschlichen Freigabe von Angriffen.
▶️ Israel Defense Forces:
The IDF’s Use of Data Technologies in Intelligence Processing
Ausführliche Darstellung vom 18. Juni 2024 zu Habsora, Lavender, menschlicher Zielidentifizierung, Kollateralschadenschätzung und militärischer Angriffsfreigabe.
▶️ Israel Defense Forces:
IDF Targeting Methods During the First Weeks of the Hamas-Israel War
Stellungnahme vom 26. Januar 2025 zu veränderten Vorschriften nach dem 7. Oktober, zivilen Risikoschwellen, Lavender und möglichen Verstößen gegen interne Protokolle.
▶️ +972 Magazine / Local Call:
‘Lavender’: The AI machine directing Israel’s bombing spree in Gaza
Yuval Abrahams ursprüngliche Recherche vom 3. April 2024, auf deren Themen und Quellenumfeld „NAZA“ ausdrücklich aufbaut.
▶️ The Guardian:
NAZA – a new film directed by Yuval Abraham and Rachel Szor, produced by the Guardian
Produktionsankündigung mit Angaben zur Guardian-Produktion, Executive Producer Jonathan Glazer und der Verbindung zu früheren Recherchen von +972, Local Call und Guardian.
▶️ Daniel Hanuka / X:
Post vom 13. September 2026 mit einem älteren Videoclip von Yuval Abraham
Beispiel für die aktuelle politische Rahmung des Clips nach dem Venedig-Preis. Der Begleittext bezeichnet Abraham als „traitor“ und verbindet seine Forderung nach internationalem Druck mit „NAZA“.
▶️ +972 Magazine:
Israel set to expel Sheikh Jarrah family in the new year
Beitrag von Yuval Abraham und Oren Ziv aus dem Jahr 2021. Darin ist ein damaliger Beitrag Abrahams dokumentiert, in dem er ausdrücklich dringenden internationalen Druck fordert.
▶️ The New Arab:
Across the wall: The role of Palestinian stories in Hebrew
Beitrag von Ahmed Alnaouq aus dem Jahr 2022 zur gemeinsamen Gründung von „Across the Wall“, zur Ausrichtung des Projekts und zur ausdrücklich vertretenen Ein-Staat-Lösung.
▶️ +972 Magazine:
‘A mass assassination factory’: Inside Israel’s calculated bombing of Gaza
Yuval Abraham bezeichnet Ahmed Alnaouq darin als engen Freund und Kollegen und verweist auf die gemeinsame Gründung der hebräischen Facebook-Seite „Across the Wall“.
▶️ Le Monde:
London-based Palestinian journalist Ahmed Alnaouq has lost over 21 family members in Gaza
Porträt Ahmed Alnaouqs. Le Monde beschreibt ihn als Journalisten und berichtet, dass sein Bruder Ayman nach einer früheren Recherche Mitglied der Izz-ad-Din-al-Qassam-Brigaden gewesen sei.
▶️ UK Ministry of Defence / NATO:
Allied Joint Doctrine for Joint Targeting (AJP-3.9)
Öffentlich zugängliche NATO-Doktrin zur gemeinsamen Zielplanung. Die Veröffentlichung führt „Collateral Damage Estimation“ ausdrücklich als Bestandteil der Targeting-Doktrin.
▶️ International Committee of the Red Cross:
Frequently Asked Questions: IHL and the escalating conflict in the Middle East
Erläuterung der Regeln zu Unterscheidung, Verhältnismäßigkeit, erwartetem zivilem Schaden und Vorsichtsmaßnahmen bei Angriffen.
▶️ Reuters:
Israeli military loosened rules of engagement at start of Gaza war, New York Times reports
Zusammenfassung der New-York-Times-Recherche zu veränderten Einsatzregeln und erhöhten zivilen Risikoschwellen in der ersten Kriegsphase.
▶️ Reuters:
Israel reveals tunnel under Gaza hospital, says body of Sinwar’s brother found there
Bericht vom 8. Juni 2025 über die Besichtigung eines Tunnelkomplexes unter dem European Hospital in Khan Younis durch ausländische Journalisten und die dort von der IDF dokumentierten Funde.
▶️ Reuters:
Israeli whistleblowers detail Gaza civilian toll in Venice film
Bericht zur Premiere, zu den 24 anonymen Interviewpartnern, zu zentralen Vorwürfen des Films und zu Abrahams Aussage, Verantwortlichkeit hänge auch vom politischen Willen der USA und der EU ab.
▶️ The Times of Israel:
IDF denies claim in new ‘NAZA’ documentary that it planned Gaza strike with 500 civilian deaths
Dokumentation des späteren konkreten IDF-Dementis zur Behauptung von 500 erwarteten zivilen Todesopfern.
▶️ Reuters:
List of winners at the 2026 Venice Film Festival
Dokumentation der Auszeichnung von „NAZA“ mit dem Spezialpreis der Jury am 12. September 2026.
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